Die Entsakralisierung der heiligen Ayaan

Der Film, der der niederländischen „Islamkritikerin“ Ayaan Hirsi Ali einen vorläufigen Karrieresturz bescherte, ist jetzt auch über das Internet verfügbar. Wer des Holländischen nicht ganz mächtig ist, findet bei Big Berta eine grobe Zusammenfassung. Mittlerweile hat der Bruder seine Darstellung, dass Ayaans Ehe nicht gegen ihren Willen arrangiert wurde, widerrufen. Da er im Film eine Garantie verlangt hatte, dass seine Antworten nicht gegen seine Schwester verwendet werden, verwundert der Rückzug seiner Aussage nach eingetretenem Schaden allerdings wenig.

Trotzdem bleiben die Beweise erdrückend: Nicht nur berichtet die Tante im Film ausführlich, wie glücklich Ayaan bei ihrer Hochzeit war, bei der sie selbst gar nicht zugegen gewesen sein will; nicht nur schreibt ihr somalischer Ex-Mann aus Kanada, dass er niemals eine Frau geheiratet hätte, die ihn gar nicht will. Vielmehr sprechen auch die Fakten Bände: Während Hirsi Ali immer erzählt hatte, dass sie aus Angst vor ihrem Clan untertauchen musste, hielt sie in Wirklichkeit aus den Niederlanden Kontakt zu Vater und Tante und empfing in ihrer Asylbewerberunterkunft auch ihren damaligen Ehemann. Darüber hinaus erklärt ihr Bruder empört, dass „Ehrtötungen“ in seiner Religion absolut tabu und seine Familienangehörigen für ihn unantastbar seien. Eine Aussage, die nicht nur die Recherchen des Filmteams, sondern auch ein UN-Report aus dem Jahr 2002 bestägen: unter Somalis gibt es so etwas wie Ehrenmorde überhaupt nicht. Schlechte Nachrichten für jene Kulturkrieger, die eine lokale anatolische Tradition in ihrem Übereifer dem Islam anhängen wollten.

Mittlerweile finden auch einige kritische Berichte in die Medien, vor allem von feministischen Autorinnen, die die Affäre nicht nur auf den läppischen Namensbetrug reduzieren, sondern auch die politische Instrumentalisierung von Hirsi Alis erfundener Leidensgeschichte thematisieren. Neben dem in diesem Blog bereits geposteten taz-Artikel ist hier vor allem ein Kommentar von Sibylle Hamann in der Online-Zeitung Die Presse zu nennen:

Es war eine Geschichte, die perfekt in den Zeitgeist passt. Ayaan Hirsi Ali, das zarte Mädchen aus der somalischen Wüste, wird von ihrer skrupellosen Familie zwangsverheiratet. Ihr gelingt eine mutige Flucht, zurück nach Hause kann sie nicht, denn dort droht ihr ein Rachemord. In Holland findet sie Asyl, wird Politikerin, erhebt die Stimme gegen die Frauenunterdrückung im Islam und für die Meinungsfreiheit. Sie wird gehasst von den einen, bewundert von den anderen, stets bedroht von islamistischen Häschern. Sie ist der lebendige Beweis dafür, dass die finsteren Moslems so sind, wie wir sie immer schon gefürchtet haben.

Wesentliche Teile dieser Geschichte stimmen nicht, enthüllte nun eine holländische TV-Doku. Dass die Zwangsheirat erfunden war, gibt Hirsi Ali darin selbst zerknirscht zu.

Das ist ein Schock.

[…]

Nein, so dämmert es uns langsam: Hier geht es längst nicht mehr um Frauenrechte, schon gar nicht um das Schicksal der konkreten, womöglich tatsächlich unterdrückten Asylwerberin nebenan. Sondern um kulturelle Selbstgerechtigkeit, das Schüren billiger Ressentiments, kaltes politisches Kalkül.

Was die TV-Dokumentation über Ayaan Hirsi Ali weiter enthüllt, passt da genau ins Bild. Angeblich wussten mehrere führende Funktionäre ihrer Partei, der liberalen VVD, von Anfang an über die biografischen Ungereimtheiten Bescheid. Es hielt sie nicht davon ab, die junge Frau zum Poster-Girl in ihrem anti-islamischen Kulturkampf zu machen.


1 Antwort auf „Die Entsakralisierung der heiligen Ayaan“


  1. Gravatar Icon 1 bigberta 23. Mai 2006 um 8:20 Uhr

    Guckst Du: http://bigberta.twoday.net/stories/2053598/

    Your senf will be highly appreciated…

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