Archiv für Oktober 2005

Die bürgerliche Shari‘a im Zeitalter der Aufklärung

Ein immer wieder beliebter Topos unter „islamkritischen Linken“ (Horst Pankow, Jungle World) ist die Gegenüberstellung von bürgerlichem Rechtsstaat und Shari‘a. Ich hab das hier schon einmal an einem Beitrag des Morgenthau-Blogs kritisiert. Wie die Leute auf so einen Unsinn kommen, weiß ich nicht genau, aber es scheint etwas mit ihrer bestürzenden Unkenntnis der europäischen Rechtsgeschichte zu tun zu haben. Diese Ignoranz nimmt zuweilen so unfassbare Ausmaße an, dass etwa der Islamwissenschaftler Ralph Ghadban in der taz unwidersprochen behaupten kann: „in Europa wurde Homosexualität nie mit dem Tode bestraft“. Um diese Lücke etwas zu füllen, habe ich mich dazu entschlossen, hier ein paar Artikelauszüge über die Sodomiterverfolgung im Zeitalter der bürgerlichen Aufklärung zu posten. Beginnen möchte ich mit einem Beitrag von Theo van der Meer, der jene am Beispiel einer der wichtigsten Finanz- und Handelsmetropolen der damaligen Zeit, der Stadt Amsterdam, untersucht hat: (mehr…)

Sex zwischen Männern in Israel und Palästina anno 1970

Das Problem an Reportagen wie derjenigen, die ich vorgestern über schwule Palästinenser gepostet habe, ist fast immer die Neigung der Autoren, ihre eigenen Vorstellungen von sexueller Identität zu naturalisieren und die beobachteten Zustände homophober Repression aus ihrem zeitgeschichtlichen Zusammenhang zu reißen. Daher möchte ich im Folgenden aus einem älteren Artikel des 1990 vestorbenen israelischen Soziologen Jehoeda Sofer zitieren.

Sofer wurde 1944 als arabischer Jude in Bagdad geboren und ist in einer sephardischen Nachbarschaft in Israel aufgewachsen. Zwischen 1970 und 1974 interviewte er Hunderte von israelischen und palästinensischen Männern, die die Cruising-Szene in Jerusalem und Tel Aviv frequentierten. Die Auszüge, die er daraus veröffentlichte, sind ein einzigartiges Dokument von größtenteils verschollenen Lebensweisen aus einer Zeit kurz vor der Fundamentalisierung der besetzten Gebiete durch islamistische Tugend- und Terrorvereine wie die Hamas. Sie zeigen das enorme Ausmaß, in dem sich die Verhältnisse während der letzten Jahrzehnte verändert haben, und gewähren einen Blick auf die Homophobie der palästinensischen Gesellschaft im status nascendi. Damals, als sie noch nicht zu einem gewalttätigen ideologischen Syndrom herangewachsen war, beschränkte sie sich noch weitgehend auf die stereotype Bekundung, man sei ja schließlich nicht „like that“, auch wenn man hin und wieder (oder sogar regelmäßig) Sex mit anderen Männern habe. Der Islam spielte dabei noch überhaupt gar keine Rolle; eher die Angst vor einer sozialen Identifizierung als „Homosexueller“. Übergriffe gegen Schwule schienen völlig unbekannt gewesen zu sein; zumindest ist von ihnen in den Interviews weit und breit keine Rede. Die sexuelle Anmache lief völlig unverhohlen, und insbesondere die arabischen Männer hatten offensichtlich keinerlei Probleme, ihren Freunden über zurückliegende sexuelle Eskapaden zu berichten.

Diese Befunde machen es besonders ärgerlich, wenn das seit den 90er Jahren zu beobachtende Lynchen palästinensischer Schwuler unter dem Vorwand, sie seien israelische Kollaborateure, zum typischen Fallbeispiel erklärt wird, wie in islamischen Gesellschaften mit „Homosexualität“ umgegangen würde. Wer das behauptet, spricht klerikalfaschistischen Gruppen wie der Hamas nicht nur die Definitionshoheit über die „palästinensische Kultur“ zu, sondern fällt gleichzeitig auch jedem Versuch in den Rücken, ihrer Propagierung „traditioneller islamischer Werte“ die Maske der historischen Authentizität vom Gesicht zu reißen. Daran mag Interesse haben, wem es um die essentialistische Konstruktion eines neuen Feindbilds geht. Nur soll man sich dann wenigstens die Krokodilstränen für das Schicksal palästinensischer Schwuler sparen, die in diesem Spiel lediglich das Bebilderungsmaterial für die „haushohe Überlegenheit“ (Redaktion Bahamas) der westlichen Gesellschaft abgeben. Einer Gesellschaft übrigens, die sich das homophobe Syndrom, das am heutigen Islam beklagt wird, genau wie den mittlerweile in die ganze Welt exportierten Antisemitismus, als ihr eigenes Erfolgsmodell vorrechnen lassen muss. (mehr…)

Der Ernst Nolte der Postantideutschen

Nach meinem vorletzten Beitrag könnte der Eindruck entstehen, Gerhard Scheit sei der einzige BAHAMAS-Autor, der nicht mehr alle Latten im Zaun hat. Dem ist natürlich nicht so. Wer dort noch schreibt, der kann, meiner Meinung nach, nicht mehr ganz dicht sein, und fast so, als ginge es darum, noch den letzten Zweifelnden von diesem Umstand zu überzeugen, hat Uli Krug laut KF-User LEftist in der Offline-Ausgabe das folgende historische Urteil gefällt:

Der politische Islam ist „…die reaktionärste[n] Ideologie des gesamten letzten Jahrhunderts“ (Uli Krug: „Hofierte Amoral“, S. 6).

Hiermit ist es also offiziell und für alle Kinder-Zombies dieser Zeitschrift auch schriftlich niedergelegt, dass der Nationalsozialismus von der BAHAMAS aus seiner Rolle „des absolut Bösen“ (Horkheimer/Adorno) entlassen wurde.

Welche Überschriften uns wohl in der nächsten Ausgabe ins Haus stehen? Vielleicht etwas in der Art wie: „Das Kopftuch — ein Auschwitz der Seelen“? Oder gilt eine solche Gleichsetzung jetzt bereits als islamrelativierend? 8-}

„Sollen sie ruhig denken, daß ich tot bin“

Homosexuellen in Palästina bleibt nur die Flucht ins Feindesland: nach Israel. In ihrer Heimat werden sie verfolgt — und viele umgebracht

Von Michael Borgstede (mehr…)

Der Heidegger des Werts nobilitiert die christliche Rechte

Dass Gerhard Scheit einen ordentlichen Lattenschuss hat, wusste ich schon lange. In der neuen BAHAMAS toppt er mit seinem Plädoyer für eine Rechristianisierung des Westens jedoch alles bisher Dagewesene. Die Religion sei einfach die bessere Wahl als der in den USA vorherrschende linke Liberalismus, wenn es darum gehe, „den Feind der Demokratie deutlich zu markieren“:

Allein auf diese Weise kann die Religion ihrer von der Aufklärung für sie vorgesehenen Aufgabe nachkommen: die Menschen nicht einer je eigenen Abstammung zu versichern, sondern sie zur universellen Moral hinzuführen; sie nicht voneinander ethnisch zu trennen, sondern füreinander „angenehm“ zu machen. So erscheint Religion als Antidot gegen die Selbstzerstörung des Liberalismus. […] Die Liberalen hingegen, die sich auf Europa berufen, gefallen sich darin, die Renaissance der Religion in den USA und in Israel unter dem Schlagwort des Fundamentalismus mit der weltweiten des Islam gleichzusetzen. […] Der Jargon der Demokratie jedenfalls hat für diesen Feind [gemeint ist der Islam — Lysis] keine Begriffe, und das ist es, was in den linksliberalen Kreisen Europas demonstriert wird. […] Vor diesem Hintergrund treten die „secularist habits“ in Kerneuropa nur umso deutlicher als Ausdruck eines umfassenden Appeasements hervor, das den aktuellen islamistischen und panarabischen Untaten entgegenkommt […].

Postantideutscher Sympathieträger

Pim Fortuyn

Sex sells

Da hat jemand die DUMMY mal genauso gern wie ich.

Linkdump

Wandlungen des Feindbildes Islam vom europäischen Mittelalter bis zum «American Empire»
[Marxistische Blätter 4-05]
Invaders from Marx
Über den Umgang mit der Marxschen Theorie und über die Schwierigkeiten einer heutigen Lektüre. Von Michael Heinrich
Kapitalismus und deutsche Spezifik
[Phase 2.16]
Strap-on epiphany
In becoming the penetrator, a woman learns to see sex — and the world — through male eyes.