Rufmord an einem Antifaschisten

Einen ziemlich grotesken Text über die sexualemanzipatorische Zeitschrift „Gigi”, der dieselbe in die Nähe von Neonazis rückt, hat das Ein-Mann-Projekt BIFFF veröffentlicht. Hintergrund ist wohl ein Rechtsstreit, der zwischen beiden Seiten tobt. Eigentlich könnte man darüber wortlos hinweggehen, wenn nicht zwei dubiose und darüber hinaus latent bis manifest homophobe Internet-“Journalistinnen“, nämlich Tanja Krienen und Gudrun Eussner, diesen Artikel für ihre Denunziationszwecke entdeckt hätten.

Obwohl eigentlich für jeden Menschen mit etwas Restverstand sofort als purer Nonsense zu erkennen, unterstellt er dem Journalisten Eike Stedefeldt, der in den letzten Jahren wiederholt antisemitische Äußerungen in der Schwulenszene skandalisierte, eine Nähe zu Ernst Röhm, Michael Kühnen und Saddam Hussein. So wird etwa dieser in der „Gigi“ erschienene Sachartikel über den schwulen Neonazi-Führer Michael Kühnen zu einer Belobigung desselben umgelogen. Eike Stedefeldt, dem verantwortlichen Redakteur, wird angedichtet, er habe mit der Ausgabe Ernst Röhm ein Denkmal setzen wollen.

Bereits eine kurze Recherche hätte der „Journalistin“ Eussner klar gemacht, auf welchen abstrusen Verdrehungen diese Vorwürfe beruhen. Stedefeldt ist Autor des in der Antifa-Edition von Elefanten-Press publizierten Sachbuches Schwule Macht, das gegen den durch das Wendejahr 1989 ausgelösten „Rechtsruck der Schwulenbewegung“ polemisiert. Immer wieder bezog Stedefeldt Stellung gegen die Versuche „bürgerlicher Homosexueller“, die extreme Rechte in der Schwulenszene salonfähig zu machen (vgl. hierzu etwa seinen im Freitag erschienenen Artikel „Die junge Freiheit der Andersliebenden“). Bei dem Hetzpamphlet von BIFFF handelt es sich also um nicht weniger als den Versuch, einen israelsolidarischen Antifaschisten mit Rufmord zu überziehen.

Als Ausgangspunkt für seine Konstruktion dient dem Autor eine allerdings sehr peinliche Begebenheit in der sexualpolitischen Assoziation „whk“, welche die „Gigi“ herausgibt: hatte doch die der DKP nahestehende Regionalgruppe Rheinland den Antiimp-Aufruf „10 Euro für den irakischen Widerstand“ unterschrieben! Was der Autor indes verschweigt, ist die nachfolgende heftige Auseinandersetzung auf dem whk-Bundestreffen und der nicht zuletzt auf Anlass von Eike Stedefeldt betriebene Ausschluss einer der Personen, die für die Unterschrift verantwortlich zeichneten. Über diese Kontroverse war der Autor des Pamphlets zwar bestens unterrichtet, aber das Verhalten von Stedefeldt passte offenbar nicht in sein verschwörungstheoretisches Bild, weshalb er es, wie so vieles andere, einfach unter den Tisch fallen ließ.

Nicht dass es keine berechtigte Kritik an den Vorstellungen von sexueller Emanzipation gäbe, die im whk vorherrschen. Der Autor des Pamphlets deutet das durchaus gelungen an, wenn er schreibt:

Mit den Vordenkern möchte man sagen, „in der Verneinung“ menschlicher und der Bejahung entfremdeter Sexualität habe Stedefeldt unfreiwillig den Kern der Menschenrechte im Kapitalismus getroffen, der „die Liebe kassiert“ und auch das Geschlechterverhältnis zu einem „rationalem, kalkulierbaren Verhältnis“ (Horkheimer/Adorno) macht, eben überall nur ein Menschenrecht kennt, das des freien Warenverkehrs, das des Verkaufs der eigenen Subjektivität an solvente Käufer. Freiheit der Prostitution und Verlangen nach Fertilität sind zwei Seiten derselben „Fungibilität“ (Horkheimer/Adorno) des Sexus unter der Gültigkeit dieses Menschenrechts; „negativ“ weist das „whk“ so den Weg zur Möglichkeit wirklicher Emanzipation, der dem seinen entgegengesetzt ist. […] Verdinglichung des Menschen zeigt auch die Haltung der Leute um Stedefeldt zur Pädophilie, die inzwischen in „Gigi“ zu einem Hauptthema vermeintlicher sexueller Emanzipation geworden ist. Manchen gilt das „whk“ bereits als politischer Arm der Kindersex-Szene, und wie Siegestrophäen für den gelungenen Tabubruch druckt Stedefeldt immer wieder Abonnementkündigungen im Wortlaut ab, in denen die Rechtfertigung des Kindesmißbrauchs durch die Zeitschrift beklagt wird: mal möchte eine sexualpolitische Gruppe einer linken Partei, mal ein autonomes Lesbenreferat eines AStA das alles nicht mehr lesen und bezahlen müssen. […] Wer so weit gekommen ist, konnte am Kannibalismus als sexuelle Perversion nicht achtlos vorbei gehen, ein weiteres Thema aus der „Dialektik der Aufklärung“. Der Altlateiner und „Forum“– und „whk“-Mitbegründer Wolfram Setz rechtfertigte in „Gigi“ die Forderung nach Straffreiheit des Lustmordes bei Einverständnis des Opfers mit dem Schopenhauer-Zitat „volenti non fit injuria: da nämlich Das, was ich thue, alle Mal Das ist, was ich will“. „Dieser Grundsatz“, so Setz, „sollte bei jeder Diskussion über strafrechtliche Regelungen zur Sexualität Motto und Leitmotiv sein“, als wäre unter dem Plumeau Wirklichkeit geworden, was im Rest der Gesellschaft uneingelöster Anspruch der Aufklärung geblieben ist. „bluesky“ fand für den in Mode gekommenen Bruch des Menschenfleisch-Tabus den genialen Ausdruck „einvernehmliche Verspeisung“, die er ebenso als Menschenrecht verteidigte wie Stedefeldt die Prostitution. Er verdeutlichte damit nicht nur die Verdinglichung und Verwertung der Sexualpartner, die nicht mehr Geliebte sind, sondern in kühler Geschäftigkeit, wie es in der „Dialektik der Aufklärung“ heißt, zum landwirtschaftlichen Schlachtvieh und dann zu Scheiße werden und deren Nachschub als bloß logistisches Problem erscheint, das planerische Vernunft löst. Er konnte auch die „helle“ und die „dunkle“ Philosophie der Aufklärung direkt miteinander verbinden: die Formel enthält gleichermaßen die Illusion der Möglichkeit eines Vertrags zwischen Freien und Gleichen wie seine grauenhafte Wirklichkeit, daß dabei eine Partei stirbt und eine lebt. Horkheimer und Adorno nannten dies gegen de Sade „die Lust, Zivilisation mit ihren eigenen Waffen zu schlagen“.

[…] „Gigi“ brachte Ende 2004 eine Titelgeschichte zum Barebacking, dem ungeschützten Geschlechtsverkehr zwischen Männern unter dem bewußten Risiko der HIV-Infektion, in der der von Nietzsche gefeierte „Genuß“ der „Freiheit von allem sozialen Zwang“ und die von ihm besungene „entsetzliche Heiterkeit und Tiefe der Lust in allem Zerstören, in allen Wollüsten des Siegs und der Grausamkeit“ sexualpolitisch wiederkehrten. Gegen die „profitorientierte AIDS-Präventionspropaganda“ (Stedefeldt) und das „Diktat des Safer-Sex“ der „erfolgreich Disziplinierten“ mit ihren „Disziplinierungsabsichten“ wurde vom „whk“-Vizechef Ortwin Passon der „respektvolle Umgang mit bewußt ’sattelfrei‘ Reitenden“ und die gesellschaftliche Akzeptanz der „Selbstverwirklichung der Freunde ungeschützten Verkehrs“ gefordert. In „Gigi“ vom Mai 2005 verschärfte Passon dies noch einmal: gegen die „Kriminalisierungsversuche von Barebackern“ riet er diesen, „bei Strafverfolgungsbehörden“ im Falle der Beschuldigung der Körperverletzung wegen erfolgter Infektion anderer niemals Aussagen zu machen. […] „Die Lust geht anstatt mit der Zärtlichkeit mit der Grausamkeit einen Bund ein“ (Horkheimer/Adorno) wie beim Jungfrauenversprechen der islamistischen Suicide Rackets.

Diese Kritik hätte eine spannende Diskussionsgrundlage abgegeben, aber der Autor verdirbt sie sofort, indem er sich und den anderen vorlügt, dies sei die Haltung der Faschisten zur Sexualität und nicht etwa jener linken Sexualrevolutionäre, die der gesamten späteren Schwulenbewegung das Programm vorgaben. Interessant wäre diese Kritik als eine immanente an den Sexbefreiungsdiskursen der Alt-68er, an den Heften von „Konkret Sexualität“, die sich die „Gigi“ zum Vorbild genommen hat, wie schließlich auch an deren Populär-Derivaten — Filmen à la „Schulmädchenreport“ und Sendungen wie „Wa(h)re Liebe“ mit ihren degoutanten Reportagen über Porno-Drehs und die besten Swingerclubs der Republik. Denn das Konzept von „sexueller Emanzipation“, dem sich die „Gigi“ verschrieben hat, ist längst Mainstream geworden; es als faschistisch zu denunzieren, nur noch dämlich.

Aber ein Antifa kann eben nicht aus seiner Haut. Keine Kritik will ihm gelingen, die nicht auf den Nachweis hinausliefe, dass der Kritisierte mit der angeblich drohenden Faschisierung der bürgerlichen Gesellschaft im Bunde stehe. Und am Ende trifft es ausgerechnet einen Kollegen, der auf seine Weise mit haargenau demselben Drang unterwegs ist.

Achja, und falls es noch nicht hinreichend deutlich wurde: Eike Stedefeldt als Nazi-Sympathisanten zu verleumden, ist, bei aller notwendigen Kritik an seiner Vorstellung von sexueller Emanzipation, einfach nur noch widerlich!


1 Antwort auf „Rufmord an einem Antifaschisten“


  1. Gravatar Icon 1 dreamhill 19. April 2006 um 14:16 Uhr

    Ich habe mich nun ein paar Stunden durch diese ominöse Seite des angeblichen Diplom-Psychologen gelesen. Ein Science Fiction mit Verschwörungstheorien ist Kleinkram dagegen.

    Dieser Typ tut mir leid. Er scheint offenbar nicht ganz beisammen zu sein und schmeißt Sachen zusammen, die so gar nichts miteinander zu tun haben. Schon nach wenigen Sätzen wurde ich wegen seiner Ausdrucksweise und den Verbindungen, die er zieht, stutzig. Aber er scheint das Talent zu haben, Fehler der anderen wie ein Geier zu bemerken und anschließend für seine recht phantasievoll geschriebenen Texte zu benutzen.

    Übel ist es dann, wenn er dann benutzt wird, um andere zu denunzieren. Im Internet ist es für nicht so versierte Menschen schwierig, den Wahrheitsgehalt einer Aussage zu überprüfen. Manchmal ist es sogar für alle unmöglich.

    Danke für deinen guten Text an dieser Stelle.

    Viele Grüße
    dreamhill

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