Herr Heinzen und der GegenStandpunkt

Neulich hab ich mir auf den freundlichen Hinweis von Lathandir in einem Antiquariat die folgende Broschüre bestellt: Wolfram Auerbach, Diesseits von Gut und Böse. Theorie und Moral der „Marxistischen Gruppe“ (MG) und der Zeitschrift „Gegenstandpunkt“. Bamberg 1996.

Der Autor setzt sich auf, wie es scheint, wertkritischer Basis mit dem marxistischen GegenStandpunkt-Verlag auseinander. Bis jetzt hab ich nur ein Kapitel gelesen, aber bereits das liefert genügend Ansatzpunkte für eine Kritik an jener Strömung, die in den 70er Jahren aus den Roten Zellen hervorgegangen ist, in den 80er Jahren als „Marxistische Gruppe“ Furore feierte und seit ihrer Auflösung im Jahre 1991, die wesentlich aufgrund der Nachstellungen des Verfassungsschutzes erfolgte, als Zeitschrift „GegenStandpunkt“ weiterwurstelt. Auerbach fasst ihre Grundannahmen wie folgt zusammen:

Das Ergebnis der Untersuchung ist betrüblich. Mit ihrer Analyse von bürgerlichem Staat und kapitalistischer Produktionsweise liefern Marxistische Gruppe und „Gegenstandpunkt“ keine nüchterne Bestandsaufnahme, sondern ein Schauermärchen! Dies ist die Kurzfassung:

Am Anfang knallt es ur. Ex nihilo erscheint ein Staat und geht um die Welt. Er hat sich selbst gerufen, denn er meint, wenn es ihn nicht gäbe, wäre niemand da, der den gesellschaftlichen Reichtum als Privateigentum organisieren würde. Er ist bürgerlich, weil er es will. Er hat viel zu tun, weil sich zahlreiche Leute erdreisten, einen Reichtum zu produzieren, der kein Privateigentum ist. Da fährt er mit Feuer und Schwert dazwischen, scheidet, schließt aus, ordnet zu, daß die Fetzen nur so fliegen. Nach den Staats-Streichen gibt es Habe-Nichtse sonder Zahl. Sie sind von den Produkten und Produktionsmitteln nicht nur geschieden, sondern auch ausgeschlossen. Ein kleines Grüppchen jedoch ist reich beschert worden und verfügt plötzlich über alles. Eine Klasse von Privateigentümern! Die dürfen nun nach Herzenslust mit ihrem Privateigentum und den bloß-gestellten Menschen-Heerden umspringen! Sie sind unersättlich: Rrrreichtum! Mmmehr!! Nnnoch!!! Da lassen sie arbeiten. Indem sie dem Arbeits-Vieh die Sporen geben, setzen sie geschickt zwei Reichtums-Treibmittel ein: Wert-Hefe und Geld-Sauerteig. Kommandierend und monopolisierend werden sie immer feister und fetter. Staatlich lizenzierte Drohnen in einem Haufen emsiger Arbeits-Bienen!

Aber was ist daran eigentlich falsch? Auerbach fährt fort:

Die Latte an theoretischen Fehlleistungen, die die geschilderte Sicht von MG und GSP auf die Dinge birgt, ist lang. Die gröbsten Schnitzer im Überblick:

Erstens. Genauso wie alle anderen linken Organisationen begreift der GSP die bürgerliche Gesellschaft als das Produkt eines bösen Willens. Während aber zum Beispiel die K-Gruppen seligen Angedenkens den Ausbeutungswillen der Kapitalisten als Grund allen menschlichen Ungemachs anprangerten und sogar so weit gingen, den Staat als das Werkzeug dieser Klasse von Menschen zu bezeichnen, dreht der GSP den Spieß um: Sein Großer Inszenator ist der Staat! Dieser schreckliche voraussetzungslose Drahtzieher schafft es aus dem Stand, sich ein komplettes kapitalistisches Produktionsverhältnis zusammenzuzwicken. Dessen détailliertere Ausgestaltung überläßt er einigen wenigen Gouverneuren des gesellschaftlichen Reichtums, den Privateigentümern. So einzigartig diese These auch aussieht — singulär steht sie nicht da! Der GSP erinnert lebhaft an Herrn Heinzen, der 1847 [!] von Karl Marx in der Schrift „Die moralisierende Kritik und die kritisierende Moral“ mit folgenden Worten bedacht wird:

Wenn übrigens die Bourgeoisie politisch, d.h. durch ihre Staatsmacht „die Ungerechtigkeit in den Eigentumsverhältnissen aufrechterhält“, so schafft sie dieselbe nicht. Die durch die moderne Teilung der Arbeit, die moderne Form des Austausches, die Konkurrenz, die Konzentration usw. bedingte „Ungerechtigkeit in den Eigentumsverhältnissen“ geht keineswegs aus der politischen Herrschaft der Bourgeoisie hervor, sondern umgekehrt, die politische Herrschaft der Bourgeoisklasse geht aus diesen (…) modernen Produktionsverhältnissen hervor. (MEW Bd. 4, Berlin 1990, S. 338)

Gegen Ansichten à la Herr Heinzen weist Marx wiederholt darauf hin, daß das Ensemble bürgerlicher Lebensverhältnisse als Totalität einander bedingender Sphären aufzufassen sei:

Wenn im vollendeten bürgerlichen System jedes ökonomische Verhältnis das andre in der bürgerlich-ökonomischen Form voraussetzt und so jedes Gesetzte zugleich Voraussetzung ist, so ist das mit jedem organischen System der Fall. (Grundrisse, loc. cit., S. 189)

Die kapitalistische Produktionsweise ist ohne einen bürgerlichen Staat nicht denkbar, der zweite ohne die erste gleich gar nicht! Kapital ist ohne Lohnarbeit nicht möglich und umgekehrt. Als Gravitationszentrum innerhalb einer gesellschaftlichen Totalität macht Marx allerdings die Produktions-Sphäre aus:

Die Produktion greift über, sowohl über sich in der gegensätzlichen Bestimmung der Produktion, als über die andren Momente. Von ihr beginnt der Prozeß immer wieder von neuem. Daß Austausch und Konsumtion nicht das Übergreifende sein können, ist von selbst klar. Ebenso von der Distribution als Distribution der Produkte. (ebenda, S. 20)

Tausendmal ist im Gegensatz zu Aussagen dieser Art behauptet worden, daß eine Seite des Produktionsverhältnisses, nämlich die Klasse der Kapitalisten, den anderen Menschen ihren Willen aufzwinge, so daß die Verhältnisse, unter denen produziert wird, schlüssigerweise erst durch und nach dem Handeln dieser Gruppe von Menschen zustandekommen können. So weit, so schlecht. Den Staat jedoch als den Schöpfer des Kapitalismus hinzustellen — das bleibt Herrn Heinzen und dem „Gegenstandpunkt“ vorbehalten!

Weitere, darauf aufbauende Kritikpunkte Auerbachs folgen morgen.


19 Antworten auf „Herr Heinzen und der GegenStandpunkt“


  1. Gravatar Icon 1 MPunkt 06. April 2006 um 7:29 Uhr

    Ich habe leider momentan wenig Zeit, daher nur kurz:

    1.) Eine Abweichung von Marx (zumal zu einem Zitat aus seinem umfangreichen und nicht widerspruchsfreien Werk) festzustellen, ist kein Argument. Ketzereien festzustellen, statt Argumente zu prüfen, kann man beruhigt der Theologie überlassen.

    2.) Eine überspitzte und verzerrende Darstellung der Positionen des Gegners mag zwar zur Belustigung über ihn taugen, ist aber ebenfalls kein Argument.

    3.)

    Am Anfang knallt es ur. Ex nihilo erscheint ein Staat und geht um die Welt. Er hat sich selbst gerufen, denn er meint, wenn es ihn nicht gäbe, wäre niemand da, der den gesellschaftlichen Reichtum als Privateigentum organisieren würde.

    Der Herr Auerbach kann also genauso wenig zwischen historischer Nacherzählung und logischer Erklärung unterscheiden wie Du? Als müsste man bei einer Erklärung nicht irgendwo anfangen – zumindest wenn man nicht bloß solchen wohlklingenden, aber begriffslosen Quatsch wie diesen verzapfen möchte:

    4.)

    Die kapitalistische Produktionsweise ist ohne einen bürgerlichen Staat nicht denkbar, der zweite ohne die erste gleich gar nicht!

    Alles bedingt irgendwie einander … mit so einer tollen Aussage kann man es sich natürlich sparen, das Verhältnis inhaltlich zu bestimmen. Der erste Halbsatz von Auerbach:

    Die kapitalistische Produktionsweise ist ohne einen bürgerlichen Staat nicht denkbar […]

    stimmt sogar, nur ist für seine Begründung (er selbst scheint solche ja nicht für notwendig zu halten) ausgerechnet die von ihm abgelehnte Erklärung des GegenStandpunkts heranzuziehen. Kapitalismus geht nämlich nicht nur nicht ohne bürgerlichen Staat, weil dieser ihn aufrecht erhält (z.B. durch Standortpflege und Revolutionsvermeidung), sondern weil er ihn erst schafft und zwar Tag für Tag von neuem. Als würde es Kapitalismus geben, ohne dass eine gesellschaftlich umfassende Eigentumsordnung aufgeherrscht werden würde, als würde es Kapitalismus ohne die gewaltsame Betreuung der sich daraus ergebenden antagonistischen Konflikte durch das staatliche gesetzte und durchgesetzte Recht geben, als würde es Kapitalismus geben, ohne dass der Staat mit seinem Gewaltmonopol für seine Gesellschaft sein Geld als verbindlich anzuerkennendes allgemeines Äquivalent vorschreibt.

    Auerbachs zweiter Halbsatz ist hingegen völlig hohl, bestimmt man ihn einmal näher:

    der zweite [der bürgerliche Staat; M.] ohne die erste [die kapitalistische Produktionsweise; M.] gleich gar nicht!

    Ja, wenn der bürgerliche Staat damit charakterisiert ist, dass er sich den Kapitalismus schafft weil er ihn will – warum sollte er das sonst auch machen? – dann ist auch er ohne kapitalistische Produktionsweise nicht denkbar, weil dies ja gerade seiner Bestimmung widersprechen würde. Na sowas …

    5.) Dass Du hier hinter deinen eigenen Erkenntnisstand zurückfällst, um wie üblich alles an Theorie heranzunehmen, was Deinen Gegnern eins reinwürgen könnte, ist freilich traurig …

  2. Gravatar Icon 2 Thomas 06. April 2006 um 10:26 Uhr

    Und dann ist der Übergang, den Auerbach offensichtlich macht, wenn man ein paar Ausführungen zur staatlichen Souveränität über die Produktionsweise* hinstellt, doch komisch: „Genauso wie alle anderen linken Organisationen begreift der GSP die bürgerliche Gesellschaft als das Produkt eines bösen Willens.“ Wie entnimmt der das denn aus den Ausführungen der MG/GSP selbst erst einmal? Den Nachweis soll der mal zB aus dem „Bürgerlichen Staat“ führen. Das scheint mir von Auerbach herangetragen; einen Nachweis spart er sich ja offenbar…zumindest nach dem hier zitierten.

    * es sind ja nicht Einzelkapitalisten, die zB Diebstahl in ihrem Laden bestrafen und die Leute ins Gefängnis setzen und es ist auch der Staat, der seine Kapitalistenklasse zu ihm nützenden Konkurrieren zwingt und diejenigen, die nicht taugen schnell abwickelt ---> vgl. die Insolvenzordnung

  3. Gravatar Icon 3 lysis 06. April 2006 um 11:25 Uhr

    @Mpunkt, kurz zu 5: Was ist denn das für eine moralische Ansage? Wenn jemand Kritik formuliert, dann will er seinem Gegner eins reinwürgen!? Damit verlagerst du eine Auseinandersetzung um die Sache auf das Feld der „Ehre“ und siehst jeden inhaltlichen Widerspruch als Angriff unter der Gürtellinie. So geht das echt nicht!

    Ansonsten: Punkt 1 kann ich zustimmen. Punkt 2 ist aber Quatsch, weil es im ersten Teil des Zitats erst mal um eine Exposition des zu Widerlegenden geht. Allerdings hast du recht, dass der polemische Stil nichts zum Inhalt beiträgt. Bei Punkt 3 wäre ich etwas vorsichtiger. Dass die logische Darstellungsmethode in Marxens Kapital nicht der Historie folgt, sondern der dialektischen Entwicklung der einzelnen Kategorien, ist allgemein bekannt. Bei Marx ist es aber auch nicht so, das er eine Kategorie über alle anderen hebt, wie das beim GegenStandpunkt der Fall ist, wo der Staat als gottgleicher Schöpfer des Kapital erscheint. Behauptet man eine solche logische Priorität, dann muss sie sich auch historisch als solche erweisen. Sonst ist die These eben falsch. Zu Punkt 4: Hier weiß ich nicht, was genau dein Punkt ist. Der Hinweis, dass sich die Einzelelemente der kapitalistischen Gesellschaft gegenseitig bedingen, dass also z.B. auch der Staat nicht ohne eine Ökonomie existieren kann, die Geld (in Form von Steuern) abwirft — er also das gesellschaftliche Verhältnis, auf dem er beruht, nicht voluntaristisch setzt, sondern vielmehr voraussetzt — hat eine genaue Funktion in Auerbachs Argumentation. Dieser Hinweis dient ihm nämlich als Widerspruch zu einer theoretischen Auffassung, in der der Staat als das schlechthin Erste, sprich als etwas Vorgängiges erscheint.

    Und nochmal zu Punkt 5: Ich falle nicht hinter meinen eigenen Erkenntnisstand zurück, weil ich im Gegensatz zum GSP immer schon gesagt habe, dass Ökonomie und Recht die zwei Seiten einer Medaille sind, das eine also nicht ohne das andere denkbar wäre — was etwas völlig anderes ist als zu behaupten, dass der Staat dem Kapital logisch und somit natürlich auch historisch vorausgesetzt sei.

  4. Gravatar Icon 4 MPunkt 06. April 2006 um 14:00 Uhr

    ad 2.) Mal sehen, ob da noch ein Argument nachkommt. Dass es Auerbach um eine sachliche Prüfung geht, bezweifle ich aber, wenn er die kritisierte Kritik gleich in ihrer Darstellung lächerlich zu machen versucht.

    ad 3.) Ja, selbst wenn der GSP das in seiner Staatskritik methodisch anders machen sollte, als der Marx das im Kapital, ist das nicht die Widerlegung. Ansonsten sehe ich nicht, wieso logische Bestimmung und historische Nacherzählung in eins fallen sollten – bei der logischen Bestimmung abstrahiert man doch gerade von den historischen Besonderheiten, um zum Kern der Sache zu kommen. Oder mal konkreter: an welchen Verhältnis von Staat und Kapital soll sich die logische These des GSPs denn historisch erweisen, wenn das von Land zu Land unterschiedlich lief? Hinzu kommt noch, dass seine historische Genese gerade nicht die Erklärung des Gegenstands ist, weil sie noch sehr viel altes in sich trägt und/oder weil es da erst einmal um die Durchsetzung gegen das Vorherige ging. Marx hat als empirische Grundlage für seine logischen Abstraktionen ja nicht umsonst den am weitesten entwickelten Kapitalismus seiner Zeit hergenommen – Kapitalismus ist ja nicht durch Bauernlegen, Arbeitshäuser und derlei Nettigkeiten charaktersiert, sondern durch Eigentumsordnung, Warentausch, Kapitalakkumulation etc. pp. Wenn Auerbach dem GSP nun vorwirft, dass bei diesem der bürgerliche Staat aus dem Nichts auftauche, so hat er zwar historisch recht (der wurde gegen den feudalistischen ‚Staat‘ als Bereicherungsmittel der Herrschenden und Garant der feudalen Ordnung als über den Einzelinteressen stehendes Gesamtinteresse durchgekämpft und die Arbeiterklasse musste es sich auch erst erkämpfen, dass sie in ihm wirklich gleichberechtigt vorkam), redet aber an der Sache vorbei, weil es dem GSP ja gar nicht um die historische Genese, sondern um die logische Bestimmung geht.

    ad 4.) Bei dieser versagt Auerbach komplett, eben weil er keinen Anfang setzen möchte, sondern alles irgendwie als sich gegenseitig bestimmend charakterisiert. Das ist nicht nur völlig inhaltsleer, sondern auch noch logisch widersprüchlich: wenn Kapitalismus Voraussetzung des bürgerlichen Staats ist, es also erst Kapitalismus bedarf, damit es den bürgerlichen Staat geben kann(!) und gleichzeitig der bürgerliche Staat Voraussetzung des Kapitalismus sein soll, es also erst den bürgerlichen Staat geben muss, damit es Kapitalismus geben kann(!), dürfte es weder das eine, noch das andere geben. Wäre zwar auch ganz nett, trifft aber leider nicht zu.

    Warum der bürgerliche Staat das kapitalistische Verhältnis voraussetzen statt setzen soll, müsstest du mir noch mal erklären. Er legt doch erstmal fest, dass er seinen Reichtum in Geldform, also als abstrakten Reichtum, und (neben Staatsverschuldung) über Steuern einnehmen will. Ja, diesen seinen Willen hat er dann eben auch, wenn er von Steuern (und damit vom erfolgreichen Gang der kapitalistischen Ökonomie, die er ja besteuert) „abhängig“ ist. Gleichwohl ist der Staat da doch nicht irgendwie Getriebener oder gar Opfer der von ihm geschaffenen(!) Verhältnisse, sondern deren Subjekt. Wäre ja auch ein wenig absurd, wenn ihm die von ihm geschaffenen(!) gesellschaftlichen Verhältnisse seinen eigenen Willen(!) erst aufzwingen würden.

    ad 5.) Okay, dann fällst Du eben nicht hinter deinen Erkenntnisstand zurück, sondern hast in diesem Punkt doch schon immer falsch gelegen … bitte. Was die „moralisierende Kritik“ angeht: mir geht es da nicht darum, dass Du „Ehrabschneiderei“ betreiben würdest, sondern um eine Kritik Deiner interessierten Theorierezeption, bei der Du alles aufzugreifen scheinst, was deine jeweiligen Lieblingsgegner (seien es nun Antideutsche, Liberale oder GSP-Fans) treffen kann, auch wenn die verschiedenen Theorieansätze, die Du zu diesem Zweck anbringst, sich inhaltlich widersprechen. Aber zugegeben: zur inhaltlichen Kritik tut das nix hinzu …

  5. Gravatar Icon 5 lysis 06. April 2006 um 19:07 Uhr

    Das ist nicht nur völlig inhaltsleer, sondern auch noch logisch widersprüchlich: wenn Kapitalismus Voraussetzung des bürgerlichen Staats ist, es also erst Kapitalismus bedarf, damit es den bürgerlichen Staat geben kann(!) und gleichzeitig der bürgerliche Staat Voraussetzung des Kapitalismus sein soll, es also erst den bürgerlichen Staat geben muss, damit es Kapitalismus geben kann(!), dürfte es weder das eine, noch das andere geben.

    Das ist eine ziemlich sophistische Logik, die du da hast. Es ist nämlich nicht widersprüchlicher als der organische Aufbau einer Venusfliegenfalle, die gleichzeitig einen Verdauungstrakt und einen Fangmechanismus entwickelt haben muss, um sich von Insekten nähren zu können. Das eine ist Voraussetzung für das andere und umgekehrt. Evolutionstechnisch ist das kaum zu erklären, aber es ist so.

    Mir scheint das überhaupt eine Sache zu sein, die Auerbach in seiner Kritik völlig vergessen hat: die beim GSP vorzufindende Verselbständigung logisch-rhetorischer Figuren gegenüber der Realität. Wenn dialektisches Denken die Sache besser trifft als die historischen Kategorien traditioneller bürgerlicher Wissenschaft wie Ursache und Wirkung, dann sollte man letztere besser ad acta legen, um den Gegenstand adäquat erfassen zu können. Dazu ist der GSP aufgrund seines Positivismus leider nicht bereit.

  6. Gravatar Icon 6 lysis 06. April 2006 um 19:29 Uhr

    Übrigens, ich sag mal so: lange Kommentare schrecken mich ziemlich hab, weil es mir schlicht zu zeitintensiv ist, darauf im erforderlichen Umfang zu antworten. Ich werd mir in solchen Fällen nur einzelne Stelle herauspicken, die mir sofort ins Auge springen und den meisten Widerspruch in mir auslösen. Hoffe, du bist deshalb nicht allzu enttäuscht.

  7. Gravatar Icon 7 lysis 06. April 2006 um 19:42 Uhr

    mir geht es […] um eine Kritik Deiner interessierten Theorierezeption, bei der Du alles aufzugreifen scheinst, was deine jeweiligen Lieblingsgegner (seien es nun Antideutsche, Liberale oder GSP-Fans) treffen kann

    Deine Formulierung „Lieblingsgegner“ ist ein psychologischer Schmarren. Damit es nämlich zu einer solchen Gegnerschaft kommen kann, muss ein sachlicher Widerspruch bereits da sein. Oder suchst du dir deine Gegner etwa nach der Farbe der Krawatte aus?

  8. Gravatar Icon 8 MPunkt 06. April 2006 um 22:21 Uhr

    „Wenn dialektisches Denken die Sache besser trifft als die historischen Kategorien traditioneller bürgerlicher Wissenschaft wie Ursache und Wirkung, dann sollte man letztere besser ad acta legen, um den Gegenstand adäquat erfassen zu können.“

    „Dialektisches Denken“ heißt also schlicht, gegenseitige Bedingtheit zu behaupten, statt mal Zusammenhänge zu erklären? Und was soll der Verweis auf Dialektik hier überhaupt sein, wenn nicht ein einziges Totschlagargument? Dann erkläre halt *am Gegenstand*, wie sich der von mir festgestellte logische Widerspruch mit Dialektik auflösen lässt, statt mir mit kruden Naturanalogien zu kommen.

    ***

    „Übrigens, ich sag mal so: lange Kommentare schrecken mich ziemlich ab, […]“

    Und ich dachte, sie wären meiner Zeitknappheit geschuldet erschreckend knapp …

    „[…] weil es mir schlicht zu zeitintensiv ist, darauf im erforderlichen Umfang zu antworten. Ich werd mir in solchen Fällen nur einzelne Stelle herauspicken, die mir sofort ins Auge springen und den meisten Widerspruch in mir auslösen. Hoffe, du bist deshalb nicht allzu enttäuscht.“

    Nö, bin nicht enttäuscht, weil ich wie gesagt gerade auch selbst wenig Zeit habe. Zudem gehe ich auch nicht davon aus, dass sich der Konflikt hier abschließend klären lässt …

    ***

    „Deine Formulierung “Lieblingsgegner” ist ein psychologischer Schmarren. Damit es nämlich zu einer solchen Gegnerschaft kommen kann, muss ein sachlicher Widerspruch bereits da sein. Oder suchst du dir deine Gegner etwa nach der Farbe der Krawatte aus?“

    Der Gegensatz den du immer aufmachst, basiert auf der Abweichung von der autonomen Moral, welche du zum Anlass nimmst, alles an Theorie heranzuziehen, was die Abweichler von ihr treffen könnte.

  9. Gravatar Icon 9 MPunkt 06. April 2006 um 22:31 Uhr

    Nachtrag: Auerbach behauptet ja zumindest im von Dir zitierten Ausschnitt lediglich die wechselseitige Bedingtheit (mit Verweis auf Marx) von bürgerlichen Staat und Kapitalismus, statt sie 1) mal inhaltlich auszuführen und 2) wenn das denn nicht einfach ein logischer Widerspruch sein soll, mal die „Dialektik“ daran zu erklären. Er scheint das ja schlicht historisch auflösen zu wollen – daher sein Vorwurf, beim GSP wäre der Staat auf einmal da – und kommt selbst dabei in Selbstwidersprüche. Bei ihm sind dann eben, weil er ständig zwischen Historie und Logik wechselt, auf der Ebene der Logik uneingestanden Staat *und* Kapital auf einmal da, obwohl es sie (s.o.) weder noch geben dürfte, wenn sie die jeweilige Bedingung für die Entstehung des jeweils anderen sind. Was er dann vermutlich auch wieder nur historisch „auflösen“ können wird, was dann gleichzeitig (und das ist eine einzige Schummelei) die Erklärung sein soll.

  10. Gravatar Icon 10 Der Nörgler 07. April 2006 um 1:52 Uhr

    Der Gegenstandpunkt hat glaube ich selbst mal auf Auerbach geantwortet, GSP 4/96, wenn ich mich nicht irre. Fand den Text damals ganz gut, vielleicht hilft er weiter…

  11. Gravatar Icon 11 MPunkt 07. April 2006 um 8:45 Uhr

    Ich kenne und habe die Antwort vom GSP (4/96) ja auch, nur bezweifle ich ein wenig, dass das auf sonderlich viele andere hier zutrifft. Vielleicht scanne ich sie ja mal wenigstens auszugsweise ein, wenn ich mehr Zeit habe.

  12. Gravatar Icon 12 Tioum 07. April 2006 um 20:54 Uhr

    Das wäre natürlich sehr schön, wenn du, MPunkt das tun könntest.

    Ansonsten sei der Debatte noch angemerkt, dass man sich auf dem KF nachlesen kann, zu was für Stilblüten es führt, wenn GSP-Fans den Staat Instanz behandelt, die die kapitalistischen Verhältnisse bewusst und ursächlich eingerichtet hat (und das nicht nur theoretisch, sondern auch historisch, wie man sich in der Diskussion selbst überzeugen kann):

    http://kf.x-berg.de/forum/thread.php?threadid=1927&page=17

  13. Gravatar Icon 13 Lea 08. April 2006 um 4:41 Uhr

    Genau, scann sie doch einfach mal komplett ein… :-)

  14. Gravatar Icon 14 MPunkt 10. April 2006 um 21:32 Uhr

    Im obigen Trackback ist der Link zum ersten Teil der Replik des GSPs auf Auerbach. Die detaillierte Kritik an ihm (und Robert Kurz) folgt dann im zweiten …

  15. Gravatar Icon 15 MPunkt 21. April 2006 um 11:13 Uhr

    So, der gesamte GSP-Text zur Kritik an Auerbach ist jetzt online verfügbar:
    http://mpunkt.blogsport.de/2006/04/21/gsp-kritik-an-auerbach-und-co-komplett/

  16. Gravatar Icon 16 Jona 02. Oktober 2010 um 9:53 Uhr

    Hallo,
    apropos Gegenstandpunkt: Hier finden sich zwei neue Kritiken an denen:
    - http://davidoseunomia.wordpress.com/
    - http://audioarchiv.blogsport.de/2010/06/30/kritik-des-gsp/
    Gruß, Jona

  17. Gravatar Icon 17 Jona 08. Oktober 2010 um 19:06 Uhr

    Dass der GSP einen Willen des Staates voraussetzt, ist eine Hypostasierung. Aber mal davon abgesehen: Woher hat er den Willen? Ach ja, das verweist ja auf historische Anfänge, die der GSP nicht behandeln will. Und das würde den GSP auf die Idee bringen, dass es keinesfalls der bürgerliche Staat war, der den Kapitalismus ins Werk gesetzt hat, sondern der Staatstypus des Ancien Regime, wie Heide Gerstenberger den nennt, andere sprechen vom Absolutismus. Ein bürgerlicher Staat kann nur zugleich mit einer bürgerlichen Gesellschaft existieren (Dialektik nennt man das, hats der GSP noch nie was von gehört). Daher ist der bürgerliche Staat auch niemals das allmächtige Subjekt (so wie Gott, der nur einen Stein schafft, den er auch aufheben kann – darauf läuft das GSP-Gerede hinaus) der Ökonomie. Die Idee spezifisch ökonomischer Gesetzmäßigkeiten, in denen der Staat nicht beliebig herumfuhrwerken kann, ohne seine eigene Existenzbasis zu untergraben, scheint diesem Denken fremd.

  18. Gravatar Icon 18 zu spät 30. März 2011 um 12:36 Uhr

    Tja, auch wenn es nun mittlerweile 6 Jahre her ist,d ass dieser thread entstanden ist, trotzdem ein hinweis: Wenn man das Buch „Der bürgerliche Staat“ mal zur Kenntnis nehmen würde, wäre einem aufgefallen, dass der vorletzte Buchstabe des jeweiligen § die historische Durchsetzung thematisiert. Da steht nicht „Urknall, plätzlich gab’s den Staat, sondern besipielsweise folgendes:

    „So wenig der von gegensätzlichen Klassen praktizierte Staatsidealismus eine Idylle darstellt, so wenig harmonisch verlief der freiwillige Zusammenschluß zum Staat, die „Staatsgründung“, die noch in jeder Nation bei der Wiederkehr ihres Datums als Anlaß zum Feiern genommen wird. Bürgerliche Staaten sind Produkte erlesenen Terrors, was von ihren Liebhabern nicht nur im Falle der französischen Revolution und der beinharten Einrichtung der Bundesrepublik vergessen wird. Das gemeinsame Interesse an der Beseitigung vorbürgerlicher Formen der Staatsgewalt, das die gegensätzlichen Klassen zum Kampf brachte, entsprang ja schon einigermaßen unterschiedenen Anliegen: die einen sahen im alten Staat und den ihn betreibenden Ständen ein Hindernis für ihre Geschäfte, die anderen kämpften um ihre Existenz, die sie durch Arbeit sichern mußten. Die Erreichung des gemeinsamen Ziels fiel selbstverständlich nicht zur Zufriedenheit beider Klassen aus, da die vom demokratischen Gemeinwesen geschützte Möglichkeit, sich im Dienst an fremdem Eigentum zu erhalten, schnell eine bittere Notwendigkeit wurde. Daß die Proleten, die die bürgerliche Republik erkämpften, den alten Staat beseitigen mußten, wollten sie leben, heißt eben nicht, daß sie sich im neuen Staat i h r Mittel geschaffen haben.“

  1. 1 Im Ring: Peter Decker vs. antideutsche Kriegsfans « rhizom Pingback am 23. März 2010 um 19:13 Uhr
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