Klaus Theweleit revisited

Im Kontext der zunehmenden Rehabilitierung von Wilhelm Reichs These eines „inneren Zusammenhangs“ zwischen Homosexualität und Faschismus in der postantideutschen Linken fand ich es ganz interessant, mir nochmal Klaus Theweleit anzuschauen. Theweleit wird des Öfteren in die Rezeptionslinie dieser These gestellt, die sich bei traditionellen Marxisten wie Bert Brecht und Maxim Gorki ebenso großer Beliebtheit erfreute wie bei den kritischen Theoretikern Erich Fromm und Theodor W. Adorno. Nachdem dieser Topos in der Exil-Linken als Medium der Anti-Nazi-Propaganda popularisiert worden war (so sehr, dass Klaus Mann sich gar zu der Warnung genötigt sah, man sei „im Begriff, aus ‚dem Homosexuellen‘ den Sündenbock zu machen — etwa ‚den Juden‘ der Antifaschisten“), geriet die These nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst für längere Zeit in Vergessenheit. Doch sie erlebte mit der Wiederentdeckung Reichs durch die „Neue Linke“ in den Jahren nach 1968 eine erstaunliche Renaissance. So schreibt Stefan Micheler:

Das Dogma der „natürlichen“ Heterosexualität in Anlehnung an Wilhelm Reich und überkommene Sexualideologien sowie die eigene Heteronormativität wurden also von der Mehrheit der Angehörigen der Studierendenbewegung nicht hinterfragt, sondern unkritisch übernommen. So nachhaltig, dass es immer wieder aufgegriffen wurde und man diese Theorie heute noch z.B. beim „Guru“ linker Männerbild-Theorie, Klaus Theweleit, findet.

Etwas unfair ist die Beschuldigung Theweleits schon, denn wie sehr sein Buch Männerphantasien auch um diese These kreisen mag, er versucht ihr doch zugleich auch zu entkommen:

Daraus kann man ableiten, daß jeder Mann hier, der die Männergesellschaft ablehnt, homosexueller ist als ihre treuesten Anhänger, eben weil er wahrscheinlich überhaupt sexueller ist.
Auf diesem Hintergrund von ‚latenter‘ Homosexualität zu sprechen, erscheint mir als irreführend.

(Bd. 2, S. 330)

Gegen Reich, Adorno und Brecht holt er sogar zu einem gut platzierten Gegenschlag aus:

Homosexualität also? Das Stichwort scheint fällig — aber bringt es weiter? Homosexualität, vor allem die ‚latente‘, die über erhebliche Mengen gestauter Triebenergie verfügt, die auf aggressive Entladungen drängt, ist von manchen Autoren als wesentlicher Bestandteil der Aggressionslust des soldatischen Mannes genannt worden. Wilhelm Reich etwa schrieb:

Man konnten nun während des Krieges die Beobachtung machen, daß diejenigen, welche starke heterosexuelle Bindungen oder vollwertige Sublimierungen aufwiesen, den Krieg ablehnten; dagegen waren diejenigen die brutalsten Draufgänger, die das Weib als Klosett betrachteten und latent oder manifest homosexuell waren.

[…]

Die Vorstellungen über Homosexualität sind so diffus und von Abwehr bestimmt (und zwar auch unter den Analytikern selbst), daß man davon ausgehen muß, der Begriff Homosexualität löse alles andere eher, denn ein Verständnis aus: eine Reihe von Vorurteilen, falschen Vorstellungen und eigener Abwehr setzt sich in Bewegung, um bei der krampfhaften Sicherheit anzukommen, daß Homosexuelle auf jeden Fall erst mal die anderen seien: Fremde, oder sogar Feinde, die einem selbst ganz und gar nicht gleichen, die man dingfest machen kann in einem Begriff wie dem des tough guy etwa, den Adorno vor Augen hatte, als er seinen Aphorismen die Behauptung zufügte: „Totalität und Homosexualität gehören zusammen.“ Im Zusammenhang der Adornoschen Wertvorstellungen kommt dieser Satz einer Vernichtung dessen gleich, den diese totalitäre Krankheit befallen hat. Interessant wird dieser Vorwurf erst dadurch, daß Adorno den angeblichen Haß des tough guys gegen die „Effeminierten“ mit der ausgesprochen männerbündlerischen Replik bedenkt, daß „am Ende“ die tough guys selbst „die eigentlich Effeminierten“ seien. Handelt es sich also um einen Streit unter Männern, wer der ‚eigentliche Mann‘ sei? Ist die denkbare Schande die, effeminiert zu sein?
Oder nehmen wir den Mann Brecht, der in seinem Arbeitsjournal am 27. 5. 42 vermerkt hat:

sitze nachmittags für eine stunde mit feuchtwanger in seinem schönen garten. er erzählt, sie haben jetzt hormoninjektionen in der armee, welche homosexualität restlos entfernen (allerdings alle paar monate erneuert werden müssen). so macht jetzt auch den homosexuellen die armee keinen spaß mehr.

Als Leute, denen die Armee aus freien Stücken Spaß macht, fallen die Homosexuellen auch hier unter die Feinde (werden aber eigenartigerweise auch von der Armee nicht gemocht?) Und Brecht selbst? Er, der so zurückhaltend mit Bemerkungen war, die etwas von seinen Gefühlen den Menschen gegenüber, mit denen er eng zusammenlebte, verraten hätten können, nennt eben jenen Lion Feuchtwanger, in dessen Garten sitzend er sich so gern über schwierige Fragen der Kunst und der Politik unterhielt in der vielleicht offensten Notiz seines Journals einen „wirklichen Freund“.
Der Verdrängungsapparat des Feuchtwanger-Freundes Brecht funktioniert nicht schlecht, wenn er ohne Widerspruch die Möglichkeit akzeptieren kann, daß Homosexualität durch einen solchen Eingriff „restlos“ zu beseitigen wäre.
Halten wir fest: diese Anti-Homosexuellen haben in ihrer Haltung zumindest etwas sehr Männertümelndes. Ausgedrückt wird das mit einer Selbstsicherheit, die deutlich die Differenz betont und in der so etwas wie eine Befriedigung mitschwingt, daß man selbst über dezentere, ‚männlichere‘ Mittel verfüge, als jene Schrecklichen, die gegen ihre perversen Lüste Spritzen brauchen, wo man selbst doch mit einem klugen materialistischen Gespräch über die Schwierigkeiten beim Schreiben der Wahrheit auskommt oder mit den freudigen Erschütterungen, die die Niederkunft eines mächtigen Aphorismus begleiten.

(Bd. 1, S. 61 ff.)

Doch am Ende bleibt Theweleit selber in dieser These gefangen, wenn er auch „die Disposition zur Männerliebe“ als „das allgemeinste kollektive Triebschicksal“ bestimmt, welches „bei uns (sic!) keiner besonderen psychischen Disposition des einzelnen“ bedürfe (Bd. 2, S. 330), weil die Entwertung des ‚Weiblichen‘ in dieser Gellschaft universal sei:

An den Frauen hängt in der männlich dominierten Gesellschaft viel zuwenig ‚Welt‘, als daß sie mit ‚erfahrenen‘ Männern konkurrieren könnten. Schon deshalb erscheinen sie als viel weniger liebenswert. Der Traum vom Heldenleben, von Stärke, Aufstieg und Glanz, Esprit und Jagd, von der Weite, die zu erobern, vom Gipfel, der zu erklimmen ist, von der strahlenden Schönheit des ‚freien Männerhelden‘, dem dies gelingt — wie sollte er sich an Frauen haften können, an die privaten, eingeschlossenen Wesen, die mit dem Schmutz des Alltäglichen in Beziehung stehen, nicht aber mit den Taten der Großen, die den Weltlauf bestimmen.

(Bd 2, S. 328)

Theweleit schafft es nicht, aus den Widersprüchen auszubrechen, die er einen nach dem anderen vor sich aufhäuft. So schreibt er in einer Fußnote:

Um es noch einmal zu betonen: Der Terror kommt nicht aus der Homosexualität; aber Männerbünde neigen zur Ausbildung ‚homosexueller‘ Praktiken, die, selber aggressiver Art, zum Umklappen in jede andere Form der Aggressivität fähig sind. Das gilt aber für ihre ‚heterosexuellen‘ Praktiken im Prinzip auch.

(Bd. 2, S. 332)

Also was jetzt? Wenn „Homosexualität“ gar nicht der Grund ist, aus dem sich die Aggressivität des faschistischen Rackets erklären lässt; wenn dessen „heterosexuelle“ Praktiken des gleichen Wesens sind: was sollte dann der ganze Ausflug überhaupt?

Der Grund für Theweleits Irrtümer ist schnell erklärt: es ist sein Hang zur Psychologisierung des Faschismus. Die Freicorps, die er zum Ausgangspunkt seiner Untersuchung macht, basierten nicht auf „unbewusst erotischen“ Phänomenen, sondern wurden ganz schlicht durch eine Ideologie zusammengehalten, die zu analysieren sich sein Buch konsequent weigert. Dabei hatte Klaus Mann bereits 1934 alles Nötige dazu geschrieben:

Das ‚Bündische‘, sagt man, habe stets homoerotischen Charakter, und auf dem ‚bündischen‘ Prinzip basiere der Faschismus. Lassen wir das Problem beiseite, bis zu welchem Grade der wirklich Invertierte immer dem ‚Bündischen‘ zuneigt — er ist oft einsamkeitssüchtig und scheu, man hat ihm einen asozialen Charakter vorgeworfen. Sogar aber vorausgesetzt, alle Invertierten suchten den Männerbund und der Männerbund habe stets die invertierte Note: worauf es ankommt, ist nur der Geist, in dem der Bund geschlossen wurde, nicht der erotische Kitt, durch den er zusammenhält.

Theweleit dagegen verblieb mit seinen Männerphantasien konsequent im Bannkreis der antiautoritären Bewegung, die allen Ernstes glaubte, das Kernproblem läge in einer patriarchalen Erziehung. Umso weniger verwundert es, dass die 68er im Zuge ihres allmählichen Rechtsrucks nur einen neuen Typus des Faschisten hervorgebracht haben: Figuren wie Rainer Langhans, die zwar von „Männertümelei“ nichts wissen wollen, rechtsextreme Ideologiebruchstücke aber umso zeitgemäßer unter die Leute bringen.

Mehr noch aber gelang es den 68ern, jede Forschung über die Mittäterschaft von Frauen an der Realisierung des deutschen Mordprogramms 20 Jahre lang mit dem verlogenen Hinweis abzuwürgen, dass die Frauen doch die eigentlichen Opfer des deutschen Faschismus gewesen seien (denn über die Juden, die als einzige qua Kollektiv verfolgt worden waren, sprachen die 68er höchst ungern). Es war dann schließlich die feministische Frauenforschung selbst, die in den 90er Jahren den Mythos von den deutschen Frauen als Opfern des Nationalsozialismus ein für allemal begraben hat.


37 Antworten auf „Klaus Theweleit revisited“


  1. Gravatar Icon 1 c_z 10. Juli 2005 um 4:03 Uhr

    lohnt „männerbünde“ denn insgesamt zu lesen?

  2. Gravatar Icon 2 lysis 10. Juli 2005 um 4:25 Uhr

    Ich hab’s ja selber nur überflogen, weil mich eine Analyse des Faschismus „unter dem Aspekt des Geschlechterverhältnisses“ schlicht und einfach nicht interessiert. Meines Erachtens verstellt das Buch den Blick auf den Nationalsozialismus sogar eher, als dass es sein Begreifen befördern würde, schon allein deshalb weil Theweleit ihn konsequent nur als „Faschismus“ anspricht. Vom Antisemitismus erfährt man ebenso wenig etwas wie von der „biologischen Weltanschauung“ des NS, die von der Ermordung von Behinderten bis zur Verschärfung der Homosexuellenverfolgung so ziemlich alle Politik im „Dritten Reich“ bestimmt hat. Nach dem ersten Sichten des Inhalts lautet mein Urteil daher: don‘t waste your time!

  3. Gravatar Icon 3 Phaidros Threepwood 10. Juli 2005 um 13:50 Uhr

    Nunja, Klaus Mann hat nach dem Krieg seinen idealen Männerbund nicht finden können und Schlaftabletten genommen, vielleicht wäre hätte er stattdessen lieber nach einen realen Mann suchen sollen. So gerechtfertigt sein Argument gegen den Dekadenzwahn der völkischen Linken, so tragisch seine verklemmte Schwärmerei für Walt Whitman die später unter dem Namen „Club der toten Dichter“ verfilmt wurde. Walt Whitman statt Hans Blüher, immerhin!

    Und Theodor Adorno hat Recht und gleichzeitig auch wieder Unrecht – als typisches Kind des 20. Jahrhunderts unterscheidet er an dieser Stelle nicht zwischen verdrängter und ausgelebter Homosexualität. Nicht Homosexualität und Totalität gehören zusammen sondern Männerbund und Totalität. Was den Männerbund von der freien Assoziation der Einzelnen unterscheidet ist gerade sein Anspruch auf Ganzheitlichheit – seine Angehörigen teilen nicht einfach Hobby und gehen daneben ganz unterschiedliche Lebenswege wie z.B. die Mitglieder eines SM-Klubs oder eines Sportvereins, sondern das Bündische wird zum Religionsersatz der alle Bereiche des Lebens umfaßt. Und wie bei jedem Religionsersatz – ob männerbündisch oder natürlichkeitsfeministisch spielt keine Rolle – kann das Umkippen von der Schwärmerei in die Aggression schneller geschehen als man denkt.

  4. Gravatar Icon 4 lysis 10. Juli 2005 um 13:58 Uhr

    Woah, ist das eine widerliche Denunziation von Klaus Mann! Und was an dem radikalen Demokraten Walt Whitman, einem Idol der Beat-Generation, denn nun auszusetzen wäre, solltest du uns hier noch mal etwas genauer erläutern, bevor du einen weiteren bekannten Schriftsteller der Linken en passant als latenten Faschisten überführst.

    Übrigens ist die Behauptung, Ernst Röhm, das Musterbeispiel zur Demonstration des angeblichen Zusammenhangs von Homosexualität und Faschismus, hätte seine sexuellen Begierden nicht ausgelebt, doch einigermaßen lachhaft. Röhm war sogar eingetragenes Mitglied des Bunds für Menschenrechte, des mit 50.000 Personen größten homosexuellen Bürgerrechts- und Geselligkeitsverbands in der Weimarer Republik. Auch sonst hat er aus seiner sexuellen Orientierung keinen Hehl gemacht. War er — als emanzipierter Homosexueller! — deshalb weniger Nazi als der Antifaschist Thomas Mann, der seine „latent“ homoerotischen Neigungen — außer in der Literatur — nie ausgelebt hat?

    Das Kriterium, das du anführst, ist einfach Humbug: der Faschismus ist eine Gesinnung und kein Fall unausgelebter Homosexualität!

  5. Gravatar Icon 5 lysis 10. Juli 2005 um 16:35 Uhr

    >>> On December 17, 1955, the New York Times reported that Roman Catholics of the Camden, New Jersey, diocese had launched a campaign „to prevent the naming of a new Delaware River bridge after Walt Whitman.“
    When asked why Whitman was „objectionable,“ the Reverend Edwar B. Lucitt, diocesan director of the Holy Name Society, cited a recent biography of the poet by Gay Wilson Allen, professor of American literature at New York University. Reverend Lucitt „noted that Dr. Allen had called the poet a ‚homo-erotic.‘“

    But Dr. Allen said last night … that he had no intention of implying that Whitman was a homosexual.
    „I used the term ‚homo-erotic‘ rather than ‚homosexual‘ because the latter suggests sex perversion,“ Dr. Allend declared. „There is absolutely no evidence that Whitman engaged in any perverted practice.“
    Dr. Allen said that Whitman’s writings showed „a strong affection for man,“ hence were „homo-erotic.“
    That affection, he said, has dominated much religious writing. „Many saints show the same feeling,“ he added.

    „Children of fifty-eight parochial schools in the diocese,“ the newspaper reported, „are being asked to submit essays on ‚great men of New Jersey,‘“ in the hope „of inspiring another name for the bridge.“
    Almost half a century after the Walt Whitman Bridge protest, the Walt Whitman Bridge still serenely spans the Delaware. But the existence of sex in the relations of men with men still provokes ludicrous responses, still promotes heated debates, still motivates anxious denials, still causes profound discomfort, and still, too often, incites murder. Whitman’s dream city, safe for all comrades and lovers, is still to be constructed.

    ***

    But a poet often says it best, even when the poet is speaking prose. When leaders of a massive antiwar protest in Chicago, in 1968, outside the Democratic Party Convention, were tried for a conspiracy to cause a public riot, the poet Allen Ginsberg testified for the protestors. He was then asked by the prosecutor whether he had written a book titled Reality Sandwiches, and whether he would read to the jury one of its pieces, „Love Poem on Theme by Whitman.“ The prosecutor evidently believed that the poem would outrage the jury, and thus injure the defense.
    Ginsberg explained that the poem began with a quotation of a line by Walt Whitman: „I‘ll go into the bedroom silently and lie down between the bridegroom and the bride.“
    „Would you explain the religious significance of that poem?“ the prosecutor asked (his words no doubt dripping sarcasm).
    Ginsberg replied: „As part of our nature, as part of our human nature, we have many loves, many of which are denied, many of which we deny ourselves. [Whitman] said that the reclaiming of those loves and the becoming aware of those loves was the only way that this nation could save itself and become a democratic and spiritual republic.“

    He said that unless there was an infusion of feeling, of tenderness, of fearlessness, of spirituality, of natural sexuality, of natural delight in each other’s bodies, into the hardened, materialistic, cynical, life-denying, clearly competitive, afraid, scared, armored bodies, there would be no chance for spiritual democracy to take place in America. And he defined that tenderness between the citizens as, in his words, adhesiveness, a natural tenderness flowing between all citizens, not only men and women but also a tenderness between men and men as part of our democratic heritage, part of the adhesiveness which would make the democracy function: that men could work together not as competitive beasts but as tender lovers and fellows.

    Ginsberg concluded: „Walt Whitman is one of my spiritual teachers and I am following him in this poem, taking off from a line of his own and projecting my own actual unconscious feelings, of which I don‘t have shame, sir; which I feel are basically charming, actually.“
    The judge, notoriously hard-of-hearing, declared: „I didn‘t hear that last word.“
    To which Ginsberg replied: „Charming.“ <<<

    From: Jonathan Ned Katz: Love Stories. Sex Between Men Before Homosexuality. London; Chicago 2003. p. 342-3.

  6. Gravatar Icon 6 Phaidros Threepwood 10. Juli 2005 um 16:41 Uhr

    Die Faschismusvorwürfe lesen Sie selber rein, ich sage nur dass 24/7-Männerbünde (oder auch Rackets) ein wesentliches Element dieses politischen Systems waren, und dass Klaus Mann mit seiner Suche nach dem ideologisch jungfräulichen 24/7-Männerbund nicht glücklich geworden ist. Und da Sie ihn erwähnen, für Ernst Röhm gilt dasselbe wie zuvor schon für Alfred Krupp, er stand nicht im Mittelpunkt weil er typisch sondern weil er untypisch war. Das männerbündische Ideal der ewigen Schönheit war in der Nazi-Kultur, -Architektur, -Skulptur überall präsent (in schwächerer Ausprägung auch schon im Kaiserreich), der schwule Sex mit dem sich Skandal machen ließ dagegen nicht. Aber Sex haben verhindert eben keine politischen Irrwege, während das umgekehrt schon der Fall sein kann. Und Thomas Mann, mal dahingestellt was er daraus gemacht hat, hatte den größten Teil seines Sexuallebens schon hinter sich als die Nazis an die Macht kamen.

    Es liegt mir fern Klaus Mann in irgendeiner Weise zu denunzieren, ich möchte nur ehrlich sein wenn wir uns schon am Grabstein eines Selbstmörders begegnen.

  7. Gravatar Icon 7 Phaidros Threepwood 10. Juli 2005 um 16:47 Uhr

    Ja, Walt Whitman ist unnötig angefeindet worden, aber das heisst nicht dass es richtig wäre ein ganzes Weltbild auf einen Schriftsteller aufzubauen, sonst kann’s einem gehen wie Klaus Mann, man schlägt das Buch zu und weiß nicht mehr weiter.

  8. Gravatar Icon 8 lysis 10. Juli 2005 um 16:58 Uhr

    Wer baut denn hier ein Weltbild auf Whitman auf? Ich jedenfalls nicht, und Klaus Mann meines Wissens auch nicht.

    Im Übrigen scheint Sie weder die Tatsache, dass die ganz überwiegende Mehrheit unter den Nazi-Kadern der holden Weiblichkeit ergeben war und von Männern — zumindest in sexueller Hinsicht — nichts wissen wollte, noch die Feststellung, dass Frauen massenweise beim Anblick des Führers in Ohnmacht fielen, zu der Überlegung zu veranlassen, es könne einen inneren Zusammenhang zwischen Heterosexualität und Faschismus geben. Warum eigentlich nicht? Folgte man Ihrer Logik, läge eine intime Verbindung zwischen den beiden doch auf der Hand!

  9. Gravatar Icon 9 lysis 10. Juli 2005 um 17:38 Uhr

    Mein Lieber, Sie scheinen den Essay von Klaus Mann doch ganz genau zu kennen, wenn Sie wissen, dass er sich dort auf Whitman beruft. Warum verschweigen Sie dann, dass er sich ausdrücklich gegen den „Geist des Lagers“ gewandt hat, d.h. eben jenen 24/7-Männerbund, den Sie Klaus Mann allen Ernst als erotisches Wunschbild unterstellen? Für alle anderen zitiere ich die besagte Stelle noch einmal in extenso:

    Den Nazis steht es wohl an, teils homosexuelle Cliquen zu bilden, teils die Homosexuellen einzusperren, zu kastrieren oder zu erschießen. Die Linke aber sollte objektiver sein. Indessen ist sie, gerade in dieser Frage, von der spießbürgerlichsten Voreingenommenheit. Und dies, weil es immer vorkommt, daß junge Leute, die in Lagern zusammen leben, miteinander schlafen. Man erkundige sich doch, ob in proletarischen, linken Jugendbünden dergleichen ausgeschlossen war: die Antwort wird den überraschen, der Homosexualität für eine Eigenart des Faschismus hält. Den Geist der Lager hat man anzuprangern und zu verfolgen; nicht die selbstverständliche Tatsache, daß es dort auch Invertierte gibt oder solche, die ‚mitmachen‘.

    Klaus Mann zeigt sich hier als entschiedener Gegner des bündischen Lagerlebens, gleichviel ob es in linken oder rechten Jugendverbänden gepflegt wurde. Der „Bund“ dagegen, von dem Walt Whitman dichtete und den Klaus Mann herbeizitiert, um seine These zu unterstützen, hat mit diesem „Geist des Lagers“ nicht das geringste zu schaffen. Er meint den Bund der Demokraten, der gerade nicht auf einem Cliquenwesen basiert. Und auch Marx und Engels waren Mitglieder in einem Bund: dem der Kommunisten! Wollen Sie die beiden jetzt auch zu Faschisten erklären, die dort nur ihre verdrängten homoerotischen Phantasien ausgelebt haben?

  10. Gravatar Icon 10 lysis 10. Juli 2005 um 18:38 Uhr

    Und da Sie ihn erwähnen, für Ernst Röhm gilt dasselbe wie zuvor schon für Alfred Krupp, er stand nicht im Mittelpunkt weil er typisch sondern weil er untypisch war.

    Wenn Ernst Röhm so untypisch war, warum berichten dann so viele Augenzeugen davon, dass eine ganze Anzahl von SA-Leuten bis 1934 regelmäßig in der schwulen Subkultur verkehrte? Ist das ein Zeichen von Verdrängung? Und wenn die NSDAP so kohärent war in ihrer Ablehnung der „manifesten Homosexualität“, warum hat Hitler den Hauptmann Röhm trotz Kenntnis seines Privatlebens überhaupt erst eingestellt? Warum wurde die Stimme eines Joseph Goebbels, der sich von Anfang an dagegen verwahrt hatte, so lange in den Wind geschlagen? Ganz einfach: weil das Thema „Homosexualität“ für die NSDAP nur ein Randthema war; weil selbst ihre spätere Homosexuellenpolitik gar nicht so sehr von „Homophobie“ im Sinne einer psychischen Reaktionsbildung auf verdrängte homosexuelle Anteile in der eigenen Persönlichkeit zeugte, sondern von einem „professionellen“ seuchenpolitischen Umgang mit „rassenbiologisch“ unerwünschten Phänomenen. Aber dazu in einem späteren Journaleintrag mehr…

  11. Gravatar Icon 11 Phaidros Threepwood 10. Juli 2005 um 22:52 Uhr

    Nun gut, Walt Whitman hat sich schon geklärt, den hatte Klaus Mann in dem selben Absatz erwähnt den Sie ganz oben zitiert haben.

    Die Verbindung von Heterosexualität und Faschismus ist bevölkerungspolitischer Natur, im Faschismus reguliert der Staat das Bevölkerungswachstum durch allerlei ideologische Familienplanung, während sich in einer Demokratie private Gruppierungen öffentlich drum streiten welche Reproduktionsraten sie sich wünschen und wie genau der Zugang zur Ehe geregelt sein soll. Heinrich Himmler hat seine Hühnerzüchter-Mentalität sowohl an Homosexuellen wie auch an Heterosexuellen verwirklicht, auf jeweils unterschiedliche Weise. Wie Sie sagen, es liegt eigentlich auf der Hand. Genauso wie es auf der Hand liegt dass männerbündische Ideologie auch von Frauen ausgelebt werden kann, siehe z.B. die islamischen Kopftuchaktivistinnen, die den Gerichten die selbstverwirklichte Kameradinnenschaft im Schutzraum der Verschleierung anpreisen. Oder auch als bloß rhetorische Travestie, Sie kritisieren ja weiter oben selbst Klaus Theweleits Kollektivfeminismus.

    Ob Klaus Mann sich intellektuell ganz vom Kollektivismus gelöst hat, oder ob er mit dem „Geist der Lager“ auf die Pädophilen im Wandervogel gezielt hat ohne sich selbst vom Ideal des ganzheitlichen Männerbundes zu lösen, darüber läßt sich trefflich streiten. Fakt ist jedenfalls, zwischen diesem Text und seinem Selbstmord liegen 15 Jahre, darin seine Entwicklung zum Atlantiker, die ja damals bekanntlich auch nicht leichter war als heute. Und ob der Bund der Kommunisten eher ein loser Zweckverband wie der Bund der Steuerzahler oder eine romantische Glaubensgemeinschaft wie der Club der toten Dichter war, sei der Wortklauberei anheimgestellt.

    Die NSDAP war in ihrer strikten Haltung gegen schwulen Sex nicht von Anfang an kohärent, wie Sie richtig anmerken, ihre Skrupellosigkeit führte sie aber dazu, dass sie, sobald sie die SA nicht mehr brauchte, den Dekadenzwahn in ihre Ideologie assimilierte, den die Linke gegen die SA richtete. Röhm und seine SA waren untypisch, aber die Integration des Dekadenzwahns führte schließlich dazu, dass im Zeichen des Rosa Winkels in den Lagern „Aversionstherapie“ in der Leichenhalle betrieben wurde, als wolle man Homosexualität mit Nekrophilie austreiben. Typisch für den Nationalsozialismus war vielmehr der heterosexuell lebende Mann, der seine unausgelebten Fantasien auf die Idealbilder der ewigen Schönheit projizierte und die Pornoskulpturen Arno Brekers oder die Aufmärsche von Nürnberg als heroisch empfand.

  12. Gravatar Icon 12 lysis 11. Juli 2005 um 6:05 Uhr

    Der Unterschied scheint jetzt gar nicht mehr so groß zu sein. Nur Ihrem letzen Satz muss ich nach wie vor widersprechen. Warum? Weil ich glaube, dass Sie denselben Fehler begehen wie alle, die von „latenter Homosexualität“ sprechen, aber den Begriff so ganz anders gebrauchen, als ihn Freud seinerzeit verstanden wissen wollte. Freud benutzte diesen Begriff, um gegen Magnus Hirschfeld Stellung zu beziehen, der die Homosexuellen als eine Art „Drittes Geschlecht“ konstruierte, d.h. einen besonderen Menschenschlag, der sich von der Restbevölkerung sowohl psychisch als auch physiologisch unterschied. Demgegenüber wies Freud auf die „Entdeckung der Psychoanalyse“ hin, dass alle sogenannten Normalen neben ihrer manifesten Heterosexualität „ein erhebliches Ausmaß latenter oder unbewusster Homosexualität“ erkennen ließen.

    Freud schrieb: alle! Reich: die Faschisten! Das ist der Unterschied.

    Klaus Theweleit schließt sich Freud nun insoweit an, als er die Ansicht vertritt, Homosexualität sei “das allgemeinste kollektive Triebschicksal” der patriarchalen Gesellschaft. Insofern kann er sich gegen Reich, Brecht und Adorno auflehnen: diese schreiben die latente Homosexualität nur den anderen zu, nicht aber auch sich selbst. Sie produzieren mithilfe dieses Begriffes eine Differenz, die es nach Freud so gar nicht gibt. Denn laut seiner Psychoanalyse sind alle latent homosexuell, nicht bloß die Katholiken (die dessen von den Nazis beschuldigt wurden) und nicht bloß die Faschisten (gegen die die Linke diesen Vorwurf erhob). Aber komischerweise kann sich auch Theweleit nicht von dem Gedanken trennen, der faschistische Männerbund sei — als Extrem der patriarchalen Gesellschaft — noch einmal etwas latenter und etwas homosexueller als der Rest.

    Es ist wichtig, demgegenüber die Grundidee Freuds noch einmal hervorzuheben. Freud ging von einer „angeborenen Bisexualität“ des Menschen aus. Im Unbewussten gibt es laut seiner Psychoanalyse solche Kategorien wie Homo- und Heterosexualität gar nicht. In jeder Objektbindung realisiert sich beides zugleich. Freud versucht das am Beispiel eines homosexuellen Mädchens zu demonstrieren. Es hofiert ausschließlich Frauen der Gesellschaft. Aber nicht nur weisen diese Damen eine gewisse äußerliche Ähnlichkeit mit ihrem Bruder auf, nein das Mädchen bezieht auch den Vater ein, indem es ausgerechnet in der Nähe seiner Arbeitsstelle mit der Liebsten händchenhaltend spazieren geht. Sie will vom Vater gesehen werden, statt dass sie versuchte, ihre Leidenschaften vor ihm zu verbergen. Mit einem Wort: sie unternimmt alles, ihn eifersüchtig zu machen. Obgleich also ihr manifestes Verhalten ausschließlich homosexuell ist, bleibt ihr Unbewußtes weiterhin bisexuell strukturiert.

    Auch Theweleit versteht Freuds Theorie nicht einmal im Ansatz, wenn er allen Ernstes glaubt, die Homosexualität wäre das Produkt einer patriarchal verformten Gesellschaft (und damit impliziert, dass die befreite Gesellschaft mit diesem Begehren endlich aufräumen würde). Aber er hat doch in einem Sinne recht, wenn auch anders, als von ihm intendiert.

    „Homosexualität“ ist tatsächlich ein Produkt, aber nicht der patriarchalen Gesellschaft, sondern der medizinischen Wissenschaft des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Homosexualität als Zuschreibung einer wesenhaften, sich in der Biologie gründenden und an der Anatomie ablesbaren „Andersartigkeit“ ist ein Denunziationsapparat, der erstmals in der so genannten Eulenburg-Affäre (1907-1909) mit einem großen öffentlichen Paukenschlag seinen politischen Einsatz fand. Da seitdem ununterbrochen von der „Homosexualität“ die Rede war — vor allem von der des Militärs und der „feinen Leute“ — haben Linke daraus den Schluss gezogen, Homosexualität sei ein „Dekadenzphänomen der spätkapitalistischen Gesellschaft“. Tatsächlich hat der Begriff eine genau umgekehrte Wirkung gehabt: er hat der „Freundesliebe“, die in Europa seit dem 17. Jahrhundert ohnehin eine zunehmende Delegitimierung erfahren hat, den letzten Streich versetzt. Er hat sich als wirksames Mittel der sozialen Kontrolle erwiesen: Wer intime Beziehungen zu anderen Männern pflegen will, der muss sich schon der subkulturellen Existenzweise als Homosexueller einordnen; der muss eine bestimmte Rolle erfüllen. Darunter geht es nicht.

    Die Soziologin Mary McIntosh hat die Funktionsweise des Homosexualitäts-Dispositivs bereits 1968 — also lange vor Foucault! — einer kritischen Analyse unterzogen. Sie schrieb:

    Die Praktik der sozialen Etikettierung von Personen als abweichend operiert in zwei Weisen als ein Mechanismus der sozialen Kontrolle. In erster Linie hilft sie, eine fest umrissene, publizierte und erkennbare Schwelle zwischen erlaubtem und verbotenem Verhalten zur Verfügung zu stellen. Das heißt, dass Personen nicht so einfach in ein abweichendes Verhaltensmuster hineindriften können. Ihre ersten Schritte in eine abweichende Richtung werfen sofort die Frage eines vollständigen Übergangs in eine abweichende Rolle auf mit all den Sanktionen, die das voraussichtlich hervorruft. Zweitens dient die Etikettierung dazu, Abweichlinge von den anderen zu segregieren, und dies bedeutet, dass ihre abweichenden Praktiken und ihre Selbstrechtfertigungen für diese Praktiken auf eine relativ kleine Gruppe begrenzt werden. Die Schaffung einer spezialisierten, verachteten und bestraften homosexuellen Rolle hält die große Masse der Gesellschaft in etwa der gleichen Weise sauber, wie die ganz ähnliche Behandlung bestimmter Arten von Kriminellen dazu beiträgt, den Rest der Gesellschaft gesetzestreu zu halten.

    Das ist die Funktion des „Homosexuellen“, und man kann die historische Entstehung des autoritären Männerbundes, der die Möglichkeit intimer Freundesliebe im gleichen Maße leugnet, wie er die Sehnsucht danach für seine Zwecke instrumentalisiert, gar nicht abtrennen von der Geburt des Homosexuellen als sozialer Charaktermaske der spätbürgerlichen Gesellschaft. Beides sind komplementäre Erscheinungen, die sich — mit einer längeren Vorgeschichte — am Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals in verallgemeinerter Form durchgesetzt haben.

    Aber exakt die Leute, die heute so ausufernd von der „latenten Homosexualität“ als Sonderphänomen bestimmter Gesellschaftsgruppen schwafeln, haben von diesen komplexen sozialgeschichtlichen Zusammenhängen nicht den blassesten Schimmer. Ihnen geht es nicht etwa darum, die Latenz, sondern ausschließlich, die Homosexualität als das Besondere dieser Konstellation zu erklären. Ausgerechnet das, was ein anthropologisches Existential ist — die Freundesliebe —, erscheint ihnen als das Problematische, während noch keiner von diesen Trotteln einen Gedanken darauf verschwendet hat, warum sie im 20. Jahrhundert bei den so genannten Normalen nur unbewusst in Erscheinung tritt. Ihnen gilt nicht die Verdrängung gleichgeschlechtlicher Wünsche als das Erklärenswerte, sondern dass sie überhaupt existieren (wo doch „die Natur“ so etwas gar nicht vorgesehen hätte!).

    Darüber hinaus tragen sie selber dazu bei, den Terror der Identifizierung am Laufen zu halten und damit die „böse Form“ zu reproduzieren, in der sich solche Wünsche unter der Voraussetzung ihrer gesellschaftlichen Verdrängtheit artikulieren. Darauf hat Gore Vidal in seinem Vorwort zu Jonathan Katz‘ The invention of heterosexuality eindrücklich hingewiesen (leider hab ich das Buch nicht bei mir daheim stehen, so dass ich ihn zitieren könnte). Denn als „latent homosexuell“ lässt sich bei weitem nicht nur die Ästhetik Arno Brekers interpretieren. Auch jeder Anflug von Zartheit zwischen Freunden, der den Charakterpanzer des autoritären Kollektivs durchbrechen könnte, gerät sofort unter diesen vulgärfreudianischen Verdacht. Ob das in Ihrem Sinne ist, mögen Sie beurteilen. Ich habe da so meine Zweifel.

  13. Gravatar Icon 13 Phaidros Threepwood 11. Juli 2005 um 19:56 Uhr

    Bitte, die Gefühle die Sie als Sexualität beschreiben gibt’s bei jedem Rockkonzert. Ich habe bewußt nicht auf das von Ihnen verwendete Begriffspaar „latent/manifest“ zurückgegriffen, da es sich um eine Kategorie aus dem medizinischen Diskurs zur Erklärung der Wirkungsweise von Infektionskrankheiten handelt, die das Thema des Sexualcharakters verfehlt. Wenn Sie schon der Ansicht sind, dass es der Medizin des 19. Jahrhunderts vorzuwerfen ist, sich die schwule Subkultur als eine Art Gefängnis eingerichtet zu haben, dann renovieren Sie wenigstens nicht unnötig dran herum.

    In der Medizin ist der Zustand der Latenz ist immer ein vorübergehender, der nach einer bestimmten Latenzzeit von dem der Manifestation abgelöst wird, dem wiederum der der Heilung folgt, oder der Tod. Ich meine jedoch, dass beispielsweise heterosexuelle Queen-Fans sich keineswegs unbewußt in einem schwulen Coming Out befinden müssen, ebensowenig wie schwule Madonna-Fans in einem heterosexuellen. Eindeutige geschlechtliche Orientierung im Sexleben heisst eben noch lange nicht automatisch eindeutige geschlechtliche Orientierung sämtlicher Gefühle überhaupt, ja eine allzu ganzheitliche Erwartungshaltung wäre selbst ein deutliches Indiz für eine übermäßige Prägung durch bündische Ideologie.

    Das nationalsozialistische Männlichkeitsideal hob sich in einem entscheidenden Punkt von allen anderen sexualisierten Star-Kulten ab – es war nicht bloss ein Fetisch sondern gleich ein ganzes Weltbild. 24/7. Deswegen hat Theweleit recht damit, den faschistischen Männerbund als Sonderfall aufzuführen, auch wenn er es aus einem falschen Grund tut. Typisch für seine Generation leitet Theweleit die Tendenz zum politischen Totalitarismus aus dem sexuellen Sadomasochismus ab anstatt aus dem existentiellen Kollektivismus – und als wäre Sadomasochismus männlich und nicht weiblich, erscheint ihm selbst Lynndie England als Mann. Auf der anderen Seite erscheint ihm dafür existentieller Kollektivismus mit Zärtlichkeit anstelle von Hierarchien weniger totalitär, obwohl er genauso ganzheitlich ist.

    Wozu brauchen Sie die Dolchstoßlegende, die Entstehung der schwulen Subkultur im Kapitalismus habe einer Art urspünglicher Intimität den Garaus bereitet? Die Szene ist heute bei weitem nicht mehr so anonym und so auf anders als die anderen getrimmt wie noch vor 100 Jahren, und die Tendenz sich aus einer kollektiven Abgrenzung heraus zu identifizieren hat auch nachgelassen, ebenso wie der Rollenzwang. Es mag ja sein, dass wir unter den gegebenen Umständen alle bis zu einem bestimmten Maß sexuelle „Charaktermasken“ mit einer hellen und einer dunklen Seite sind, aber in Reaktion darauf die „Homosexualität“ gegen eine „Freundesliebe“ und die unvollkommene Körperlichkeit gegen eine perfekte Romantik auszuspielen zu wollen erscheint mir doch naive Schwärmerei. Was soll das bitteschön sein, ein „anthropologisches Existential“, eine Nabelschnur zum Paradies etwa?

  14. Gravatar Icon 14 lysis 11. Juli 2005 um 21:20 Uhr

    Wozu brauchen Sie die Dolchstoßlegende, die Entstehung der schwulen Subkultur im Kapitalismus habe einer Art urspünglicher Intimität den Garaus bereitet?

    Hier verwechseln Sie wieder mal Ursache und Wirkung. Die Entstehung der schwulen Subkultur ist eine Folge der Tatsache, dass „Sexualität“ unter Männern (was in der Psychoanalyse anders als in der Infektionsmedizin Liebe und Lust gleichermaßen umfasst!) in der „normalen“ Gesellschaft zunehmend tabuisiert wurde. Die Geburt dieser Subkultur datiert übrigens auch gar nicht auf das Ende des 19. Jahrhunderts, sondern lässt sich (sogar in Berlin) bis ins 18. Jahrhundert zurückverfolgen. Die öffentliche Verbreitung medizinischer Vokabeln (Sexualinversion/Homosexulität), die vor allem durch die Eulenburg-Affäre katalysiert wurde, hat aber einen Prozess, der schon länger gärte, auf eine Stufe der wissenschaftlichen Allgemeinheit gehoben, die keinen intelligiblen Widerspruch mehr erlaubte. Für bestimmte Leute wie Eulenburg, die sich — nicht zuletzt aufgrund ihrer adligen Abstammung — den Zeitläuften bis dahin noch weitgehend entziehen konnten, kam die öffentliche Beschuldigung, homosexuell zu sein, nun einer praktischen Existenzvernichtung gleich. Ihnen attestierte Magnus Hirschfeld vor Gericht, dass die Sprache „enthusiastischer Freundschaft“ aus der Goethe-Ära „in unserem technisch-militärischen Zeitalter“ nicht mehr angebracht sei.

    Sie werfen mir jetzt Romantisierung und naive Schwärmerei vor. Das war nicht meine Absicht. Den Begriff der „Freundesliebe“ habe ich aus den Diskursen der Schwulenbewegung der Weimarer Republik übernommen, weil es einen kulturuniversellen Begriff für das, was ich ausdrücken wollte (libidinöse Beziehungen zwischen Personen des gleichen Geschlechts?), gar nicht gibt. Es ist natürlich wahr, dass sich in diesem Begriff die christliche Leibfeindschaft bereits niedergeschlagen hat, weil der „sexuelle“ Aspekt jahrhundertelang als Sodomie davon abgespalten wurde. Sie dürfen aber Begriff und Realität nicht miteinander verwechseln. Wenn Sie sich beispielsweise die Gerichtsakten der Stadt Florenz während der Renaissance anschauen, dann werden Sie sehen, dass das Konzept der Freundschaft in der Realität keineswegs mit der Negation „unzüchtiger Beziehungen“ verbunden war, wie es seine christlichen Propagandisten gerne gehabt hätten. (Die Behörde der Nacht verzeichnet jeden zweiten männlichen Florentiner in ihren Sodomie-Akten.)

    Aber ich kann das Problem ja nicht umgehen: so wenig wie es in den Sprachen des christlich geprägten Europa ein neutrales Wort für — Kopulation gibt, so wenig gibt es nicht romantisierende Begriffe für Liebe und Freundschaft. Wenn aber das „Schwärmerische“ alles ist, was Sie an dem Begriff der „Freundesliebe“ stört, dann kann ich Ihnen versichern, dass das nicht in meiner Absicht lag, sondern lediglich der Tatsache zu verdanken ist, dass ich ein Wort gewählt habe, das Anfang des 20. Jahrhunderts von der „Schwulenbewegung“ selbst als Alternative zu den von der Sexualwissenschaft propagierten Termini der „Homosexualität“, des „Uranismus“ und der „Sexualinversion“ geprägt wurde.

  15. Gravatar Icon 15 lysis 12. Juli 2005 um 6:47 Uhr

    Die Szene ist heute bei weitem nicht mehr so anonym und so auf anders als die anderen getrimmt wie noch vor 100 Jahren, und die Tendenz sich aus einer kollektiven Abgrenzung heraus zu identifizieren hat auch nachgelassen, ebenso wie der Rollenzwang.

    Wissen Sie, die Entwicklung der Szene ist mir herzlich egal. Es geht mir erst mal darum, wie die Gesellschaft als solche strukturiert ist. Ob das Bedürfnis nach Identität unter Schwulen nachgelassen hat, besitzt überhaupt keine Relevanz für diese Frage. Gemessen an sozialstatistischen Daten hat das Bedürfnis nach eindeutiger Identifizierung in der Mehrheitsgesellschaft jedenfalls rapide zugenommen. Gaben 1970 noch 18% der 16–18-jährigen Jungen an, gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen gemacht zu haben, waren es 20 Jahre später nur noch zwei Prozent. Das deutet nicht gerade darauf hin, dass sexuelle Identitätskategorien durchlässiger geworden seien. Im Gegenteil: die Sache wird ihrem Begriff immer gerechter!

    Was das Wohlbefinden jener restlichen zwei Prozent angeht, widersprechen die Selbstmordstatistiken ein wenig Ihrem Bild der „Schönen Schwulen Welt“ (Hinzpeter):

    62,5 % all jener Befragten, die einen Selbstmord versucht haben, sind homo- oder bisexuell. Das ergibt unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Teilgruppen eine fast 14 Mal höhere Häufigkeit von Selbstmordversuchen bei Schwulen als bei Heteromännern. (C. Bagley, P. Tremblay 1997).

    Die lebenslange Häufigkeit eines Selbstmordversuchs ist bei schwulen und bisexuellen Männern mit 19,3 % 5,4 Mal so groß wie bei Heteromännern (3,6 %). […] Was wiederkehrende schwere Depressionen betrifft, sind Schwule 3,5 Mal so häufig betroffen. (S. Cochran, V. Mays 2000).

    Mit 95 %-iger Wahrscheinlichkeit kann gefolgert werden, dass homo- und bisexuelle Jugendliche 6,2 Mal häufiger einen Selbstmordversuch begehen als heterosexuelle. (D.M. Fergusson, L.J. Horwood, A.L. Beautrais 1999).

    usw. usf.

    Sie schreiben weiter:

    Es mag ja sein, dass wir unter den gegebenen Umständen alle bis zu einem bestimmten Maß sexuelle “Charaktermasken” mit einer hellen und einer dunklen Seite sind…

    Ich weiß nicht, ob Sie mich richtig verstanden haben. „Charaktermaske“ ist ein Begriff von Marx, der aussagen sollte, dass es falsch wäre, die „Kapitalisten“ persönlich für ihr Tun verantwortlich zu machen, während sie in Wirklichkeit nur einer Funktion nachgehen, die in der gesellschaftlichen Struktur selbst angelegt ist. Adorno hat ihn deshalb als Synoym zum Begriff der „sozialen Rolle“ gebraucht. Mehr meinte ich damit nicht. Ich wollte keine Moral aufmachen, wie man sich korrekt verhält, sondern lediglich darauf verweisen, dass auch „der Homosexuelle“ lediglich eine vordefinierte Stelle im gesellschaftlichen Gefüge besetzt, bei der es auf sein konkretes Verhalten gar nicht ankommt. Gerade deshalb interessiere ich mich so wenig dafür, wie es in der schwulen Subkultur nun tatsächlich zugeht. Sie mögen sich da sauwohl fühlen oder an der „Anonymität der sozialen Beziehungen“ Anstoß nehmen — aber wen schert das schon? Zunächst einmal ist ein Zustand zu beschreiben, wie er ist. Und wenn Sie sich dann hinterher gute Gründe dafür ausdenken, dass es so sein muss, ist das Ihre Sache.

  16. Gravatar Icon 16 Phaidros Threepwood 12. Juli 2005 um 17:46 Uhr

    Wenn sie sagen meine Kritik an Ihrem Kulturpessimismus verwechsele Ursache und Wirkung, dann räumen Sie also ein dass die schwule Subkultur nicht bloß ein „Mechanismus der sozialen Kontrolle“ ist, sondern zuallerest eine Antwort von realen Menschen auf ihre Situation? Oder ziehen Sie sich auf den aristokratischen Standesdünkel eines Eulenburg zurück, dem jede „vordefinierte Stelle im gesellschaftlichen Gefüge“ unheimlich erscheint, und belieben über den „Zeitläuften“ zu schweben wie der Geist über dem Wasser?

    Im ersten Fall können wir vielleicht zu der Feststellung gelangen, dass das Problem der schwulen Subkultur, von der Sie sich so vehement distanzieren, erst dann zum Tragen kommt, wenn diese sich selbst nicht mehr als lose Zweckgemeinschaft sieht sondern als feste Parallelgesellschaft. Aber das ist nicht neu, davor dass sich allzu bündische Subkulturen bei einer Verschiebung der umgebenden Machtverhältnisse allzuschnell in Gefängnisse verwandeln können warnt mittlerweile sogar der Papst. Rührt Ihre Ablehnung der schwulen Subkultur also womöglich daher, dass Sie diese vom Gipfel ihres „Freundesliebe“-Idealismus aus als rivalisierenden Männerbund wahrnehmen? Aber wie vereinbaren Sie es dann miteinander, sowohl die Subkultur als vom Gesellschaftsganzen kontaminiert zu verwerfen, als auch das Gesellschaftsganze der Subkultur vorzuziehen?

    Meine Kritik zielt keinesweg gegen die Romantik, es geht mir nicht darum jemandem seinen persönlichen Schwarm bzw. Fantasie zu nehmen, wozu auch? Das Problem des bündischen Prinzips kommt immer erst dann zum Tragen, wenn die Romantik (bzw. deren dunkle Seite, der Sadomasochismus) nicht mehr auf eine andere Person orientiert ist, sondern stattdessen als Leitprinzip eines Kollektivs propagiert wird. Mit dem Begriff der „Freundesliebe“ kann ich zwar persönlich recht wenig anfangen, da Liebe etwas Monogames ist, das über die spontane Lust oder die Zuneigung zu Freunden emotional hinausgeht. Aber jedem sein eigener Traum, selbst Gerhard Schröder soll ja sein Männerfreundschafts-Ideal ausleben können. Meine Kritik zielt an dieser Stelle ausschließlich auf die Kollektivierung der persönlichen romantischen Fantasie zur bündischen Ideologie.

    Wenn Sie jedoch Ihr Freundesliebe-Ideal explizit auch sexuell verstanden wissen wollen, dann gehen Sie von einer privaten Ideenwelt aus statt von der historischen Realität. Die Schwulenbewegung des 20. Jahrhunderts befand sich in einem dauernden Widerspruch zwischen fundamentalistischen Ansätzen, die darauf zielten die abwertenden Begriffe umzuwerten, und integrationistischen die sich ihnen durch Selbstumbenennung zu entziehen versuchten. Diejenigen Gruppen im Wandervogel der Weimarzeit und in der Homophilenbewegung der Bundesrepublik, die Freundesliebe anstelle von Homosexualität bzw. später Homoeroten anstelle von Schwulen propagierten, konnten dies immer nur in einem diskursiven Kuhhandel verwirklichen, indem sie versuchten gesellschaftliche Anerkennung gegen ihr kollektives Schweigen über den Sex einzutauschen. Der gegenwärtige da-Vinci-Hype ist dagegen sehr viel neueren Datums, und was für Italien die Mona Lisa und die Renaissance war, war für Deutschland die Gutenberg-Bibel und die Reformation.

    Ich sehe keinen Zweck darin, es an dieser Stelle bei einem Verweise auf das Christentum als Sündenbock zu belassen, als wäre damit die Leibfeindschaft erst in die Welt gekommen. Der Mangel an einem positiven kulturuniversellen Begriff für das schwule Begehren ist schließlich kein europäischer Sonderweg der erst mit der Christianisierung oder der Reformation eingeschlagen wurde, sondern ein Überbleibsel des universalen barbarischen Naturzustands. Selbst das antike Griechenland hatte keinen solchen Begriff. In der einen oder anderen Kultur, in der das bündische Prinzip heute noch einen höheren Stellenwert einnimt, mag es zwar sehr viel stärkere Fetische geben als in Europa, aber dafür eben auch noch weniger Möglichkeiten bewußt über die „Sodomie“ zu sprechen. Lesen Sie selbst nach, der biblische Bericht von der Rettung Lots aus Sodom (Gen 19) handelt nicht von schwulem Sex sondern von versuchter Vergewaltigung – um im Kontext der Zerstörung Sodoms ausdrücklich von konsensuellem schwulem Sex zu lesen muss man schon den Koran aufschlagen (Sura 7:80).

    Die sprachliche Gleichsetzung von Sexualität mit Sünde, die das Christentum vorauseilend vornimmt, kann jedoch nur solange greifen wie die ursprüngliche Sprachlosigkeit über den Sex weiterbesteht. In dem Maße wie sich durch die schwule Subkultur soziale Rollen ausprägen, die dem einzelnen den Zugang zur Sexualität über den abgesicherten Weg der Vereinbarungsethik eröffnen, wird der Generalverdacht der Sünde gegenstandslos. Es ist allerdings eine Projektion zu glauben, dass es in solchen Rollen auf das konkrete Verhalten des einzelnen nicht mehr ankäme – ganz im Gegenteil, eine Rolle ist bei weitem noch keine Identität, und Eheringe allein machen das Barebacking noch nicht sicher, das wird es erst wenn man sich auch gegenseitig an die Monogamie hält. Wenn man in festgelegte Rollen einsteigt, wird die persönliche Verantwortung nicht suspendiert sondern in den Rahmen einer Vereinbarungsethik gestellt. Kurz gesagt, daß „die Sache ihrem Begriff immer gerechter [wird]“ ist gut und nicht schlecht. Sie führen ja selbst Statistiken an dass dank der Einflüsse der Subkultur und ihrer Rollenmodelle Jugendliche bereits in den 1990er Jahren ihre sexuelle Orientierung schneller und mit sehr viel weniger Experimenten und psychiatrischen Komplikationen herausfinden konnten als noch vor einer Generation.

  17. Gravatar Icon 17 lysis 12. Juli 2005 um 21:11 Uhr

    Da geht es jetzt aber drunter und drüber mit den Unterstellungen! Ich kann Ihnen daher nur Stück um Stück antworten. Fangen wir an:

    Wenn sie sagen meine Kritik an Ihrem Kulturpessimismus verwechsele Ursache und Wirkung, dann räumen Sie also ein dass die schwule Subkultur nicht bloß ein “Mechanismus der sozialen Kontrolle” ist, sondern zuallerest eine Antwort von realen Menschen auf ihre Situation?

    Dass die schwule Subkultur ein Mechanismus der sozialen Kontrolle wäre, hab ich nie geschrieben. Diese Aussage entstammt ihrer höchsteigenen Phantasie. Ich schrieb, dass der Begriff der Homosexualität als „Zuschreibung einer wesenhaften, sich in der Biologie gründenden und an der Anatomie ablesbaren ‚Andersartigkeit‘“ sich als „wirksames Mittel der sozialen Kontrolle“ erwiesen habe. Es macht wirklich keinen Spaß, wenn Sie sich zum Zweck der Denunziation Dinge frei zusammenreimen anstatt auf das einzugehen, was ich tatsächlich gesagt habe! Wenn Sie so weitermachen, können Sie mit sich selber weiterdiskutieren. Auch waren Sie es, der eine kulturpessimistische Klage über die angeblich verdinglichten Beziehungen in der schwulen Subkultur angestimmt hat („sexuelle Charaktermasken“ usw.). So eine moralische Jammertirade über die „Entfremdung“ und „Kommerzialisierung“ der Umgangsweisen, die Männer dort untereinander pflegen, interessiert mich überhaupt nicht. Ich hab Ihnen das eigentlich auch ganz deutlich zu verstehen gegeben! Ebenso klar hab ich Ihnen gesagt, dass es mir, als ich den Begriff der „Freundesliebe“ einführte, nicht darum ging, der schwulen Subkultur etwas „Authentisches“ entgegenzustellen, d.h. einen von Schwärmerei und Romantik geprägten Gegenbegriff. Wenn Sie diese Klarstellung ignorieren, weil es Ihnen auf Diffamierung ankommt, dann sehe ich keinen Sinn mehr, mich noch länger mit Ihnen zu beharken.

    Oder ziehen Sie sich auf den aristokratischen Standesdünkel eines Eulenburg zurück, dem jede “vordefinierte Stelle im gesellschaftlichen Gefüge” unheimlich erscheint, und belieben über den “Zeitläuften” zu schweben wie der Geist über dem Wasser?

    Was für ein seltsames Argument haben Sie denn hier am Laufen? Sie tun so, als propagierte ich eine individuelle Lebensführung, eine Art aristokratischen Ethos! Dabei merken Sie gar nicht, dass es mir um eine Kritik an gesellschaftlichen Formbegriffen wie dem der sexuellen Identität geht. Ein bisschen habe ich den Verdacht, dass Sie über Ihrer antifaschistischen Arbeit das Denken verlernt haben. Sie gehen gar nicht auf Argumente ein, weil offenbar das einzige Argument, das Sie kennen, der Vorwurf ist, mit den Rechten im Bund zu stehen.

    Zum anderen später mehr…

  18. Gravatar Icon 18 lysis 12. Juli 2005 um 21:41 Uhr

    Im ersten Fall können wir vielleicht zu der Feststellung gelangen, dass das Problem der schwulen Subkultur, von der Sie sich so vehement distanzieren, erst dann zum Tragen kommt, wenn diese sich selbst nicht mehr als lose Zweckgemeinschaft sieht sondern als feste Parallelgesellschaft. Aber das ist nicht neu, davor dass sich allzu bündische Subkulturen bei einer Verschiebung der umgebenden Machtverhältnisse allzuschnell in Gefängnisse verwandeln können warnt mittlerweile sogar der Papst.

    Mein Lieber, zum letzten Mal: ich habe mich von der schwulen Subkultur nie distanziert, geschweige denn vehement! Ich wüsste auch gar nicht warum. Über die Warnung, dass sich diese in eine „Parallelgesellschaft“ entwickeln könne (der antiislamische Furor tropft Ihnen ja mittlerweile förmlich aus dem Mund!), kann ich nur lachen! Die schwule Subkultur war von Anfang an nie etwas anderes als eine Parallelgesellschaft, mit eigenen Geschlechterrollen, eigenen Verhaltensweisen und eigenem Jargon. Das kann man sehr schön in Rictor Nortons empfehlenswertem Buch Mother Clap’s Molly House nachlesen, das ich rechts in meiner Bücherliste verlinkt habe. Man muss schon über eine extrem volksgemeinschaftliche Gesinnung verfügen (so, jetzt geh ich mal zu den Kampfvokabeln über!), wenn man es nicht dulden kann, dass Leute in einem Land verschieden sind. Übrigens hat der frühbürgerliche Staat die Molly Houses schon damals in einer Weise bekämpft, wie es Ihnen heute offenbar mit dem „Neuköllner Ghetto“ vorschwebt. Ein „Gefängnis“ waren die Molly Houses nie. Es waren Schutzorte, an denen man die Maske ablegen und sich über die heterosexistischen Normen der Mehrheitsgesellschaft lustig machen konnte. Und auch heute ist die schwule Subkultur der Ort, an dem sich gleichgeschlechtlicher Sex am einfachsten konsumieren lässt. Was ist denn bitteschön daran zu kritisieren? Man muss schon ein Kulturpessimist sein wie Sie, wenn man daran etwas auszusetzen hat! Ihre Warnung vor „bündischen“ Strukturen in der schwulen Szene halte ich für nachgerade komisch. Sie sehen die faschistischen Männerbünde, vor denen Sie warnen, wohl mittlerweile überall!? Sogar unter einer Handvoll Tunten.

  19. Gravatar Icon 19 lysis 12. Juli 2005 um 21:56 Uhr

    Rührt Ihre Ablehnung der schwulen Subkultur also womöglich daher, dass Sie diese vom Gipfel ihres “Freundesliebe”-Idealismus aus als rivalisierenden Männerbund wahrnehmen?

    *lol* Überall nur Männerbünde! Wir sind umstellt! „Homosexualität als gesellschaftliche Kultur des Autoritären“ — Sie sind der homophoben Hetze von Kunstreich ja voll auf den Leim gegangen. Mein Beileid!

  20. Gravatar Icon 20 lysis 13. Juli 2005 um 0:04 Uhr

    Kurze Notiz zu Ihrem Verfahren:

    Kurz gesagt, daß “die Sache ihrem Begriff immer gerechter [wird]” ist gut und nicht schlecht. Sie führen ja selbst Statistiken an dass dank der Einflüsse der Subkultur und ihrer Rollenmodelle Jugendliche bereits in den 1990er Jahren ihre sexuelle Orientierung schneller und mit sehr viel weniger Experimenten und psychiatrischen Komplikationen herausfinden konnten als noch vor einer Generation.

    Sie wollen eine Sache gar nicht erklären, sondern nach guten Gründen suchen, um sie zu rechtfertigen. Da wird dann das drastische Absinken der Rate von gleichgeschlechtlichem Sex in der Mehrheitsbevölkerung zum Zivilisationsfortschritt umgelogen, und die erschreckenden Selbstmordstatistiken unter lesbischen und schwulen Jugendlichen zum Beweis einer frühzeitigen Identitätsfindung. Das ist nur noch der unbedingte Wille zur Affirmation, begleitet von dem rassistischen Hochgefühl, sich den „primitiven“ Arabern einen Schritt voraus zu wissen. So geht bürgerliche Ideologie heute!

  21. Gravatar Icon 21 lysis 13. Juli 2005 um 3:28 Uhr

    Meine Kritik zielt keinesweg gegen die Romantik, es geht mir nicht darum jemandem seinen persönlichen Schwarm bzw. Fantasie zu nehmen, wozu auch? Das Problem des bündischen Prinzips kommt immer erst dann zum Tragen, wenn die Romantik (bzw. deren dunkle Seite, der Sadomasochismus) nicht mehr auf eine andere Person orientiert ist, sondern stattdessen als Leitprinzip eines Kollektivs propagiert wird. Mit dem Begriff der “Freundesliebe” kann ich zwar persönlich recht wenig anfangen, da Liebe etwas Monogames ist, das über die spontane Lust oder die Zuneigung zu Freunden emotional hinausgeht. Aber jedem sein eigener Traum, selbst Gerhard Schröder soll ja sein Männerfreundschafts-Ideal ausleben können. Meine Kritik zielt an dieser Stelle ausschließlich auf die Kollektivierung der persönlichen romantischen Fantasie zur bündischen Ideologie.

    Ich glaub, ich werd jetzt langsam echt fuchtig! Sie sind überhaupt nicht in der Lage, jemandem zuzuhören, ohne bei jedem Wort, das Ihnen nicht gefällt, den Antifa-Motor anzuwerfen, alles, was man gesagt hat, zu verdrehen und in einen Zusammenhang zu stellen, der frei erfunden ist! Ich habe nicht propagiert, ab jetzt von Freundesliebe statt von Homosexualität zu sprechen. Aber „Freundschaft“ ist der Begriff, mit denen Personen des gleichen Geschlechts ihre Liebesbeziehungen charakterisiert haben, bevor sie von der Sexualwissenschaft als „Homosexuelle“ konstruiert wurden. Insofern ist der Begriff, der in der Weimarer Schwulenbewegung geprägt wurde — der der „Freundesliebe“ — eine Reminiszenz an eine Zeit, in der sie in der Öffentlichkeit noch nicht als abartige Monster dargestellt wurden, weil sich ihr Begehren auf eine Person des gleichen Geschlechts richtete. Sie werden auch Begriffe für ihren Sex gehabt haben. In der frühen Neuzeit nannte man es beispielsweise „florentzen“, wenn einer den andern in den Arsch gefickt hat. Dass Sie, wenn jemand die Begriffe „Liebe“ und „Freundschaft“ gebraucht, gleich so abgehen und von der deutschen Romantik eine Linie bis zu den Freicorps-Soldaten der Weimarer Republik ziehen — finden Sie das nicht selber etwas an den Haaren herbeigezogen? Da geht Ihre Antifa-Phantasie mal wieder mit Ihnen durch!

    Wenn Sie jedoch Ihr Freundesliebe-Ideal explizit auch sexuell verstanden wissen wollen, dann gehen Sie von einer privaten Ideenwelt aus statt von der historischen Realität. Die Schwulenbewegung des 20. Jahrhunderts befand sich in einem dauernden Widerspruch zwischen fundamentalistischen Ansätzen, die darauf zielten die abwertenden Begriffe umzuwerten, und integrationistischen die sich ihnen durch Selbstumbenennung zu entziehen versuchten.

    Das ist ein absoluter Unsinn! Der Versuch einer „Umwertung von Begriffen“ ist ein Spezifikum der zweiten deutschen Schwulenbewegung. Die US-amerikanische „Schwulenbewegung“ hat stattdessen den Begriff Gay gebraucht — also gerade darauf verzichtet, das Schimpfwort Queer in Besitz zu nehmen. Auch in der Weimarer „Schwulenbewegung“ gab es keinerlei politische Versuche, Schimpfwörter als Selbstbezeichnungen zu adaptieren. Sie verallgemeinern den deutschen Sonderweg, der in den 70er Jahren in der BRD eingeschlagen wurde, zu einer internationalen Strategie der Gay Liberation Movement des 20. Jahrhunderts, was einfach schon auf der Faktenebene nicht stimmt. Und bevor sie mit weiteren Unterstellungen kommen: nein, das sehe ich nicht als den Fehler der „Schwulenbewegung“ an, zumal das ja auch nur ein deutsches Charakteristikum ist. Der Fehler liegt in Wirklichkeit viel tiefer. Wo genau, das möchte ich mit Ihnen nicht mehr diskutieren — denn auf Ihren Diskussionsstil, der mit blödsinnigen Unterstellungen arbeitet, hab ich nun wirklich keinen Bock!

    [Übrigens wenn Sie jemandem vorwerfen wollen, dass er die schwule Subkultur öffentlich denunziert hätte, dann sind sie bei Dannecker und Praunheim genau an der richtigen Adresse. Davon können Sie sich gerne selbst überzeugen, indem Sie sich mal den Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der lebt“ im Videodrom ausleihen. Praunheim bekam nach der Fernsehausstrahlung für solche Sätze wie: „Schmeißt die schwulen Bumsläden zusammen!“ in der Subkultur sogar eins auf die Fresse. Und verdenken kann ich’s den Leuten irgendwie nicht, dass sie ihre „Bumsläden“ lieber behalten wollten, als mit Praunheim in den 24/7-Männerbund namens Schwulenbewegung einzusteigen.]

  22. Gravatar Icon 22 lysis 13. Juli 2005 um 5:09 Uhr

    Ich sehe keinen Zweck darin, es an dieser Stelle bei einem Verweise auf das Christentum als Sündenbock zu belassen, als wäre damit die Leibfeindschaft erst in die Welt gekommen.

    Ach, wo denken Sie hin! Die Leibfeindschaft ist doch kein Charakteristikum des Christentums, sondern „ein Überbleibsel des universalen barbarischen Naturzustands“, der durch Rosa von Praunheim überwunden wurde! *lol*

    Der Mangel an einem positiven kulturuniversellen Begriff für das schwule Begehren ist schließlich kein europäischer Sonderweg der erst mit der Christianisierung oder der Reformation eingeschlagen wurde, sondern ein Überbleibsel des universalen barbarischen Naturzustands. Selbst das antike Griechenland hatte keinen solchen Begriff.

    Das Griechische hat eine ganze Reihe von Begriffen, mit denen das Begehren zwischen Personen männlichen Geschlechts sowie deren Liebesbeziehungen benannt werden konnten: éros, philía, adelphía. Was stört Sie denn daran? Dass sie nicht ausschließlich für mann-männliche Beziehungen verwandt wurden? (Stimmt, im Symposion sagt einer der Redner, man dürfe nicht vergessen, dass es éros ja auch zwischen Mann und Frau gebe!) Wo liegt denn eigentlich Ihr Problem? Haben Sie Angst davor, Ihre Identität zu verlieren, wenn es keine Sondersprache mehr gibt, die Sie als Mitglied einer speziellen Menschenklasse ausweist?

    In der einen oder anderen Kultur, in der das bündische Prinzip heute noch einen höheren Stellenwert einnimt, mag es zwar sehr viel stärkere Fetische geben als in Europa, aber dafür eben auch noch weniger Möglichkeiten bewußt über die “Sodomie” zu sprechen.

    Ach, glauben Sie mir: auch diese Sprachen haben Worte fürs Ficken. Das ist kein europäisches Monopol. Aus einer arabischen Komödie:

    How big your thing is! Slowly, slowly! Ouch!
    Be content with it outside! Not inside!
    Let it rub against the hair,
    Or put it in the gap,
    But don‘t tear up my anus with it!

    Nein, aber die Araber haben in Ihrer Sprache gar keine Möglichkeit, über Sex zwischen Männern zu sprechen. Die haben dafür gar keine Begriffe! Neinnein, da gibt es das Wort „schwul“ doch gar nicht.

    Wie rassistisch verdreht muss man eigentlich sein, um so etwas zu glauben? Wie viele Seiten Bahamas muss man gelesen haben, um so einen Müll daher zu reden?

    Lesen Sie selbst nach, der biblische Bericht von der Rettung Lots aus Sodom (Gen 19) handelt nicht von schwulem Sex sondern von versuchter Vergewaltigung – um im Kontext der Zerstörung Sodoms ausdrücklich von konsensuellem schwulem Sex zu lesen muss man schon den Koran aufschlagen (Sura 7:80).

    „Schläft einer mit einem Mann, wie man mit einer Frau schläft, dann haben sie eine Gräueltat begangen; beide werden mit dem Tod bestraft; ihr Blut soll auf sie kommen.“ (Levitikus 20:13). So einen Vers gibt es übrigens im Koran nicht.

    Sie sollten übrigens soviel von Ihrer Taufreligion wissen, dass das Christentum seinem „heiligen Buch“ einen weit geringeren Stellenwert zuordnet als Judentum und Islam. Insbesondere der Katholizismus hält die theologische Tradition für wichtiger als den Buchstaben der Schrift, der von Laien ja auch gar nicht ausgelegt werden darf. Was Sodom und Gomorrha angeht, so hat im Wesentlichen Augustinus die Legende begründet, deren Vernichtung sei die Strafe für den „widernatürlichen Verkehr“ unter ihren Einwohnern. Die jüdische Tradition bringt sie ausschließlich mit der Verletzung der Gastfreundschaft und anderen nicht-sexuellen Sünden in Verbindung. Erst der Judas-Brief im Neuen Testament sexualisiert die Geschichte und spricht warnend von der „Wollust“ der Sodomiter und der Tatsache, dass sie „anderem Fleisch“ nachliefen. Als Hauptwort wurde „die Sodomie“ im 11. Jahrhundert geprägt. Urheber ist Petrus Damianus, der dieses Wort in einer kirchlichen Streitschrift erfand: dem Liber Gommorrhianus. Es handelt sich um eine grammatische Parallelkonstruktion zum Wort „Blasphemie“: „Wenn Blasphemie die schlimmste Sünde ist, weiß ich nicht, auf welche Weise Sodomie besser sein sollte.“ Damianus teilt die Sodomie in vier „Spezies“ ein: Selbstbefleckung, mutuelle Masturbation, Verkehr zwischen den Schenkeln und Coitus in terga — der Verkehr von hinten. Das kanonische Recht sieht die ersten drei Spezies lediglich als „Sünden der Sinne“ an, die als solche keiner Bestrafung bedürfen. Die vierte Spezies jedoch wird in den meisten Ländern ungefähr seit dem 12. Jahrhundert, in der Rechtspraxis etwa seit dem 15. Jahrhundert mit der Verbrennung auf dem Scheiterhaufen bedroht. Im Heiligen Römischen Reich liegt die Häufigkeit der Todesurteile wegen Sodomie unterhalb derer für Mord, in England findet die erste Hinrichtung im Jahr 1631 statt, gefolgt von einer großen Exekutionswelle im 18. Jahrhundert — dem Zeitalter der Aufklärung.

    Sie sehen: es ist überflüssig, mich über religionshistorische Zusammenhänge zu belehren, über die ich weit besser bescheid weiß als Sie!

    Die sprachliche Gleichsetzung von Sexualität mit Sünde, die das Christentum vorauseilend vornimmt, kann jedoch nur solange greifen wie die ursprüngliche Sprachlosigkeit über den Sex weiterbesteht.

    „Ursprüngliche Sprachlosigkeit“ — meine Fresse, woran Sie alles glauben!

  23. Gravatar Icon 23 Phaidros Threepwood 13. Juli 2005 um 18:37 Uhr

    Bitte, rhetorische Retourkutschen fahren nirgendwohin, auch dann nicht wenn Sie sich noch so sehr von mir oder der Bahamas „umstellt“ fühlen. Und mir eine Obsession im Hinblick auf den Nationalsozialismus unterstellen zu wollen, nur weil wir uns in einer Diskussion begegenen, die sich um diese historische Epoche dreht, ist nun wirklich… Godwins Law. In diesem Thread geht es um die Ideen von Klaus Mann, warum wundern sie sich darüber dass ich immer wieder zum Thema zurückkomme und von irgendwelchen lechts/rinks-Spielereien nichts wissen will? Wenn Sie lieber über Rosa von Praunheim oder Lawrence von Arabien diskutieren wollen, dann verfassen Sie doch einfach ein neues Posting dazu und ich steige dann dort in die Diskussion ein oder auch nicht.

    Wahrscheinlich aber eher nicht, da ich diesen Thread aufgeschlagen habe, weil ich das Verhältnis von Klaus Mann und Hans Blüher besser verstehen will, und eigentlich schon Ihren Exkurs zu Mary McIntosh und Michel Foucault als Themaverfehlung ansah. Aber da Sie dieses Ausweichmanöver vornahmen, um eine alternative Hypothese vorzutragen warum Klaus Theweleit aus den falschen Gründen zu der richtigen Schlußfolgerung gelangt ist, sind wir schließlich doch von unserem Thema aus dorthin gelangt. Wenn jetzt Klaus Mann und seine Zeitgenossen Sie nicht mehr weiter interessieren als bis zu der Feststellung „sie werden auch Begriffe für ihren Sex gehabt haben“, nun gut, dann haben wir also den Rahmen des an Verständigung möglichen ausgeschöpft.

    Die Quelle all der Irritationen und Projektionen in unserem kleinen Exkurs über die schwule Subkultur und den Kulturpessimismus scheint mir weniger in unserem jeweiligen persönlichen Umgang damit zu liegen als in dem abstrusen Versuch, Homosexualität losgelöst von der damit benannten individuellen Lebensführung als bloßen „Begriff“ auzufassen, der seinem Gegenstand womöglich fälschlicherweise „zugeschrieben“ worden sei. Das ist eine postmodernistische Illusion die nur dazu führen kann, dass sich ein Diskurs ganz und gar von seinem Objekt löst und nur noch um begriffliche Pappkameraden dreht. An zentraler Stelle ihres Arguments ist dann auch zwecks entsprechend lautstarker Distinktion in der rhetorischen Form des Zitats von „Entfremdung“ und „Kommerzialisierung“, vom „Authentischen“ und den „Primitiven“ die Rede, und doch sind alle diese Worte nicht aus meinem Statement entnommen sondern so frei erfunden wie Ihr begleitend vorgetrages demonstratives Desinteresse.

    Wenn Sie die schwule Subkultur aber gar nicht praktisch, sondern bloß zwecks rhetorischer Spiegelfechterei zurückweisen, um mit dem „Begriff“ der Homosexualität unnötige Sprachspielereien gegen die – trotz all ihrer Sünden immerhin objektivistische! – „Sexualwissenschaft“ betreiben zu können, dann ist in der Tat nicht die Subkultur der eigentliche Gegenstand unserer Meinungsverschiedenheit, sondern der postmodernistische Aberglaube an die Transzendenz des eigenen Sprechortes. Wie soll ich denn ahnen können, dass sie aus dem leeren Raum heraus argumentieren? In diesem Fall können wir freilich die lokalen Besonderheiten in der Entwicklung der schwulen Subkultur beiseitelassen, auch wenn sie in Deutschland weiter zurückreichen als bloß bis zu den 1968ern; ja selbst wenn wir diese Diskussion in deutscher Sprache führen, und sogar das Ideal der „Freundesliebe“ als zusammengesetzes Substantiv schon grammatikalisch eine nationale Besonderheit ist, die etwa in dem englischen „love of friends“ keine annähernd kompakte begriffliche Entsprechung findet. Denn dann dreht sich diese Meinungsverschiedenheit nur noch darum, dass aus der postmodernistischen Projektion heraus alle sozialen Rollen als Vollzeit-Identitäten mit einer Sondersprache erscheinen, selbst wenn sie aus ganz und gar praktischen Gründen eingenommen werden, ohne irgendeine Fantasie mit anderen identisch sein zu wollen.

    Reagieren Sie bitte nicht mit demselben blöden Rassismusreflex wie Rosa von Praunheim auf Pim Fortuyn. Mit dem Begriff der Parallelgesellschaft geht es mir nicht darum, auf den aktuellen Streit um die Einwanderungspolitik anzuspielen (auch wenn mich der Terror in London genauso wütend macht wie Sie), sondern darum ein Selbstverständnis von kollektiver Differenz zu benennen, das sich selbst als parallel zu einer „Mehrheitsgesellschaft“ versteht. Am deutlichsten wird die Sache vielleicht am Unterschied zwischen Parallelgesellschaft und Subkultur: Die Parallelgesellschaft versteht sich als vom Gesellschaftsganzen autonom und sieht ihre Weiterexistenz ganz unabhängig von dessen Fortbestand, während sich die Subkultur als optionalen Unterbereich versteht, der nur weiterbestehen kann wenn auch die Weiterexistenz des Ganzen gesichert ist. An dem Punkt, wo Rosa von Praunheim die ideelle Gesamttunte als revolutionäres Vollzeitsubjekt in in Dienst nehmen wollte, hatte er also tatächlich die Grenze von der Subkultur zur Parallelgesellschaft überschritten, und Ihre Kritik am „24/7-Männerbund namens Schwulenbewegung“ trifft ganz und gar zu, selbst wenn eine solche Vorstellung manchmal eher komisch als bedrohlich erscheinen mag.

    Die Beispiele, die Sie aus dem antiken Griechenland oder dem postmodernen Islam anführen entspringen jedoch einem Mißverständnis. Ich habe nicht behauptet, in diesen Kulturen gebe es keinerlei Begriffe für das schwule Begehren, sondern vielmehr einen Mangel an einen „kulturuniversellen Begriff“ festgestellt, und auch das erst nachdem Sie selbst, meiner Meinung nach zu Recht, den Anspruch auf Kulturuniversalität überhaupt erst aufgestellt hatten. Sobald dieser Anspruch jedoch an das „christlich geprägte Europa“ angelegt wird, muß er auch an sich selbst angelegt werden, und in der Folge an alle anderen Kulturen. Ihre beiden Vergleichsbeispiele haben jedoch einen Mangel an gesellschaftlicher Freiheit gemeinsam, sei es in Form der körperlichen Sklaverei im antiken Griechenland oder der fehlenden Gewaltenteilung zwischen Staat und Religion im gegenwärtigen Islam.

    Zwar bieten auch diese Kulturen bestimmte Ansätze, über schwules Begehren zu reden, aber eben immer nur innerhalb der von den vordemokratischen Gesellschaftsformen vorgegebenen Identitäten und nicht kulturuniversell. Sie können das Vorhandensein solcher Identitäten daran erkennen, dass die soziale Rolle des passiven Schwulen, der sich in den Arsch ficken läßt, als Verstoß gegen einen seinerseits kulturuniversellen Ehrenkult definiert wird, ja diesem persönlich gewissermaßen als Verrat an der kollektiven männlichen Identität, am gesamtgellschaftlichen Fetisch ausgelegt wird, und dieser in die Abhängigkeit, ins Verborgene oder in die Vogelfreiheit gedrängt wird, obwohl er doch in dieser sexuellen Rolle nur sein kann, weil es einen ebenso schwulen Aktiven gibt der ihn fickt. Sie führen ja selbst ein Textbeispiel an, in dem die Ablehnung von passivem Analsex als „komisch“ zelebriert wird.

    Und was das Christentum betrifft, Levitikus verbietet strenggenommen auch die Pizza Frutta di Mare, aber niemand zwingt Sie zu glauben sein Verhaltenskodex wäre überhistorisch. Sicherlich ist es korrekt beobachtet, ja wäre es selbst ohne einzelne Propheten oder Kirchenlehrer und ihre jeweilige historische Situation anzuführen, dass die enorme konfessionelle Spannweite zwischen bibeltreuen Evangelikalen und traditionsorientierten Katholiken mehr emanzipatorische Perspektiven bietet als die stereotype Verehrung von Kultgegenständen in anderen Religionen, ebenso wie sie auf der anderen Seite auch eine stärkere Tendenz zur Verdrängung alles Unbewußten hervorbringt. Nur ändert das nichts daran dass der ursprünglichen (Freud hätte wohl formuliert: präödipalen) Sprachlosigkeit über die Sexualität immer erst durch die Herausbildung von kulturuniversalistischen Begriffen beizukommen ist, mit denen sich sexuelle Rollen frei aushandeln lassen.

  24. Gravatar Icon 24 lysis 13. Juli 2005 um 22:42 Uhr

    Es gehört schon eine gewisse Chuzpe dazu, den aus dem alten Preußen stammenden Begriff „schwul“ als kulturuniversell darzustellen und die Begriffe von Freundschaft und Liebe als kulturspezifisch. Aber mögen Sie glauben, was Sie wollen: ich werde die Diskussion hier abbrechen, weil mich ein allgemeines philosophisches Geplätscher über die Postmoderne nicht interessiert, und Sie, was soziologische und historische Zusammenhänge angeht, leider nicht über das nötige Wissen verfügen, um Thesen aufzustellen, die ich auch nur halbwegs ernst nehmen könnte. Für den Fall, dass Sie sich weiter zu dem Thema auslassen wollen, wäre es vielleicht hilfreich, wenn Sie erst einmal die wissenschaftliche Literatur konsultierten, damit Sie sich nicht länger auf der Ebene des Meinens, Glaubens und Dafürhaltens bewegen müssen. Es bringt aber weder mir noch Ihnen etwas, wenn wir uns hier Ihre idiosynkratischen Ideen über Männerbünde, über die „ursprüngliche Barbarei“ und die Kulturuniversalität westlicher Begriffe vornehmen, die mir in ihrer Anordnung völlig konfus erscheinen. Sammeln Sie erst einmal Ihre Gedanken, schreiben Sie einen Essay in der BAHAMAS dazu (die nehmen ja mittlerweile jeden Mist, solang er nur rassistisch ist), und ich erkläre Ihnen dann, wo Ihre Fehler liegen. Ich werde meine Zeit aber nicht länger in die Widerlegung eines privaten Weltbildes investieren, für das Sie noch nicht einmal eine einzige wissenschaftliche Reverenz vorzuweisen haben.

    Übrigens: was das Verhältnis der Begriffe Freundschaft und Liebe zum sexualwissenschaftlichen Konstrukt der „Homosexualität“ an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert angeht, kann ich Ihnen gleich zwei Bücher wärmstens empfehlen:

    • Jonathan Katz: Love Stories : Sex Between Men Before Homosexuality. University of Chicago Press, 2003
    • sowie den neuaufgelegten Klassiker von 1981:

    • Lilian Faderman: Surpassing the Love of Men : Romantic Friendship and Love Between Women from the Renaissance to the Present. Perennial, 1998.

    Begleitend wäre die Lektüre folgender Aufsätze anzuraten:

    • Robert K. Martin: Knights-Errant and Gothic Seducers: The Representation of Male Friendship in Mid-Nineteenth-Century America.
    • Martha Vicinus: Distance and Desire: English Boarding School Friendships, 1870-1920.
    • George Chauncey, Jr.: Christian Brotherhood or Sexual Perversion? Homosexual Identities and the Construction of Sexual Boundaries in the World War I Era.

    Allesamt in: Martin Duberman et al. (Ed.): Hidden From History : Reclaiming The Gay & Lesbian Past. Meridian, 1990.

    Wenn Sie das alles gelesen haben, können wir anfangen, auf der Basis des wissenschaftlichen Diskussionsstands weiterzudiskutieren, und müssen uns nicht an dem undurchdringlichen Gewebe von Vorurteilen und fixen Ideen entlang hangeln, das Sie sich im Laufe der Jahre zusammengeschustert haben.

  25. Gravatar Icon 25 Phaidros Threepwood 14. Juli 2005 um 12:09 Uhr

    So setzen Sie also an die Stelle der Gegenrede nichts weiter als die leere Pose einer Pseudowissenschaft, die für sich selbst objektive Autorität für sich in Anspruch nimmt obwohl Sie ihren Gegenstand immer nur als „Konstrukt“ zu erkennen vermag? Bitte, wenn Ihr Beharren, ein Diskussionspartner der nicht dieselben Bücher gelesen hat wie Sie bzw. deren Thesen nicht teilt sei Ihrer Aufmerksamkeit nicht würdig, keine Ersatzhandlung sein soll, warum kommen Sie damit erst jetzt an? Wenn Ihnen meine Argumente „konfus“ und „undurchdringlich“ vorkommen dann tragen Sie entweder zur Aufklärung bei oder lassen Sie’s – aber servieren Sie mir nicht Ihre persönliche Inszenierung der Legende vom Fuchs dem die Trauben sauer geworden sind. Sie haben selbst weiter oben auf den dialektischen Materialismus Bezug genommen, also tun Sie jetzt nicht so als wären Kategorien wie der barbarische Naturzustand und der westliche Universalismus nichts weiter als esoterisches Geplätscher ohne historische Quelle, nur weil sie die postmodernistische Methode von Grund auf in Frage stellen.

    „Idiosynkratisch“ mag eine treffende Charakterisierung für Ihr Privatideal der „Freundesliebe“ sein, aber daran ist nichts auszusetzen, denn in einer freien Gesellschaft verlangt niemand von sexuellen Fantasien dass sie kulturuniversell zu sein hätten. Gerade im Gegenteil, dort wo eine private sexuelle Fantasie zum gesamtgesellschaftlichen Fetisch wird ist’s mit der Freiheit bald zu Ende, auch mit der sexuellen; ob dieser Fetisch ein schwarzer Stiefel oder ein lila Kopftuch ist, ist dabei ganz gleich, denn die Ursache für die Entstehung der Ehrenkulte liegt nicht im Inhalt der jeweiligen Fantasie, sondern im Tatbestand ihrer Kollektivierung. Der Begriff der Männerbünde kann daher in seiner geschlechtlichen Spezifik irreführend sein, da haben Sie Recht, Frauen wissen schließlich genauso gut wie’s geht.

    Vielleicht braucht es tatsächlich etwas Chuzpe einen kulturuniversellen Begriff für das schwule Begehren einzufordern, der sowohl allgemein genug ist, alle sexuellen Rollenverteilungen gleichermaßen zu umfassen anstatt selbst von ihnen umfaßt zu werden, als auch spezifisch genug, seinen Anspruch auf Körperlichkeit offen anzumelden statt ihn hinter platonischen Anspielungen zu verbergen. Sie haben ja selbst darauf hingewiesen, dass es einen kulturuniversellen Begriff gegen das schwule Begehren bereits gibt, nämlich den der „Sodomie“, so dass jeder Rückschritt zu einem begrifflichen Partikularismus oder auch zur Sublimierung des Sexuellen in eine sprachliche Allusion eine Sackgasse ist, und die Flucht nach vorn in den Universalismus als einzige Option verbleibt. Da fragt sich nur, was soll daran verkehrt sein, wenn die Erben des Hegelschen Staatswesens heute ihren Flirt mit dem Weltgeist lieber in Form von CSD-Parade und Love-Parade vollziehen als wie noch zu Zeiten des preußischen Soldatenkönigs?

    PT, out

  26. Gravatar Icon 26 lysis 14. Juli 2005 um 14:12 Uhr

    Ach herrje! Die „Sodomie“ — eine Erfindung des 11. Jahrhunderts — ist „kulturuniversell“?

    Nunja, wir brauchen diese Begriffe vielleicht auch gar nicht zu klären. Denn an einer Fortsetzung der Diskussion scheinen weder Sie interessiert zu sein, noch bin ich es. Sie mögen sich zwar gewählt ausdrücken können, aber inhaltlich schaut es bei Ihnen wie bei Hempels unterm Sofa aus. Man kann’s aber leider auch nicht ordnen, weil Sie auf jedes Gegenargument mit äußerster Aggressivität und einem Schlagversuch unter die Gürtellinie reagieren.

  27. Gravatar Icon 27 Phaidros Threepwood 14. Juli 2005 um 15:51 Uhr

    Ach Herrje, nicht? „Kulturuniversell“ ist das was die Menschenrechtskommission meint, und wenn die nun mal größtenteils im Schatten des 11. Jahrhunderts lebt ---

  28. Gravatar Icon 28 lysis 14. Juli 2005 um 21:33 Uhr

    „Kulturuniversell“ bedeutet, dass ein Konzept in allen Kulturen existiert. Was Sie meinen, ist der „Universalismus“ eines logischen Arguments, der sich nicht mit dem Verweis auf seine kulturelle Herkunft abspeisen lässt.

    Auf die „Menschenrechte“ trifft keines von beiden zu: sie sind weder logisch noch kulturuniversell, sondern einfach nur eine falsche Form der Kritik.

  29. Gravatar Icon 29 Phaidros Threepwood 15. Juli 2005 um 13:15 Uhr

    Auf welchem Planeten leben Sie denn, wo Universalismus und Universalismus nicht dasselbe sind? Auf der Erde ist das Gremium, das in Fragen der Sexualmoral die letzten Entscheidungen innehat, die Menschenrechtskommission der Vereinten Nationen; und diejenige Doktrin, die für das Abstimmungverhalten der Mehrheit ihrer Mitglieder ausschlaggebend ist, ist kulturuniversell, ganz gleich ob Ihnen oder mir das gefällt oder nicht. Erzählen Sie doch mal Kofi Annan, seine Resolutionen seien „einfach nur eine falsche Form der Kritik“…

  30. Gravatar Icon 30 lysis 15. Juli 2005 um 18:44 Uhr

    Sie scheinen doch etwas schwerer von Begriff zu sein, als ich es annahm. Gerade habe ich Ihnen den Unterschied zwischen universell und universalistisch erklärt, und Sie schmeißen beide Begriffe trotzdem wild durcheinander! Also noch mal zum Mitschreiben: Kulturelle Universalien sind Phänomene, die sich in allen Kulturen nachweisen lassen, in der Sprache z.B. die Existenz von Nomen und Verben. Als universalistisch bezeichnet man es dagegen, wenn eine Idee, die historisch geworden ist, Anspruch auf allgemeine Geltung erhebt. Nicht nur die Menschenrechte sind dafür ein Beispiel, sondern auch das christliche Naturrecht, das dafür Pate stand.

    Hier zeigt sich übrigens ein zentraler Unterschied zwischen Judentum und Christentum: während die Gesetze des Judentums partikular sind — kein Jude erwartet von einem Nichtjuden, nach der Thora zu leben —, sind die Normen des Christentums universalistisch: sie fordern Anerkennung selbst noch von den Heiden. Deshalb hat z.B. Vasco de Balbao amerikanische Ureinwohner von seinen Hunden zerfleischen lassen: sie gingen der „Sünde wider die Natur“ nach, obwohl sie mit ihrem Verstand hätten erkennen müssen, dass es sich dabei um ein schweres Vergehen handelte. Und deshalb versuchten spanische Missionare verzweifelt, den Japanern die Augen über das „objektive“ Gräuel der Sodomie zu öffnen. Denn schließlich hatte Thomas von Aquin — nicht etwa auf der Basis der Bibel, sondern auf der der menschlichen Vernunft und Logik — bewiesen, warum der Sodomit sich mit seinem Handeln gegen die Natur vergeht und dadurch deren Schöpfer beleidigt!

    Ich erzähle das, um deutlich zu machen, warum es verkehrt ist, Herrschaftsverhältnisse anhand von „universalistischen“ Normen zu kritisieren. Denn der Wertehimmel einer jeden Gesellschaft ist ein Sammelsurium von ideologischen Denkformen. Das Recht auf Eigentum und das Recht auf Schutz von Ehe und Familie — beide in der UN-Menschenrechtscarta festgeschrieben — zeigen das mit aller Klarheit.

    Und trotzdem bin ich kein „Kulturrelativist“. Ich bin nämlich der Ansicht, dass man Herrschaftsverhältnisse auch ohne Bezugnahme auf Universalismen kritisieren kann. Der Maßstab hätte vielmehr allein der Schaden zu sein, den der einzelne an diesen Verhältnissen erfährt. Um die Leute aber in den Stand zu setzen, eine solche Kritik überhaupt zu formulieren, ist es unabdingbar, die herrschenden Zustände zu denaturalisieren, d.h. sie als historisch gewordene und damit auch in Zukunft veränderbare aufzuweisen.

    Gerade deshalb liegt mir so viel daran zu zeigen, dass Homophobie als eine die Realität organisierende Denkform nicht schon immer da war, sondern sich über verschiedene, durchaus nicht logisch aufeinanderfolgende Entwicklungsstufen ‚herausgemendelt‘ hat, bevor sie im 20. Jahrhundert ihren Siegeszug auch außerhalb des Westens antreten konnte. Das bedeutet keineswegs, vormoderne Zustände zu verklären. Es bedeutet aber, die kurrenten Herrschaftstechniken nicht als Überbleibsel einer „ursprünglichen Barbarei“, sondern als genuine Hervorbringungen der bürgerlichen Ära zu betrachten. Am Feudalismus kann man feudale Methoden der Menschenzurichtung kritisieren. Aber man sollte ihm nicht auch noch das in die Schuhe schieben, was man an der Gegenwart erleidet.

    Natürlich kann man sagen, dass die Entstehung der bürgerlichen Homophobie ohne den christlichen Sodomie-Diskurs nicht denkbar gewesen wäre (wie auch der Kapitalismus auf den historischen Spezifika der europäischen Feudalgesellschaft, etwa der Zersplitterung territorialer Herrschaft, aufbaut). Aber das ist trivial: Die Vergangenheit ist der Gegenwart immer logisch vorausgesetzt, aber diese folgt nicht notwendig auf jene. Das ist nur die Art, wie der Hegelianismus sich das Ganze denkt.

  31. Gravatar Icon 31 lysis 16. Juli 2005 um 9:49 Uhr

    Threepwood, vielleicht fühlen Sie sich ja da besser aufgehoben! *pieks* *lol*

  32. Gravatar Icon 32 Phaidros Threepwood 16. Juli 2005 um 19:59 Uhr

    Universalien sind Allgemeinbegriffe (im Gegensatz zu Namen); das was Sie „Universalien“ nennen sind Archetypen. Aber sei’s drum. Das Gewaltmonopol der Vereinten Nationen ist kulturübergreifend, der Universalismus ist dadurch eine materielle Tatsache, und wie jedes Werkzeug kann er zur Verwirklichung von guten oder von schlechten Zielen genutzt werden, je nachdem wie die Menschen sich entscheiden. Sie halten Sich ja selbst bei Ihrer rhetorischen Abstinenz vom Universalismus ein Hintertürchen offen, indem sie feststellen dass individueller „Schaden“ kulturübergreifend schlecht ist. Ein Utilitarismus, der auf den geringsten Schaden der geringsten Zahl abzielt, ist aber auch ein Universalismus, warum also nicht gleich so?

    Erst kritisieren Sie, „der Wertehimmel einer jeden Gesellschaft [sei] ein Sammelsurium von ideologischen Denkformen“, dann soll aber der europäische Kapitalismus in in seiner Stude Null aussergewöhnlicherweise einen jungfräulichen „Wertehimmel“ geerbt haben, an dem alles Falsche selbstgemacht ist. Es ist eben gerade umgekehrt: Nicht der Naturzustand der Barbarei, der die Zivilisationsvakuen ausfüllt wo sie sich auftun, sondern Ihre Theorie der „kapitalistisch gemendelten Homophobie“ ist eine „genuine Hervorbringung“ des Kapitalismus: Die dahinter stehende Vorstellung eines Foucaultschen Popanz, einer geheimnisvollen Macht der „Menschenzurichtung“, die mit Hilfe ihrer „Herrschaftstechniken“ über „die Leute“ das Schicksal der Welt in Händen hält, ist ein Versuch, den von der Physik schon lange zu Grabe getragenen Laplaceschen Dämon als soziologische Kategorie wiederzubeleben. Der Foucaultsche Popanz ist per definitionem ein Produkt des Kapitalismus, und aufgrund seiner Allmacht läßt sich alles auf ihn zurückführen, was ihn allmächtig macht, weswegen sich alles auf ihn zurückführen läßt, was ihn allmächtig macht, weswegen… die Gegenwart ist nicht mehr die Folge der Vergangenheit und die Voraussetzung der Zukunft, sondern ein in sich geschlossener Zirkel, aus dem nur die Bezugnahme auf den Universalismus herausführen kann.

  33. Gravatar Icon 33 ascetonym 16. Juli 2005 um 21:05 Uhr

    Das Gewaltmonopol der Vereinten Nationen ist kulturübergreifend, der Universalismus ist dadurch eine materielle Tatsache, und wie jedes Werkzeug kann er zur Verwirklichung von guten oder von schlechten Zielen genutzt werden, je nachdem wie die Menschen sich entscheiden.

    Die UN haben ein Gewaltmonopol? Bitte, was?

  34. Gravatar Icon 34 lysis 16. Juli 2005 um 21:38 Uhr

    Universalien sind Allgemeinbegriffe (im Gegensatz zu Namen); das was Sie “Universalien” nennen sind Archetypen.

    Also bitte! Kein Mensch bezeichnet Allgemeinbegriffe noch als Universalien. Man sagt dazu heute „Abstrakta“. Schließlich befinden wir uns nicht mehr im Mittelalter. Und Archetypen sind ein psychologisches Konzept von C. G. Jung. Der Begriff „kulturelle Universalie“ ist in seiner gebräuchlichen Verwendungsweise exakt das, was ich auszudrücken beliebe. Ich wüsste also nicht, warum ich meine Redeweise ändern sollte.

  35. Gravatar Icon 35 lysis 16. Juli 2005 um 22:28 Uhr

    Nicht der Naturzustand der Barbarei, der die Zivilisationsvakuen ausfüllt wo sie sich auftun, sondern Ihre Theorie der “kapitalistisch gemendelten Homophobie” ist eine “genuine Hervorbringung” des Kapitalismus: Die dahinter stehende Vorstellung eines Foucaultschen Popanz, einer geheimnisvollen Macht der “Menschenzurichtung”, die mit Hilfe ihrer “Herrschaftstechniken” über “die Leute” das Schicksal der Welt in Händen hält, ist ein Versuch, den von der Physik schon lange zu Grabe getragenen Laplaceschen Dämon als soziologische Kategorie wiederzubeleben.

    Ob Homophobie ein vorkapitalistisches Relikt ist oder eine moderne Denkform, ist keine philosophische, sondern eine empirische Frage, die sich völlig unabhängig davon klären lässt, was man von Monsieur Foucault hält. Die Klärung setzt voraus, den Begriff der Homophobie sinnvoll zu bestimmen und anschließend zu prüfen, ob seine Anwendung auf das überlieferte Quellenmaterial Sinn ergibt oder nicht. So postmodern wie Sie, dass ich glaubte, die Entscheidung dieser Frage hinge davon ab, welche Perspektive man bezieht, bin ich noch lange nicht!

    In den letzten Jahrzehnten sind zahllose historische Quellen gesichtet worden. Und leider komme ich nicht daran vorbei, Ihnen das Ergebnis einer unvereingenommen Prüfung sine studio et ira ins Gesicht zu sagen. Wenn es auch nur die Spur eines Zweifels gäbe: ich würde Ihnen meine Ansichten etwas vorsichtiger präsentieren. Es ist aber nun mal leider so, dass Sie, historisch gesehen, absoluten Bullshit erzählen und es unverantwortlich wäre, sich mit einem freundlichen: „Das ist Ihre Ansicht!“ zu bescheiden. Nein, Sie liegen komplett daneben, und ich bin nicht mehr bereit, mir diesen Wahnsinn noch länger anzuhören: es gibt sie nicht, diese „naturwüchsige“ Homophobie am „Boden“ der Menschheit.

    Schon die von Ihnen postulierte „barbarische Nullstufe“ der menschlichen Entwicklung, ist nichts als eine philosophische Konstruktion. Es handelt sich um den Effekt des hobbesianische Quidproquo, jener ideologischen Verkehrung, die einem fiktiven Urzustand zuschreibt, was Signum der Gegenwart ist. Es soll nämlich nicht herauskommen, dass die Barbarei nicht der Rückfall hinter die bürgerliche Gesellschaft, sondern vielmehr deren letzte Konsequenz ist. Bei Thomas Hobbes war es das vom bürgerlichen Staat in Kraft gesetzte Konkurrenzprinzip — der „Kampf aller gegen alle“, welcher einer mythischen Vergangenheit angelastet wurde. Bei Ihnen ist es die Homophobie, d.h. die durch die Konstruktion „des Schwulen“ bzw. „der Lesbe“ in Kraft gesetzte Angst vor gleichgeschlechtlicher Initimität.

    Das, was Sie als vormoderne Homophobie deuten mögen, folgt einer vollkommen anderen Logik. Schon allein die Art und Weise, wie die „Sodomie“ definiert war, zeigt es: nicht nur der Analverkehr zwischen Männern, auch der Analverkehr zwischen einem Mann und einer Frau, der Gebrauch von künstlichen Penetrationsobjekten sowie der Verkehr mit „Wesen anderer Art“ (neben Tieren auch Teufel und Dämonen, ja sogar Heiden) fielen darunter. Und Sie erinnern sich: Petrus Damianus ordnete auch die Selbstbefriedigung dort ein! Aber dass sich zwei Männer liebten, küssten, berührten, miteinander in einem Bett schliefen, sich über dem Altarstein die ewige Treue schworen, sich in einem gemeinsamen Grab bestatten ließen — all das hat das Mittelalter nicht nur als komplett selbstverständlich hingenommen, sondern in Gedichten, Balladen und Mönchs-Chroniken für die Nachwelt festgehalten. Ein Historiker, der von einer „mittelalterlichen Homophobie“ spräche, würde sich daher nur lächerlich machen. Und es gibt ja auch praktisch niemanden, der das tut.

    Im Übrigen war die Verfolgung der „Sodomie“ relativ uneffektiv, was die Beeinflussung von realen Verhaltensweisen betraf. Die Verfolgungsakten der Stadt Florenz aus der Zeit der italienischen Renaissance weisen darauf hin. Eine Stadt mit 40.000 Einwohnern, die heute aufgrund ihrer mangelnden Größe nicht in der Lage wäre, eine schwule Subkultur zu tragen, war damals für die Praktik der Sodomie derart verschrien, das man im Deutschen für den den mann-männlichen Beischlaf das Verb „florentzen“ prägte. Die von der Stadtregierung eingesetzte und ausschließlich für die Bekämpfung der Sodomie zuständige „Behörde der Nacht“ erfasste in ihren Listen während ihrer 70-jährigen Aktivität mehr als 18.000 Namen. Aufgrund der Masse der Fälle verhängte die Stadt bei Verurteilungen in der Regel nur noch Geldstrafen — was faktisch auf ein System der „Besteuerung“ der Sodomie hinauslief. Die Verhörprotokolle zeigen, mit welcher Selbstverständlichkeit vor allem die jungen florentinischen Männer diesem „Laster“ nachgingen. Es wäre daher ein Fehlschluss, die Internalisierung der christlichen Leibfeindschaft durch die Bevölkerung einfach umstandslos vorauszusetzen, wie Sie das ganz am Anfang dieses Threads getan haben.

  36. Gravatar Icon 36 Phaidros Threepwood 17. Juli 2005 um 11:33 Uhr

    Na, wenn sie jetzt sogar Thomas Hobbes bestreiten müssen, um die Vorstellung aufrechtzuerhalten, den barbarischen Naturzustand gebe es gar nicht außer als „Konsequenz“ ebenjener Zivilisation, die versucht sich an seine Stelle zu setzen, dann ist ja der Grunddissens benannt, und Sie brauchen sich gar nicht weiter aufzublasen. Ihr Verhältnis zur Zivilisation erinnert an den Mann in dem alten Witz, der daraus, dass der Regen durchs Dach kommt, schliesst draußen müsse es trockener sein.

    Handeln Sie bei Ihrem Rückzug vom Postmodernismus nicht allzu überstürzt: Dass die Homosexualität in die sprachlose Sphäre des Unbewußten verbannt war solange es noch keinen allgemeinen Begriff für das schwule Begehren gab, ist nichts neues. Sie betonen ja selbst, dass in der Vergangenheit die einzige Möglichkeit über Sex zu verhandeln in der vagen Anspielung auf Ortsnamen wie Sodom oder Florenz und die damit verbundenen Erzählungen bestand. Auf heute übertragen hieße das, auch bei der größtmöglichen Kameradschaftlichkeit unter Männern über schwulen Sex nur in Form von vagen Anspielungen auf San Francisco sprechen zu können.

    Sie mögen die alles durchdringende schwule Intimität der vormodernen Gesellschaften (oder auch der neueren Männerbünde) vielleicht für pornographisch attraktiv halten, tatsächlich ist sie aber eine Kompensation dafür, dass das sexuelle Begehren dort wo es keine Sprache hat bestenfalls heimlich und anonym Erfüllung finden kann. Wie gesagt, wenn der Moderne vorzuwerfen ist, sie habe mit der Homosexualität einen Allgemeinbegriff geschaffen, der die schwule Intimität denselben Angriffen aussetze wie die schwule Sexualität, dann ist auch dem Dach vorzuwerfen dass es draußen regnet.

  37. Gravatar Icon 37 lysis 17. Juli 2005 um 16:12 Uhr

    Wir drehen uns im Kreis. Bei Ihnen geht’s nach dem Prinzip: Glauben besiegt Wissen. Sie wissen nichts, aber glauben viel. Gegen Glaubensüberzeugungen, die sich als solche niemals einer Realitätsprüfung aussetzen, ist man ohnmächtig.

    Übrigens gehen mir Ihre vulgärpsychologischen Unterstellungen auf den Keks. Das können Sie mit jemand anderem abziehen. Ich jedenfalls habe die Schnauze von Ihrer Masche, die Argumente anderer Leute als Ausdruck eines persönlichen „Fetischs“ zu interpretieren, gestrichen voll und werde in diesem Thread keine weiteren Kommentare von Ihnen mehr freigeben.

    Suchen Sie sich ein anderes Betätigungsfeld!

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