Islamophobie als Spielform des Kulturalismus

In Fortsetzung eines Beitrags, den ich vor einem Monat gepostet habe, will ich im Folgenden eine weitere Stelle aus Slavoj Žižeks Lenin-Buch (S. 152 f.) zitieren, weil sie ein gelungenes Beispiel für die Kritik kulturalistischer Dichotomien liefert, auf deren Fiktion Islamophobie als Denkform beruht:
Die afghanische Fluggesellschaft Ariana in den 70er Jahren

Was Afghanistan angeht, sollte man sich übrigens immer vor Augen halten, daß dieses Land bis in die 1970er Jahre, d.h., bis es in die Auseinandersetzungen zwischen den Supermächten hineingezogen wurde, eine der tolerantesten muslimischen Gesellschaften mit einer langen säkularen Tradition war. Kabul galt als Stadt mit einem pulsierenden kulturellen und politischen Leben. Das Paradox ist demnach, daß der Aufstieg der Taliban, diese offensichtliche „Regression“ zum Ultrafundamentalismus, weit davon entfernt, eine tiefgreifende „traditionalistische“ Tendenz zu verkörpern, ein Resultat der Tatsache war, daß das Land in den Strudel der internationalen Politik geriet: Es handelte sich um eine Abwehrreaktion gegen diese Entwicklung, die durch die Unterstützung ausländischer Mächte (Pakistan, Saudiarabien, die USA selbst) hervorgerufen wurde.

Aus diesem Grund sollte man den modischen Begriff des „Kriegs der Zivilisationen“ entschieden zurückweisen. Was wir heute erleben, sind vielmehr Kriege innerhalb der jeweiligen Zivilisation. Man erinnere sich nur an den Brief des siebenjährigen amerikanischen Mädchens, dessen Vater als Pilot im Krieg gegen Afghanistan eingesetzt wurde. Das Mädchen schrieb, sie liebe ihren Vater, aber wenn er in diesem Krieg stürbe, dann sei sie damit einverstanden, da er sich ja für ihr Land opfere. Als George W. Bush diese Zeilen zitierte, wurde dies allgemein als „normaler“ Ausdruck von amerikanischem Patriotismus interpretiert. Stellen wir uns einfach mal ein arabisches muslimisches Mädchen vor, das vor der Kamera dieselben Worte im Hinblick auf ihren für die Taliban kämpfenden Vater äußert. Man muß nicht lange darüber nachdenken, wie unsere Reaktion ausfallen würde — „ein typisches Zeichen für den morbiden Fundamentalismus der Muslime, die nicht einmal vor der grausamen Manipulation und Ausbeutung von Kindern zurückschrecken…“ Sämtliche Kennzeichen, die dem Anderen zugeschrieben werden, finden sich auch im Herzen der USA. Mörderischer Fanatismus? Es gibt heute in den USA selbst mehr als zwei Millionen rechtsgerichteter populistischer „Fundamentalisten“, die dort ihren mit ihrem Verständnis des Christentums gerechtfertigten Terror praktizieren. Hätte die amerikanische Armee nach dem Anschlag von Oklahoma nicht die USA selbst bestrafen sollen, da die Vereinigten Staaten diesen Terroristen ja gewissermaßen „Zuflucht bieten“? Und wie steht es mit der Reaktion Jerry Falwells und Pat Robertsons auf die Bombenanschläge, die beide als Zeichen dafür deuteten, daß Gott den Amerikanern seine schützende Hand entzogen habe, um sie für ihr sündiges Leben zu bestrafen, die dem hedonistischen Materialismus, Liberalismus und dem freizügigen Umgang mit der Sexualität die Schuld an diesen Anschlägen gaben und die behaupteten, Amerika habe genau das bekommen, was es verdiene? Die Tatsache, daß dieselben Verurteilungen des „liberalen“ Amerika sowohl vom muslimischen Anderen als auch aus l‘Amérique profonde kam, sollte uns zu denken geben. Am 19. Oktober 2001 mußte George W. Bush selbst einräumen, daß die Verantwortlichen für die Milzbrandattacken vermutlich nicht muslimische Terroristen waren, sondern Amerikas eigene, der extremen Rechten zugehörige fundamentalistische Christen. Bestätigt die Tatsache, daß die Taten, die zunächst dem äußeren Feind zugeschrieben werden, in Wirklichkeit im amerikanischen Herzland begangen wurden, überraschenderweise die These, daß der Krieg der Krieg innerhalb der jeweiligen Kultur ist?


2 Antworten auf „Islamophobie als Spielform des Kulturalismus“


  1. Gravatar Icon 1 hophnung 07. Juli 2006 um 15:26 Uhr

    Vielen Dank für diesen lesenswerten Artikel.

  1. 1 Eine Liebe überschreitet das Gesetz // Lysis Pingback am 11. Dezember 2006 um 22:53 Uhr
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