Die falsche Lehre vom „Scheitern des Sozialismus“

Peter Decker widerlegt einige verbreitete Irrtümer über die historische Abwicklung der „real existierenden“ Alternative zum Kapitalismus durch ihre Macher. Auszüge:

Kein Scheitern

[…]

Schon gleich nicht gescheitert ist der »Realsozialismus« deshalb an der albernen Abstraktion »Realität«, wie seine triumphierenden Feinde und übergelaufenen Anhänger heute meinen. An der Realität als solcher scheitert so leicht nichts; mit der nötigen Staatsgewalt im Rücken läßt sich der größte Blödsinn aufrechterhalten; das erlebt man im freien Westen ja zur Genüge. Auch das andere System, in dem anders gewirtschaftet wurde, war »möglich« und in seinem Sinne »effizient«; für den Geschmack seiner Feinde über 70 Jahre sogar viel zu effizient: Es hat der Rückeroberung seines Terrains für die Freiheit des Kapitals viel zuviel Widerstand entgegengesetzt, es hat zuviel Reichtum — in Form modernster Weltraumtechnologie und wirksamer Waffen — hervorgebracht, und es hat seine Bevölkerung viel zu zuverlässig hinter sich gehabt.

Zerstört wurde das östliche Wirtschafts- und Staatssystem einzig und allein von seinen Machern — den kommunistischen Parteien des Ostblocks, allen voran der KPdSU. Unter Gorbatschow hat sie es in nur fünf Jahren geschafft, ihre Wirtschaftsweise kaputt­zureformieren, zu untergraben und schließlich offiziell wegzuwerfen. Mit ihrer Selbstaufgabe offenbarten diese Kommunisten letztmalig den Leitgedanken ihrer Kapitalismuskritik und den Zweck ihrer Revolution, den sie durchaus erfolgreich in die Realität umgesetzt hatten: Sie wollten eine überlegene Alternative zum Kapitalismus aufziehen, die an allen Leistungsmaßstäben kapitalistischer Nationen besser abschneiden würde als das Original.

Kein Sozialismus

[…]

Spätestens in ihrer Selbstkritik haben die Realsozialisten die Doppeldeutigkeit ihrer Revolution aufgelöst und sich eindeutig entschieden: Der gesicherte, versorgte, gerecht entlohnte Arbeiter war nicht Zweck ihres Systems, sondern das Mittel, um ihrem Staat mehr Reichtum zu schaffen und mehr Machtmittel zur Verfügung zu stellen, als es das ancien regime im Westen vermag. Seitdem sie daran nicht mehr glaubten, betrachteten sie ihr Wachstum als »Stagnation« und machten eine Anleihe beim Kapitalismus nach der anderen, um effektive Hebel der Erpressung und des Zwangs zu einer Leistung zu installieren, von der die Arbeitenden offenbar nichts hatten. Was immer ihr System den Werktätigen an Konkurrenz und Lebenskampf erspart hatte, interessierte nur noch in einer Hinsicht: Das eben hatte die »Effizienz« verhindert, auf die es ihnen ankam. Gorbatschow, die KPdSU und in ihrem Gefolge die Bruderparteien in Osteuropa beschlossen, den Kapitalismus erst zu kopieren, dann unumwunden einzuführen, weil der einfach mehr Reichtum für den Staat aus seinem Menschenmaterial heraus­zuholen versteht. Das Entscheidende, was ihnen in ihrer östlichen Planwirtschaft nicht gut genug »funktioniert« hat, war die Ausbeutung der Werktätigen zugunsten des sozialistischen Staates.

Das Erbe: Geschichtsmetaphysik

Die Botschaft vom Scheitern des Sozialismus ist kein bösartiger Nachruf seiner Feinde, sondern die Deutung, die seine gewendeten Macher ihrem Gesinnungswandel geben. Die Parteien des »Real­sozialismus« haben ja nicht nur ihren Abgang, sondern auch schon ihre Revolution sowie ihre ganze 70jährige Existenz als etwas Höheres, geschichtlich Notwendiges verstanden und inszeniert. Nie hätten sie zugegeben, daß ihr Umsturz nichts war als die Tat von Revolutionären, die ihn nötig fanden, und ebensowenig würden sie zugeben, daß das Ende keinen anderen Grund hatte als eine Meinungsänderung in der Partei- und Staatsführung über die beste Weise, ihre Staatsmacht zu stärken.

[…]

So überlebt vom realen Sozialismus nichts als seine im Kern reaktionäre Geschichtsmetaphysik. Dieser, nicht ihren anti­kapitalistischen Zielen, halten frühere Parteikommunisten die Treue: Mit ihrer tiefen Einsicht, daß die Menschen nichts anderes für sich tun können und sollen, als sich auf die Seite des geschichtlichen Trends zu schlagen, d. h. sich der überlegenen, produktiveren, zukunfts­fähigeren Macht anzupassen, leisten sie einen letzten Dienst an dem Ausbeutungssystem, das sie einmal bekämpft hatten. Sie machen sich zum Zeugen dafür, daß der Versuch, den Kapitalismus abzuschaffen, ein Fehler war.


4 Antworten auf „Die falsche Lehre vom „Scheitern des Sozialismus““


  1. Gravatar Icon 1 Karsten Dürotin 25. August 2005 um 13:07 Uhr

    Die Formulierung „widerlegt“ würde bedeuten, dass der Mann in irgend einer Form sachliche Argumente benutzt, um bisherige Irrtümer aufzudecken. Das hier aber ist nur Propaganda. Wenn ich schon lese, dass das sozialistische Wirtschaftssystem deshalb gescheitert ist, weil es den „Mächtigen“ nicht genug „Ausbeutung“ erlaubt hat… also bitte, ganz reale Zahlen zeigen, dass das sowjetische System ebenso wie das der DDR eine massenhafte Verschwendung von Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft betrieben hat, die am Ende alle den Wohlstand kosteten, den es im Westen durchaus gab.

    Und wer schließlich argumentiert, Michail Gorbatschow habe (warum eigentlich?) ein funtionierendes Wirtschaftssystem und damit den Sozialismus zerstört, muss sich den Vorwurf der „Dolchstoßlegende“ gefallen lassen.

    Passend dazu die Quellenhinweise – drei Quellen sind angegeben. Zwei davon hat der Autor mitverfasst, die dritte stammt von jenem Mann, der an den ersten beiden mitgearbeitet hat. Das nenne ich intellektuellen Inzest.

  2. Gravatar Icon 2 Altleser 25. August 2005 um 13:48 Uhr

    Ich hatte zu diesem ja nicht mehr brandneuen Artikel schon im kf einige Fragen gestellt:
    http://kf.x-berg.de/forum/thread.php?threadid=1609
    Leider bisher ohne Reaktion

  3. Gravatar Icon 3 lysis 26. August 2005 um 6:54 Uhr

    @Karsten: Also ein richtiges Argument, auf das es sich zu antworten lohnte, kann ich bei Ihnen eigentlich nicht entdecken, und das übrigens ganz im Gegensatz zu Peter Decker. Der Propagandavorwurf ist jedenfalls keins. Auch wundert mich, dass Sie ausgerechnet mit der mangelnden Effizienz kommen, wo doch der Decker dazu eigentlich das Nötige gesagt hat: warum sollte Ressourcenverschwendung ein Grund sein, den Sozialismus einzustellen? Das wäre doch nur dann ein Problem, wenn man sich in unmittelbarer Konkurrenz zu den Ökonomien anderer Staaten befindet — oder wie im Fall der Sowjetunion: sich selbst in einer solchen Konkurrenzsituation gesehen hat, obwohl man gar nicht vom Weltmarkt abhängig war. Der Decker weist ja klar darauf hin — und sicher nicht zu unrecht —, dass es in der SU gar keinen Aufstand der Bevökerung gegeben hat, auf den man hätte reagieren müssen.

    Nicht zuletzt finde ich aber auch Ihre Behauptung, der Sozialismus hätte mit seiner unwirtschaftlichen Rechnungsweise den Wohlstand der Leute verzehrt, etwas merkwürdig. Die überwiegende Zahl der Menschen in den ehemaligen Sowjetrepubliken ist durch die Einführung des Kapitalismus doch nicht reicher geworden! Im Gegenteil: nicht nur hat sich in den unteren Schichten eine in sozialistischen Zeiten nie gekannte Armut ausgebreitet; nein, der Arbeiter muss sich jetzt für das wenige Geld, das er bekommt, auch noch den Buckel krumm machen, wo früher (nach Aussage sogar der selbsterklärten Gegner der Sowjetunion) relativer Müßiggang herrschte!

    Es ist nämlich ein Vorurteil, dass sich im Kapitalismus das Einkommen des Lohnarbeiters an der Leistungsfähigkeit der Wirtschaft bemessen würde, in die er eingespannt ist. In Wirklichkeit bekommt er nämlich nur das, was seine Arbeitskraft auf dem Markt wert ist. Und das ist meist nicht sehr viel! Genauer betrachtet ist es in etwa identisch mit der Summe, die er benötigt, um sich auf einem gegebenen kulturellen Niveau zu reproduzieren. Darüber steigt der Lohn selten, weil sich in der wachsenden industriellen Reservearmee meist schnell ein anderer Wicht finden lässt, der den Job für weniger Geld erledigt.

    Wie Lohnsenkung trotz steigender Produktivität funktioniert, bekommen die Leute ja augenblicklich auch in der Bundesrepublik mitgeteilt. Man muss nur die Stütze reduzieren und die Gewerkschaften demontieren, dann steigt auch die Bereitschaft, sich jeden Morgen für kaum mehr als das bloße Existenzminimum aus dem Bett zu quälen.

    Es ist also ein Gerücht, dass der Wohlstand der Leute im Kapitalismus eine abhängige Variable der Effizienz ihrer Abeit wäre. Die höhere Produktivität führt erstmal nur zur Freisetzung von Arbeitskräften und drückt den Durchschnittslohn durch die wachsende Konkurrenz unter den Arbeitskraftanbietern in der Regel eher nach unten als nach oben.

    Der fälschlicherweise unterstellte Zusammenhang zwischen kapitalistischer Produktivität und Höhe der Arbeitslöhne verdankt sich wahrscheinlich der Beobachtung (und verkehrten Analyse) des Nachkriegsfordismus. Die Löhne sind damals zwar tatsächlich gestiegen, aber der Grund war eine historisch einmalige Situation: durch die Einführung der tayloristischen Arbeitsorganisation ist die Profitrate in den führenden Industrieländern derart in die Höhe geschnellt, dass die Gewerkschaften (auch aufgrund des Kalten Kriegs) einen bescheidenen Anteil daran fordern konnten. Außerdem mussten die Kapitalisten von Haus aus mehr bezahlen, damit sich überhaupt jemand in so eine monotone Drecksarbeit hineinhetzen ließ, die in einzelne abgestoppte Handbewegungen zerlegt war und den Arbeiter während des Arbeitsprozesses total verschlissen hat. Der aufgrund der größeren Produktivität und Intensität der Arbeit erwirtschaftete Extraprofit wurde anfangs in Form von höheren Löhnen und kürzeren Arbeitszeiten zu einem (wenn auch sehr geringen) Teil an die Arbeiter weitergegeben. Mehr noch aber fiel der Preis der produzierten Güter durch Verbesserung der Fertigungstechniken auf ein Niveau, das frühere Luxusgüter auch für den einzelnen Proleten erschwinglich machte.

    Aber natürlich schwand dieser Extraprofit in dem Maße, wie sich einerseits die tayloristische Arbeitsorganisation allgemein (und vor allem auch: international) durchgesetzt und sich andererseits der Anteil des variablen Kapitals durch die postfordistischen Automatisierungsprozesse drastisch verringert hat. Deswegen geht es jetzt überall wieder rückwärts. Praktisch sämtliche Regierungen zerschlagen zurzeit, nachdem sie in den 80er und 90er Jahren mit den Gewerkschaften abgerechnet haben, ihre wohlfahrtsstaatlichen Einrichtungen, um die Lohnnebenkosten zu senken und den Druck auf das Lohnniveau zu steigern. Obwohl es klar ist, dass von den fünf Millionen Arbeitslosen hierzulande nur ein kleiner Teil wieder in Lohn und Brot kommen kann, müssen sich alle auf irgendwelche Stellen bewerben, bekommen Ein-Euro-Jobs verordnet und werden auch sonst von hinten bis vorne getritzt, damit die Konkurrenz unter den Arbeitern und die Angst vor dem Absturz in die Erwerbslosigkeit auch ja keinen auf die Idee kommen lässt, einen der neu geschaffenen Billigjobs auszuschlagen.

    Mit den Segnungen des Nachkriegsfordismus und dem angeblichen Zusammenhang zwischen Produktivität der Arbeit und allgemeinem „Volkswohlstand“ ist es also auf absehbare Zeit vorbei. Ein allgemeines Gesetz der kapitalistischen Produktion: die Verelendung der Arbeitskraftbehälter, macht sich heute — und zwar eher absolut als relativ — wieder geltend.

    Wenn diese Analyse richtig ist (und ich denke, sie ist es wenigstens zum größten Teil), dann lässt sich doch so viel sagen, dass nicht der Artikel von Peter Decker, sondern die ökonomischen Anschauungen, die Sie auf Ihrer Seite verbreiten, eine einzige Ansammlung von Mogelreklame sind. Und das obwohl der herrschende Laden, für den Sie werben, das im Moment doch nun wirklich nicht nötig hat! Schließlich ist nirgendwo in der BRD eine nennenswerte Gruppe in Sicht, die ihn in Frage stellt.

  4. Gravatar Icon 4 Karsten Dürotin 27. August 2005 um 8:13 Uhr

    …dafür, dass es kein Argument gab, auf das es sich zu antworten lohnte, fühle ich mich jedenfalls hinreichend von ihnen beachtet. :)

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