Riot boyz

Man muss die Motive der Jugendlichen, die in Frankreich auf die Straße gingen, nicht politisch deuten. Zwei, die es anders machten und damit vielleicht die plausibelste Erklärung von allen lieferten, sind Alan Posener und Michel Wieviorka.

Ersterer schreibt in seinem Weblog:

Der Herbst ist die Zeit des Feuers. Sonnenwendfeuer, Martinsfeuer, Guy Fawkes Night in Großbritannien usw.; wer noch nie in einer kühlen Nacht um ein brennendes Feuer getanzt hat, der hat nicht gelebt. Und wenn dieses Feuer dazu noch illegal ist, weil es das brennende Auto des Falafel-Buden-Besitzers von nebenan ist, oder des Lehrers; wenn der Tanz ein Katz-und-Maus-Tanz mit der Polizei ist; wenn man in einer von Flammen erleuchteten Nacht keuchend durch die Straßen seines Viertels rennen, den kühlen Wind in den Haaren und den Stein in der Hand spüren, für Augenblicke angesichts der wie Darth Vader eingekleideten Kräfte des Imperiums den beinahe sexuellen Kick der Todesangst und des Heldenmuts spüren kann — nun, so müßte man kein junger Mann, sondern eine Memme sein, wollte man dort nicht mitmachen, und ein vertrockneter alter Esel, begriffe man dieses Hochgefühl nicht.

Letzterer hebt diese Erklärung in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau auf ein eher wissenschaftliches Niveau:

Was bedeutet es, wenn Jugendliche die Autos abfackeln?

Ihre Gewalt ist mit Subjektivität geradezu aufgeladen, weil das ihre Sprache, ihr Ausdrucksmittel ist. Sie sagen uns: „Ich will existieren! Aber ich kann nur existieren in der Zerstörung, im Feuer, in den Medien.“ Warum sind sie in dieser völlig entleerten Subjektivität? Weil sie sich in einer Krise befinden, gegen die von staatlicher Seite nichts unternommen wird.

Kann man, was Sie Subjektivität nennen, mit Identität übersetzen? Anders gefragt: Schaffen sich die Jugendlichen eine Identität durch Gewalt?

Nein, das tun sie gerade nicht, weil es ein Diskurs ohne Inhalt ist. Es ist leerer Ausdruckswille, eben weil es keine Worte gibt, keine Führer, keine Organisation, keine Ideologie, nichts davon ist vorhanden, nur blinde Gewalt.

In Frankreich ist man Gewalt gewöhnt. Wenn Bauern Barrikaden anzünden, dann ist das Teil der politischen Ikonographie, die bis auf die Revolution zurückgeht. Haben die Jugendlichen womöglich das als einzige der republikanischen Lektionen gelernt, dass man mit Gewalt etwas erreicht?

Nein. Schließlich haben sie das nicht in der Schule, sondern von den Medien gelernt. Die Medien kommen, wenn sie Autos verbrennen. Und je mehr man verbrennt, desto mehr kommen. Und wenn wirklich viele brennen, kommen sogar die internationalen Medien. Der Gipfel des Ruhmes ist CNN. Als ich in Straßburg Jugendliche befragte, erzählten sie mir stolz, dass ein landesweiter Privatsender gekommen sei. Die Jungs von nebenan hatten es nur ins Regionalfernsehen geschafft. Darum geht es ihnen.

Sicher, beide sind stockreaktionäre Staatsfetischisten; aber sie sind zumindest dem kultur-rassistischen Deutungswahn nicht erlegen, der viele andere Journalisten und Autoren zurzeit umtreibt.


1 Antwort auf „Riot boyz“


  1. Gravatar Icon 1 Critisize this! :: Unruhen in Frankreich = Riot Boyz?! :: November :: 2005 17. November 2005 um 8:25 Uhr

    […] Kollege Lysis, einer der “Nachbarn” hier schreibt auf seinem Blog oftmals interessante Artikel, aus denen meine Tageslektüre besteht. In letzter Zeit setzt der Kollege sich desöfteren mit den Unruhen in Frankreich auseinander, bei denen Jugendliche aus den Vorstädten von Paris und Lyon diverse Gegenstände ihrer Umgebung anzündeten oder anderweitig zerstörten oder sich Straßenschlachten mit der Staatsgewalt lieferten. Lysis hat in seinen Artikeln versucht, verkehrte politische Interpretationen, mit rassistischem oder klassistischem Unterton oder völlig an der Sache vorbeigehende (siehe bei diesem liberalen Blog: Freunde der offenen Gesellschaft) bzw. ganz verkehrte Berichterstattung zu kritisieren. In seinem Blog-Eintrag “Riot Boyz macht Lysis jedoch einiges verkehrt. Er zitiert dort zwei Autoren, die er selbst als stockreaktionäre Staatsfetischisten charakterisiert, die aber zumindest nicht dem kultur-rassistischen Deutungswahn erlegen sind. Dieses “zumindest” sollte einen schon aufhorchen lassen, denn hier ist kein Argument für oder gg. die Thesen, der gleich noch zu betrachtenden Autoren von lysis vorgetragen worden, sondern ein Vergleich. Er sagt sinngemäß, dass es eben noch viel, viel schlimmere Beispiele für die Interpretation der französischen Unruhen gibt; und das soll nun ein Lob für deren Geschreibe sein? Ein Vergleich ist doch kein Argument! Wenn man genau hinschaut, merkt man, dass Lysis den Autoren Alan Posener und Michel Wieviorka in ihrer verkehrten Analyse folgt, wo er doch selbst weiß, dass da stockreaktionäre Staatsfetischisten am Werk sind und das doch eigentlich einen, der nicht so einer ist, eher misstrauisch stimmen müsste. […]

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