Die Rückkehr der „gefährlichen Klassen“

Ganz im Gegensatz zu gewissen Leuten, die die Riots in Frankreich aus ihrem rassistischen Weltbild heraus deuten, wie die deutsche Querfront-Autorin Gudrun Eussner, welche die aufständischen Jugendlichen mit Nicolas Sarkozy als „Abschaum“ und mit Theodore Dalrymple als „Barbaren vor den Toren von Paris“ bezeichnet, erscheint es mir sinnvoll, sich noch einmal den Begriff der classes dangereuses — der gefährlichen Klassen — anzuschauen.

Michel Foucault charakterisierte sie als:

die beweglichsten, unruhigsten und „gewalttätigsten“ Elemente der Plebs; […] diejenigen, die am ehesten bereit waren, zur unmittelbaren und bewaffneten Aktion überzugehen; neben dem verschuldeten Landpächter, der gezwungen war, seinen Boden zu verlassen, dem Bauern, der vor der Steuer floh, dem wegen Diebstahl vertriebenen Arbeiter, dem Landstreicher oder dem Bettler, der sich weigerte, die Gräben der Stadt zu säubern, waren das diejenigen, die auf den Feldern von gestohlenen Früchten lebten, die kleinen Diebe und Räuber großen Stils, diejenigen die sich in bewaffneten Gruppen mit dem Fiskus oder allgemein mit den Staatsbeamten herumschlugen, und schließlich diejenigen, die an den Tagen des Aufstands die Waffen und das Feuer trugen; es gab eine umfassende Absprache, ein ganzes Verbindungsnetz, in dem die Individuen sich in ihrer Rolle abwechselten. Dies waren jene „gefährlichen“ Leute, die es abzusondern galt (in einem Gefängnis, in einem allgemeinen Spital, auf den Galeeren oder in den Kolonien), damit sie nicht den Bewegungen des Volkswiderstands als Speerspitze dienen konnten. Diese Furcht war im 18. Jahrhundert groß; sie war noch größer nach der Französischen Revolution und während der gesamten Erschütterungen des 19. Jahrhunderts.

Viele Reaktionen, die die neuen Rechten von Eussner über Sarkozy bis Le Pen heute abspulen, lassen sich im Kern bereits auf das Ende des 19. Jahrhunderts zurückführen, als sich der moderne Rassismus erstmals in Gestalt von Kolonialrassismus einerseits und Klassenrassismus andererseits herausbildete. Beide finden heute in der Figur des arabischen und nordafrikanischen Einwanderers wieder zusammen. Sie waren jedoch auch in ihren Anfängen schon aufs Engste verbunden, wie Enzo Traverso u.a. anhand der sozialen Deutung der Cholera darlegt:

Die Cholera wurde sofort mit einer äußeren Bedrohung in Beziehung gebracht, die aus dem Orient oder aus Afrika importiert sei und von „unzivilisierten“ Völkern stamme, oder aber sie sei von Migranten in Umlauf gebracht und von den (sozial und biologisch) unteren Klassen übertragen worden, deren schmutzige Stadtviertel zu Infektionsherden geworden seien. So nahm die Cholera schnell die Züge einer sozialen Subversion an. In diesem Rahmen wurden die Kommunarden als rückfällige Kriminelle und Überträger einer Epidemie gesehen, die man mit radikalen Maßnahmen eindämmen musste.

Das Erstaunlichste jedoch ist, wie sehr die Rhetorik der heutigen französischen Rechten sich als nahezu wortgetreuer Widerhall der Einstellungen entlarvt, die das konservative Bürgertum einst der Pariser Commune entgegenbrachte:

Einerseits grub man das alte Klischee der Revolte als Ausbruch einer alten und barbarischen Gewalt wieder aus, die die Gesellschaft bedrohe und plötzlich aus ihren eigenen Poren erwachse, einer primitiven Horde, die am Rande der zivilisierten Welt überlebt habe und nun ans Licht komme (die mordende Masse aus den Reflections von Burke, die „Vandalen und Goten“ aus den Souvenirs von Tocqueville). Andererseits wurde im Rahmen des Imperialismus eine Identifikation zwischen jener primitiven Barbarei und den „Wilden“ der kolonialen Welt vorgenommen.

Diese Ideologie schlug sich schließlich auch in der Art und Weise nieder, in der der Aufstand damals beendet wurde:

Die politische Repression stellte sich als Vernichtung eines der Zivilisation fremden Körpers und als Maßnahme öffentlicher Hygiene hin.

Die Truppen der Konterrevolution hatten nicht das Gefühl, „an der Niederschlagung einer politischen Revolte teilzunehmen, sondern eher an der Löschung eines kriminellen Brandes in einer Stadt, die in die Hände der ‚gefährlichen Klassen‘ gefallen war.“ Innerhalb einer Woche massakrierten sie nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen 10.000 und 30.000 Personen.

Natürlich wäre es absurd, die Riots in den Banlieues mit dem Aufstand der Pariser Kommunarden zu vergleichen. Doch die Rhetorik des konservativen Frankreich gegenüber den so genannten gefährlichen Klassen scheint sich seitdem nur wenig verändert zu haben. So spricht Innenminister Nicolas Sarkozy von den rebellierenden Jugendlichen als „Gesindel“ und bekundet seinen Willen, die aufständischen Bezirke „mit dem Hochdruckreiniger zu säubern“. Statt die Riots als politische und soziale Auseinandersetzung zu begreifen macht er sie damit zu einer Angelegenheit der städtischen Hygiene oder, in der Muttersprache von Frau Eussner: der „Rattenbekämpfung“.


30 Antworten auf „Die Rückkehr der „gefährlichen Klassen““


  1. Gravatar Icon 1 Karsten 07. November 2005 um 13:46 Uhr

    Ich war auch schockiert über die Wortwahl von Sarkozy und später vielen Intellektuellen wie auch Dalrymple und Gudrun Eussner („Querfront“ ist aber sicherlich übertrieben). Mindestens ebenso schockiert bin ich aber davon, dass es sehr viele Kommentatoren gibt, die diesen übergeschnappten Kindern auch noch das Recht zubilligen wollen, ihre innere Frustration in dieser Weise nach außen zu tragen. „Keiner hört uns zu, wir können uns nur so Gehör verschaffen“, behaupten die Jungs, und woher sie das haben, sieht man an den Kommentaren, die ihnen beipflichten. Wer der Gewalt das Wort redet, der ist ein Brandstifter – und dieses Feuer hat viele Väter. :(

  2. Gravatar Icon 2 lysis 07. November 2005 um 14:46 Uhr

    Nicht erst die Brandsätze von Randalierern sind Gewalt. Gewalt ist auch die staatliche Eigentumsordnung, die migrantische Jugendliche von jeder Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum ausschließt. Wenn die Krawalle dazu taugen, auf den sozialen Ausschluss dieser Jugendlichen aufmerksam zu machen und ihr materielles Los zu verbessern, sind sie in meinen Augen unbedingt gerechtfertigt!

  3. Gravatar Icon 3 ralph 07. November 2005 um 14:56 Uhr

    lysis,

    wenn sie sich bei uns traffic verschaffen wollen, dann ist es eigentlich eine sache allgemeiner höflichkeit, nicht einfach bei uns zu posten „hallo, hier bin ich, habe auch was zu melden“, sondern eine zusammenfassung ihrer ansichten in unserer comment-sektion zu publizieren. mit ihrem link.

    weiter: ihre chancen, bei uns veröffentlichen zu dürfen, würden deutlich steigen, wenn sie beleidigungen (rassistin etc.) gegen unsere freunde und uns künftig unterlassen würden.

    zuletzt: wenn sie meinen, sie könnten bei uns mit dem hooligan-für-psychoanalytiker foucault, dem partisan der mullahs, dem dionysischen apologeten jedweder grausamkeit und devianten ästheten rauschhafter gewalt, punkten -nope. no way.

    ralph

  4. Gravatar Icon 4 lysis 07. November 2005 um 15:15 Uhr

    Lieber Ralph,

    den kurzen Hinweis unter Ihrer Story habe ich gepostet, nachdem Sie bereits meinen Trackback nicht freigeschaltet haben. Ich halte es für einigermaßen sinnvoll, dass Ihre Leser sich auch aus anderen Quellen über Personen wie Gudrun Eussner informieren können, die eine maßlose Hetze gegen MigrantInnen inszeniert („Abschaum“, „Horden“, „Barbaren“) und daher von mir ganz zu Recht als Rassistin bezeichnet wird, zumal die gute Dame auf diesem Gebiet ja auch kein unbeschriebenes Blatt ist. Wenn Sie politisch abweichende Kommentare nicht dulden mögen, ist das Ihre Sache. Aber spielen Sie sich dann bitte nicht auch noch als moralische Instanz auf! Im Gegensatz zu Ihnen habe ich es nämlich nicht nötig, kritische Ansichten auf meinem Blog zu unterdrücken. Und voilà: Ihr Kommentar ist für alle sichtbar!

    Herzlichen Gruß
    Lysis

  5. Gravatar Icon 5 Karsten 07. November 2005 um 16:14 Uhr

    Erstens: Selbst, wenn ich einen erweiterten Begriff von Gewalt (strukturelle Gewalt etwa) hinnehme – zerstörerische Gewalt gegen Eigentum unbeteiligter und insbesondere Gewalt gegen Personen sehe ich auf einem wesentlich niedrigeren moralischen Standard. Mit letzterem auf ersteres zu antworten, ist eine erhebliche Eskalation.

    Zweitens akzeptiere ich höchstens bei sehr naheliegenden, wichtigen Zielen und verhältnismässig akzeptablen Mitteln, dass der „Zweck die Mittel heiligt“. Insbesondere muss das Mittel ein Kriterium erfüllen: Konkrete, nachvollziehbare Verbesserungen in Hinblick auf das Ziel ermöglichen. Eine solche enge kausale Bindung an *irgendeinen* praktikablen Lösungsansatz aber hat der Terror in Frankreichs Ghettos aber nicht zu bieten. Es gibt keine Forderungen, keine Lösungen, nur sinnlose Gewalt.

    Wie kann man im Koma liegende Menschen damit rechtfertigen, man wolle auf etwas aufmerksam machen?

  6. Gravatar Icon 6 Karsten 07. November 2005 um 16:36 Uhr

    Korrektur: Tote Menschen. :(

  7. Gravatar Icon 7 k. karl acke 07. November 2005 um 17:12 Uhr

    > Korrektur: Tote Menschen. :(

    sparen sie sich doch ihre zynische moralische empörung! jeden tag verhungern mehr als 30.000 menschen und das obwohl eigentlich genug zu essen da ist. das ist ihnen ja auch keinen „smiley“ wert.

  8. Gravatar Icon 8 Karsten 07. November 2005 um 18:07 Uhr

    Das wäre mir auch 30.000 Smileys wert. Am richtigen Ort, wo es das Thema ist. Hier ist das Thema ein anderes – wenn sie versuchen, den Mord an einem alten Mann mit dem Hunger in der Dritten Welt zu rechtfertigen, so hat das keinerlei Wert und verwässert eine moralische Debatte. Die Verantwortung für das eigene Tun auf so allgemeine Konzepte zu verlagern, kann alles rechtfertigen.

  9. Gravatar Icon 9 k. karl acke 07. November 2005 um 20:03 Uhr

    dann werde ich mal versuchen Ihnen den zusammenhang zu erläutern, den sie nicht sehen wollen: auf der einen seite verhungern täglich mehr als 30.000 menschen und es interessiert eben niemand. mit ihrer moral und auch 30.000 weinenden smileys kommen sie da auch nicht weit. dazu ist sie ja auch nicht gut. sie ist lediglich dazu gut, diejenigen, die auf der verliererseite des herschenden prinzips stehen, auf tatenlosigkeit zu verpflichten. erlaubt ist nämlich nur, was nix bringt. innerhalb der regeln zu gewinnen ist – wie man sieht – für breite massen ziemlich aussichtslos, sonst würden sie ja nicht ihrem großen frust mal freien lauf lassen müssen.

  10. Gravatar Icon 10 Karsten 07. November 2005 um 21:05 Uhr

    „Erläutert“ haben Sie den Zusammenhang leider nicht, sondern nur die vorherigen Aussagen wiederholt. Im Detail möchte ich nicht mehr darauf eingehen, nur eins noch: Der Nihilismus, mit dem sie jegliche moralische Diskussion abblocken, ist unheimlich – die Leichtigkeit, mit der Sie Gewalt rechtfertigen, aber noch unheimlicher.

  11. Gravatar Icon 11 k. karl acke 07. November 2005 um 22:09 Uhr

    Ja, ich geb auch zu, dass es mir schwer fällt in so einer kleinen Textbox zu schreiben, ich wollte eigentlich mehr schreiben vorhin, so ist das scheinbar nicht deutlich geworden, was ich sagen wollte: Der Zusammenhang ist der zwischen Armut auf der einen Seite und Ihrer Moral auf der anderen, die eben genau einen Zweck verfolgt und zwar Verhältnisse in denen viele schlecht und wenige gut wegkommen zu zementieren. Mit Rechtfertigen von Gewalt hat das erstmal gar nichts zu tun.

  12. Gravatar Icon 12 k. karl acke 07. November 2005 um 22:10 Uhr

    Was das mit Nihilismus zu tun hat, bleibt übrigens Ihr Geheimnis, ich denke mal, Sie wissen einfach nicht, was das ist.

  13. Gravatar Icon 13 Karsten Dürotin 08. November 2005 um 0:47 Uhr

    Naja, wenn es am Eingabefeld liegt… diese kleinen Boxen machen es in der Tat etwas schwer, seine eigenen Texte zu verfolgen, das sehe ich ähnlich.
    Ihr (von mir vermuteter) Nihilismus liegt in der Art und Weise, wie Sie die Diskussion über moralische Argumente immer damit abzublocken versuchen, dass es gar nicht Moral sei, die hinter meinen Argumenten stehe, sondern Eigeninteresse (das in meinem Fall mangels Masse übrigens gar nicht sein kann, den Besitzenden den Besitz zu erhalten). Wer nicht daran glaubt, dass es irgendwelche Moral gebe, sondern hinter allem Handeln nur Egoismen und Gier vermutet, der wird gemeinhin als Nihilist bezeichnet.
    Vielleicht liege ich falsch, und Sie halten es tatsächlich für eine moralische Position, den sehr konkreten Tod eines Einzelnen mit dessen abstrakter moralischer Schuld am Hunger in der Dritten Welt zu rechtfertigen. Dann aber kann ich ihnen nicht zustimmen, weil ich – wie gesagt – keine Rechtfertigung für unmoralische Mittel sehen kann, die nicht konkret und unmittelbar zu einem moralischen Ziel führen.
    Oder – als letzte Möglichkeit – vielleicht wollten Sie auch gar nicht über die Moral dieses Falles sprechen, sondern mir einfach nur über den Mund fahren, weil ich in diesem Falle spreche und über das Elend der Dritten Welt schweige. Das ist falsch – das Nord-Süd-Gefälle und der Konflikt um die globalen Ressourcen gehören zu den Themen, die mir am meisten am Herzen liegen und über die ich auch schon einiges geschrieben habe. Ich habe auch meine Überzeugungen dazu, woran das Elend in Afrika und anderswo heute hängt. Im Gegensatz zu ihnen glaube ich aber nicht, dass diese Überzeugung mich oder irgend jemanden sonst zu Gewalt und Terror befugt.

  14. Gravatar Icon 14 k. karl acke 08. November 2005 um 1:34 Uhr

    Also nochmal: Ich finde Ihre Moral _hier_ unangebracht und zynisch. Wie sie daraus eine allgemeingültige Aussage über meine politischen Ansichten zu pflegen versuchen ist erstaunlich aber nicht überzeugend.
    Der Punkt an den Krawallen ist doch genau, dass hier offenbar Leute sind, die auf Ihre Moral und Ihre Anstandsregeln pfeifen. Warum sollten sie auch? Sie profitieren nicht davon – im Gegenteil. Das mögen Leute wie Sie ob Ihres Kontrollverlustes nun natürlich beklagen und auf die Durchsetzungskraft des Staates hoffen. Machen wir uns nichts vor, dieser kleine Aufstand wird mit aller Härte niedergeknüppelt werden, dann gibt’s mehr Polizei in den Vierteln und ein paar mehr Sozialarbeiter, und die Sache ist erledigt. Ihre Appelle an die bürgerliche Moral sind daher total fürn Arsch, denn die, die sie teilen, werden schon mit der nötigen und gewohnten Härte für ihre Durchsetzung sorgen und diejenigen die sie nicht teilen, werden wie immer den Kürzeren ziehen. Was würde es da umgekehrt für einen Sinn machen, irgendwelche Taten zu rechtfertigen, auf die man gar keinen Einfluss hat? Was soll ein moralisches Urteil über …, ja worüber denn? Es ist hier eben keine einheitliche politische Bewegung mit herausdifferenzierbaren Positionen unterwegs. Das einzige was hier erkennbar ist, ist eine Ursache von etwas, und das ist eben die Armut und schlechte Leben dieser Leute. Darüber verlieren sie aber eben kein Wort. „Die Leute sollen sich an die gängigen Regeln halten und das Eigentum und die Staatsgewalt achten.“ Toll, das ist genau das Verhalten, das sie in diese elende Situation gebracht hat. Hier ist Ihr Zynismus.

  15. Gravatar Icon 15 i-fish 08. November 2005 um 10:51 Uhr

    Holla! Da ist ja einiges bei den Definitionen durcheinandergeraten. Als „Querfront“ wird in der Linken der inhaltliche und stilistische Gleichklang von Neonazi- und Anti-Globalisierungsgruppen gesehen, die hinter allem eine vorzugsweise „jüdische Weltverschwörung“ vermuten. Wenn liberale Falken, Neocons und Juden/Israelis sich ähnlich zu Islamismus, Demokratie und Menschenrechten äußern, dann ist dies keine „Querfront“, sondern das Erschrecken über den ungehemmten Antisemitismus der Linken und Islamisten in Europa. Und damit legitim.

  16. Gravatar Icon 16 lysis 08. November 2005 um 11:01 Uhr

    @i-fish: Als Querfront bezeichnet man Gruppen und Organisationen, die versuchen, Rotes und Braunes miteinander zu verbinden, wie etwa die nationalbolschewistische Zeitschrift Kalschnikow, in der Gudrun Eussner früher Redaktionsmitglied war. Und selbst wenn sie sich mittlerweile davon losgesagt hat (offenbar lediglich deshalb, weil sie in Sachen Nahost-Konflikt zu einer anderen Meinung gefunden hat und dieses Thema inzwischen für geeigneter hält, ihren maßlosen Rassismus ungeschoren ausleben zu dürfen, als ihre frühere Zusammenarbeit mit nationalrevolutionären Antizionisten), bleiben immer noch ihre tiefgreifenden Sympathien und inhaltlichen Überschneidungen mit der französischen Rechten von Sarkozy bis Le Pen.

  17. Gravatar Icon 17 Karsten Dürotin 08. November 2005 um 12:07 Uhr

    K. Karl Acke: Ich bin mit ihnen weder über irgend etwas, was Moral angeht, einig (Geltungsbereich, Wichtigkeit, Schlüsse), noch über die Ursache der Gewalt. Denn Armut gibt es eine Menge, in vielen Fällen ist sie größer als bei den 150€-Turnschuh-Rebellen in Paris. Und nicht überall führt sie zu Ausschreitungen – besonders gern jedoch dort, wo irgendwelche Demagogen und Gewaltfreunde den Armen einreden, sie hätten nicht nur das Recht, blind und zerstörerisch um sich zu schlagen, sondern es würde ihnen irgendwie helfen. Beides ist gelogen.

  18. Gravatar Icon 18 lysis 08. November 2005 um 12:21 Uhr

    Über die journalistische Qualität von Eussners Artikeln hat sich Bernhard Schmid, der Frankreich-Korrespondent der Jungle World, u.a. hier und hier ausgelassen. Seine beiden Kommentare sind nicht nur informativ, sondern auch ausgesprochen unterhaltsam! :>

  19. Gravatar Icon 19 k. karl acke 08. November 2005 um 12:22 Uhr

    Naja, jetzt haben sie zumindest explizit gemacht, was ich schon die ganze Zeit auch vermutet habe: Sie sehen da dunkle Mächte im Hintergrund am werkeln, die diese Sache steuern. Anders ist es auch rationell nicht zu erklären, warum sie nach der Moral fragen, wenn sie nicht irgendwo eine Instanz vermuten, die sie dafür haftbar machen wollen. Den Beweis, dass es diese Instanz aber überhaupt gibt, bleiben sie schuldig. Man nennt sowas gemeinhin eine Verschwörungstheorie.

  20. Gravatar Icon 20 Karsten Dürotin 08. November 2005 um 15:28 Uhr

    Verschwörungstheorie? Lachhaft, es gibt da keine „dunklen Mächte“, die irgend etwas steuern würden. Steuern können die Jungs ihre Brand- und Mordanschläge schon ganz allein, hat ja sicher jeder ein Handy. Ich verwies lediglich auf eine öffentliche Diskussion, die es jungen Gewalttätern ermöglicht, ihren Wunsch nach Ausschreitungen (der bei Jugendlichen ja auch nichts ungewöhnlich ist), noch mit moralischem Mist zu verbrämen: „Weil in der dritten Welt Menschen verhungern, darf ich diesem Mann hier den Schädel einschlagen“. Die Frage nach der Moral habe nicht ich zuerst aufgeworfen, sondern diejenigen, die jede Art solcher Ausschreitungen mit der „bösen Gesellschaft“ rechtfertigen, die sie produziere. Für jeden normalen Menschen sollte ohnehin klar sein: Mord ist Unrecht.

  21. Gravatar Icon 21 k. karl acke 08. November 2005 um 16:21 Uhr

    Sie verdrehen einem das Wort im Munde. Ich hab lediglich versucht Ihnen klarzumachen, dass Ihr Ansinnen widersinnig ist, wenn sie nicht davon ausgehen, dass irgendwelche dunklen Mächte zugange sind. Ansonsten interessiert mich die öffentliche Debatte, wie diesem neuen Phänomen beizukommen ist, nämlich einen Scheissdreck, bin ja kein Politiker. Rechtfertigen muss ich etwas mit dem ich nix zu tun habe auch nicht, wie ich bereits mal geschrieben habe. Und von die Kausalkette „weil in der 3. Welt Menschen hungern, darf ich diesem Mann hier den Schädel einschlagen“ haben auch Sie erfunden.
    Ums nochmal klarer zu machen: Sie unterstellen dieser Krawallerei einen Zweck, einen Zweck für den sie dann auch über Leichen gehe. Das ist absurd, weil hier gar kein artikuliertes Interesse irgendwo vorliegt – das kann man sich vielleicht denken, was die Leute, die da Randale machen im Hinterkopf haben, aber auf ein gemeinsames Programm warum und wozu sie das machen, gibt es nicht. Das ist Ihre Erfindung.

  22. Gravatar Icon 22 Karsten 08. November 2005 um 16:45 Uhr

    Es tut mir leid, ihnen das Wort im Munde herumzudrehen, war sicher nicht meine Absicht.
    Lysis: „Wenn die Krawalle dazu taugen, auf den sozialen Ausschluss dieser Jugendlichen aufmerksam zu machen und ihr materielles Los zu verbessern, sind sie in meinen Augen unbedingt gerechtfertigt!“
    Auf diesen Kommentar ging ich ursprünglich ein, und hier wird ganz klar die Gewalt der Jugendlichen mit einer Verbesserung ihres materiallen Loses gerechtfertigt – und sie wird mit einem Zweck in Verbindung gebracht, zwei Dinge, die Sie mir nun vorwerfen. Dagagen merkte ich eben an, dass ein so unkonkretes Ziel solch gewalttätige, kaum zielführende Methoden nicht rechtfertige. Leider ist auf diese Argumentation keiner eingegangen; stattdessen brachten Sie die Hungernden in der Dritten Welt, in Anbetracht derer es offenbar nicht mehr erlaubt ist, sich über einen Mord zu empören.
    Und ein letztes Mal: Ich glaube nicht, dass es einen größeren Plan oder irgend einen definierten politischen Zweck hinter den Aktionen der Jugendlichen gibt. Ursachen gibt es viele, und sicher sind Armut und fehlende Chancen der entscheidende Grund für die jungen Menschen, aktiv zu werden. Dass sie aber in dieser spezifischen, gewalttätigen Art und Weise Aktivität entfalten, liegt auch an den Apologeten der Gewalt, die Dinge sagen wie Lysis im ersten Kommentar.
    Und nun lasse ich Ihnen das letzte Wort.

  23. Gravatar Icon 23 k. karl acke 08. November 2005 um 17:13 Uhr

    Amen. ;-)

  24. Gravatar Icon 24 lysis 08. November 2005 um 22:29 Uhr

    @Karsten: Ich verstehe Ihre Aufregung gar nicht. Sie halten Gewalt doch auch für gerechtfertigt, wenn die Polizei sie einsetzt, um die bürgerliche Eigentumsordnung zu schützen; wenn sie Plünderer erschießt und „Diebe“ überwältigt; wenn sie auf linke Demonstranten einprügelt und Menschen für Jahre hinter Gittern festhält. Um das als Gewalt wahrzunehmen, braucht es gar keinen „erweiterten Gewaltbegriff“. Es ist plumpe körperliche Kraftentfaltung. Den Begriff der „strukturellen Gewalt“ habe ich noch nie gebraucht, und ich weiß auch gar nicht so recht, was er bedeuten soll. Ist vielleicht was für reiche Linksintellektuelle, die noch nie Erfahrungen mit dem Schlagstock gemacht haben, weil sie gar nicht erst auf die Idee kommen, ins Ladenregal zu greifen oder sich sonstwie unbotsam zu verhalten. [-o<

  25. Gravatar Icon 25 Karsten 09. November 2005 um 0:04 Uhr

    Lysis: *roflmao*
    Entschuldigung, aber wenn Sie mich kennen würden, wäre ihnen klar, wie falsch dieses Urteil über mich ist… weder bin ich reich noch mangelt es mir und meiner Umgebung an Erfahrung mit „unbotmäßigem“ Verhalten. :)
    Aber zumindest führt diese Diskussion mal ein wenig zum Punkt. Sie scheinen das Gewaltmonopol des Staates abzulehnen, sehe ich das richtig? Ist es in ihrer Auffassung dan das Recht jedes Einzelnen, für die Durchsetzung seiner Interessen Gewalt zu benutzen, oder setzen auch Sie eine Grenze? Wenn ja – wie rechtfertigen Sie diese?

  26. Gravatar Icon 26 lysis 09. November 2005 um 1:07 Uhr

    Als ich von „reichen Linksintellektuellen“ sprach, meinte ich ja nicht Sie, sondern diejenigen, die den Begriff der „strukturellen Gewalt“ verwenden. Aber zur Sache: Das Gewaltmonopol des Staates ist ein Faktum, dem man sich nicht so ohne weiteres entziehen kann. Insofern propagiere ich hier gar nichts. Und auch „Rechte“ habe ich nicht zu verteilen. Denn auch das kann nur der Gewaltmonopolist, an dessen Abschaffung ich in der Tat interessiert bin.

    Immerhin kann ich aber so viel verraten, dass es mir in einer staaten- und klassenlossen Gesellschaft als kompletter Unsinn erschiene, seine Interessen mit Gewalt durchzusetzen, weil die sich ja gar nicht ohne die anderen realisieren lassen.

    Dass Interessen feindlich gegeneinander stehen, ist ja kein Naturzustand, sondern der Effekt einer Staatsgewalt, die die einzelnen Monaden als Konkurrenzsubjekte aufeinanderhetzt. Durch die Institution des Privateigentums wird der gesellschaftliche Charakter der Produktion verschleiert: jeder tut so, als sorgte er allein für seinen Lebensunterhalt, während er in Wirklichkeit die ganze Zeit nichts anderes tut, als die Früchte der Arbeit anderer zu genießen. Weder habe ich den Computer, vor dem ich sitze, selbst hergestellt, noch die Wohnung gebaut, in der ich lebe. Ich war nicht bei der Ernte des Brotes dabei, das ich esse, und habe auch die Bücher, die ich lese, nicht selbst geschrieben oder gedruckt. Für all das brauche ich die andern. Wieso sollte ich ihnen Gewalt zufügen statt mich mit ihnen über die gemeinsame Herstellung der Dinge meines alltäglichen Gebrauchs zu verständigen?

    Herrschaft ist nur in einer Gesellschaft „notwendig“, die auf Ausbeutung beruht — dort, wo den Produzenten die Resultate ihres Mühsals gewaltsam abgepresst werden.

    In der bürgerlichen Gesellschaft nimmt diese Herrschaft eine besondere Form an: sie erscheint nämlich als neutral, d.h. über den Einzelinteressen stehend, die sie selbst hervorbringt. Sie garantiert jedem seinen Besitz und reproduziert die unterschiedlichen Klassenpositionen gerade dadurch, dass sie alle gleich behandelt. Sie kennt keine Lohnarbeiter und keine Kapitalisten; sie kennt nur Eigentümer und Steuerzahler. So kann sie sich als eine Instanz verkaufen, die über den bornierten Privatinteressen steht. Doch in Wirklichkeit verteidigt sie mit ihrer Gewalt eine Ordnung, in der die Besitzlosen ihre Arbeitskraft für eine Linsensuppe an die Kapitalisten verkaufen müssen. Es ist der Staat des Kapitals, und alle Gewalt, die von ihm ausgeht, dient in letzter Instanz nur einem Zweck: der Aufrechterhaltung von Ausbeutung und materiellem Elend.

    Du wirst doch nicht allen Ernstes glauben, dass ich diese Gewalt als legitim betrachte?

    Allerdings bin ich auch nicht so lebensmüde, mich ihr zu widersetzen. Sie ist mir über. Ich akzeptiere sie, weil ich keine andere Wahl habe. Fänden sich aber genügend Leute bereit, sie zu stürzen, wäre ich natürlich mit dabei (wenn ich auch den „gefährlichen Klassen“ gerne den Vortritt lasse! ;)) ).

  27. Gravatar Icon 27 Karsten Dürotin 09. November 2005 um 1:35 Uhr

    Ah, ich fühlte mich angesprochen. Dann ist ja gut. Äh, nein, ist es nicht: Ich verwende den Begriff der strukturellen Gewalt ja auch. Ist aber nicht wirklich entscheidend.
    Dass Du etwas „propagiert“ hättest, habe ich ja auch nicht behauptet. Ich fragte nach deiner Ablehnung des Gewaltmonopols als Prinzip (kann man wohl so festhalten) und habe dich als „Apologeten“ der Gewalt bezeichnet, also als jemanden, der sie rechtfertigt oder entschuldigt.
    Zum Inhalt: Gute Argumentation, aber, um mit Joschka Fischer zu sprechen: „I am not convinced“. Trotzdem danke ich für das sehr erhellende Gespräch.

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