Spannende Abendunterhaltung

Durch die transatlantische Bloggerszene geht seit Neuestem ein Riss. Mehr dazu bei Statler & Waldorf, No Blood for Sauerkrauts und politisch inkompetent. Wenn es jetzt sogar schon die Liberalen schaffen, sich von ihren rassistischen und islamophoben Elementen zu trennen, warum dann nicht eigentlich auch die ideologisch ganz ähnlich gelagerte antideutsche Szene? Aber nein, in der Linken hat man sich da nicht so! Nicht einmal, wenn sich jemand „politisch inkorrekt“ über Schwule äußert.


9 Antworten auf „Spannende Abendunterhaltung“


  1. Gravatar Icon 1 Lara 31. Mai 2006 um 23:24 Uhr

    Mich hat auch gewundert, wie lange man den „antideutschen“ Wirrköpfen erlaubt hat, „die Linken“ (die es so ja nun nicht gerade gibt, aber der Einfachheit sage ich’s mal so) mit ihrem an Hysterie grenzenden Geschrei von der Arbeit abzuhalten, aber teilweise hat man dann doch schon gerafft, dass diese U-Boote nicht dazugehören:

    http://www.attac.de/wuerzburg/antideutsche/main_08.htm

    Ich persönlich glaube auch nicht daran, dass diese Leute in irgendeiner Form linke Ideen vertreten. Sie haben ausschließlich das Ziel, die sog. Linke auf einen blind pro-israelischen und pro-neocon Kurs umzudrehen und wenn das nicht geht, sie zumindest soweit es geht in Misskredit zu bringen. Stumpfe Diffamierungen, haltlose Unterstellungen, sinnlose Keifereien und „brutalst mögliche“ Antiaufklärung ziehen sich wie ein roter Faden durch die deutschnationalsten Antideutschen.

    Lächerliche Gestalten eben. Wie auch ihre Pendants, die beschränkten Typen von PI und Gesinnungsgenossen.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 01. Juni 2006 um 2:07 Uhr

    Nun ja, weißt du, Attac finde ich jetzt auch nicht gerade der Weisheit letzter Schluß. Und das Gegenteil eines Irrtums ist noch lange nicht die Wahrheit, sondern meist bloß ein weiterer Irrtum. Dass ich mich in meiner Kritik an den „Anti“deutschen festfresse, hat schon einen bestimmten Grund. Mit denen hab ich, zumindest vom Ursprung her, definitiv mehr zu tun als mit der antiamerikanischen, antizionistischen und antiimperialistischen Linken, deren „Globalisierungskritik“ in nichts als der Forderung nach Besteuerung des spekulativen Kapitals und der Utopie eines nationalstaatlich eingezäunten Kapitalismus besteht.

    Was mich an die Antideutschen bindet, ist die Erkenntnis — die bei ihnen zumindest noch vage vorhanden ist —, dass das Problem die Nationform selbst ist und jeder, der diese nicht in Frage stellt, auf Dauer in rassistische und antisemitische Denkweisen verfällt. Man schaue sich nur mal das Beispiel der WASG an!

    Hinter diese Kritik kann und werde ich nicht zurückfallen. Deswegen empfinde ich einen zustimmenden Kommentar von Attac auch als Beifall von der falschen Seite.

  3. Gravatar Icon 3 Lara 01. Juni 2006 um 11:00 Uhr

    Man muss Attac ja nun auch nicht als der Weisheit letzter Schluss sehen – mein Hinweis war keine Werbung für die, sondern ein Hinweis darauf, dass die Antideutschen keineswegs so akzeptiert sind innerhalb „der Linken“, wie es hier dargestellt wurde.

    Meines Wissens werden antideutsche Publikationen auch nicht gerade beworben, zumindest habe ich Konkret, Bahamas und wie sie alle heißen, nicht auf den Linklisten der von mir gelesenen eher linken Blogs gefunden (was nicht heißen soll, dass ich nur die lese). Neben all den anderen Unstimmigkeiten, die bei den sog. Antideutschen vorliegen, ist der von dir verlinkte „Ausrutscher“ ein eher unbedeutendes Steinchen im Mosaik – dass die Antideutschen nicht so sind, wie sie sich aus Opportunismus immer geben, ist inzwischen ziemlich offensichtlich – jede Kleinigkeit zu einer großartigen Sensation hochzuschreiben, ist da doch Energieverschwendung. Wie auch das Theater, was jetzt um PI veranstaltet wird. Man sollte sich von so etwas nicht von sinnvolleren Tätigkeiten abbringen lassen oder von dem, was man selbst für sinnvoll hält (wie sinnvoll ich persönlich alles finde, was Attac oder sogar die radikale Linke so treibt, steht ja auf einem anderen Blatt).

    Eine Anmerkung noch: Ich denke nicht, dass Rassismus ein Problem ist, dass in der Organisation als Nation begründet ist. Die Menschen sind einfach so, dass sie sich über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe definieren – das geht los bei der Familie und endet bei so etwas diffusem wie „dem freien Westen“. Wenn man ehrlich ist, dann muss man zugeben, dass ein solches Denken keinem wirklich fremd ist. Der Unterschied ist, dass es den einen bewusst ist, dass eine solche Haltung oder Meinung rassistisch ist und den anderen nicht. Die letzteren neigen dazu, für ihre Haltung Beweise zu suchen und aufgrund von individuellen Situationen oder Vorkommnissen verallgemeinernde Rückschlüsse auf eine durchaus austauschbare Gruppenzugehörigkeit zu schließen. Deswegen ist es meiner Meinung nach letztlich egal, welchem Rassismus man gerade frönt – jemand, der früher Juden für alles schlechte in dieser Welt verantwortlich gemacht hat, hat heute kein Problem damit das gleiche mit Moslems zu machen. Interessant dabei ist, dass der Wechsel vom Judenhass auf den Moslemhass häufig mit einer kritiklosen Haltung gegen alles, was Juden tun, verbunden ist. Was dann zu einer an Blindheit grenzenden Agitation für die Politik des israelischen Staates (der nicht gleichzusetzen ist mit „den Juden“ – um Missverständnisse auszuschließen) führt. Positiver Rassismus ist nun mal nicht wirklich das Gegenteil von negativem Rassismus. Er ist Ausdruck ganz genau der gleichen Geisteshaltung und kann sich auch ganz schnell wieder verwandeln

  4. Gravatar Icon 4 lysis 01. Juni 2006 um 13:07 Uhr

    Es gibt auch einen Rassismus, der unabhängig von nationalistischen Denkweisen ist, wie z.B. der Rassismus gegen Schwarze in den USA. So weit hast du recht. Aber der deutsche Anti-“Ausländer“-Rassismus ist es gerade nicht. Er ist konstitutiv auf die Nation und die ihr inhärente Unterscheidung zwischen Ethnodeutschen und „Fremden“ bezogen. Ich zitiere hierzu mal einen Artikel von Uli Krug, einem Bahamas-Redakteur, der vor acht Jahren noch ganz gute Sache geschrieben hat:

    „Volksfeind“ ist eine Eigenschaft, wie sie in die sogenannten Juden in geballter Form projiziert wurde und als dessen sozusagen kleine Verwandten und Nachfahren damals wie heute Zigeuner oder Asylanten dienen. Mit Recht kann man am Antisemitismus, wie am Antiziganismus oder der (nicht nur) ostdeutschen Polenfeindlichkeit folgendes lernen: Wie die Projektion eines ganz anderen, minderwertigen „Antivolkes“ Staat und Volk zusammenschloß zu einer geradezu mythischen Einheit, die der Nationalsozialismus in letzter Konsequenz vollzogen hat: Deutsch sein hieß nicht-jüdisch zu sein; der Staat zeigte seine Verbundenheit mit dem Volk dadurch, daß er praktisch bestätigte, daß „Jüdisch-Sein“ den Tod, „Deutsch-Sein“ hingegen Rentenanspruch und Mutterkreuz bedeutete.

    Dieser Einschluß- und Ausschlußmechnaismus von Integration einerseits und Stigmatisierung/Verfolgung andererseits ist der konstituierende Zug von Nation; der Grund auch, warum es kein per se gesundes Nationalempfinden gibt, daß sich säuberlich vom projizierenden Rassismus trennen ließe. Hie Volk, dort Fremdling ist die Formel, nach der der Rassist sich seiner Zugehörigkeit zum Kollektiv versichert; dem Kollektiv der Deutschen, Italiener etc., kurz gesagt, der Nation als Belegschaft eines Unternehmens namens „Zentralstaat“.

    Dass solche Erkenntnisse bei Antideutschen schon lange nicht mehr im Vordergrund stehen (weshalb ich sie Postantideutsche nenne), bedeutet nicht, dass ich, wenn ich sie dafür kritisiere, solche Positionen verraten zu haben, sie selber nicht mehr vertreten würde. Ganz im Gegenteil!

    Solche Organisationen wie Attac, die sich auf den Nationalstaat und seine Institutionen als Gegenmittel gegen die „Globalisierung“ berufen, rücken mir daher auch nicht näher, je ferner die „Anti“deutschen mir in ihrem Rassismus und ihrer Islamophobie sind. Es ist vielmehr so, dass ich mit einigen der Antideutschen wenigstens noch eine politische Vergangenheit teile, an die ich in meiner Kritik ansetzen kann. Mit Attac dagegen verbindet mich überhaupt nichts als die wechselseitige politische Gegnerschaft. Den sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat zu verteidigen, ist nicht mein Anliegen! Ich will den Kapitalismus ganz weghaben, mitsamt der aus dem 19. Jahrhundert herrührendenen Nationform.

    Zur Kritik von Attac empfehle ich übrigens, nur so nebenbei, das folgende Pamphlet: Attac — Der Aldi unter den Weltverbesserern.

  5. Gravatar Icon 5 Dr. Dean 03. Juni 2006 um 17:12 Uhr

    Hallo,

    der kleine Streit unter den rechtsgerichteten Bloggern resultierte m.E. aus echtem Ekel vor PI, aber auch aus einem strategischen Zweck: Diese liberalen bzw. „liberalen“ Rechtsblogger wollen sich damit weniger angreifbar machen, aber ihren Kulturalismus und besonders ihr neokonservatives politisches Programm unverändert durchziehen. Islamphobisches und kulturalistisches Denken findet sich nach wie vor, aber immerhin: nunmehr abgemindert.

    Lysis, was mich im Kontext mit Deiner Kritik an der antideutschen Bewegung und Attack interessiert, ist die Frage, wie Deine gesellschaftliche Zielvision aussieht. Bei mir ist es, grob formuliert, die Vorstellung von einer „solidarischen Welt“, national und international, wobei ich mir allerdings keine Abschaffung von Kapitalismus und Marktwirtschaft vorstellen kann. Für mich lesen sich Deine Texte, und gerade auch die von Dir verlinkten Texte: radikal antikapitalistisch.

    Sieh das bitte nicht als Kritik, ich bin nur ziemlich sehr neugierig.

    Hier ein Link auf =>meine Überlegungen, die wohl etwas zu generalisierend daherkommen. Sie sind jedenfalls – auch – Ergebnis eines Nachdenkens über diese Erscheinungen der Blogosphäre.

    P.S.
    Ich hatte übrigens mich sehr gefreut, dass mein bescheidenes Blog – wenngleich kurz – bei Dir verlinkt war. Denn ich schätze an Dir nicht unbedingt alle Ansichten, aber (immerhin!) z.B. Deine Differenzierungsgabe und einen sehr scharfen Verstand.

    Have a nice Pfingsten!

  6. Gravatar Icon 6 lysis 03. Juni 2006 um 20:35 Uhr

    Hab grade nicht wirklich Zeit, aber zur Verlinkung nur so viel: Ich hab gesehen, dass dein Blogroll nur aus linksliberalen Blogs besteht. Dies hier ist aber nun mal ein linksradikaler Blog, und so dachte ich, dass ein Linkaustausch vermutlich zwecklos ist. Das sind dann wirklich zwei Welten, die sich nur in einigen wenigen Punkten, wie z.B. der Kritik an der grassierenden Islamophobie, miteinander berühren. Wenn du möchtest, können wir natürlich trotzdem Links austauschen, allerdings möchte ich dann nicht unter „linksliberal“ geführt werden. ;)

    Die Frage nach meinen Zielvorstellungen kann ich dir leider nicht so ohne Weiteres beantworten. Als antileninistischer Marxist habe ich sowohl ’ne Kritik am Kapitalismus als auch am Realsozialismus, aber verweigere mich zugleich dem Ausmalen von positiven Utopien. Zu deiner These von der Nichrealisierbarkeit des Sozialismus kann ich dir nur diese Story hier empfehlen. Zwar bin ich definitiv kein Fan des realen Sozialismus, aber selbst der hat funktioniert!

    (Aufschlussreich hoffentlich auch mein Kommentar dazu.)

  7. Gravatar Icon 7 Lara 04. Juni 2006 um 0:49 Uhr

    Hi Lysis,

    ich habe gerade deine Änderungen zum Wikipedia-Artikel Islamophobie gelesen – echt gut, Kompliment!

    Aber zum Thema hier: Es ist richtig, dass die Ausländer-Raus-Fraktion einem nationalistischen Rassismus anhängt. Aber das war nicht mein Punkt: Ich beziehe mich auf Rassismus allgemein, der verschiedene Ausprägungen annehmen kann. Mich hat zum Beispiel in diversen Diskussionen überrascht, dass die vor noch nicht langer Zeit als Ausländer (und damit nicht hierher gehörend) angesehenen Spanier und Italiener inzwischen als welche „von uns“ dargestellt wurden. Von Leuten, die ich als klar „deutsch-national“ einordne. Bei ihrem Talent zur Selbsttäuschung haben sie natürlich geleugnet, jemals Italiener als „Spaghetti-Fresser“ und „Knofi-Stinker“ angesehen zu haben. Wenn man annimmt, dass das an der zunehmenden Integration in den europäischen Kontext liegt, dann machst du einen Punkt, denn der zumindest ansatzweise vorhandene Wegfall nationaler Grenzen hätte dann zu einem Nachlassen des – nationalistischen – Rassismus geführt.

    Ich nehme es jedenfalls an, dass das und die damit einhergegangene zunehmende innere Verbundenheit zu einem Nachlassen rassistischer Ressentiments geführt hat, bin mir aber nicht sicher, wie sehr die Ressentiments gegen Italiener und Spanier wirklich gesunken sind, es wird auch einen Gutteil geben, der das Grau (die Italiener), das vorher gegen das Weiß (sie selbst als Deutsche) gehalten wurde und im Kontrast als Schwarz angesehen wurde, nun einfach nur gegen das Schwarz (die Moslems) halten und es als Weiß interpretieren. (Ich hoffe, es ist nicht zu unverständlich ausgedrückt. Die Farben sollen keine Wertung meinerseits darstellen, sondern nur deren unterstellte Denkweise veranschaulichen.)

    Gleichzeitig aber haben sich die Aversionen gegen alles außereuropäische verstärkt. Sie waren vorher zwar auch schon vorhanden, aber die gleichen Denkmuster, die vorher bei Südeuropäern in Ansatz kamen, wurden nun 1:1 auf Moslems und/oder Araber übertragen („die passen hier nicht her“, „kulturell zu verschieden“, …). Ich halte es also nicht für ein Denken „Nation – Ausländer“, sondern allgemeiner: „Wir gegen Die“. Wobei „Die“ Ausländer sein können oder auch Inländer, wie zum Beispiel die deutschen Juden damals. Selbst wenn es damals keine Nationalstaaten gegeben hätte: Es hätte den Juden und den Zigeunern und allen anderen, die in den KZ landeten, nichts genutzt. Sie wären, wie Krug ja auch schreibt, kurzerhand zu Volksschädlingen erklärt worden und damit hätten sie für das Volk (das dann nicht das deutsche wäre, sondern das „Weltvolk“) jegliche Bürgerrechte verloren. Und wären ebenfalls in den KZ gelandet. Das, worauf es ankommt, ist der Sündenbock, der gebraucht wird und der wird auch in einer Welt ohne Nationalstaaten gebraucht.

    Meine persönliche Einschätzung ist, dass der Rassismus in einem archaischen Selbsterhaltungstrieb begründet ist und aus einer Zeit stammt, in der es lebensnotwendig war, dass man die zu seiner Horde gehörenden Neandertaler-Kollegen schnell erkennen musste, um nicht die Keule über den Kopf gezogen zu kriegen. Führt jetzt etwas zu weit, das ausführlicher zu erläutern, aber so sehe ich das. Leider haben manche noch immer nicht durch Gebrauch ihres Homo-Sapiens-Sapiens-Verstandes dieses Entwicklungsstadium hinter sich gelassen und deswegen muss man sich mit solchen bis heute herumschlagen.

    Zu dem Attac-Text: Ich habe angefangen ihn zu lesen, fand ihn aber zu – ich weiß nicht, wie ich’s sagen soll – langatmig? Das ist einer der Punkte, warum ich mit Attac wenig – und den Antideutschen überhaupt nichts – anfangen kann. Es wird teilweise monatelang herumgelabert, wilde Theorien ersonnen und Utopien gestrickt und hinterher fühlen sich zwar alle sehr intellektuell, aber rumgekommen ist nicht viel dabei. Bei den Antideutschen ist das, was ich gelesen habe, größtenteils verquaster Unsinn, ich denke da vor allem an den Quatsch mit der Unterstützung der Bush-Gang bei ihren Kriegen und Kriegstreiberei allgemein und der Begründung dafür. Ich habe selten so einen Quatsch gelesen wie dem von den Antideutschen. Sorry, ist nicht böse gemeint, aber ich kann da nur mit dem Kopf schütteln. Bei Attac hingegen sind wenigstens ein paar kluge Gedanken zu finden, da gefallen mir nur die Endlos-Schwätzereien nicht.

    Okay, Grüße,

    L.

  8. Gravatar Icon 8 lysis 05. Juni 2006 um 17:26 Uhr

    Meine persönliche Einschätzung ist, dass der Rassismus in einem archaischen Selbsterhaltungstrieb begründet ist und aus einer Zeit stammt, in der es lebensnotwendig war, dass man die zu seiner Horde gehörenden Neandertaler-Kollegen schnell erkennen musste, um nicht die Keule über den Kopf gezogen zu kriegen.

    Das ist eine typisch soziobiologische Erklärung. Die Soziobiologie ist eine Pseudowissenschaft, die gesellschaftliche Verhältnisse in reine Natur auflöst. In gewisser Weise gab’s das schon mal: Anfang des 20. Jahrhunderts erklärte die „rassenhygienische“ Bewegung alles unter dem Gesichtspunkt der biologischen Evolution — Alkoholismus, „Homosexualität“, Armut, die „Zurückgebliebenheit“ der „Negervölker“ und die subalterne Position der Frau. Diese Denkweise entwickelte sich im Rahmen des Imperialismus und lieferte wichtige Elemente für die große ideologische Synthese des Nationalsozialismus. Ich finde es erschreckend, dass eine ähnliche geistige Bewegung heute wieder auf breite Akzeptanz stößt.

    Du kennst die soziobiologische Erklärung von Vergewaltigung? Auch minderwertige Männchen wollen ihre Gene weitergeben. Feministische Erklärungen spielen da überhaupt keine Rolle mehr. Ebenso im Fall des Rassismus: Dieser wird vollständig enthistorisiert und von seinen gesellschaftlichen Bedingungsverhältnissen gelöst. Unterstellt wird einfach — ohne jeden Nachweis —, dass Rassismus angeborenes Verhalten sei, so als wäre menschliches Bewusstsein daran überhaupt nicht beteiligt, so als schlüge ein Nazi aus reinen Instinktgründen auf diejenigen ein, die ihm durch ihre „fremde Erscheinung“ auffallen. Wenn auch die Soziobiologie von sich behauptet, keine Rechtfertigungswissenschaft zu sein, so ist es doch der Versuch, gesellschaftskritische Erklärungen durch plump biologische zu ersetzen.

    Man wundert sich auch, dass eine derart zirkuläre Disziplin bestehen kann, ohne sich dem wissenschaftlichen Gelächter auszusetzen. Denn es handelt sich durchweg um Ex-Post-Erklärungen, die sich für bestehende Phänomene einen möglichen evolutionären Nutzen ausdenken, wobei auch noch ohne Nachweis unterstellt werden muss, dass es sich jeweils um ein genetisches Programm und nicht um eine soziokulturelle „Errungenschaft“ handle. Aber gibt es irgendwelche Belege dafür, dass Rassismus ein transkulturelles Phänomen sei? Nein, die Geschichtswissenschaft kann zeigen, dass das Aufkommen rassistischer Denkweisen im Zusammenhang mit Kolonialismus und Sklaverei, mit Nationalstaat und Imperialismus steht. Wenn man freilich an denen nichts zu kritisieren hat, wenn man sie vielmehr von Kritik ausnehmen möchte, dann liegt es nahe, all dies in die Biologie zu verpflanzen, so wie die Volkswirtschaft den kapitalistisch wirtschaftenden Menschen als „homo oeconomicus“ in eine ungeprüfte anthropologische Grundannahme verwandelt.

    Wie perfide soziobiologische Erklärungen werden können, hab ich hier schon einmal am Beispiel der American Atheists gezeigt. Gerade wenn du dich als Linke verstehst, solltest du der Naturalisierung gesellschaftlicher Verhältnisse durch die Soziobiologie kritisch gegenübertreten statt das Ganze ungeprüft zu übernehmen.

  9. Gravatar Icon 9 Lara 05. Juni 2006 um 22:37 Uhr

    Interessanter Text, Lysis, danke dafür (die American Atheists, deiner aber auch). Meine erste Reaktion war *kreisch*! Soo, will ich es auch nicht verstanden wissen. Ich gehe davon aus, dass wir uns von anderen Säugetieren durch unseren Verstand unterscheiden. Und eben nicht mehr instinktgesteuert die Keule zücken müssen, weil uns rationale Fähigkeiten abgehen. Die biologistische Erklärung für die Vergewaltigungen habe ich beim ersten Mal, als ich davon gehört habe, für Schwachsinn gehalten und tue das auch heute noch, da es Vergewaltigern eben nicht um Sex oder Fortpflanzung geht und nicht nur sexuell erfolglose „Männchen“ vergewaltigen. Aber selbst wenn es so wäre: Es wäre keine Entschuldigung. Wenn einer so instinktgesteuert ist, dann gehört er eingesperrt. Und auch der Rassismus, den ich nicht _ausschließlich_ als instinktives Verhalten sehe, ist etwas, was man mehr oder weniger stark in sich hat, der Unterschied ist jedoch der Verstand, die Sozialisation etc. Aber man machte sich auch etwas vor, wenn man so täte, als müsse man nur die Nationen abschaffen und der Rassismus verschwände von allein. Im Moment kann ich deine Aussage, dass Rassismus erst spät aufkam, nicht direkt widerlegen, aber auf dem Stehgreif kann ich fragen: Wieso kam es dann zur Bildung von Nationen und zum Imperialismus? Und wieso sind die Massen so leicht zu überzeugen? Und wie weit geht die Geschichtswissenschaft da zurück? Imperialistische Kriege gab es schon bei den alten Ägyptern und sehr viel weiter zurück liegende „gesicherte“ Kenntnisse (im Rahmen des möglichen) über die Verhältnisse vergangener Zeiten gibt es nicht, oder habe ich da peinliche Wissenslücken?

    Was ich (auch?) nicht wusste, ist, dass es da auch heute noch eine pseudowissenschaftliche Richtung gibt, die auch noch bei Atheisten Anklang findet, das hat mich dann doch überrascht. Ich wusste natürlich, dass der Darwinismus für eine breite Schicht als Legitimisierung benutzt wurde, die Kolonisierung, den Antisemitismus etc. zu rechtfertigen. Trotzdem würde ich nicht so weit gehen, den Darwinismus vollständig als Schwachsinn zu sehen (obwohl ich die Lücken in der Theorie durchaus sehe) und statt dessen dem Kreationismus anzuhängen oder was alternativ als Theorie für die Entwicklung angeboten wird. Das erinnert mich ein bisschen an die Diskussion bei Wikipedia zur Islamphobie. Ist nicht genau das gleiche, geht aber in die gleiche Richtung: Wenn es Leute gibt, die eine Theorie oder einen Begriff für ihre Zwecke missbrauchen, ist das nicht zwangsläufig ein Zeichen für die fehlende Berechtigung oder Richtigkeit.

    Ich mach mich gerade über den Ali Sina schlau, deswegen muss ich leider hier jetzt abbrechen, aber ich will noch mal deutlich sagen, dass ich keineswegs Rassisten, Antisemiten oder Vergewaltiger o.a. von ihrer Verantwortlichkeit entbinde, weil ich sie für instinktgesteuerte Neandertaler halte. Ich hoffe, dass ich das klären konnte.

    Grüße,

    Lara

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