Religion als Rasse – das Beispiel queer.for.israel

Koray Günay-Yilmaz in der taz:

Letztes Jahr gab es diese Debatte um das Café Positiv. Die Leute, die da saßen, beklagten sich, es würden 12-Jährige kommen, sie belästigen und die Scheiben einwerfen. Ich musste einfach lachen: Da sitzen 35 erwachsene Männer, es kommen zwei kleine Jungs und sagen: Du bist Scheiße. Und die Männer denken: stimmt, wir sind Scheiße, das hatten wir vergessen. Sie lassen sich einschüchtern, anstatt rauszugehen und den Jungs eine zu knallen. […]
Wir von GLADT [Gays und Lesbians aus der Türkei] haben den Leuten vom Café Positiv angeboten, uns mit ihnen zu treffen, weil es im Kiez drum herum natürlich viele Migranten und natürlich Probleme gibt. Drei Monate lang haben sie nicht reagiert. Dann kam es zu einer Diskussionsrunde. Es ging dann nur um das Ihr und Wir, dazu Argumente wie: Ihr seid alle gegen uns. Eure Religion verbietet Homosexualität und Aids. Ernsthaft, mit diesen Worten. Da fasst du dir an den Kopf.

queer.for.israel:

Als jüngst die Gründe für die Schließung des Café PositHiv, einer wichtigen Anlaufstelle für HIV-Positive in Schöneberg, deren Gäste sich nach jahrelangen Anfeindungen und gewalttätigen Übergriffen durch Jugendliche aus dem islamischen Milieu dort nicht mehr sicher fühlen, öffentlich gemacht wurden, und mehrere Personen aus der schwullesbischen Szene und den Medien es endlich wagten auszusprechen, daß diese Übergriffe im Zusammenhang mit der Homosexuellenfeindlichkeit des heutigen Islam zu verstehen sind, wurde wieder einmal der Vorwurf laut, den hierzulande jeder zu hören bekommt, der es wagt, den Herrschaftsanspruch des Islam zu kritisieren: Das sei rassistisch.

Ja, so geht das heute mit der „Religionskritik“. Da kommen zwei Zwölfjährige, machen Terror vor dem Schaufenster eines Cafés, und weil sie schwarze Haare haben, weiß queer.for.israel genau bescheid, aus welchem Milieu sie kommen, nämlich dem islamischen. Dass, wenn es sich überhaupt um türkisch-stämmige Jugendliche handelte, die Eltern genauso gut auch ungläubige Kemalisten sein könnten — ach, es würde keinen Unterschied machen! Denn die Moslems werden von queer.for.israel offenbar als biologische Rasse bestimmt, deren Angehörige an der Haarfarbe und anderen körperlichen Merkmalen zu identifizieren seien.

Und der größte Brüller ist: während queer.for.israel und die hiesige Szene sich über ein paar Zwölfjährige echauffierte, die Steine in das Café PositHiv geworfen hatten, wurden zwei Schwule in Brandenburg regelrecht abgeschlachtet und bei lebendigem Leib verbrannt (Koray: „Dass die Leute mit Leib und Leben in Gefahr sind, so was gibt es in der Türkei jedenfalls nicht“). Und obwohl von dem Vorfall bereits frühzeitig auf der Homepage des Schwulen Überfalltelefons zu lesen war (auch die Mitglieder von queer.for.israel hatten davon Kenntnis, zogen es aber vor zu schweigen, wohl um keine antideutschen Ressentiments aufkommen zu lassen), war dieser grausame Doppelmord den lesbisch-schwulen Stadtmagazinen ebensowenig eine Zeile wert wie der restlichen Presse (lediglich die Märkische Allgemeine und die Berliner Zeitung ließen sich Monate später dazu herab, einen Gerichtsreport über diesen Fall zu veröffentlichen).

Der zu ziehende Schluss ist eindeutig: Wenn zwölfjährige Kinder mutmaßlich türkischer Herkunft Steine in ein Café für HIV-Positive werfen, hat das hierzulande politische Signifikanz. Wenn der Brandenburger Mob zwei Schwule auf dem Scheiterhaufen verbrennt, ist ein öffentliches Interesse dagegen nicht erkennbar. Der Maßstab für solche Urteile lässt sich ganz einfach erklären: Alles, was Deutsche verbrechen, verbrechen sie als Einzelne, denn als Kollektiv verkörpern sie ja die freiheitlich-demokratischen Grundwerte, die sich „unser Volk“ in seiner Verfassung gegeben hat! Die Ausländer dagegen sind genau wie die Schwulen Leute, die zu dieser Ordnung nicht dazu gehören. Sie sind „die Anderen“. Alles, was sie tun, muss aus dieser ihrer Bestimmung erklärt werden. An ihnen existiert nichts, was ihrer Andersheit entginge. Während wir Individuen sind, handelt es sich bei denen um bloße Exemplare einer fremden Gemeinschaft.

Es ist daher kein Zufall, dass queer.for.israel gegenüber den „Ausländern“ eine Sprachregelung übernimmt, die zuvor allein den Schwulen und Prostituierten vorbehalten war: die Rede vom Milieu. „Mord im Homosexuellenmilieu“ hieß es — und heißt es bis heute —, wenn die Polizei im Rahmen ihrer Ermittlungen der „abweichenden“ sexuellen Orientierung des Opfers (und der meist mitvermuteten des Täters) „auf die Schliche“ gekommen ist. Damit sollte unterstellt werden, dass noch die Morde unter Schwulen jener Logik der „Andersartigkeit“ folgen, die die Rolle des „Homosexuellen“ in der Gesellschaft als ganzer definiert. Die Aktivisten von queer.for.israel haben offenbar aus dem homophoben Schweine-Diskurs gelernt, wie er von der Polizei und der bürgerlichen Presse gepflegt wird, um Lesben und Schwule von der „normalen“ Bevölkerung zu segregieren, und wenden diese Strategie nun mit eherner Konsequenz an, wenn es darum geht, Zwölfjährige aufgrund ihrer schwarzen Haare zu rassifizieren und frühzeitig auf ihre Rolle als „Ausländer“ vorzubereiten. Der Islamdiskurs ist dabei lediglich ein ideologischer Mediator im Spiel der Ethnisierungen, denn ob die Eltern dieser Jungs an einen Gott namens Allah glauben oder nicht — und welche Relevanz das für ihre sonstigen Anschauungen hat —, entzieht sich vollständig der Kenntnis jener rassistischen Rasselbande.

Dass im Übrigen die Homo- und Transphobie in der Türkei, welche im Vergleich zu Staaten wie Deutschland und den USA wohl richtigerweise als unterentwickelt bezeichnet werden muss (transsexuelle Sängerinnen werden dort von der Bevölkerung nach wie vor als „Sonne unserer Kunst“ gefeiert), mit dem Islam nichts, mit dem Import „westlicher Werte“ durch den Kemalismus aber alles zu tun hat, macht die nachfolgende Notiz von Michael Bochow deutlich:

Im Osmanischen Reich war „Knabenliebe“ (und vermutlich nicht nur diese gleichgeschlechtliche Präferenz) weit verbreitet. Die strikte Ablehnung und das Verächtlichmachen „homosexueller“ Männer kam mit der Übernahme europäischer Rechtsnormen auf. Ein Bestandteil der Kritik Atatürks am Osmanischen Reich war die Polemik gegen homosexuelle Praktiken, die ein Grund für seine Dekadenz und seinen Niedergang gewesen seien (mein Dank für diesen Hinweis geht an die Islamwissenschaftlerin Renate Dietrich).

aus: Bochow; Marbach (Hrsg.): Islam und Homosexualität. Hamburg 2003. S. 108 f.


10 Antworten auf „Religion als Rasse – das Beispiel queer.for.israel“


  1. Gravatar Icon 1 maledei 13. Juni 2005 um 15:46 Uhr

    Zu den qfi‘lern erübrigt sich glaube ich jeder kommentar.
    Aber die situation in der türkei würde ich nicht nur nach den durchaus populären show-transen bewerten, sie ist in wirklichkeit doppelt schizophren.
    Während in sie den medien tatsächlich gefeiert werden (sehr tuntige arabesque-sänger übrigens auch) ist die lage für die gemeine transe/transsexuelle auf der strasse ungleich schwerer. die polizei hat da eine lange und unrühmliche geschichte, ich kann mich an mehrere vorfälle erinnern, wo sie misshandelt und öffentlich verprügelt wurden. (die fälle wurden vom fernsehen abgedeckt, mein türkisch war bloß nicht gut genug um zu verstehen was gesagt wurde). es wurden auch schon schwule demonstrationen aufgrund eines „unzüchigkeits“-paragraphen verboten.
    und doppelt: weil die offizielle verschweigung/unterdrückung des schwul/lesbischen sex konterkariert wird von einer viel lockereren ausübung in der praxis. während in deutschland gleichgeschlechtliche erfahrungen von jugendlichen seit den 70er jahren dramatisch abgenommen haben (ich glaube du hattest die statisik mal verlinkt), kann ich aus eigener erfahrung sagen dass das in der türkei nicht der fall ist.

    einen überblick hab ich hier gefunden:
    http://www.globalgayz.com/g-turkey.html
    kann man den als überblick ganz gut gebrauchen, obwohl da die rede von „liberalen kemalismus“ ist, auf den die schwulenbewegung aufbauen will.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 14. Juni 2005 um 14:18 Uhr

    Ja, es ist natürlich richtig, dass die Situation von Transen in der Türkei zwiespältig ist. Im Gegensatz dazu ist sie bei „uns“ eindeutig – eindeutig negativ nämlich. Eine Spaltung in bewunderte transsexuelle Popstars und polizeilich diskriminierte Straßentransvestiten gibt es hierzulande jedenfalls nicht. Transgender-Identitäten sind in Deutschland ohnehin wesentlich seltener als in der Türkei – eine Folge der extremen Verachtung und Gewalt, der sich solche Personen in der BRD ausgesetzt sehen.

    Trotzdem hast du recht, dass man die Situation nicht schönfärben soll. Ein interessanter Artikel mit der Überschrift „Transvestiten in der Türkei“ findet sich in der inamo 19 (1999). Daraus ein Zitat:

    Bei Ausweiskontrollen werden Transvestiten von der Polizei auf den Straßen verprügelt. Im Istanbuler Viertel Cihangir, in dem die Transvestiten überwiegend wohnen, wurden sie im Oktober 1996 auch von Nachbarn überfallen, die auch eine Kampagne lancierten: „Wenn du kein Homosexueller bist, dann hisse die Nationalflagge!“

    Allein dieser Satz legt den Schluss nahe, dass die Verachtung von Homosexuellen und Transvestiten in der Realität viel stärker mit einem kemalistisch grundierten Nationalismus als mit irgendwelchen islamischen Glaubensüberzeugungen verbunden ist. Doch weiter im Text:

    Die Wohnungen von Transvestiten wurden mit Steinen beworfen, während friedlichere Nachbarn zwar nicht die Forderung „Die Umgedrehten sollen gehen!“ aufstellten, dennoch aber bemüht waren, die Transvestiten zu „integrieren“ und meinten, daß die Transvestiten, „da sie nun einmal Frauen geworden sind, heiraten und dort wohnen sollten.“

    Was nun die von dir verlinkte Internet-Seite angeht, möchte ich kurz darauf hinweisen, dass sie von einem „Richard Ammon“ verfasst wurde. Es ist angesichts des Namens nicht ganz unwahrscheinlich, dass es sich um einen US-Amerikaner handelt, der die Auseinandersetzung zwischen Liberalen und christlichen Fundamentalisten, die er bei sich zuhause erlebt, einfach auf die Türkei projiziert, wenn er zu einem Lob des „liberalen Kemalismus“ anhebt.

    Das aber mal beiseite, scheint mir die Homepage doch in einer Sache recht geben zu wollen, nämlich dass die Homophobie in der Türkei, verglichen mit den Verhältnissen in den USA und der BRD, als unterentwickelt zu bezeichnen ist:

    Further cloaking for homosexuals in Turkey is the general absence of hostile homophobia. It is virtually unheard of that individuals or gangs of straight men go out looking to bash some queers.

    Ob das nun so stimmt oder nicht, ist mir eigentlich egal, denn ich bin sowieso kein Fan von Leuten, die, statt eine Sache wie Homophobie mal von Grund auf zu kritisieren, einem bloß die Wahl zwischen dem größeren und dem kleineren Übel lassen wollen.

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