„Schwulenwitze sind immer gleich“

Ich hege zwar einigen Groll gegen Herrn Kunstreich, aber seine Besprechung der Serie „Queer as Folks“ in der Jungle World (die ich leider nie gesehen habe) ist einfach nur genial:

»Queer as Folk« versucht beides, die Serie will ein queeres und ein heterosexuelles Publikum zugleich ansprechen – und beweist nebenbei, dass die Vorliebe für schlechten Humor unabängig von der sexuellen Orientierung ist. Das Klischee über die Schwulen hat es zu weitgehender Deckungsgleichheit mit dem schwulen Klischee gebracht. So ist es auch stimmig, dass »Queer as Folk« bei ProSieben läuft. Der Sender versucht, sich mit tumben sexgeladenen Komödien zu profilieren. […]

Ende Dezember kam dann der Tiefpunkt. Hier bewies das unterirdisch schlechte Fernsehspiel »Andersrum« mit Heiner Lauterbach als dauergeilem Vorzeige-Macho und Mark Keller als tuntigem Heterosexuellen, wie eng schwuler und homophober Humor zusammenhängen. »Es gibt Judenwitze und es gibt jüdische Witze. Schwulenwitze sind immer gleich«, hat Ronald M. Schernikau einmal geschrieben. […]

Nun ist »Queer as Folk« nicht mit der ekelerregenden Lauterbach-Klamotte zu vergleichen. Allerdings gelingt es ProSieben, durch die Synchronisation das Niveau der Serie noch weiter abzusenken. [….]

Dennoch wird »Queer as Folk« als ein weiterer Meilenstein der homosexuellen Emanzipation gefeiert, weil Schwule als Protagonisten auftreten und nicht nur als Stichwortgeber wie bei unzähligen Sitcoms. […]

Nach diesem Prinzip arbeitete das britische Original von »Queer as Folk«, das in den neunziger Jahren von Channel 4 produziert wurde. Allerdings stand hier der erklärte Wille dahinter, die schwul-homophobe Witzigkeit zu denunzieren und das Bild vom gut gelaunten, wohlhabenden, sorgenfreien Großstadtschwulen zu zerstören. In der Hochzeit der Political Correctness ging es um die Korrektur einer Sichtweise. Den Anspruch hat die amerikanische Version dann aufgegeben; in den USA ist die Selbstethnisierung viel weiter vorangeschritten als in Europa, die Identität wird als eigene Schöpfung wahrgenommen und zelebriert. US-Serien sind deswegen häufig unfreiwillige Ethnografien, eben so, wie sich verschiedene Gruppen präsentieren und repräsentiert werden. […]

So aber sind Brian, Ted, Michael und Emmett nicht nur einfach Schwule, sondern Angehörige einer quasi ethnischen Minderheit, mit ihren eigenen Sprachregelungen, Ritualen und Schwierigkeiten; sie sind Exemplare, im Moment der Konfrontation sowohl mit der Homophobie als auch mit der »eigenen Kultur«. […]

Hier sehen sich die Schwulen, wie sie gesehen werden wollen, und sie sehen sich, wie andere sie sehen, und es gibt keinen Unterschied. Wenn sowohl der Homophobe wie der Schwule von den gleichen Annahmen und Bildern ausgehen und nur deren Bewertung sich partiell noch unterscheidet, ist die Aufklärung an ihrem Ende angekommen, denn Bewertungen sind Meinungen, Meinungen Projektionen und Projektionen nicht aufklärbar, sondern nur in einer unverstellten Erfahrung aufhebbar.

Genau diese liefert aber kein Produkt der Kulturindustrie. Erst gar nicht so zu tun, als könne sie Erfahrung substituieren, diesen Vorteil hat die amerikanische Version von »Queer as Folk« gegenüber der britischen, die immer dann unerträglich wurde, wenn sie subversiv sein wollte und tatsächlich nur belehrend war. […]


1 Antwort auf „„Schwulenwitze sind immer gleich““


  1. Gravatar Icon 1 bigmouth 20. Januar 2006 um 9:54 Uhr

    die UK-serie finde ich persönlich jedenfalls nicht schlecht – zumindest sehr unterhaltsam. aber mir macht ja auch desperate housewives erschreckend viel spaß…

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