„Der doppelte Imam“

Gestern wartete Spiegel online, staatstragend wie immer, mit einem wunderbaren Hetzartikel über Hassan Dabbagh, den „Imam von Sachsen“, auf. Sein angebliches Vergehen: zur Strafvereitelung gegenüber den deutschen Behörden geraten zu haben. Das stempelt ihn in den Augen des Autors, der das Abhören von Telefonaten durch den Verfassungsschutz für ganz normal hält und nicht für eine Maßnahme des autoritären Staates, zum gefährlichen Islamisten!

Hassan Dabbagh mag ein unverbrauchtes Fernsehgesicht sein. Ein Unbekannter ist er nicht. Am 20. März berichtete der SPIEGEL, dass deutsche Verfassungsschützer im November 2004 ein Telefonat abgehört haben: Aus diesem glauben sie ableiten zu können, dass Dabbagh einen Glaubenbruder aufgefordert hat, die deutschen Ermittlungsbehörden hinters Licht zu führen.

Unter der Leipziger Nummer des Imams hatte ein Student angerufen und um Rat in brisanter Angelegenheit gebeten. Er habe von einem Muslim erfahren, der ein schlimmes Verbrechen geplant habe, und frage sich nun, ob er bei der Polizei gegen den Glaubensbruder aussagen solle. „Unrecht ist bisher nicht passiert, sie haben ihn vorher festgenommen“, sagte der Anrufer laut Abhörprotokoll. Er werde als Zeuge gebraucht. Die religiöse Autorität am anderen Ende riet dichtzuhalten: „Wer einen Muslim deckt, den deckt Gott am Tag des Jüngsten Gerichts.“ In einem zweiten Telefonat wurde dem Ratsuchenden beschieden, er solle behaupten, sich an die Diskussion mit dem Verdächtigen nicht mehr zu erinnern.

Dabbagh hat theologisch absolut recht. Der Islam fordert zur Strafvereitelung auf, und das ist eine der sympathischsten Seiten an ihm. Historisch hat das dazu geführt, dass es im Islam, anders als in Europa, eine „Sodomiterverfolgung“ bis in die jüngste Gegenwart nicht gegeben hat. Arno Schmitt dazu:

Neben den prozeduralen Schutzvorschriften [die eine Verfolgung wegen zina oder liwat, d.h. vor- und außerehelichem Geschlechtsverkehr sowie Analverkehr zwischen Männern, verhindern] gibt es moralische:

  1. satr (Verhüllen): „Wer (die Sünden) seines Nächsten in dieser Welt bedeckt, dessen Sünden wird Gott am Jüngsten Tag bedecken.“ Dieser hadit findet sich in Muslims Sahih und Abu Zakariya Yahya an-Nawawi (gest. 676/1277) hat es in seine vielgelesene Sammlung Riyad as-Salihin aufgenommen. Ein anderer von Muslim, Buhari und Nawawi gebrachter hadit lautet: „Allen meinen Leuten wird vergeben, außer denen, die Sünden aufdecken, auch ihre eigenen, die sie nachts begangen haben und die Gott zugedeckt hat. … Des Nachts bedeckte Gott es, und er zerreißt am Morgen Gottes Decke!“

    Ähnlich Malik: Muwatta: „Wer etwas von diesen schmutzigen Dingen begeht, der soll sich mit Gottes Decke bedecken!“ Nach Malik auch bei Buhari, Buch 41, hadit 12, und ausführlicher als 2. Spruch des 41. Buches: „Malik berichtete mir von Yahya b. Sa‘id nach Sa‘id b. al-Musayyab, daß ein Mann vom Stamme der Aslam zu Abu Bakr kam und sagte: ‚Ich habe gehurt.‘ Abu Bakr sagte ihm: ‚Hast du dies schon jemand anderem gesagt?‘ Er sagte: ‚Nein‘. Abu Bakr sagte ihm: ‚Dann … verberge es mit dem Schleier Gottes. Gott nimmt die Reue seiner Sklaven an.‘ Noch nicht beruhigt ging der Sünder zu `Umar b. al-Hattab, der ihm die gleiche Auskunft gab. Schließlich ging er zum Propheten, der ihn dreimal wegschickte. Malik berichtet weiter, daß der Prophet einem der Stammesgenossen des Mannes sagte: ‚Ihr hättet besser daran getan, ihn mit einem Mantel zu bedecken.‘“

  2. das Verbot zu spionieren und
  3. das Verbot übler Nachrede:

    ILIX 12 Und spioniert nicht und sprecht nicht hintenherum schlecht voneinander!
    XXIV 19 Diejenigen, die wünschen, daß etwas Abscheuliches über die Gläubigen allgemein bekannt wird, haben eine schmerzhafte Strafe zu erwarten — im Diesseits wie im Jenseits. (nach Paret)

[…]

Wer also anklagt, läuft nicht nur Gefahr wegen Verleumdung bestraft zu werden, setzt sich nicht bloß dem Verdacht aus, zugeschaut zu haben, statt es zu verhindern, er handelt auch unmoralisch. Schließlich soll der qadi nicht alles daran setzen, das Vergehen aufzudecken, er soll sogar Geständige auf mögliche Täuschung hinweisen. Ist er von einer Tat überzeugt, soll er nicht versuchen, den Beweis zu erbringen, sondern den Täter ermahnen — bei angesehenen Leuten kann das so behutsam erfolgen, daß er sie weder zu sich kommen läßt, noch sie durch einen Besuch kompromittiert, sondern ihnen diskret eine Botschaft übermitteln läßt. Daß kein Übeltäter der diesseitigen Strafe entkommt, ist also nicht die Sorge der fuqaha.

Ähnlich Khaled El-Rouayheb in seinem großartigen Buch Before Homosexuality in the Arab-Islamic World, 1500-1800:

The minimum number of witnesses required for conviction of liwat was four according to the Sahfi‘i, Hanbali, Maliki, and Imami Shi‘i schools, and two according to the Hanafi school (since it did not regard liwat as a case requiring hadd). […] It has often been remarked that the stipulated preconditions make conviction for unlawful intercourse practically impossible. However, this was not regarded by jurists as regrettable. According to the Medinese-based scholar ‚Ali al Qari` (d. 1614): „It is a condition that the witnesses [necessary for a conviction of fornication] are four … and this is because God the Exalted likes [the vices of] his servants to remain concealed, and this is realized by demanding four witnesses, since it is very rare for four people to observe this vice.“ Far from encouraging people to denounce their fellows, the jurists explicitly upheld the ideal of „overlooking“ or „concealing“ (satr) the vices of others, except in cases of repeated and unabashed transgressions. The Egyptian scholar and mystic `Abd al-Wahhab al Sha‘rani (d. 1565), for example, thanked God that he was able to fulfill his obligation to regularly „conceal“ the vices of his fellow Muslims who were not ostentatious in their transgressions of divine law. It was thus generally agreed that witnessing in a case of zina was „contrary to what is most appropriate“ (khilaf al-awla). The same applied to confession; it was best for the offender to refrain from publicizing his misdeed, and to repent in silence.

The Islamic jurists also operated with the principle that the scope of hadd punishments should be reduced as much as possible by evoking the possibility of unintentional transgression caused by a confusing „resemblance“ (shubhah). The principle was based on a saying attributed to the Prophet: „Ward off hadd punishments as much as you can,“ or according to a different version, „Ward off hadd punishments with resemblances (shubuhat).“ Shubhah could arise, for example, if a slave claimed that he or she had been forced to commit fornication by his or her master; when a recent convert to Islam or a Muslim from an isolated or outlying area claimed that he was unaware of the prohibition; or if a man had sexual intercourse with his father’s female slave, or anal intercourse with his own wife or concubine. A few jurists even held that prostitution constituted a shubhah, since paying a woman for sex might be taken to „resemble“ the dowry paid by the groom to his bride.

Wir haben es hier mit einem anderen Machttyp als dem modernen zu tun: der Souveränitätsmacht, der es darum geht, im Recht die Allmacht Gottes zu manifestieren, aber nicht darum, Gesetzesübertreter zu verfolgen und so die Gesellschaft zu disziplinieren. Man kann sich gut vorstellen, dass diese Moral des „Verbergens“ und „Übersehens“, diese unverfrorene Aufforderung zur Strafvereitelung — die man teils auch im Talmud findet — einem liberalen Verfechter des totalen Staats als „extremistisch“ erscheinen muss, weil sie dem Zugriff seiner Polizeiorgane auf alles und jedes die normative Stütze entzieht. Das ist ein klarer Bruch damit, worin der moderne Staat einst den Nutzen des Glaubens entdeckte. Noch unter Stalin sollen ihm die Popen bei seinem Spitzelhandwerk eifrig unter die Arme gegriffen haben. Da kann der „Imam von Sachsen“, der seinen Schäfchen noch nicht einmal die Beichte abnimmt, eben weil er kein christlicher „Schafhirte“ ist, gefälligst einpacken: eine solche Religion, die die bürgerliche Staatsmoral untergräbt, brauchen wir hier nicht!