Voodoo-Zauber gegen Pride Parade

Das rabbinische Hochgericht — ein außerstaatliches Gremium der Haredi-Gemeinde, das in Israel vor allem für sein Zertifikationslogo für koscheres Essen bekannt ist — hat angekündigt, die Organisatoren der Gay Pride Parade in Jerusalem mit einem kabbalistischen Todesfluch, der sogenannten ‚Pulsa Danura‘, zu belegen. Das letzte Mal, dass das rabbinische Hochgericht zu diesem Mittel griff, war vor 50 Jahren, als in Jerusalem das erste gemischtgeschlechtliche Schwimmbad eröffnet wurde. Der verantwortliche Bürgermeister Gerschon Agron, notierte Rabbi Papenheim in einer Sendung des Armeeradios am Dienstag, habe daraufhin das Ende des Jahres nicht mehr erlebt.

Das esoterische Vodoo-Ritual wird von Juden, die an die Kabbala glauben, auch mit dem Tod von Yitzhak Rabin und Ariel Scharon in Verbindung gebracht, welche von extremistischen Rabbis beide mit einer Pulsa Danura belegt worden waren, der erstere, weil er „Land für Frieden“ propagierte, der letztere, weil er die Räumung des Gaza-Streifens angeordnet hatte. Mit dem rabbinischen Hochgericht, das den Staat Israel ablehnt und den Zionismus für eine religiöse Häresie hält, darf dies jedoch nicht in einen Topf geworfen werden.

Gleichwohl befürchtet Bradley Burston in der Ha‘aretz angesichts des Beispiels von Yitzhak Rabin, der seinerzeit von einem jungen Fundamentalisten ermordet wurde, dass übereifernde Haredim sich durch den Todesfluch des rabbinischen Hochgerichts dazu aufgerufen fühlen könnten, dem Aberglauben nachzuhelfen, indem sie selbst Hand an die Demonstranten legen. Bereits letztes Jahr wurden drei Teilnehmer der Gay Pride Parade von einem fanatisierten Mitglied der ultraorthodoxen Gemeinde niedergestochen und mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Doch diesmal stellt die Gegenmobilisierung wirklich alles in den Schatten, was bisher dagewesen ist. Selbst eine Verlegung nach Tel Aviv würde Fundamentalisten wie Rabbi Papenheim nun nicht mehr zufrieden stellen: „Zunächst würden wir eine solche Sache weder in Jerusalem noch sonst irgendwo auf der Welt erlauben. Dies ist gegen die Halacha [die jüdische Scharia], gegen die Torah und gegen jede Moral. In diesem Fall, da wir von einer öffentlichen Obszönität sprechen, die unseren Kindern und ihrem Nachwuchs großen Schaden zufügt, haben wir es auf uns genommen, dies mit all unserer Macht zu bekämpfen.“ Sogar der ultraorthodoxe Bürgermeister von Jerusalem, Uri Lupolianski, ist, obwohl selbst Gegner der Parade, vor dem Zorn der Haredim nicht mehr sicher: Am Dienstagabend musste er von Polizisten aus einer Festhalle eskortiert werden, nachdem er dort von einer Gruppe religiöser Fanatiker attackiert und mit Steinen beworfen worden war.

Indes zeigt sich auch die andere Seite unnachgiebig. Die Parade soll, wenn das Oberste Gericht den Einspruch der Fundamentalisten zurückweist, wie geplant am Freitag stattfinden — unter dem Schutz von 12.000 Polizisten. Doch einigen ist der Geduldsfaden angesichts des religiösen Dauerbeschusses schon jetzt gerissen: In der Nacht zum Donnerstag vergangener Woche warfen Unbekannte die Fensterscheiben der Geulat-Yisrael-Synagoge in Tel Aviv mit Steinen ein und sprühten ein Graffiti an die Wand des Tempels: „Wenn wir nicht in Jerusalem marschieren, werdet ihr nicht in Tel Aviv laufen.“ Aharon Dahuh, der am nächsten Morgen entsetzt die Tür öffnete, versteht die Welt nicht mehr: „Am Ende sind wir doch alle Juden.“

Graffiti an der Geulat-Yisrael-Synagoge in Tel Aviv
Graffiti an der Geulat Yisrael Synagoge in Tel Aviv


4 Antworten auf „Voodoo-Zauber gegen Pride Parade“


  1. Gravatar Icon 1 phex 08. November 2006 um 17:16 Uhr

    Das letzte Mal, dass das rabbinische Hochgericht zu diesem Mittel griff, war vor 50 Jahren, als in Jerusalem das erste gemischtgeschlechtliche Schwimmbad eröffnet wurde

    ihre Todesflüche scheinen die ja echt nur bei ganz ganz bösen dingen einzusetzen. lol

  2. Gravatar Icon 2 Blog4Berlin 09. November 2006 um 19:21 Uhr

    Ich hab mir dazu auch ein paar Gedanken gemacht:

    http://www.blog4berlin.de/?p=28

    Und durch ein Kommentar von TW_24 soeben folgendes erfahren:

    Hunderttausend erwartete Protestierer und ein paar Dutzend Warnungen vor terroristischen Anschlägen haben es nun doch noch geschafft: Die WorldPride-Parade wurde durch die Veranstalter abgesagt und wird ersetzt durch eine Kundgebung im Stadion auf dem Givat Ram-Campus der Hebräischen Universität. Hier wird mit wenig Protest gerechnet.

  3. Gravatar Icon 3 lysis 10. November 2006 um 0:37 Uhr

    Zur ‚Pulsa Danura‘ gegen die Organisatoren der Parade und die Polizei ein Kommentar von Laura Goldman

  1. 1 Shabbat shalom… und Bilder!!! // nordstadtsafari Pingback am 16. November 2006 um 16:52 Uhr
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