Schuss in den Ofen

Mic Holmes von den „Freunden der offenen Gesellschaft“ hat sich wieder ausgelassen, diesmal über Foucault:

Michel Foucault hatte eine einfache Erklärung für die Existenz psychischer Krankheiten: die modernen Normierungsdiskurse haben sie produziert. Übersetzt man seinen Eingeweihtenjargon in eine einfache, leicht überprüfbare These, behauptet der Meisterdenker ziemlich genau dies: Mit den ersten professionellen Klassifizierungssytemen für psychische Störungen und delinquentes Verhalten kamen diese Probleme überhaupt erst in die Welt. Punkt. Da freut sich seine Antimodernistengemeinde. Marxisten wußten immer, daß die bürgerliche Gesellschaft das Verbrechen bekämpft, das sie selbst geschaffen hat. Postmodernisten ergänzen und verallgemeinern diese Weisheit: Ohne Zivilisation kein antizivilisatorisches Verhalten. Der Mensch des Mittelalters kannte weder Depressionen noch Schizophrenie. Der Beweis: Er hatte nicht mal ein Wort dafür! (Er nannte es Offenbarung oder Dämonengeflüster!)

Da fragt man sich schon, ob dieser Mensch auch nur einmal in das hineingeschaut hat, was er hier referiert. Schließlich doziert Michel Foucault in seinem Buch Wahnsinn und Gesellschaft lang und breit über den Umgang, den man einst mit den „Narren“ pflegte. Man ließ sie vor den Stadtmauern betteln gehen, sonderte sie ab und zahlte Schiffern Geld, damit sie sie an Bord nähmen und irgendwo, weit von der Stadt entfernt, einfach aussetzten (eine Praxis, auf die dann später das literarische Phantasma des „Narrenschiffs“ aufbaute). Keine Spur der Verklärung der Vergangenheit also, keine solche der Leugnung, dass es „Verrückte“ auch vor ihrer Klassifizierung durch die moderne Psychiatrie gegeben hat. Was Foucault vielmehr interessiert, ist der Übergang der Gesellschaft vom Ausschluss zum Einschluss, d.h. der von der Vertreibung der Narren hin zum Akt des Wegsperrens, der sich in den leergefegten Leprosorien der frühen Neuzeit ereignete. Der Begriffswandel vom Narren zum „Geisteskranken“ dokumentiert diesen historischen Prozess lediglich, er bringt ihn nicht hervor, wie Mic Holmes Foucault mal so eben unterstellt.

Allerdings sind die Klassifizierungssysteme, die schließlich im 19. Jahrhundert über die Wahnsinnigen gelegt werden, auch nicht einfach bloß Benennungen einer natürlichen „Ordnung der Dinge“, die man nun entdeckt zu haben glaubt. Es sind veritable Erfindungen — nicht in dem Sinne, wie Holmes meint, dass sie den närrischen Zustand des „Patienten“ erst verursachten, sondern darin, dass sie Einteilungen vornehmen, die sich keineswegs von selbst verstehen; ja die so vage sind, dass fast jeder, dem man „heute den DSM IV-Katalog für psychische Störungen zum Durchblättern“ gäbe, sein Kreuzchen wahrscheinlich gleich an mehreren Stellen machen würde. Genau dieses Szenario ist es, das Mic Holmes durchspielt, so als wolle er — aber er bemerkt es nicht einmal! — sein negatives Urteil über Foucault im zweiten Teil sang- und klanglos dementieren. Oder wie anders soll man die psychiatrische Diagnose von Pooh dem Bär deuten, die er uns am Ende seines kurzen Ergusses präsentiert?

‘… the hero of AA Milne’s 1926 children’s classic appears to be a healthy, well-adjusted bear; but on closer and more expert examination, Pooh turns out to suffer from attention deficit/hyperactivity disorder, binge eating, and borderline cognitive functioning (‚a bear of very little brain‘), to name just a few of his infirmities.
Pooh’s friends are similarly afflicted: Rabbit fits the profile of narcissistic personality syndrome; Owl is emotionally disturbed, which renders him dyslexic; and Piglet displays classic symptoms of generalised anxiety (a diagnosis that is admittedly difficult to dispute).

So viel hat der arme Mic von seiner Sozialisation durch Bahamas und ISF dann halt doch mitgenommen: Foucault ist unbedingt abzulehnen, auch ohne seine Aussagen jemals an der Sache geprüft zu haben; und zwar schon allein deshalb weil der Franzose sich konsequent weigerte, Geschichte hegelianisch als „Forschritt im Bewusstsein der Freiheit“ zu denken, sondern lieber daran ging, eine bitterschwarze Genealogie des modernen Subjekts zu schreiben. Eine solche allerdings — und das macht die Sache für die Kritiker so schwierig —, der man gerade nicht vorwerfen kann, mit einer reaktionären Romantisierung „der“ Vormoderne im Bunde zu stehen.


10 Antworten auf „Schuss in den Ofen“


  1. Gravatar Icon 1 Dorsch 01. August 2005 um 10:56 Uhr

    Ich bin nun kein Foucault-Experte, würde dem aber so erst einmal nicht widersprechen wollen.

    Ergänzend möchte ich noch einmal sagen, dass neben den von Dir aufgedeckten Fehlern auch seine herablassenden Anmerkungen über die These, dass die bürgerliche Gesellschaft haufenweise psychische Betreuungsfälle oder auch solche, strafrechtlicher Natur mit dem Argument „Früher gab’s ja auch solche psychischen Krankheiten“ gar nicht widerlegt ist. Ja, klar gab es früher psych. Leid, aber eben aus anderen Gründen. Ebenfalls wurde früher gestraft, aber auch aus anderen Gründen.

    Fakt ist doch tatsächlich, dass der Staat Verhältnisse herrichtet, nämlich eine knallharte Konkurrenz, die den Leuten einiges abverlangt und sie fertig macht, weil eben für abstrakten Reichtum gearbeitet und nur dafür Reproduktion stattfindet und eben nicht, wie es sein sollte umgekehrt: Man arbeitet, um viel Freizeit zu haben. Dass dabei die Leute reihenweise physisch und psychisch fertiggemacht werden, ist überhaupt kein Wunder.
    Ebenso mit der permanenten Betreuung der Konkurrenz durch die Strafrechtspflege. Gerade durch das Privateigentum, sprich den Ausschluss von den Mitteln des persönlichen Fortkommens und der daraus folgende Armut der Leute, versuchen doch viele, einen besseren Schnitt durch Umgehung der legalen Möglichkeiten im Hauen und Stechen zu machen. Natürlich nur die, sondern auch die Konkurrenten, die Produktionsmittel haben. Das ist eine tatsächlich ganz notwendige Konsequenz aus der staatlichen Verordnung der Konkurrenz, die da lautet: „Du hast die Freiheit, im Rahmen meiner Gesetze um Eigentum zu konkurrieren und darfst immer darauf achten, dass Du da Deinen Schnitt rücksichtlslos gegen die anderen machst“ Naja und einen besseren Schnitt macht man eben manchmal doch am Staate vorbei.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 01. August 2005 um 11:35 Uhr

    Ich hab, um es mal ganz ehrlich zu sagen, das Buch Wahnsinn und Gesellschaft auch nur angelesen. Aber wenigsten hab ich es angelesen, und das ist der Unterschied zu Holmes, der mit aufgeschnappten Gerüchten über dessen Inhalt arbeitet.

  3. Gravatar Icon 3 Dorsch 01. August 2005 um 12:00 Uhr

    Insofern hat er tatsächlich von den Antideutschen gelernt: Das Unterstellen und Verdrehen von Tatsachen, um die Leute anschließend anhand dieser Unterstellung zu blamieren, das ist doch die Methode auf den BAHAMAS (in Freiburg eher weniger würde ich sagen; da gehts durchaus reflektierter, wenn auch nicht unbedingt richtiger zu). Anders gesagt: Die gehen auf die Welt mit einem Vorurteil, dass sie sich mal zugelegt haben, und beurteilen die Welt danach, statt die Welt einer Betrachtung zu unterziehen und dann Schlüsse zu ziehen und Urteile zu fällen.

  4. Gravatar Icon 4 lysis 01. August 2005 um 22:34 Uhr

    Die FDOGs sind wirklich lustig! Abgesehen davon, dass sie sich standhaft weigern, meinen Trackback freizugeben (*lol*, wie ärmlich!), schreibt der Ingo doch tatsächlich in einem Kommentar:

    Von Wiemer halte ich nicht viel. “Krankheit und Kriminalität” ist über weite Strecken eine kulturpessimistische Litanei mit durchaus foucaultesken Affekten gegen die moderne Medizin (Tenor: bringt die Krankheiten erst hervor, die sie zu therapieren vorgibt usw.).

    Also das ist wirklich zum Schießen: Das Argument lautet nicht etwa, dass die Aussagen des Buches falsch wären, sondern dass sie erstens nicht in seine Moral passen („kulturpessimistisch“) und dass sie zweitens an einen Autoren erinnern, den man persönlich nicht ausstehen kann („foucaultesk“).

    Dass die unterstellte Argumentationsfigur („bringt die Krankheiten erst hervor, die sie zu therapieren vorgibt“) sich so bei Foucault gar nicht finden lässt (bei Wiemer übrigens auch nicht!), hab ich ja oben schon dargelegt. Der Ingo hat’s sicher gelesen, bleibt aber natürlich bei seinem Fehler, weil der ihm so schön in den Kram passt. ;-)

    Naja, das Ganze erinnert fast ein bisschen an die peinliche Art, wie sich Gremliza 1993 auf dem Konkret-Kongress aufgeführt hat: Argumente nicht mit Gegenargumenten, sondern einfach mit moralischer Nichtzulassung kontern! :D

  5. Gravatar Icon 5 Dorsch 02. August 2005 um 10:42 Uhr

    Dieses Buch hab ich wiederum gelesen und fand erst einmal recht interessant. Einerseits, weil es einen wohl nicht so oft begutachteten Abschnitt von Horkheimer (Racket-Theorie) rekonstruiert und zusammenfassend zugänglich macht und andererseits eben die These, dass das vom bürgerlichen Staat eingerichtete Gesundheitswesen ein solches Racket ist. Leider klärt letzteres nicht wirklich über das Interesse vom Staat AM Gesundheitswesen auf. Der setzt die Ärzte (wie zB auch die Anwälte und Apotheken) ja ein Stück weit von der Konkurrenz frei im Gegensatz zur normalen Geschäftswelt. Dies folgt aus seinem Zweck, die Bedingungen der Konkurrenz aufrecht zu erhalten, selbst. Denn dass die Leute in den ökonomischen Zuständen reihenweise medizinische Betreuung brauchen, ist ganz notwendig in diesen angelegt. Daher will der Staat ein einigermaßen funktionierendes Gesundheitswesen – ein interessantes Dementi übrigens gg. die tollen Resultate freier Konkurrenz! Da traut der Staat den Ergebnissen wohl doch nicht immer, wie es die liberalen Ideologen immer gerne postulieren! Statt Wiemer empfehle ich da lieber die Argumente gg. die Medizin.

    Zu dem erbärmlichen Ingo Way, hast Du ja schon das notwendige gesagt. Ergänzend wäre noch zu sagen, dass wohl weder Wiemer, noch Foucault (so weit ich es weiß) behauptet haben, dass die Mediziner die Krankheiten schaffen, die sie therapieren. Da ist der Holmes ja schon eher dran, wenn er – allerdings ohne Argument verneinend – von der bürgerlichen Gesellschaft spricht, die Krankheiten schafft.

  6. Gravatar Icon 6 lysis 02. August 2005 um 10:57 Uhr

    Ergänzend wäre noch zu sagen, dass wohl weder Wiemer, noch Foucault (so weit ich es weiß) behauptet haben, dass die Mediziner die Krankheiten schaffen, die sie therapieren.

    Es wäre aber auch falsch, diesen Satz vollkommen zu negieren. Selbstverständlich schaffen die Mediziner auch Krankheiten, die ohne sie gar nicht existieren würden. Man nehme nur mal das Beispiel der „Homosexualität“. Die hat man, nachdem sie Anfang des 19. Jahrhunderts erstmals als „moralischer Wahnsinn“ definiert worden war, über ein Jahrhundert lang versucht zu therapieren (z.B. durch Kastration, Elektroschockbehandlungen, Hormonspritzen, stereotaktische Eingriffe ins Gehirn usw.). Und auf einmal verschwand diese Krankheit wieder von der Bildfläche — einfach indem die WHO sie aus der ICD („International Classification of Diseases“) geworfen hat. Jetzt kann man’s dummerweise nicht mehr bei der Krankenkasse abrechnen, wenn man „Homosexuellen“ Medikamente zur Besserung ihres „maladen Zustands“ verschreibt. ;-)

  7. Gravatar Icon 7 Dorsch 02. August 2005 um 11:30 Uhr

    Stimmt. Das obendrein. Zudem ist mir auch noch eingefallen, dass es ja auch genügend Beispiele gibt, wo Ärzte ihr Geld dadurch vermehrt haben, dass sie Patienten Zeug verschrieben haben, was zB nicht geholfen hat o.ä. damit sie weiter Patienten bleiben. Ärzte sind zwar etwas von der Konkurrenz befreit, aber nicht völlig unabhängig von dem Zwang Geld zu verdienen. Dadurch wird der Patient notwendig zum Objekt für Gewinn. Mit all den brutalen Konsequenzen, über die man besser nicht nachdenkt…

  8. Gravatar Icon 8 lysis 03. August 2005 um 1:35 Uhr

    Abdel hat in seinem Journal auch was dazu geschrieben.

  9. Gravatar Icon 9 ascetonym 07. August 2005 um 6:29 Uhr

    Einer der irre liberalen „Freunde“ äußert sich im pluralis majestatis erneut zu Foucault und bezieht sich auf Jean Améry, der sich wiederum auf den guten alten gesunden Menschenverstand beruft… naja, lest selbst: http://fdog-berlin.de/index.php/117

  1. 1 Nachtrag zu Foucault « Freunde der offenen Gesellschaft Pingback am 23. August 2007 um 13:24 Uhr

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