Archiv für Mai 2006

Allah, you spoil me!

Saddam & Osama presented to you by Saturday Night Live & YouTube.

(via katznteddytalk)

Spannende Abendunterhaltung

Durch die transatlantische Bloggerszene geht seit Neuestem ein Riss. Mehr dazu bei Statler & Waldorf, No Blood for Sauerkrauts und politisch inkompetent. Wenn es jetzt sogar schon die Liberalen schaffen, sich von ihren rassistischen und islamophoben Elementen zu trennen, warum dann nicht eigentlich auch die ideologisch ganz ähnlich gelagerte antideutsche Szene? Aber nein, in der Linken hat man sich da nicht so! Nicht einmal, wenn sich jemand „politisch inkorrekt“ über Schwule äußert.

Wer ist der Homophobeste im Land?

Auch Henryk M. Broder ist sauer, wenn die Unterdrückung von Homosexuellen „und anderen Randgruppen“ mal woanders thematisiert wird als in der islamischen Welt. Dabei zeigt sich gerade in Russland, dass sich die verschiedenen Religionen in dieser Frage überhaupt nichts nehmen. Auch wenn es für Peter Tatchell mal wieder typisch ist, dass er ausgerechnet am Beispiel von Moskau die Rolle von jüdischen und islamischen Klerikern, die dort jeweils nur eine kleine Minderheit repräsentieren, völlig unangemessen in den Vordergrund rückt und auch sonst wild um sich schlägt — etwa auf die verblichene „antischwule“ Sowjetunion —, sind die von ihm ausgegrabenen Zitate doch bezeichnend:

Much of the anti-gay sentiment that is sweeping Russia has been whipped up by religious leaders. Threatening violence against Moscow Gay Pride, the chief mufti of Russia’s Central Spiritual Governance for Muslims, Talgat Tajuddin, said: „Muslim protests can be even worse than these notorious rallies abroad over the scandalous cartoons.“

„The parade should not be allowed, and if they still come out into the streets, then they should be bashed. Sexual minorities have no rights, because they have crossed the line. Alternative sexuality is a crime against God,“ he said, calling on members of the Russian Orthodox Church to join Muslims in mounting a violent response to Moscow Gay Pride.

Mit einem islamischen Mufti anzufangen, wenn es darum geht, die homophobe Pogromstimmung in Russland zu erklären, ist zwar ziemlich meschugge. Aber was soll’s. Schließlich wird ja auch der Rolle der russisch-orthodoxen Kirche noch ein kurzer Absatz gewidmet:

Russian Orthodox leaders responded by lobbying Mayor Luzhkov to ban the parade. A spokesperson declared that homosexuality is a „sin which destroys human beings and condemns them to a spiritual death“.

Mehr Aufmerksamkeit, gemessen an der Zeichenzahl, erhalten freilich die Juden, denn scheinbar ist Russland — nimmt man Tatchells Bericht zum Maßstab — nicht nur ein islamisch infiltriertes, sondern vor allem auch ein unglaublich verjudetes Land, in dem ein einziges Wort des Chef-Rabbis genügt, um die nationalen Massen in Wallung zu versetzen:

Not to be left out, Russia’s chief rabbi, Berl Lazar, said that if a Gay Pride parade was allowed to go ahead it would be „a blow for morality“. He stopped short of calling for violence, but warned that the Jewish community would not stand by silently. „Sexual perversions“, he said, did not have a right to exist. Lazar declared that Gay Pride marches were „a provocation“ similar to the cartoon depictions of Mohammed.

Na immerhin ist die interreligiöse Solidarität im fernen Moskau noch intakt.

Doch davon einmal abgesehen ist Peter Tachells hysterische Art, Politik zu betreiben, ob ihrer Fehlleistungen ausgesprochen lehrreich. Wenn sowohl die religiösen Führer des Landes als auch die atheistische Sowjetunion seliger Zeiten, wenn sowohl die russischen Faschisten und Rechtsnationalisten als auch die Regierung mitsamt ihrem „Volk“ auf Lesben und Schwulen herumtreten, dann könnte man doch mal auf den Gedanken kommen, Homophobie nicht bloß als das Anhängsel spezifischer Gruppenideologien, sondern als das Signum einer bestimmten Epoche zu betrachten. Aber ein solcher Blick verbietet sich verständlicherweise für jemanden, der Politik nur als das Geschäft der Personalisierungen kennt; einen, der für die Kritik gesellschaftlicher Formverhältnisse „Name und Adresse“ braucht.

Deshalb sei zuguterletzt auf einen alten Ritus der orthodoxen Kirche verwiesen, der irgendwann im Laufe der europäischen Modernisierung vergessen wurde, aber, wenn es ihn noch gäbe, sicher auch Tatchell die eine oder andere Träne abgenötigt hätte:

Adelphopoiesis (Slav. pobratimstvo, lit. ‘brother-making’) is an ecclesiastical rite found in the old in the service books of the Orthodox Church which was used to bind together two members of the same-sex. […] There are different versions of this rite, but its chief elements are as follows: (1) the brothers to be are positioned in the church before the lectern, upon which rest the Cross and the Gospel; the older of the two stands to the right while the younger stands to the left; (2) prayers and litanies are said that ask that the two be united in love and that remind them of examples of friendship from church history; (3) the two are tied with one belt, their hands are placed on the Gospel, and a burning candle is given to each of them; (4) the Apostle (1 Cor 12:27 to 13:8) and the Gospel (John 17:18-26) are read; (5) more prayers and litanies like those indicated in 2 are read; (6) Our Father is read; (7) the brothers to be partake of the presanctified gifts from a common cup; (8) they are led around the lectern while they hold hands, the following troparion being sung: “Lord, watch from heaven and see”; (9) they exchange kisses; and (10) the following is sung: “Behold, how good and how pleasant it is for brethren to dwell together in unity!” (Ps. 133:1).

Und was schließlich daraus geworden ist …

Multiples Ressentiment

Immer wieder erstaunlich, wie Islamophobie und Homophobie Hand in hand gehen. So schreibt mir ein User aus dem „Muselmania-Forum“ mit dem treffenden Nick „Adolfito“:

Also, dass du als Schwuler Frauen nicht magst, kann man ja verstehen. Aber hat dir die Hirsi Ali persönlich was angetan, dass du sie mit solchem Hass verfolgen musst?

Und Politically Incorrect fragt sich anlässlich des blutüberströmten grünen Bundestagsabgeordneten Volker Beck, der auf einer Schwulendemo in Moskau von Faschisten angegriffen und verletzt wurde:

Sind Schwulengegner automatisch „Rechtsradikale“?

Und will weiter wissen, ob es „das“ (nämlich Schwulenparaden) sei, „was das einstige Land der Dichter und Denker in die Welt exportieren“ solle.

Anders seine Blogger-Freunde von der „Gegenstimme“. Dort gibt sich der Autor ganz zivilisiert, denn er werde sich

nicht erniedrigen, Freude an der körperlichen Verletzung eines anderen Menschen zu empfinden.

(Meine Jüte, man braucht nicht Freud zu studieren, um aus dieser Negation das glatte Gegenteil herauszulesen!) Denn zwar ist man im Gegenstimme-Blog aus protestantisch-fundamentalistischer Überzeugung dezidiert antihomosexuell, aber im Unterschied zu den Kreuzberger „Türkengangs“, die ja bekanntlich in der sittlichen Ordnung des Koran leben, respektiere man „das Recht auf körperliche Unversehrtheit“ auch für seine „politischen Gegner“.

Eine schöne Baggage, die deutschen Vorkämpfer für Aufklärung und Menschenrecht!

Kecke Neger

Man könnte meinen, Ayaan Hirsi Ali sei in eine deutsche Kolonialschule gegangen. Denn was sie an Rassismus so von sich gibt, wirkt geradezu eingepaukt. Noch schöner fasst ihr Denken nur noch ein bundesdeutsches Erkundebuch für das siebte und achte Schuljahr aus dem Jahr 1985 zusammen:

Wer mit dem Kulturstufenschema gearbeitet hat, der hat begriffen, daß Menschen kulturell aufsteigen können. Der gibt auch jenen Menschen eine Chance, die heute noch nicht auf unserer Stufe stehen. Daß unsere eigenen Vorfahren auf „primitiven Kulturstufen“ gelebt haben, war besonders lehrreich. […] Die Kulturstufen sind wie eine Treppe: Auf den Stufen die Menschen, stehend oder steigend. Ganz oben thronen wir. Unsere Kultur erscheint als Vorbild für die Entwicklung der anderen Kulturen. Das sieht so einfach aus. Die Wirklichkeit ist viel schwieriger: das Hinaufsteigen auf eine höhere Kulturstufe, das Übernehmen einer anderen Kultur, das Aufgeben der eigenen Kultur.

Entwicklungshilfe sei daher „nicht nur Almosen für dumme und faule Menschen“, sondern könne „bei der Entwicklung der Menschen helfen“ und erfülle damit „gewiß einen guten Zweck“. Allerdings darf man den Negern nicht in allem nachgeben:

Auch die Schwarzen ringen heute um Selbstbewußtsein. Auch sie sind empfindlich, besonders gegenüber den Weißen. Die Bezeichnung „Neger“ ist für sie eine Beleidigung. Auch „Schwarze“ wollen viele nicht mehr genannt werden. Auch nicht „Bantu“ wie in Südafrika. Sie selbst wünschen, daß wir „Afrikaner“ sagen, obwohl doch viele Millionen Menschen in Nord- und Südafrika wohl Afrikaner, aber keine Neger sind. Die fortschrittlichen Neger Nordamerikas nennen sich heute gern „Afroamerikaner“. Wann wird auch dieser Name als Beleidigung empfunden werden?

Zitiert nach Henning Melber: Rassismus und eurozentrisches Zivilisationsmodell : Zur Entwicklungsgeschichte des kolonialen Blicks. In: Otger Autrata u.a. (Hrsg.): Theorien über Rassismus : eine Tübinger Veranstaltungsreihe. Hamburg 1989.

„Nichtassimilierbar“: Hirsi Ali über MigrantInnen aus ihrer „Herkunftskultur“

In der aktuellen Jungle World beschert uns der Antirassismuskritiker Udo Wolter eine weitere Lobeshymne auf die niederländische „Islamkritikerin“ Ayaan Hirsi Ali. Letztlich nur eine Verlängerung von Ivo Bozics hier bereits besprochener Kolumne aus der letzten Ausgabe, reicht Wolters Verteidigungsschrift Hirsi Alis persönlichen Einsatz für eine junge Frau aus dem Kosovo abermals als Beleg herum, dass ihre Ansichten zur Asyl- und Einwanderungspolitik trotz ihrer Mitgliedschaft in einer ausländerfeindlichen Partei doch eigentlich ganz nett und liberal seien.

Tatsächlich hat die willkürliche Intervention Hirsi Alis in migrantische Einzelschicksale (ganz nach dem Motto: „Wer Jude ist, bestimme ich!“) nicht das geringste mit einer grundsätzlichen Kritik am niederländischen Abschiebestaat zu tun. Bestenfalls geht es ihr um eine Neuaufstellung der ausländerrechtlichen Sortierweise zu Lasten islamischer ZuwanderInnen „aus ländlichen Gebieten“, denen sie in bester kulturalistischer Manier attestiert, sich „in einer bestimmten Phase des Zivilisationsprozesses“ zu befinden, die „weit hinter derjenigen der Gastländer“ zurückhinke: „Die Niederländer und die Deutschen und die Franzosen haben alle diesen riesigen Fehler gemacht, als sie sagten: in Ordnung, ihre Kinder werden zu Schulen gehen und liberalere oder säkularere Sichtweisen annehmen, und stattdessen bekommt man Bouyeri [den Mörder von Theo van Gogh]“. Man fragt sich, wie die Frau sich selbst erklärt, da sie MigrantInnen aus peripheren und/oder islamischen Ländern doch eigentlich für inkonvertibel hält. Aber nach solchen logischen Ungereimtheiten braucht man Hirsi Ali nicht zu fragen. In ihrer Kultur ist man offenbar noch nicht so weit, auf die innere Schlüssigkeit und Selbstrefentialität von Argumenten zu achten.

PS: Über die Männer, die Ayaan Hirsi Ali zurzeit mit Elogen überschütten, hat Islamophobia Watch eine wunderschöne Story zusammengestellt. Es ist bezeichnend, dass die wenigen kritischen Stimmen, die es in die Medien schaffen, allesamt von feministischen Frauen stammen.

Islamophobie als Spielform des Kulturalismus

In Fortsetzung eines Beitrags, den ich vor einem Monat gepostet habe, will ich im Folgenden eine weitere Stelle aus Slavoj Žižeks Lenin-Buch (S. 152 f.) zitieren, weil sie ein gelungenes Beispiel für die Kritik kulturalistischer Dichotomien liefert, auf deren Fiktion Islamophobie als Denkform beruht:
Die afghanische Fluggesellschaft Ariana in den 70er Jahren

Was Afghanistan angeht, sollte man sich übrigens immer vor Augen halten, daß dieses Land bis in die 1970er Jahre, d.h., bis es in die Auseinandersetzungen zwischen den Supermächten hineingezogen wurde, eine der tolerantesten muslimischen Gesellschaften mit einer langen säkularen Tradition war. Kabul galt als Stadt mit einem pulsierenden kulturellen und politischen Leben. Das Paradox ist demnach, daß der Aufstieg der Taliban, diese offensichtliche „Regression“ zum Ultrafundamentalismus, weit davon entfernt, eine tiefgreifende „traditionalistische“ Tendenz zu verkörpern, ein Resultat der Tatsache war, daß das Land in den Strudel der internationalen Politik geriet: Es handelte sich um eine Abwehrreaktion gegen diese Entwicklung, die durch die Unterstützung ausländischer Mächte (Pakistan, Saudiarabien, die USA selbst) hervorgerufen wurde.

Aus diesem Grund sollte man den modischen Begriff des „Kriegs der Zivilisationen“ entschieden zurückweisen. Was wir heute erleben, sind vielmehr Kriege innerhalb der jeweiligen Zivilisation. Man erinnere sich nur an den Brief des siebenjährigen amerikanischen Mädchens, dessen Vater als Pilot im Krieg gegen Afghanistan eingesetzt wurde. Das Mädchen schrieb, sie liebe ihren Vater, aber wenn er in diesem Krieg stürbe, dann sei sie damit einverstanden, da er sich ja für ihr Land opfere. Als George W. Bush diese Zeilen zitierte, wurde dies allgemein als „normaler“ Ausdruck von amerikanischem Patriotismus interpretiert. Stellen wir uns einfach mal ein arabisches muslimisches Mädchen vor, das vor der Kamera dieselben Worte im Hinblick auf ihren für die Taliban kämpfenden Vater äußert. Man muß nicht lange darüber nachdenken, wie unsere Reaktion ausfallen würde — „ein typisches Zeichen für den morbiden Fundamentalismus der Muslime, die nicht einmal vor der grausamen Manipulation und Ausbeutung von Kindern zurückschrecken…“ Sämtliche Kennzeichen, die dem Anderen zugeschrieben werden, finden sich auch im Herzen der USA. Mörderischer Fanatismus? Es gibt heute in den USA selbst mehr als zwei Millionen rechtsgerichteter populistischer „Fundamentalisten“, die dort ihren mit ihrem Verständnis des Christentums gerechtfertigten Terror praktizieren. Hätte die amerikanische Armee nach dem Anschlag von Oklahoma nicht die USA selbst bestrafen sollen, da die Vereinigten Staaten diesen Terroristen ja gewissermaßen „Zuflucht bieten“? Und wie steht es mit der Reaktion Jerry Falwells und Pat Robertsons auf die Bombenanschläge, die beide als Zeichen dafür deuteten, daß Gott den Amerikanern seine schützende Hand entzogen habe, um sie für ihr sündiges Leben zu bestrafen, die dem hedonistischen Materialismus, Liberalismus und dem freizügigen Umgang mit der Sexualität die Schuld an diesen Anschlägen gaben und die behaupteten, Amerika habe genau das bekommen, was es verdiene? Die Tatsache, daß dieselben Verurteilungen des „liberalen“ Amerika sowohl vom muslimischen Anderen als auch aus l‘Amérique profonde kam, sollte uns zu denken geben. Am 19. Oktober 2001 mußte George W. Bush selbst einräumen, daß die Verantwortlichen für die Milzbrandattacken vermutlich nicht muslimische Terroristen waren, sondern Amerikas eigene, der extremen Rechten zugehörige fundamentalistische Christen. Bestätigt die Tatsache, daß die Taten, die zunächst dem äußeren Feind zugeschrieben werden, in Wirklichkeit im amerikanischen Herzland begangen wurden, überraschenderweise die These, daß der Krieg der Krieg innerhalb der jeweiligen Kultur ist?

Islamophobie — eine Definition

Neu in meinem Blogroll: Islamophobia Watch.

Besonders beeindruckend fand ich die saubere Definition des Begriffs Islamophobie entsprechend den Kriterien des Runnymede Trusts. Demnach unterscheidet sich Islamophobie als Spielart des kulturalistischen Rassismus von legitimen Formen der Religionskritik (bzw. einer Kritik des Islamismus als rechts-religiöser Bewegung) durch folgende ideologische Komponenten:

  1. Islam is seen as a monolithic bloc, static and unresponsive to change.
  2. Islam is seen as separate and ‚other‘. It does not have values in common with other cultures, is not affected by them and does not influence them.
  3. Islam is seen as inferior to the West. It is seen as barbaric, irrational, primitive and sexist.
  4. Islam is seen as violent, aggressive, threatening, supportive of terrorism and engaged in a ‚clash of civilisations‘.
  5. Islam is seen as a political ideology and is used for political or military advantage.
  6. Criticisms made of the West by Islam are rejected out of hand.
  7. Hostility towards Islam is used to justify discriminatory practices towards Muslims and exclusion of Muslims from mainstream society.
  8. Anti-Muslim hostility is seen as natural or normal.

Die acht Kriterien gehen auf den Report Islamophobia: A Challenge for Us All zurück. Besonders die ersten drei Punkte halte ich für glänzend, und sie fassen, denke ich, meine bisherige Kritik am antiislamischen Rassismus (ein Begriff, den ich dem der Islamophobie entschieden vorziehe) auf sehr präzise und eindringliche Art zusammen.