„Sollen sie ruhig denken, daß ich tot bin“

Homosexuellen in Palästina bleibt nur die Flucht ins Feindesland: nach Israel. In ihrer Heimat werden sie verfolgt — und viele umgebracht

Von Michael Borgstede

Nablus/Gaza/Tel Aviv. „Dort hat er gehangen“, sagt Ibrahim. „Genau dort.“ Er beschreibt mit ausladenden Bewegungen, wie er seinen Bruder an jenem Tag im März, an der Decke baumelnd, vorfand. „Das Seil hatte er dort an einem kleinen Haken festgemacht. Ein Wunder, daß der gehalten hat, aber Said war nicht besonders schwer.“ Gemeinsam mit seinen Brüdern habe er Said dann heruntergeschnitten. „Es war kein schöner Anblick. Mama stand die ganze Zeit in der Tür und schrie.“ Ibrahim schnappt nach Luft, er hat sich in Atemnot geredet, will die Geschichte wohl rasch beenden. „Am nächsten Tag haben wir ihn begraben. Es war eine kurze Beerdigung, natürlich war kaum jemand gekommen.“ Nur die Mutter habe noch immer geweint. Man müsse das verstehen, sagt er entschuldigend: „Die Frauen, sie sind schwach.“ Ibrahim geht zur Tür, will das Todeszimmer seines Bruders verlassen. Für einen Augenblick läßt er die Maske der kalten Unberührtheit fallen, und seine Stimme klingt etwas belegt. Dann faßt er sich wieder: „Frauen, sie verstehen nicht, was Ehre bedeutet. Wahrscheinlich fühlen sie zuviel.“ Ibrahim, 17 Jahre jung, sagt das, kommt sich dabei kein bißchen naseweis vor. In seinen braun-verwaschenen Augen leuchtet zum ersten Mal so etwas wie Leben auf, als er zum entscheidenden Satz ansetzt: „Ich hätte Said auch selbst getötet. Er hatte kein Recht mehr zu leben.“

„Weil er Sex mit Männern hatte? Weil er einen Mann liebte?“

Ibrahim zuckt angewidert mit den Schultern: „Weil er gesündigt hat“, antwortet er. Dann, lauter und mit unverhohlener Wut in der Stimme: „Aber er hätte als Märtyrer ins Paradies einziehen können. Er hätte seine und die Ehre der Familie retten können. Wir haben ihm eine Chance gegeben.“ Doch Said wollte nicht als lebende Bombe in Israel Juden in die Luft sprengen. So hat er sich am 14. März erhängt, und sein jüngerer Bruder Ibrahim, ein eifriges Mitglied der Hamas, hat ihn gefunden. Nizar Rayan kennt sich aus. Daß Homosexualität Sünde sei und mit dem Tode bestraft werden müsse, darüber bestehe ja wohl Einigkeit. Über Art und Weise der Hinrichtung jedoch, da gebe es verschiedene Auffassungen. Und dann erzählt der Professor für Islamwissenschaft an der Islamischen Universität Gaza und ranghohe Hamas-Führer aus seinem Fachgebiet: Schon im Koran seien die Bewohner von Sodom von Gott wegen „sodomistischer Umtriebe“ bestraft worden. Der vierte Kalif Ali, Mohammeds Schwiegersohn, habe aus der Überlieferung die Steinigung als Strafe für Homosexuelle abgeleitet. Manchmal habe er sie jedoch auch einfach vom Minarett werfen lassen. Ein weiterer Nachfolger des Propheten soll sich dafür ausgesprochen haben, die ertappten Sünder zu verbrennen; etwas später seien auch beide Strafen kombiniert worden, wobei die Verbrennung — hier lächelt Doktor Rayan verschmitzt — natürlich nach der Steinigung stattfand.

Würde die Hamas nach einem Wahlsieg etwa solche Gesetze in Palästina einführen wollen? Rayan streicht sich durch seinen leicht ergrauenden Bart: „Die Scharia dient dem Wohl des palästinensischen Volkes. Hier wird niemand zu etwas gezwungen; die islamische Gesetzgebung entspricht dem Charakter unseres Volkes.“ Den Einwand, im Westjordanland würden viele Palästinenser eine fundamentalistische Machtübernahme fürchten, läßt er nicht gelten. „Machen Sie sich keine Sorgen“, meint er gönnerhaft. „Das Volk weiß, was es will. Und es will die Hamas.“ Das würden die Wahlen im Januar ja zeigen. An einigen widernatürlichen Sündern habe jedenfalls garantiert niemand ein Interesse.

Tatsächlich scheint sich kaum jemand für die Homosexuellen in den besetzten Gebieten zu interessieren. Sie leben im Untergrund, haben keine Treffpunkte, keine Selbstfindungsgruppen und vor allem keine Lobby. Niemand setzt sich für sie ein, auch nicht die internationalen Menschenrechtsorganisationen, die sonst auf alle Vorkommnisse in der Region ein scharfes Auge haben. Shaul Ganon von der israelischen Schwulenvereinigung „Aguda“ moniert die herrschende Heuchelei: „Sie sollten mal sehen, wie schnell diese Organisationen sich melden, wenn ich darüber schreibe, wie israelische Polizisten israelische Araber wegen ihrer Homosexualität schikanieren.“ In den besetzten Gebieten ist die sogenannte Sodomie illegal, wird offiziell mit Gefängnis bis zu zehn Jahren bestraft. Doch in Wahrheit werden viele Schwule der Kollaboration mit Israel angeklagt, gefoltert und getötet. „Homosexualität wird als ein Verbrechen gegen die Natur gesehen, und wer moralisch so verdorben ist, der muß auch zur Kollaboration fähig sein“, schildert Bassam Eid von „Palestinian Human Rights Watch“ weitverbreitete Denkmuster. Seine Organisation hält sich bei diesem Thema lieber zurück: „Es gibt momentan einfach dringlichere Probleme“, wehrt er ab. „Wenn die Besatzung eines Tages beendet wird, dann könne man vielleicht darüber nachdenken.“ Wie er sich so, an seiner Brille nestelnd, in Konjunktiven verliert, scheint er diesem Tag nicht sehr freudig entgegenzusehen.

So bleibt palästinensischen Schwulen heute nur eine Möglichkeit: die Flucht. Die meisten machen sich auf ins Feindesland, nach Israel, einem Staat, der trotz entschiedenen Widerstands der Orthodoxen im Umgang mit Homosexuellen zu den fortschrittlichsten der Welt gehört. Ohne Aufenthaltsgenehmigung und hebräische Sprachkenntnisse schlagen sich die oft minderjährigen Flüchtlinge als Stricher durch. Etwa dreihundert von ihnen sind der „Aguda“ in Tel Aviv bekannt, insgesamt dürften sich doppelt so viele in der Stadt herumtreiben. Sie leben in Ruinen, werden von der „Aguda“ mit Kleidung und Kondomen versorgt. Sie haben die Hoffnung auf ein besseres Leben längst aufgegeben. Mal läßt sie ein wohlwollender Freier einige Tage bei sich leben, mal verweigert ein anderer jegliche Bezahlung und droht mit der Polizei. Nie läßt sie die Angst los, in die besetzten Gebiete zurückgebracht zu werden. Einige bemühen sich verzweifelt, ihre Identität zu verleugnen, und lernen fleißig Hebräisch, um den verräterischen arabischen Akzent loszuwerden. Haschi trägt zur Tarnung sogar einen Davidstern um den Hals. Er sitzt mit einigen Schicksalsgenossen am Straßenrand einer heruntergekommenen Gegend im Süden Tel Avivs und wartet auf Kunden. Vor sechs Jahren flüchtete der damals Siebzehnjährige aus Gaza. „Gerade noch rechtzeitig und doch eigentlich schon zu spät“, sagt er und entblößt seinen von Narben übersäten Oberkörper. „Sie haben mich und meinen Freund zusammen erwischt und festgenommen“, erzählt Haschi. Mit Glasscherben hätten sie ihn auf der Polizeiwache geschnitten und die blutenden Wunden mit Essigreiniger begossen. Während der Vernehmungen habe er auf einer Flasche sitzen müssen oder wurde an den Händen aufgehängt. Gestanden habe er sofort, doch sie hätten aus ihm zudem die Namen seiner schwulen Freunde herauspressen wollen. Er kannte aber gar niemanden. Irgendwann habe sein Vater – wohl mit einem Bestechungsgeld – für seine Freilassung gesorgt. Haschi hat nicht lange überlegt und sich nach Israel davongemacht. Damals habe er noch Träume gehabt. „Ich träumte von der großen Liebe, von einem Haus in der Natur, einigen Ziegen und davon, daß meine Mutter mich eines Tages besuchen kommt.“ Heute habe er nur noch einen Traum, jede Nacht denselben: „Da steht ein Polizist an meiner Bettkante und holt mit einer Axt aus, um mich zu erschlagen, aber ich kann mich nicht bewegen. Sie haben mich wieder festgebunden, wie damals. Und das Schlimmste ist: Meine ganze Familie steht dabei und schaut zu.“ Er wache dann schweißgebadet auf und könne nicht wieder einschlafen. Zu seiner Familie hat er seit seiner Flucht keinen Kontakt. „Ich bin ein Waise, sie haben mich verstoßen“, sagt er. „Sollen sie ruhig denken, daß ich tot bin.“ Und ganz lapidar fügt er hinzu: „Mein Leben ist verpfuscht. Irgendwann sterbe ich wahrscheinlich an Aids. Und ehrlich gesagt: Um mich ist es nicht schade.“ Kurz darauf steigt er zu einem feinen Herrn ins Auto.

Text: F.A.Z., 23.10.2005, Nr. 42 / Seite 3


2 Antworten auf „„Sollen sie ruhig denken, daß ich tot bin““


  1. Gravatar Icon 1 lysis 25. Oktober 2005 um 18:51 Uhr

    Mit Dank an Abdel für den Texthinweis!

  1. 1 Lysis :: “Testimonies from the Holy Land” :: Oktober :: 2005 Pingback am 27. Oktober 2005 um 5:30 Uhr
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