Der Iran und die Bombe

Wenn man so manchen antideutschen Artikel liest, könnte man denken, der Iran wolle sich Nukleartechnik zulegen, um damit Israel einzuäschern. Die Mullahs seien so verrückt, dass sie es sogar auf einen Krieg ankommen ließen, um ihren eliminatorischen Wahn zu befriedigen. Wie wenig das mit der Realität zu tun hat, demonstriert eine (zugegeben etwas längliche, aber bereits am Anfang sehr aufschlussreiche) Analyse des GegenStandpunkt mit dem Titel „Iran — Aufsichtsobjekt der Großmächte“ (22,9 MB, 1:40 h), in dem sowohl der amerikanische als auch der iranische und der europäische Imperialismus auf seine Zwecke hin untersucht werden.

Selbstverständlich geht es dem Iran zunächst einmal darum, durch den Aufstieg zur Atommacht einen Regimewechsel abzuwenden, den die US-Regierung bereits annonciert hat, als sie diesen Staat offiziell auf die „Achse des Bösen“ setzte — eine Liste von Feindstaaten, die sie in den nächsten Jahrzehnten mit militärischen Mitteln abzuarbeiten gedenkt. Darüber hinaus versucht der Iran durch Beherrschung von Nukleartechnologie, sein imperialistisches Gewicht in der Region zu erhöhen. Der GegenStandpunkt zieht hier einen interessanten Vergleich zu Deutschland, das sich zur Zeit des seligen Franz Josef seine Kernkraftwerke nicht etwa aus rein energiepolitischen Gründen zugelegt habe, sondern um in den Kreis der Atommächte aufzusteigen, die wenigstens prinzipiell über das Wissen und die nötige Technik verfügen, eine Atombombe zu bauen.

Israels Sicherheitsbedenken werden dadurch sicher nicht gegenstandslos, sehr wohl aber das dämliche Argument von Antideutschen, beim Iran hätte man es mit einem Staat zu tun, der nach völlig anderen Maßstäben kalkuliert als seine westlichen Konkurrenten.


6 Antworten auf „Der Iran und die Bombe“


  1. Gravatar Icon 1 bigmouth 07. Februar 2006 um 15:57 Uhr

    „selbstverständlich“ ist da gar nichts. die GSP-analyse ist eine mögliche deutung der geschehnisse. wir, die nicht in die köpfe der entscheidungsträger hinein schauen können, wissen schlicht und ergreifend nicht, ob es sich bei den handelnden im iran um nach unseren weltlichen maßstäben*) rationale akteure handelt, oder ob es denen mit der aussicht auf gotteslohn nicht doch recht ernst ist. den eigenen tod bereitwillig in kauf zu nehmen für „die größere sache“ (ob das jetzt gott oder vaterland oder kommunismus oder wasweißich ist) – das ist in der geschichte nun mal schon häufiger vorgekommen

    *) gäbe es tatsächlich ein tolles ewiges leben nach dem tode, wäre es nur rational, dieses auch erreichen zu wollen

  2. Gravatar Icon 2 Nemesis 07. Februar 2006 um 16:34 Uhr

    Der Iran will mit gleichen Mitteln Präsenz und Souveränität geltend machen, wie Israel es selbst seit Jahrzehnten tut. Sie bedient sich israelischer Argumentationsmuster, unter den gegebenen Umständen habe man keine andere Wahl, um das Existenzrecht des eigenen Staates auf Dauer verteidigen zu können. Wenn der Iran seine nationale Sicherheit in gleicher Weise zu „sichern“ gedenkt wie Israel, wenn der Iran in gleicher Weise Souveränität beansprucht wie Israel, ist dagegen notfalls jedes Mittel recht sagen USA und die EU.
    Und darin erschöpft sich das ganze auch.

  3. Gravatar Icon 3 Nemesis 07. Februar 2006 um 17:02 Uhr

    Es sollte richtig „Der Iran will mit gleichen Mitteln Präsenz und S….“ heißen. Hab das „mit gleichen“ vergessen. kann man das nachträglich einführen?

  4. Gravatar Icon 4 lysis 07. Februar 2006 um 17:59 Uhr

    Ich hab’s korrigiert. Wenn du dich registrierst, d.h. einen Account anlegst (Link im Header), solltest du an sich die Möglichkeit haben, deine Beiträge zu bearbeiten.

  5. Gravatar Icon 5 chrdop 07. Februar 2006 um 22:46 Uhr

    @bigmouth
    was die einzelnen akteure da glauben spielt nicht so die große rolle. es gibt da einen strukturvorrang in modernen staaten. es ist die frage ob die struktur eines solchen staatssystems nicht von vorneherein so ein handeln ausschliesst. Ich behaupte: es ist ausgeschlossen. selbst hitlers nero-befehle wurden bei weitem nicht so ausgeführt wie er sich das gedacht hat (und wie sich die deutschen opfer das im nachhinein zurecht phantasieren). Auch das opfern ganzer armeen folgt immer noch einer gewissen zweckrationalität. man wird also schlecht unterstellen können, die ganze herrschaft die da im iran von verschiedensten machtzentren besorgt wird, wäre total durchgeknallt.

  6. Gravatar Icon 6 Doughnut Boy Andy 19. Februar 2006 um 12:49 Uhr
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