Dem Revisionismus auf der Spur

Vor mehreren Wochen hat die BAHAMAS eine antideutsche Konferenz abgehalten und jetzt, in ihrer neuen Ausgabe, die meisten der gehaltenen Vorträge in überarbeiteter Form publiziert. Einer der so entstandenen Artikel ist Uli Krugs Im Bann des Etatismus. Ich möchte mich gar nicht an den ärmlichen Inhalten abarbeiten, sondern vielmehr auf die „anti“deutsche Marx-Revision aufmerksam machen, die in diesem Artikel gleich einer Freudschen Fehlleistung an einem einzigen Satz zum Vorschein kommt. So heißt es dort:

Der Liberalismus war in Marx’ Augen einfach fortschrittlicher in Hinsicht auf die berühmte „doppelte Freiheit“ des Individuums: zwar frei von allen Zwängen zu sein, die seine Entfaltung verhindern aber auch frei von allen Mitteln, diese mögliche Entfaltung ins Werk zu setzen.

Was schreibt Marx wirklich?

Freie Arbeiter in dem Doppelsinn, daß weder sie selbst unmittelbar zu den Produktionsmitteln gehören, wie Sklaven, Leibeigne usw., noch auch die Produktionsmittel ihnen gehören, wie beim selbstwirtschaftenden Bauer usw., sie davon vielmehr frei, los und ledig sind. (MEW 23, 742)

All der Blödsinn über „freie Entfaltung des Individuums“ ist von Krug da nur hinein spintisiert. Zwar gibt es eine solche Formulierung bei Marx wirklich, nur leider nicht im Kapital (1867 ff.), wo der „doppelt freie Lohnarbeiter“ bestimmt wird, sondern im Kommunistischen Manifest (1848):

An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist. (MEW 4, 482)

Nun ist es Krugs erklärtes Programm, zwischem dem frühen und dem späten Marx nicht unterscheiden zu wollen. Eigentlich könnte man sagen: lassen wir ihm doch seinen Spaß! Aber leider führt dieses identitäre Konzept von Autorschaft, das über alle Brüche und Neuentdeckungen in Marx‘ Schriften hinweggleitet, als wären sie bloß die expressive Entfaltung eines ewig gleichen Grundgedankens, am Ende zu einer Totalrevision seines wirklich relevanten Spätwerks. Denn anders als „Anti“deutsche glauben machen wollen, versucht der reife Marx an keiner einzigen Stelle, die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft gegen ihre Wirklichkeit auszuspielen. Im Gegenteil: er verhöhnt sie, nicht indem er ihre mangelnde Verwirklichung beklagt, sondern indem er diese am bürgerlichen Wertehimmel prangenden Sterne down to earth als notwendige Bestandteile des kapitalistischen Verwertungsprozesses bestimmt. So im Kapital Bd. 1, Kapitel 4 — „Die Verwandlung von Geld in Kapital“:

Die Sphäre der Zirkulation oder des Warenaustausches, innerhalb deren Schranken Kauf und Verkauf der Arbeitskraft sich bewegt, war in der Tat ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte. Was allein hier herrscht, ist Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham. Freiheit! Denn Käufer und Verkäufer einer Ware, z.B. der Arbeitskraft, sind nur durch ihren freien Willen bestimmt. Sie kontrahieren als freie, rechtlich ebenbürtige Personen. Der Kontrakt ist das Endresultat, worin sich ihre Willen einen gemeinsamen Rechtsausdruck geben. Gleichheit! Denn sie beziehen sich nur als Warenbesitzer aufeinander und tauschen Äquivalent für Äquivalent. Eigentum! Denn jeder verfügt nur über das Seine. Bentham! Denn jedem von den beiden ist es nur um sich zu tun. Die einzige Macht, die sie zusammen und in ein Verhältnis bringt, ist die ihres Eigennutzes, ihres Sondervorteils, ihrer Privatinteressen. Und eben weil so jeder nur für sich und keiner für den andren kehrt, vollbringen alle, infolge einer prästabilierten Harmonie der Dinge oder unter den Auspizien einer allpfiffigen Vorsehung, nur das Werk ihres wechselseitigen Vorteils, des Gemeinnutzens, des Gesamtinteresses.

Beim Scheiden von dieser Sphäre der einfachen Zirkulation oder des Warenaustausches, woraus der Freihändler vulgaris Anschauungen, Begriffe und Maßstab für sein Urteil über die Gesellschaft des Kapitals und der Lohnarbeit entlehnt, verwandelt sich, so scheint es, schon in etwas die Physiognomie unsrer dramatis personae. Der ehemalige Geldbesitzer schreitet voran als Kapitalist, der Arbeitskraftbesitzer folgt ihm nach als sein Arbeiter; der eine bedeutungsvoll schmunzelnd und geschäftseifrig, der andre scheu, widerstrebsam, wie jemand, der seine eigne Haut zu Markt getragen und nun nichts andres zu erwarten hat als die — Gerberei. (MEW 23, 189-191)

Indem Krug nun überholte Formulierungen, wie Marx sie im Kommunistischen Manifest getätigt hat, in das Kapital reimportiert, verwandelt er Marx‘ zynischen Spott über den bürgerlichen Freiheitsbegriff in sein absolutes Gegenteil: ein Lob des „schönen Götterfunkens“, den das Kapital im Rahmen seiner blutigen Durchsetzungsgeschichte in die Welt gesetzt hat. Denn nichts anderes behandelt das Kapitel „Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation“, in dem der von Krug zitierte Begriff des doppelt freien Lohnarbeiters fällt.

Es ist dies nicht das erste Mal, dass Krug & Konsorten die Marxsche Kritik der bürgerlichen Gesellschaft in ihr affirmatives Gegenteil verkehren. Einen ganz ähnlichen Fehler, bei dem die Revision von Behauptungen und Formulierungen des frühen durch den späten Marx nicht berücksichtigt wurde, habe ich schon vor einiger Zeit am Aufruftext der antideutschen Konferenz kritisiert, damals an der Rede von der „‚Entzauberung‘ der gesellschaftlichen Beziehungen unterm Kapital“, die einen fast glauben lässt, die Autoren hätten das für Wertkritiker doch so entscheidende Kapitel über den Fetischcharakter der Ware in Band 1 und über die „Trinitarische Formel“ in Band 3 des Kapital nie zur Kenntnis genommen.

Ich muss sagen, dass ich gerade über Krugs geistigen Verfall schwer entsetzt bin. Vor seiner Bekehrung zum antiislamischen Kulturkrieger hat er die Marxsche Werttheorie relativ virtuos zu interpretieren gewusst. Jetzt ist er nur noch einer der vielen Zitatejäger, die sich hemmungslos in einem zum Steinbruch zertrümmerten Marxschen Opus bedienen, um dem jeweils gerade zu Beweisenden das Etikett „marxistisch“ aufzudrücken.


13 Antworten auf „Dem Revisionismus auf der Spur“


  1. Gravatar Icon 1 asd 06. März 2006 um 10:53 Uhr

    wie immer ist bei dir alles etwas schief geraten. so wäre die behauptung, die „freie entfaltung des individuums“ kann im kapitalismus nicht realisiert werden, sondern nur im kommunismus ja gerade der versuch, die bürgerlichen ideale gegen deren schlechte verwirklichung zu stellen.
    wenn man hingegen „down to earth“ menschenrechte und liberalismus als notwendige bestandteile der kpw dechiffriert, so ist das keine verhöhnung von diesen, sondern wohl eher ein indiz dafür, dass das kapital ein selbstkritisches system ist.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 07. März 2006 um 12:16 Uhr

    so wäre die behauptung, die “freie entfaltung des individuums” kann im kapitalismus nicht realisiert werden, sondern nur im kommunismus ja gerade der versuch, die bürgerlichen ideale gegen deren schlechte verwirklichung zu stellen.

    ja, eben, das wäre der versuch, „die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft gegen ihre Wirklichkeit auszuspielen“, wie ich oben schrieb. nur dass das der gute marx gar nicht macht.

    wenn man hingegen “down to earth” menschenrechte und liberalismus als notwendige bestandteile der kpw dechiffriert, so ist das keine verhöhnung von diesen, sondern wohl eher ein indiz dafür, dass das kapital ein selbstkritisches system ist.

    hahaha, so ist das zitat von marx mit dem „eden der angebornen menschenrechte“ also gemeint! als lob, dass der kapitalismus so selbstkritisch ist. ;))

    schau mal, „freiheit, gleichheit, eigentum und bentham“ sind doch keine selbstkritischen ideale, sondern dinge, die in der bürgerlichen gesellschaft tatsächlich verwirklicht sind. und zwar deshalb, weil sie die notwendige voraussetzung dafür darstellen, dass sich warentausch und exploitation in ihrer spezifisch kapitalistischen form entfalten können.

  3. Gravatar Icon 3 asdf 07. März 2006 um 14:34 Uhr

    ja, ja: die alte leier vom esoterischen und exoterischen gehalt der marxschen kritik.
    was denkst du denn, worauf basiert marx kritik? darauf dass keiner mehr hungern soll? wohlstand für alle? das glücksversprechen des liberalismus par excellence?
    wenn ich gerne von dem und vor dem gesetz gleich behandelt werden möchte und obwohl ich eventuell anders bin (bspw. hermaphrodit), fordere ich dann nicht den universellen gehalt der freiheits und gleichheitsrechte gegen deren schlechte verwirklichung ein.
    wenn ich recht und staat kritisiere, weil sie den menschen strukturell nicht als zweck, sondern nur als mittel fassen, bringe ich dann nicht die bürgerlichste selbstverwirklichungsidee inform einer mg-staatskritik auf den plan?
    wollte ja auch nur sagen, dass du selbst nicht angegeben hast, worin denn marx kritik besteht, sondern nur zwei modelle kritisiert hast, obwohl sie dabei unter der hand aufeinander verweisen. die regression der bahamasgruppe in fragen KpÖ ist natürlich nicht entschuldbar, genausowenig wie die konsequenz mit der sie die antinationale bewegung (einst irgendwie eine hoffnung für mich) in eine spinnerte sekte bzw. jugendbewegung umgemodelt haben (auch wenn ich sie nicht für rassistisch halte).

  4. Gravatar Icon 4 lysis 08. März 2006 um 2:03 Uhr

    um etwas abzulehnen, braucht man keinen allgemeinen maßstab. es reicht zu wissen, dass man bei diesen verhältnissen der gelackmeierte ist. man kann sich natürlich auch, wie marx, mit geradezu physischem ekel darüber empören, wohin diese gesellschaft die masse der leute bringt: in schieres elend bei nie enden wollender plackerei.

    du dagegen argumentierst wie habermas: kritik wäre ohne einen verbindlichen wertemaßstab nicht möglich. das ist quatsch. kritik ist immer kritik des objektiv falschen, ganz unabhängig von irgendwelchen äußeren maßstäben. marx‘ kritik bestand darin, die harmonistischen lehren der klassischen politischen ökonomie, d.h. den liberalismus, der unwahrheit zu überführen. dazu musste er nicht zeigen, dass die bürgerliche gesellschaft an ihrer eigenen ideologie scheitert. es reichte aus, die fehler von leuten wie adam smith und david ricardo in der sache zu rekonstruieren und zu beweisen, dass es sich bei ihren theorien um falsche naturalisierungen gesellschaftlicher herrschaftsverhältnisse handelte.

    die ideale von „freiheit, gleichheit, eigentum und bentham“ hat marx verspottet, weil er um ihre wirkliche bedeutung wusste. es handelt sich um die zu „universalen werten“ aufgeblasenen kategorien des bürgerlichen vertragsrecht, welche die kapitalistische zirkulationssphäre als solche konstituieren. ökonomischer und politischer liberalismus erweisen sich so als die zwei seiten einer medaille — was sie im übrigen bis heute geblieben sind. indem marx zeigte, wohin diese vom staat durchgesetzten realkategorien in der wirklichkeit führen — nämlich für den arbeiter in die „gerberei“ —, hat er den opfern dieser gesellschaftsordnung demonstriert, was sie von ihnen zu halten haben: nichts!

  5. Gravatar Icon 5 lysis 08. März 2006 um 2:42 Uhr

    wenn ich gerne von dem und vor dem gesetz gleich behandelt werden möchte und obwohl ich eventuell anders bin (bspw. hermaphrodit), fordere ich dann nicht den universellen gehalt der freiheits und gleichheitsrechte gegen deren schlechte verwirklichung ein.

    du machst da zwei fehler.

    der erste ist der, dass du davon ausgehst, „andere“ (wie hermaphroditen) würden vor dem gesetz nicht gleich behandelt. das ist quatsch. das gesetz gilt für alle gleich.

    der zweite fehler ist der, dass du dir einbildest, diese gleichbehandlung käme dir irgendwie zugute. das ist ebenfalls quatsch. das BGB hat, wenn du nichts besitzt, für dich die folge, dass du deine haut zu markte tragen musst, um über die runden zu kommen, während es den besitzenden das ausschließliche verfügungsrecht über die mittel deines lebensunterhalts gewährleistet. das ist nicht eine folge mangelnder gleichbehandlung, sondern im gegenteil: es ist genau das resultat dieser gleichbehandlung.

    komm mal von dem gedanken weg, dass der staat für dich da sei! dann hörst du vielleicht auch auf, ständig an ihn zu appellieren, dass er irgendwelche unzureichend verwirklichten werte durchsetzen soll. die bekommen dir ja schon jetzt nicht.

  6. Gravatar Icon 6 asdf 08. März 2006 um 11:32 Uhr

    „kritik wäre ohne einen verbindlichen wertemaßstab nicht möglich. das ist quatsch. kritik ist immer kritik des objektiv falschen, ganz unabhängig von irgendwelchen äußeren maßstäben.“

    merkst du deinen selbstwiderspruch nicht? erst willst du keine verbindlichen wertemaßstab, einen satz später zauberst du das „objektiv falsche“ hervor. das scheint per se kritikabel. entweder ist das selbst ein maß, oder du hast ein anderes, das dir sagt, dass „objektiv falsches“ abgeschafft gehört.

    „die ideale von “freiheit, gleichheit, eigentum und bentham” hat marx verspottet, weil er um ihre wirkliche bedeutung wusste. es handelt sich um die zu “universalen werten” aufgeblasenen kategorien des bürgerlichen vertragsrecht, welche die kapitalistische zirkulationssphäre als solche konstituieren.“

    dazu zwei fragen: was verspottet marx genau? die Freiheit oder eine vorstellung von freiheit, die ihren ganzen gehalt als reflexion der zirkulationskonstitutiva erhält.
    zweitens habe ich nicht behauptet, dass das gesetz nicht für alle gleich gilt. das war aber nicht immer so. hermaphroditen habe ich deshalb angeführt, weil sie eine vielbeachtete minderheit sind, bei der diskutiert wird, ob das bestehende regelwerk ihre persönliche selbstbestimmung unterminiert. kann man ein anrecht auf gleichbehandlung als mensch (jenseits von „rasse“, geschlecht, sexueller orientierung, glaube etc.) formulieren ohne freiheit, gleichheit und gerechtigkeit? stellen sich die aufgeblasenen kategorien der zirkulation nicht gegen sich selbst, indem sie kenntlich machen, das menschen durch arbeitszwang und dergleichen in die gerberei wandern? sind sozialismus und sozialdemokratie nicht gerade versuche, dies abzuschaffen, genau wie antira, die frauenbewegung, queer-politics usw. sich auf genau den gleichen ethischen fundus beziehen, wenn sie kritisieren.
    deine versuche, die begründungsproblematik einfach durch den verweis auf (strukturell erzeugtes) menschliches leid abzuschneiden ist nicht konsitent. du setzt dabei immer schon ein vokabular voraus, das es dir zumindest erlaubt, „falschheit“, „elend“, „gerberei“ zu beklagen und dies kann kein anderes sein, als das was wir alle haben, die guten alten aufgeblasenen kategorien der zirkulation.

  7. Gravatar Icon 7 lysis 08. März 2006 um 14:44 Uhr

    Ich geh da später noch mal etwas genauer drauf ein. Aber vorab dies: „Falschheit“ ist eine Kategorie der Logik und kein Werturteil: zwei Sätze widersprechen sich, also muss einer davon falsch sein. Man braucht sich nicht vorher auf einen gemeinsamen Maßstab zu einigen, um einen Fehler zu kritisieren, weil ohne die Kategorien von „wahr“ und „falsch“ das Denken und die Debatte gar nicht funktionieren würden. Selbst wenn jemand diese Kategorien aufkündigt, tangiert das noch nicht den Kritiker! Der sagt sich halt dann: „Mit dem lässt sich nicht mehr reden, der stammelt bloß unverständliches und widersprüchliches Zeug.“

    Ebenso dann diese Passage:

    deine versuche, die begründungsproblematik einfach durch den verweis auf (strukturell erzeugtes) menschliches leid abzuschneiden ist nicht konsitent. du setzt dabei immer schon ein vokabular voraus, das es dir zumindest erlaubt, “falschheit”, “elend”, “gerberei” zu beklagen und dies kann kein anderes sein, als das was wir alle haben, die guten alten aufgeblasenen kategorien der zirkulation.

    Völliger Blödsinn! Es geht doch nicht darum, etwas zu „beklagen“, sondern jemandem zu erklären, dass er bei einer Sache schlecht wegkommt. Dazu brauch ich keine allgemeinen „Werte“, sondern bloß die Logik. Dein Problem ist, dass du das Kapital für ein moralisierendes Werk hältst, das die Herrschenden davon überzeugen wolle, dass sie doch so mit ihren Arbeitern nicht umspringen könnten. Das ist nicht die Intention.

    Überhaupt kann man deiner Argumentation entnehmen, dass für dich der Adressat der Kritik nie die Gelackmeierten selbst sind, sondern immer eine Art übergeordnete Instanz, die man durch Verpflichtung auf „allgemeine Werte“ zu etwas bewegen will, was gar nicht in ihrem Interesse liegt. Diese Instanz ist natürlich der Staat. Deswegen hast du auch gar nicht mal so unrecht, wenn du schreibst:

    sind sozialismus und sozialdemokratie nicht gerade versuche, dies abzuschaffen, genau wie antira, die frauenbewegung, queer-politics usw. sich auf genau den gleichen ethischen fundus beziehen, wenn sie kritisieren.

    Ja, diese Bewegungen sind größtenteils solche gewesen, die Appelle an den Staat gerichtet haben. Der solle sich doch bitte an die Wertmaßstäbe seiner Verfassung — die Menschenrechte, den Grundsatz der Gleichbehandlung und der Freiheit der Person — halten. Genau das tut Marx nun aber nicht. Stattdessen will er zeigen, dass der Staat und seine Grundsätze den Arbeitern gar nicht gut bekommen — und dass diese den Staat stürzen müssen, um ihr Interesse an einem guten Leben durchzusetzen.

    Eine Bewegung, die ihre Gesuche mit Vorliebe an den Staat richtet, nämlich die homosexuelle „Bürgerrechtsbewegung“ in den USA, hab ich übrigens hier schon mal etwas ausführlicher kritisiert. Lohnt sich vielleicht zu lesen, wenn du meine Argumentation besser verstehen willst.

  8. Gravatar Icon 8 asdf 08. März 2006 um 16:14 Uhr

    mein lieber, es ist wohl etwas unlauter, den von dir genutzten falschheitsbegriff als „logische richtigkeit“ interpretieren zu wollen. dir geht es m.e. ganz eindeutig um eine gesellschaft in der strukturell leid erzeugt wird und nicht um ein formal widerspruchsfreies aussagesystem. so ist auch dein kritiker kein logiker, sondern offensichtlich ein voluntarist, der, falls er nicht weiter kommt einfach nicht mehr mit den leuten redet.

    wann kommt denn „einer bei einer sache schlecht weg“? was ist den gut und schlecht? Logik? wohl kaum? hier verennst du dich in was!
    ich halte das kapital nicht für moralisierend. ich will nur moralisierende und nicht moralisierende aussagesysteme trennen.
    wenn überhaupt wende ich mich an die interessierte öffentlichkeit und versuche klarheit über bestimmte begriffe und vermeintlich super kritisches gehabe zu schaffen. nicht ich bin moralisch (obwohl ich natürlich moralisch bin, nur verwechsele ich es nicht mit radikaler kritik) sondern du. derjenige, der die faktischen normativen grundlagen des eigenen „kritisierens“ verkennt und sie als „objektivität“, „logik“ oder „freie entscheidung“ verschleiert.

  9. Gravatar Icon 9 lysis 08. März 2006 um 16:56 Uhr

    mein lieber, es ist wohl etwas unlauter, den von dir genutzten falschheitsbegriff als “logische richtigkeit” interpretieren zu wollen.

    nein, du unterstellst mir einfach deinen adornitischen falschheitsbegriff, der in solchen wendungen wie „die falsche gesellschaft“ auftaucht. wenn dagegen marx die falschheit der klassischen politischen ökonomie nachweist, dann indem er demonstriert, dass sie ihren gegenstand nicht richtig erklärt. er macht aber noch mehr. er zeigt, warum diese fehler gemacht wurden, d.h. warum es sich dabei um ein „notwendig falsches bewusstsein“ handelt. dazu dient sein ideologie-begriff, der die reflexionsformen der bürgerlichen nationalökonomie auf den warenfetisch zurückführt, nämlich darauf, dass sich die gesellschaftlichen verhältnisse der personen in der kapitalistischen produktionsweise als gegenständliche charaktere der arbeitsprodukte, d.h. als wert, darstellen.

    so, und nicht anders, läuft die marxsche kritik der politischen ökonomie. das leid der arbeiter wird dabei zwar ebenfalls dargestellt. es bildet aber lediglich die motivation seiner kritik und ist nicht dasselbe wie ihr inhalt. andernfalls hätte es genügt, einen sozialkritischen roman zu schreiben, um so die verhältnisse „anzuklagen“.

  10. Gravatar Icon 10 ugly 08. März 2006 um 17:55 Uhr

    @lysis hab grad erst dein letztes posting gelesen, was vieles beinhaltet was ich im nachfolgenden geschreiben/gefragt/behauptet hab…..hab allerdings nicht genug zeit das alles wieder rauszufischen und hoffe du nimmst mir das nicht übel.

    Aber vorab dies: “Falschheit” ist eine Kategorie der Logik und kein Werturteil: zwei Sätze widersprechen sich, also muss einer davon falsch sein.

    *einspruch*fuchtel

    das ist meiner meinung nach so nicht richtig und ich versuche mal zu diskutieren ;)

    1.die klassische logik.

    der satz vom ausgeschlossenen dritten kann natürlich nicht völlig übern haufen geworfen werden aber: er genügt nicht um die wahrheit zu erfassen.
    denn zwei sich widersprechende sätze könne beide falsch sein. zudem verweist diese art der logik immer nur auf das was eh schon ist. sprich: er ist das ende jeglicher alternativen und und ist der einspruch des realitätsprinzips gegen die wirkliche alternative.
    im gegenteil ich würde sogar soweit gehen zu sagen das diese logik selbst der gesellschaft entspringt und das denken verkürzt indem er vor seinem urteil zwei unterschiedliche dinge miteinander vergleicht und damit auf einen gemeinsamen aspekt beschränken muss, das wirklich andere kann aber nicht mit dem vorherigen verglichen werden. wie z.B. ist möglich kaptitalismus und kommunismus miteinander zuvergleichen ? das würde eine positive bestimmung beider vorraussetzen, die zumindest für den kommunismus gar nicht möglich ist; und selbst dann können nicht die beiden in all ihren eigenheiten miteinander verglichen werden sondern müssen die beiden auf bestimmte aspekte verkürzt werden.

    2.maßstäbe

    es gibt einen objektiven maßstab und den wendest du auch an, selbst wenn du es leugnest. der maßstab ist das das leben lebenswert sein soll und das der mensch die möglichkeit haben soll sich nach seinen fähigkeiten zu entfalten. so ungenügend meine kenntnisse des marxschen werkes auch sind, in allem was ich gelese hab steckte genau dieser gedanke, ohne ihn ist sogar der kategorische imperativ von marx sinnlos. du musst erstmal die frage beantworten warum der mensch überhaupt ein gutes leben führen soll. das allerdings vermute ich kannst du nicht ausser mit „weil er soll“ oder „weil er will“. Vielleicht ist das auch ne projektionsleistung: ich kann diese frage nicht anders beantworten. wer meint sie nicht stellen zu müssen allerdings läuft gefahr die marxsche theorie zum selbstzweck verkommen zu lassen (was sie sicherlich in dem sinne ist das sie keine handlungsanweisung ist, sicherlich aber nicht in dem sinne ist das marx kritik der kritik willen betrieben hat und wissen angehäuft um wissen anzuhäufen. der zweck bleibt die emanzipation des menschen, oder: die wirkliche menschwerdung des menschen).
    marx klagt in diesem sinne doch sehrwohl die versprechen des revolutionären bürgertums gegen den kapitalismus ein, aber auf einer neuen stufe, nämlich in dem er ihm beweisst das seine versprechen selbst nur dem bedürfnissen des von ihm geschaffenen systems entsprungen sind und sich in diesem immer nur zu ungunsten der menschen verwirklichen. das gleichheit immer repressiv ist ist richtig, allerdings gibt es eine gleichheit die befreit indem sie ihre eigene grundlage (den vergleich) aufhebt. das das im kapitalismus durchaus auch passiert ist richtig und leid produziert ist übringens richtig. aber eben nur weil der kapitalismus davon absieht das der mensch nunmal fressen und scheißen muss, d.h. vom erstmal körperlichen leben der menschen. nur wen wenn das überleben aller menschen gesichert ist und aus dem überleben leben geworden ist, ist es sinnvoll das der vergleich aufhört. werte und moral sind ausserdem murks weil sie sich eben nicht an gesellschaft orientieren, sondern ansprüche an den einzelnen stellen und so tun als würde die gesellschaft einfach die summe der einzelwillen sein.

    3.der unterschied zum idealismus

    die kritik hat also durchaus ein apriorie, sie hat auch eine objektiven maßstab, wenn auch keinen ewigen. sie unterschiedet sich vom idealismus all der hoffenden (die es ja immer gab) vorallem dadurch das sie nicht den traum gegen die wirklichkeit einklagt. statt also per klassischer logik zu verfahren kritisiert sie die dinge aus sich selbst herraus. sprich: vergleicht die möglichkeiten die eine entwicklungsstufe der entfaltung der menschen bietet mit deren tatsächlichen gesellschaftlichen entfaltung ab, d.h. der kapitalismus birgt insich durchaus die möglichkeit zu mehr, steht dieser wiederum aber selbst im wege und muss deswegen überwunden werden..

    wenn du schreibst

    dass für dich der Adressat der Kritik nie die Gelackmeierten selbst sind, sondern immer eine Art übergeordnete Instanz, die man durch Verpflichtung auf “allgemeine Werte” zu etwas bewegen will, was gar nicht in ihrem Interesse liegt.

    ist das meiner meinung nach nur zum teil richtig. marx kritisiert ja in erster line nicht die menschen und ihr verhalten, sondern die verhältnisse die dieses verhalten hervorbringen; aber er macht die menschen und ihr leben zum dreh und angelpunkt seiner kritik. sie sind es für die er kritik übt, die er auch kritisiert, aber um ihnen die möglichkeit zu geben selbst praktische kritik zu üben, sprich die verhältnisse umzustürzen. Und die selbst in ihrer ihren bestehenden form die kritik der bestehenden verhältnisse darstellen.
    kritisiert wird trotzdem nicht die gesellschaft, auch weil die sich ändern soll. der anspruch wird allerdings nicht an diese gestellt, weil in der kritik die erkenntnis enthalten ist das sie sich nicht ändern kann, sondern nur so sein kann wie sie ist. Denn obwohl der kapitalismus angetreten ist mit dem versprechen den menschen vom zwang zu befreien und ihm ein gutes leben zu ermöglichen, bietet er dem menschen nur den zwang seine arbeitskraft zu verkaufen um überhaupt leben zu können und auch dann nicht annähernd so gut wie er meint. das alles nicht weil er nicht gut genug funktioniert (wie seine apologeten, inkl. einiger antideutschen behaupten…..hab vergessen wos stand, aber hab kürzlich gelesen das es ja angeblich der sozialstaat wäre der den menschen ein gutes leben verwehrt) sondern weil er so gut funktioniert (das schließt den sozialstaat eher mit ein; überhaupt versteh ich nicht in manchen punkten nicht was sich bei antideutschen als logik verkauft; da wird der sozialstaat dann zu etwas vom kapitalismus verschiedenen weil er (angeblich) dem nationalsozialismus enspringt und dieser vom kapitalismus verschieden ist (was meiner meinung nach allerdings stimmt), das dieser allerdings aus dem dem kapitalismus inkl. des etatismus (der ja die eigentliche grundlage des sozialstaat ist) entsprungen ist und damit der sozialstaat durchaus nicht vom kapitalismus verschieden wird irgentwie vergessen. überhaupt bin ich mir nicht sicher inwieweit der moment des qualitativen umschlags von kapitalismus in nationalsozialismus schon genauer betrachtet wurde (für hinweise auf artikel etc. wäre ich dankebar ;) ); denn so „einfach“ wie zumindest einige junge genossen das darstellen ist das meiner meinung nach nicht.

    4. paradoxes, und dinge wo ich nicht weiter weiss

    kommunismus ist meiner meinung nach heute nur noch als aufhebungsbewegung bewusster und freier menschen möglich, andrerseits soll er diese überhaupt er herstellen. kommunismus und die dazugehörige revolution werden sonst zur reinen willensfrage. die frage wie die ideologie die von dieser gesellschaft hervorgebracht hat und durch die sie sich erhält (also die „alltagsreligion“) heute flächendeckend aufgebrochen und von den menschen beseitigt werden kann ohne die verhältnisse vorher abzuschaffen muss erst noch beantwortet werden.

    grüße ugly

  11. Gravatar Icon 11 sdaf 08. März 2006 um 20:10 Uhr

    also jetzt geht es dir wieder zuerst um systematische fehler in der theoriebildung, um von da aus zu fetisch-theorie in variante des verdinglichten notwendig-falschen bewußtseins zu gelangen. das ist aber kein bewußtsein, dass immanente fehler aufweist, sondern richtiges bewußtsein in einem falschen zusammenhang (ich hoffe hier sind wir uns einig, weil eine debatte über marx fetisch-konzept vs. lukacs‘ verdinglichung mir hier definitiv zu weit ginge). will sagen, marx demonstriert einen gesellschaftlichen zusammenhang, der sich über blinde flecken und logische ungereimtheiten hinweg vollzieht und schließlich sinnlich-übersinnliche dinge hervorbringt (abstrakte arbeit), die sich für ihn als konstitutiv erweisen. – wäre wohl falsche gesellschaft.
    du gehtst aber noch normativer von einer falschen gesellschaft aus, weil du stets beklagst, dass leute hier die gelackmeierten sind, dass sie nichts rausbekommen udgl. oder willst du die arbeiter dafür sensibilisieren, dass hier soziale relation gegenständliche erscheinung annehmen und die wut darüber zum ausgangspunkt der revolutionären aktion werden lassen?

  12. Gravatar Icon 12 lysis 22. März 2006 um 23:42 Uhr

    sorry, hatte ein bisschen die lust verloren. aber ein cooles marxzitat möchte ich dann doch nachtragen:

    Andererseits zeigt sich ebenso sehr die Albernheit der Sozialisten (namentlich der französischen, die den Sozialismus als Verwirklichung der von der französischen Revolution ausgesprochenen Ideen der bürgerlichen Gesellschaft nachweisen wollen). […] Was die Herren von den bürgerlichen Apologeten unterscheidet, ist auf der einen Seite das Gefühl der Widersprüche, die das System einschließt; auf der anderen der Utopismus, den notwendigen Unterschied zwischen der realen und idealen Gestalt der bürgerlichen Gesellschaft nicht zu begreifen, und daher das überflüssige Geschäft vornehmen zu wollen, den ideellen Ausdruck selbst wieder realisieren zu wollen, da er in der Tat nur das Lichtbild dieser Realität ist.

    Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie 1857-58 (1974) S. 160

  1. 1 ascetonym.blogsport.de Trackback am 10. August 2006 um 8:02 Uhr
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