Ghetto ist was anderes …

Alan Posener kritisiert, wie ich finde: recht gelungen, den Jargon des „Ghettos“ in den aktuellen Kommentaren deutscher Tageszeitungen:

Wer wissen will, was ein Ghetto war, kann das Ghetto in Venedig besuchen oder jenes in Trier: Dort wurden die Juden nachts eingesperrt (die Zugbrücken in Venedig und die Kette in Trier kann man bis heute sehen), damit sie die Christen nicht gefährdeten — und damit sie bei Pogromen leichter zu finden waren. Anderswo durften Juden nicht wohnen. Man kann auch versuchen, die Spuren des ausgelöschten Ghettos in Warschau zu finden, wo die Juden eingesperrt wurden, um durch Krankheit und Hunger dezimiert zu werden. Dieses Ghetto — wie jene in Lodz, Krakau, Wilna usw. usf. — war ein Vernichtungslager, so gut wie Auschwitz, Vorhof der Hölle.

Es ist offenkundig, daß die Schwarzenviertel der amerikanischen Städte ebensowenig diese Bezeichnung verdienen wie die Vororte der französischen. Der Begriff „Ghetto“ wurde von schwarzen Aktivisten in den 60er Jahren als Kampfbegriff aufgegriffen; unterstellt wurde der WASP-Oberschicht der USA ein Vernichtungskrieg gegen die Schwarzen, wie er von den arischen Deutschen gegen Europas Juden geführt wurde. Demzufolge hatte es keinen Sinn, den individuellen Ausbruch in die Mittelschicht zu wagen; denn wie die Juden ihren gelben Stern an der Jacke und das Mal der Beschneidung in der Hose trugen, trügen die Schwarzen das Mal des zum Leiden auserwählten Volks im Gesicht. Daher könne nur der kollektive Rassenwiderstand helfen, der Ghetto-Aufstand — mit dem Ziel, so jedenfalls die Black-Power-Aktivisten und die Black Muslims, einen eigenen Staat, ein schwarzes Zion oder schwarzes Kalifat zu errichten. Bewußt oder unbewußt folgte man hier der Erzählung des Zionismus, der ja eine Linie zieht vom Aufstand im Warschauer Ghetto zum Unabhängigkeitskrieg Israels.

Und wer auch immer das Wort vom Ghetto aufgreift, übernimmt damit auch diese Logik in mehr oder minder abgeschwächter Form; betreibt zugleich, in aller Regel sicher unbewußt, die unzulässige emotionale Aufladung eines sozialen Konflikts und die ebenso unzulässige Relativierung des europäischen Rassenkriegs gegen die Juden.


4 Antworten auf „Ghetto ist was anderes …“


  1. Gravatar Icon 1 Doughnut Boy Andy 15. November 2005 um 21:35 Uhr

    It is indeed correct, the word Ghetto originated from Italy.

    Dictionary.com:

    ghet·to Audio pronunciation of „ghetto“ ( P ) Pronunciation Key (gt)
    n. pl. ghet·tos or ghet·toes

    1. A section of a city occupied by a minority group who live there especially because of social, economic, or legal pressure.
    2. An often walled quarter in a European city to which Jews were restricted beginning in the Middle Ages.
    3. Something that resembles the restriction or isolation of a city ghetto: “trapped in ethnic or pink-collar managerial job ghettoes” (Diane Weathers).

    [Italian, afterGhetto, island near Venice where Jews were made to live in the 16th century.]

    Interesting too is:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Ghetto

    and in english:

    http://en.wikipedia.org/wiki/Ghetto

    especially:

    „Ghettos in post-WWII France

    There are allegedly „ghettos“ in modern France. The poorer banlieues, or suburbs, of France, especially those of Paris, house an impoverished population largely of North African Muslim and Black African origin in large medium- and high-rise building developments known as „Cités“. They were built in the 1960’s and 1970’s in the industrial suburbs to the north and east of Paris, especially in the department of Seine-St-Denis (also known from its departmental code as „le 93″ or „le 9-3″), and in other French cities like Villeurbanne near Lyon. They are similar in style and have similar problems as the large inner-city urban renewal projects in the US (like Cabrini Green in Chicago). Though most of the young were born in France, and (like many of those who weren‘t) are citizens, this North-African and African population is routinely discriminated against in the job market, as well as by the police. (There are, however, affluent banlieues around Paris as well, such as the department of Hauts-de-Seine to the west.)“

    Ich habe auch oft das Wort Ghetto genutzt ohne die bestimmte Vergangenheit zu wissen. Englisch „Ghetto“ bedeutet heutzutage nur „Ein Ghetto bzw. Getto ist ein Stadtviertel, in dem eine bestimmte Bevölkerungs- oder kulturell geprägte Gruppe in einer mehr oder weniger strengen Isolation zu leben gezwungen ist“. Ich habe nie vorher die Geschichte des Worts in Englisch gehört und die NS Ghettos sind meistens bekannt unter ihrem spezifische Namen, vor allem Warschau.

    Ich bin also eine die „unbewusste“ nutzer des Wortes und die Leute mit dem Ich rede wahrscheinlich auch.

  2. Gravatar Icon 2 Lil 11. Juni 2008 um 15:01 Uhr

    Ich muss für die Schule die Verwendung des Begriffs ‚‘Ghetto'‘ im üertragenen Sinn erklären. Natürlcih habe ich über das ghetto in venedig oder das warschauer ghetto geschrieben doch ich soll nun erklären wie das entstanden ist und was die ghettos früher mit den ghettos heutzutage zu haben und ich weiß nciht wie ich das erklären soll kann mir da jemand helfen?

  3. Gravatar Icon 3 Gramsci 13. Juni 2008 um 15:57 Uhr

    Vielleicht findest du ja hier was drin:
    http://www.amazon.de/Das-Janusgesicht-Ghettos-andere-Essays/dp/3764374616/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1213368984&sr=8-1
    sollte in jeder Soziologie der Sozialwissenschaftsbibliothek zu fineden sein. Meißtens kann man das über deren Webseite rausfinden.

  4. Gravatar Icon 4 Angelus Novus 13. Juni 2008 um 21:13 Uhr

    The thread in the labyrinth of Bellow’s politics has undoubtedly something to do with the “ghetto” also, and with a certain awkward possessiveness about the employment of that same pejorative. In a revealing moment in Ravelstein, the hero objects to the commonplace use of the term as customarily applied to black American life:

    “Ghetto nothing!” Ravelstein said. “Ghetto Jews had highly developed feelings, civilized nerves—thousands of years of training. They had communities and laws. ‘Ghetto’ is an ignorant newspaper term. It’s not a ghetto that they come from, it’s a noisy, pointless, nihilistic turmoil.”

    http://www.theatlantic.com/doc/200711/hitchens-bellow/2

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