Kontinuitäten deutscher „Religionskritik“

Von einst …

Stürmer-Ritualmordlegende

… bis jetzt …

Die KONKRET instrumentalisiert ein Bild des Aschura-Fests für ihre antiislamische Hetze


Für ihr Cover im April 2004 instrumentalisierte die KONKRET ein Bild des Aschura-Fests, um an die in der jüdischen Verfolgungsgeschichte dauerpräsenten Ritualmordphantasien anzuknüpfen, die zuletzt noch einmal vom Stürmer wiederbelebt worden waren. Die eigentliche Bedeutung dieser Szene, die eine schiitische Trauerprozession darstellt, wurde den Lesern auf dem Titelbild verschwiegen:

Während Aschura gedenken die Schiiten öffentlich der Schlacht von Kerbela im heutigen Irak. In dieser Schlacht wurden am 10. Tag des Monats Muharram Husain, der dritte Imam der Schiiten, sowie fast alle männlichen Verwandten im Krieg getötet. Die Rituale des Aschura enthalten Erzählungen (Rouza-chwani), Trauerprozessionen in Trauerkleidung und mit Selbstgeißelung (Sinazani) oder auch die kultische Inszenierung des Martyriums Husains (Taziya). Dabei steht an jedem Tag ein anderes Ereignis der Schlacht im Mittelpunkt der rituellen Handlungen. Die öffentliche Trauer ermöglicht es den Gläubigen am Leiden Husain teilzuhaben und somit einen Teil ihrer individuellen Sünden abzubüßen.

Als Höhepunkt dieser Rituale ritzen sich Gläubige die Stirn mit Rasierklingen auf oder verletzen sich mit Schwertern. Diese exzessive Form wird jedoch längst nicht von allen schiitischen Religionsgelehrten gutgeheißen.


17 Antworten auf „Kontinuitäten deutscher „Religionskritik““


  1. Gravatar Icon 1 bigmouth 27. März 2006 um 15:56 Uhr

    entschuldige, ich stehe auf dem schlauch: aber welche stürmerkompatible aussage über muslime tätigt denn das titelbild deiner meinung nach genau? ich sehe deine ritualmord-assoziation kein stück (wer ist denn zB das opfer auf dem bild?), auch weil ich der meinung bin, dass zu dem zeitpunkt der veröffentlichung das Aschura-Fest durch allgemeien medienpräsenz (das als cover verwandte bild ist sehr häufig veröffentlicht worden) ganz klar war, dass da selbstverletzende bekloppte religiöse zu sehen sind. als ich das cover sah, wusste ich zb sofort, worum es ging

  2. Gravatar Icon 2 lysis 27. März 2006 um 19:22 Uhr

    Also bitte, es ist ja wohl klar, dass es hier nicht um das Aschura-Fest geht. Das Bild wird dekontextualisiert und als Metapher für die „mordlüsternen Muslime“ gebraucht. Oder meinst du, die KONKRET wollte damit rituelle Selbstgeißelungen verspotten?

    Es mag ja sein, dass dir, als regelmäßiger Zeitungsleser, der Hintergrund des Bildes bekannt war. Ich bezweifle jedoch, dass das allgemein zutrifft. Mir z.B. sagte das Bild bis dahin überhaupt nichts.

    Dass du die Assoziation nicht siehst, will ich nicht begreifen: blutüberströmte Männer, die einen Dolch in der Hand halten — womit sonst als mit der Ritualmordlegende wird eine solche Ikonographie von Europäern in Verbindung gebracht? Wenn das Aschura-Fest nicht die gemeinte Assoziation ist (und allein der Titel verrrät, dass es darum nicht geht), womit soll ein westlicher Leser das sonst assoziieren als mit den einschlägigen Bildern, die er aus dem Stürmer kennt?

  3. Gravatar Icon 3 bad brain 28. März 2006 um 4:05 Uhr

    Ich halte den „Stürmer“-Vergleich für weit überzogen: präpariert „konkret“ etwa die Deutschen ideologisch etwa für die Vernichtung von Muslimen?

    By the way: Die „Bahamas“ halte ich auch für ein übelstes Rassistenblatt.

  4. Gravatar Icon 4 sablotron 28. März 2006 um 13:24 Uhr

    „Es mag ja sein, dass dir, als regelmäßiger Zeitungsleser, der Hintergrund des Bildes bekannt war. Ich bezweifle jedoch, dass das allgemein zutrifft. Mir z.B. sagte das Bild bis dahin überhaupt nichts.“
    […]
    „womit soll ein westlicher Leser das sonst assoziieren als mit den einschlägigen Bildern, die er aus dem Stürmer kennt?“

    Es mag ja sein, dass dir, als regelmäßiger Stürmerleser, der Kontext der Ritualmordbilder bekannt ist. Mir z.B. sind nicht viele Stürmerbilder geläufig und auch sind Männer mit Dolchen bei mir erstmal keine Ritualmörder, aber ein positives Bild geben sie trotzdem nicht ab.

    Ich halte die Feststellung, dass „ein westlicher Leser“ eigentlich nur den Stürmer als Vorlage für Assoziationen kennt, für albern. Die antisemitische Karikatur hat beispielsweise im arabischen Raum eine wesentlich aktuellere und lebendigere Präsens als beim „westlichen Leser“, der den Strümer nur noch aus unscharfen Bildern im Geschichtsbuch kennt.

    und die kette, die du mit dieser behauptung aufmachst, ist zurecht von bad brain kritisiert worden; auch wenn die auseinandersetzung mit dem islam in der konkret sehr fragwürdig und problemitsch ist, kann ich da keinerlei parallelen zum eliminatorischen antisemitismus des stürmer erkennen.

  5. Gravatar Icon 5 lysis 28. März 2006 um 18:23 Uhr

    ja, dann kann ich im stürmer nicht mehr als „religionskritik“ à la KONKRET erkennen.

    (ist halt so ’ne sache mit dem erkenntnisvermögen, wa?)

  6. Gravatar Icon 6 bigmouth 29. März 2006 um 14:58 Uhr

    sablotron hat recht. ich denke bei dolchen auch ncith an ritualmorde – ich bezweifle mal, dass überhaupt ein nennenswerter teil der leute in europa das tut. und das bild hatz eifnach überhaupt keine konnotationen zu ritualmord – es findet ja nicht mal im veborgenen statt, in einem heiligen ort, es gibt kein opfer usw usf. du verrennst dich da

  7. Gravatar Icon 7 lysis 29. März 2006 um 16:54 Uhr

    also erstmal liegt die assoziation selbstgeißelung überhaupt nicht nahe, weil es solche bewegungen in europa zum letzten mal während des mittelalters gab. deswegen denkt man bei blutüberströmten männeren daran sicher zuletzt. wenn leute blutüberströmt sind und einen dolch in den händen halten, denkt man natürlich an mord oder genauer: an eine schlachtung. dies setzt ein opfer logisch voraus. es muss deshalb auch gar nicht in das bild hineinmontiert werden. (die aufforderung „such das opfer“ ist da echt albern!) das bild sagt also, ganz unabhängig davon, ob du das jetzt mit dem stürmer in verbindung bringst oder nicht, aus, dass muslime nicht nur mörder, sondern dass sie sadistische schlächter sind. und wem hat man denn sowas jahrhundertelang vorgeworfen?

  8. Gravatar Icon 8 bad brain 29. März 2006 um 19:05 Uhr

    Sicherlich ist das strukturell antisemitisch. Aber du blendest den historischen Kontext komplett aus.

  9. Gravatar Icon 9 carla 30. März 2006 um 19:09 Uhr

    Ich fand das Cover seinerzeit auch nicht sonderlich gelungen, um es mal milde auszudrücken; allerdings nicht wegen Assoziationen zu „Ritualmorden“ (schließe mich bigmouth an, dass ein wichtiger Unterschied zwischen den beiden Bildern in der An- bzw. Abwesenheit von unschuldigen, wehrlosen Opfern besteht). Das Bild auf dem konkret-Cover verweist im Kontext mit der Schlagzeile – die nicht einfach vernachlässigt werden darf – meiner Meinung nach eher auf ein (behauptetes) „Barbarisches“ im Islam. So nach dem Motto: derart archaische Gestalten können doch nie und nimmermehr Demokraten sein, sind nicht in der Moderne angekommen usw.
    Strukturellen oder auch offenen Antisemitismus kann ich hingegen nicht erkennen.

  10. Gravatar Icon 10 boardsteinedge 30. März 2006 um 20:32 Uhr

    Nach langem Überlegen verstehe ich nun endlich, worauf lysis hinaus will.

    Dem konkret-Cover selbst ist nicht zu entnehmen, daß es sich um die Abbildung von Selbstgeißelungen handelt. Man sieht eine Masse, die ausgestattet mit Messern und bluüberströmt durch die Gegend zieht. Man könnte, ohne Kenntnis der wirklichen Umstände, tatsächlich darauf kommen, einen, wie der Titel preisgibt, islamischen Lynchmob bei einem religiösen Ritual zu sehen, der in einer Demokratie, wie sie die Demokratieidealisten der konkret verteidigen und verbreiten wollen, nichts zu suchen hat. Darin liegt meines Erachtens der Skandal: Die Muslime sind angeblich eine barbarische, für Demokratie ungeeignete Masse von Irren.
    Die Assoziation zum Ritualmord jedoch wird kaum jemand hergestellt haben, ich bezweifle auch, daß sie das Ziel der konkret-Redaktion war.
    Nichtsdestotrotz bleibt das Cover Teil der islamophoben Hetze.

  11. Gravatar Icon 11 boardsteinedge 30. März 2006 um 20:45 Uhr

    Pardon, ich hätte besser „die Assoziation zum halluzinierten jüdischen Ritualmord“ schreiben sollen…

  12. Gravatar Icon 12 carla 31. März 2006 um 19:09 Uhr

    Zur Geschichte des Begriffs Islamophobie: http://www.jungle-world.com/seiten/2003/50/2221.php

  13. Gravatar Icon 13 lysis 31. März 2006 um 21:21 Uhr

    blödsinn! der begriff „islamophobie“ folgt der europäischen tradition, neologismen unter rückgriff auf das griechische und lateinische zu konstruieren. im persischen gibt es diese tradition sicher nicht. es ist ein ammenmärchen, ja eine dreiste propagandalüge, dass dieser begriff von den iranischen mullahs geprägt worden sein soll, um frauen zu attackieren, die sich nicht verschleiern wollten. du darfst nicht alles glauben, was die jungle world dir erzählt. und schon gar nicht, wenn sie dafür keine einzige quelle anzuführen hat! das ist eben ein schundblatt, mehr nicht.

  14. Gravatar Icon 14 Arti 31. März 2006 um 23:09 Uhr

    Der Begriff Islamophobie wird regelmäßig verwandt, um Religionskritik, die sich auf den Islam bezieht, zu delegitimieren. Ob nun von den Mullahs oder nicht, selbstverständlich wurde dieses Wort zunächst einmal vornehmlich aus der Glauben-Community heraus promotet und erst später dann bereitwillig von einer antirassistischen Linken übernommen. Das Perfide an diesem Begriff – darum ist er auch so beliebt – ist m. E. nach die Pathologisierung aufklärerischen Denkens.
    Die beiden Autorinnen des o. g. Jungle-World-Artikels sind übrigens durchaus ernstzunehmende Wissenschaftlerinnen. Quellen zu nennen ist nicht üblich in einer nichtwissenschaftlichen Publikation!

  15. Gravatar Icon 15 lysis 01. April 2006 um 4:56 Uhr

    Das ist interessiert mich einen Dreck, ob diese Leute sich selber als seriöse Wissenschaftler bezeichnen. Das ist nämlich nur die alberne Berufung auf Autorität. Wirkliche Wissenschaft ist es, nichts ungeprüft zu übernehmen, sondern für alles eine Quelle zu verlangen, zumindest aber folgende kritische Fragen zu stellen: wie soll das persische Wort für „Islamophobie“ heißen? Verwenden die Mullahs tatächlich ein griechisches Fremdwort? Eines noch dazu, das aus der Sprache der Psychologie bzw. der Psychoanalyse entlehnt ist? In welchen Texten oder Reden taucht das Wort auf? Wer hat es wie und in welchem Zusammenhang verwendet?

    Genau dies nennt man Quellenkritik, und wer sich daran nicht hält, der hat mit Aufklärung nicht die Bohne zu tun, der betreibt vielmehr etwas ganz Anderes, nämlich Propaganda.

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