Ein Leben in der Normalisierungsgesellschaft

Ein bisschen Bedenken hab ich schon, das zu einer Story zu machen. Es handelt sich um einen anonymen Kommentar, der im Blog „Die Angst vor uns selbst“ gepostet wurde und im Folgenden von mir zitiert werden soll. Ich hoffe, der Autor ist mir nicht böse, aber ich denke, ihm ist es gelungen, in zugespitzter Weise darzustellen, wie heterosexuelle Normalisierung in „unserer“ Gesellschaft funktioniert — ganz fernab von irgendwelchen antihomosexuellen Gesetzen, die in der BRD mit dem einigungsbedingten Wegfall des Paragraphen 175 im Jahr 1994 fast ganz ad acta gelegt wurden. Seltsamerweise — seltsam aus der Sicht von Leuten, die einer Repressionstheorie anhängen, für die der „Kopf des Königs noch immer nicht gefallen ist“ (Michel Foucault) — hat sich die Homophobie in den Schulen und Institutionen, in den Freundeskreisen und an Stammtischen seitdem nicht verflüchtigt, sondern nur noch verstärkt. Zwischen 1969 (dem Jahr, als der §175 liberalisiert wurde) und 1989 ist die Zahl der männlichen Jugendlichen im Alter zwischen 16 und 18 Jahren, die über gleichgeschlechtliche sexuelle Erfahrungen berichten, von achtzehn auf zwei Prozent gesunken. Weil, wie Volkmar Sigusch schreibt, „die Befürchtung der Jungen […], womöglich als ‚Schwuler‘ angesehen zu werden“, mittlerweile ihre gesamte Adoleszenzphase zu dominieren scheint. Die Lesben- und Schwulenbewegung ist aus strukturellen Gründen gar nicht in der Lage, darauf eine Antwort zu geben, da „eine radikale Erforschung der politischen Konstruktion und Regulierung der Identitäten selbst“ (Judith Butler) innerhalb einer Bewegung, die eben diese Identitäten zu ihrer Geschäftsgrundlage gemacht hat, schlechterdings unmöglich ist.

Aber was genau geht in den Köpfen von Jugendlichen vor, die die harte Schule der heterosexuellen Normalisierung in den militant homophoben Gesellschaften des „freien Westens“ durchlaufen? Gesellschaften, die die Erfahrung gleichgeschlechtlicher Liebe und Lust epistemologisch an die Übernahme einer verachteten und als abweichend konstruierten „homosexuellen Rolle“ binden. Ich habe selten ein Stück Introspektion erlebt, das der Wahrheit näher auf den Grund geht als der folgende Kommentar:

Mich haben meine Freunde 5 Jahre aufgezogen, dass ich eine Schwuchtel, schwul sei. Ich war diese 5 Jahre immer voll auf Droge und habe mir somit das Gelaber voll reingezogen. Anfangs konnte ich mich noch zur Wehr setzen, aber später kam ich gegen 5 Mann nicht mehr an. Alles, was ich sagte, wurde mit „schwul“ verspottet. Ich fing an irgendwann gar nichts mehr zu sagen. Ich grübelte jahrelang, was ich nun bin. Das tue ich heute noch. Seit Jahren komme ich nicht zur Ruhe. Ich fühle mich immer, als wenn ich vor der goßen Prüfung stände. Es gab Zeiten, und die gibt es immer noch, da es für mich kein anderes Thema gibt. Durch das ganze Grübeln weiß ich nicht mehr, was schwarz und weiß ist. Mag ich einen Mann, ziehe ich mich sofort zurück, aus Angst schwul zu sein. Finde ich einen Gesichtsausdruck eines Mannes niedlich und herzerwärmend, gerate ich regelrecht in Panik. Ich kann zu keinem Mann mehr hochsehen, aus Angst schwul zu sein. Es haben sich mittlerweile meine Ängste psychosomatisch manifestiert. Wenn ich Kontakt zu Männern habe, bin ich extrem aufgewühlt, wenn ich ihnen in die Augen schaue, bleibe ich mit nem Panikgefühl an seinen kleben. Wenn er dann wegguckt, habe ich Angst, daß er wegschaut, weil ich ihn schwul anschauen könnte. Diese Angst ist so groß, daß ich Männern nicht mehr in die Augen schauen kann, und wenn ich das tue, halte ich es kaum aus. Meine Stimme ist dann am Zittern, ich bekomme Schweiß auf der Stirn. Ich habe kaum noch Freunde, da ich zwischenmenschliche Gefühle nicht mehr zulassen kann, weil ich Angst davor habe. Denke ich, dass ein Freund gut aussieht, fängt mein Kreislauf an zu kippen.
Ich kann nicht mal sagen, ob mich Männer erregen. Ich empfinde deren Berührungen als angenehm. Achte aber so sehr darauf, wie ich sie empfinde, daß sie sehr verstärkt von mir wahrgenommen werden. USW.

Mittlerweile bekomme ich mein Leben nicht mehr in den Griff. Ich lebe völlig zurückgezogen, und bekomme nichts mehr gebacken. Der Gang zum Supermarkt ist die Hölle, weil ich ja Männer sehen könnte, die gut aussehen und ich nicht weiß, was es dann bedeutet…..

Wenn ich eine Freundin hatte, bezweifelte ich jedes Gefühl. Ist es das, was ich normalerweise fühlen müsste? Ich habe keine Lust auf sie, schwul? Ich kann mit ihr nicht so gut reden und nicht mal zuhören, weil ich mich so extrem kontrolliere. Mittlerweile meide ich Beziehungen. Schwul?

Ich weiß gar nicht, wie ich je wieder klar kommen soll…


6 Antworten auf „Ein Leben in der Normalisierungsgesellschaft“


  1. Gravatar Icon 1 ubik 30. Oktober 2006 um 3:26 Uhr

    oh gott, der arme. hat er denn eine mailadresse hinterlassen damit man ihm vielleicht ein wenig weiterhelfen könnte, vielleicht professionellere hilfe vermitteln?

  2. Gravatar Icon 2 lysis 30. Oktober 2006 um 4:56 Uhr

    Der Autor des Kommentars schreibt am Schluss:

    Ich erwarte keine Hilfe von euch, aber vielleicht könnt ihr mir ja eure zwischenmenschlichen Gefühle zum gleichen Geschlecht schildern oder einfach eure Erfahrungen niederschreiben.

    Eine E-Mail wird er sicher hinterlassen haben, weil das normalerweise erforderlich ist, um einen Kommentar abzugeben.

    Allerdings weiß ich nicht, ob es ihm überhaupt eine Hilfe ist, ihm einen professionellen Therapeuten anzutragen, womit ja das Problem gut psychologisch nach innen verlagert wird und wieder er selbst als Ursache der Konflikte gesetzt wäre, die er mit der Gesellschaft hat.

    Vielleicht wäre es ihm ja eine größere Hilfe, die soziale Struktur zu verstehen, die hinter diesen jahrelangen Belästigungen stand? Also gerade die Verlagerung seines Schlamassels nach innen zu kritisieren? Denn das scheint mir doch das eigentliche Problem zu sein: dass er sich selber dafür verantwortlich macht, was andere ihm angetan haben; dass er es sich zur Gewohnheit gemacht hat, die Ursache der Homophobie seiner „Freunde“ in einem abweichenden Selbst zu suchen.

    Aber wird diese falsche Marotte nicht gerade durch die psychotherapeutische Methode verstärkt, die ja tatsächlich nach individuellen Abweichungen fahndet, um sie zu kurieren und die betreffende Person zu „renormalisieren“? Zumindest die verkackte Psychoanalyse macht genau das. Sie ist ja auch um 1900 als Instrument der Normalisierungsgesellschaft entstanden und schließt bis heute Lesben und Schwule von der Ausbildung zum Analytiker aus, getreu dem Motto: „Mit denen kann ja irgendwas nicht stimmen, denn das Ergebnis einer normalen ödipalen Entwicklung ist nach Freud eine gesunde heterosexuelle Person.“

    Am Ende einer jahrelangen Psychoanalyse steht deshalb auch meist der Selbstmord. Zumindest ist das mein Vorurteil. ;)

    Aber vielleicht kann ihm ja eine kognitive Verhaltenstherapie, also die vernünftigere Variante der Psychologie, dabei helfen, sich gewisse selbtschädigende Gewohnheiten wie die permanente Infragestellung der eigenen Person langsam abzugewöhnen und stattdessen herauszufinden, dass es eigentlich schnuppe ist, ob man mit einem Mann oder eine Frau Sex haben will, und dass sogar beides zugleich geht. :)

  3. Gravatar Icon 3 rocco 30. Oktober 2006 um 16:10 Uhr

    Naja, ich glaube kaum, dass ein Psychotherapeut versuchen würde, ihm „Homosexualität“ auszureden. Ich hoffe ja mal stark, dass solche Zeiten lang vorbei sind. Die „Renormalisierung“ läuft ja eher so ab, dass dem Betroffenen geholfen wird, sich gedanklich irgendwie anders mit der Scheiße, in der lebt, zu befassen und ihn vom Suzidgefährdeten mit sozialer Phobie wieder zu einem lebensfähigen Mitglied der Gesellschaft zu machen. Was daran kritikabel ist, sollte offensichtlich sein. Ob es angesichts des eigenen Leidens, dessen tiefere gesellschaftliche Ursachen wohl nicht so schnell oder schlimmstenfalls niemals aus der Welt geräumt werden, nicht trotzdem eine gute Idee ist, das Angebot einer Psychotherapie pragmatisch an Anspruch zu nehmen, muss man für sich selbst entscheiden. Dazu fällt mir übrigens die Aussage einer Psychotherapeutin ein, die gesagt haben soll: „Hören sie mal, sie können mir hier erzählen, wie scheiße die Welt ist und ich könnte ihnen da auch zustimmen. Aber die Welt kann ich nicht ändern. Ich kann ihnen nur helfen, besser damit klar zu kommen.“

  4. Gravatar Icon 4 rocco 30. Oktober 2006 um 16:21 Uhr

    Denn das scheint mir doch das eigentliche Problem zu sein: dass er sich selber dafür verantwortlich macht, was andere ihm angetan haben; dass er es sich zur Gewohnheit gemacht hat, die Ursache der Homophobie seiner “Freunde” in einem abweichenden Selbst zu suchen.

    Das würde ich auch so sehen. Eine solche Einsicht beseitigt die Homophobie der Umwelt zwar auch nicht, aber so Selbstbezichtigungen lassen einen nur noch fieser leiden. Und im Gegensatz zur weit verbreiteten Homophobie unter so Nachwuchsmackern hat man darauf als Einzelner noch Einfluss und kann das (einschränkend im Härtefall: mit Unterstützung und Hilfe wenn nötig) beenden.

  1. 1 Montag, aufwachen! Trackback am 01. November 2006 um 23:29 Uhr
  2. 2 Ahmadinedschad frisst kleine Kinder! | Herbst in der Seele Pingback am 30. August 2007 um 19:26 Uhr
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