Zaimoglu über den neudeutschen „Feminismus“

Feridun Zaimoglu im Gespräch mit dem österreichischen Standard:

STANDARD: Apropos Frauenperspektive. Was halten Sie von autobiografisch gefärbten Erfahrungsberichten, beispielsweise Necla Keleks ,Die fremde Braut‘, in denen es um Zwangsheiraten geht?

Zaimoglu: Nichts. Gar nichts. Angefangen hat das alles vor ein paar Jahren mit Büchern wie Die Wut und der Stolz der Italienerin Oriana Fallaci und Ich klage an der Niederländerin Ayaan Hirsi Ali. An diese Tradition knüpfen die fremdstämmigen Frauenrechtsaktivistinnen in Deutschland an, die mit Feminismus anfangen und bei Repression und Überwachungsstaat landen. Ihre Bücher sind als Erlösungs- und Erfahrungsberichte getarnte Denunziationsfibeln. Diese konservativ bis rechts inspirierten Frauen könnten ohne Mühe an jedem Stammtisch Platz nehmen. Ich finde es eigenartig, dass sie als Freiheitskämpferinnen dargestellt werden. Es handelt sich um einen Trend, und richtig wütend bin ich erst geworden, als ich mir die Mühe machte, die Bücher zu lesen.

STANDARD: In Deutschland hat es gerade einen Ehrenmordprozess gegeben, verharmlosen Sie da nicht ein bestehendes Problem?

Zaimoglu: Ehrenmorde sind natürlich ein Dreck und ein Verbrechen, darüber brauchen wir uns nicht zu unterhalten. Aber es werden in den genannten Büchern Härtefälle skandalisiert und Normalfälle, die viel häufiger auftreten, bagatellisiert. Der Härtefall wird zum Regelfall erhoben, und es wird gesagt, so sind sie die Türken. So sind sie alle, so kennen wir den Türken, wie er leibt und lebt. Zwischendurch, etwas zugespitzt gesagt, habe ich gedacht, der männliche, weiße Muslim, der zweiten und dritten Generation vor allem, sei in den Industriestaaten zum Abschuss freigegeben. Auf ihn kann man einprügeln. Es wird Stimmung gemacht, und da kommt natürlich jeder Fall gelegen, mit dem sich zeigen lässt: wir gegen die.

Ich glaube, dass in den genannten Büchern Stimmung gemacht wird. Es handelt sich um eine simple Weltanschauung, die verbreitet wird. Genau so wie der Populismus verfängt sie auch. Zudem ist es erstaunlich, wie plötzlich in biologistischen Termini diskutiert wird. In den Büchern besagter Damen stößt man auf Begriffe wie Ratten, Ungeziefer, schleichende Landnahme, Infiltration und Infektion.