Zwei Sorten religiöser Machtentfaltung

Nachdem ich jetzt zwei längere Stories über die Homophobie der Haredim in Israel gemacht habe und ich mich ja eigentlich doch eher für Dinge in ihrer historischen Perspektive interessiere, hier zur Abwechslung ein jüdisches Liebesgedicht, vermutlich aus dem 11. oder 12. Jahrhundert n.u.Z.:

Gazelle desired in Spain, wondrously formed,
Given rule and dominion over every living thing;
Lovely of form like the moon, with beautiful stature:
Curls of purple upon shining temple,
Like Joseph his form, like Adionah [Absolom] his hair.
Lovely of eyes like David, he has slain me like Uriah.
He has enflamed my passions and consumed my heart with fire.

How’s that possible? Avram Hein explains:

I recognize that Jewish law prohibits certain specific sexual actions — both for homosexuals and heterosexuals. Nevertheless, despite the chillul Hashem (desecration of God’s name) of the fundamentalist protestors and the Jerusalem municipality, halakha (Jewish law) does not prohibit a loving relationship between two people.

Unbenommen einer generellen Religionskritik, ist die Konstruktion von Lesben und Schwulen als „pervers“ und „abnorm“ sicher nicht endemisch in der jüdischen Religion, sondern eine neo-orthodoxe Umdeutung der Halacha vor dem Hintergrund der Medikalisierung „des Homosexuellen“ im biopolitischen Raster des 19. Jahrhunderts. Ebenso die sexualisierte Metaphorik von „Sodom und Gomorrha“, die irgendwann — womöglich erst im 20. Jahrhundert — aus dem Christentum importiert wurde. Im Buch der Weisheit jedenfalls wird die Vernichtung von Sodom noch mit der mangelnden Gastfreundschaft seiner Einwohner erklärt: „Die Strafen kamen über die Sünder nicht ohne Warnung durch wuchtige Blitze. Mit Recht mussten sie für ihre bösen Taten leiden, weil sie einen so schlimmen Fremdenhass gezeigt hatten.“ (Kap. 19) Und auch im Talmud lassen sich keinerlei Assoziationen zwischen Sodom und dem mosaischen Verbot des mann-männlichen Analverkehrs finden.

Wie Mark D. Jordan in seinem Buch The Invention of Sodomy in Christian Theology gezeigt hat, war der katholische Kirchenvater Augustinus (gest. 430) in seinen Confessiones der erste Mensch überhaupt, der die Einwohner Sodoms mit dem „Laster der widernatürlichen Unzucht“ in Verbindung brachte:

Ingleichen auch sind widernatürliche Sünden, wie die der Sodomiter, allzeit und überall verabscheuungswert und strafwürdig. Begingen sie auch alle Völker, sie verfielen alle der gleichen Sündenschuld vor dem göttlichen Gesetz, das die Menschen nicht so geschaffen hat, daß sie auf solche Weise Verkehr miteinander haben dürften. Es wird ja die Gemeinschaft, die uns mit Gott verbinden soll, verletzt, wenn eben die Natur, die er geschaffen, durch verkehrte Lüste befleckt wird.

Allen Konstruktionen zum Trotz, die eine ungebrochene jüdisch-christliche Traditionslinie zu konstruieren versuchen, hat das Christentum vollständig mit dem jüdischen Religionsgesetz gebrochen und an seine Stelle eine naturrechtliche Argumentation gesetzt, die das Verbot der „widernatürlichen Unzucht“ nicht etwa aus den arbiträren (und rational nicht zu ergründenden) Vorschriften im 3. Buch Mose, sondern aus den Nomoi von Platon ableitete. In diesem Gesetzbuch für einen totalen Staat — das Ideal, an dem sich die Kirche mit ihrem hierarchischen Führerprinzip orientierte — schlägt jener ein Gesetz über die Liebesverhältnisse vor, wonach „Männer sich nicht mit Jünglingen gleichwie mit Frauen zum Liebesgenuss“ vereinen sollten, damit der menschlichen Gattung nicht absichtlich der „Todesstreich“ versetzt werde. Diesem Gesetz gegen den Verkehr para physin (wörtl. „über die Natur hinaus“, von der Kirche mit „contra naturam“, d.h. „wider die Natur“ übersetzt) sei nur dann Wirksamkeit beschieden, wenn es die Religion zu seiner Rechtfertigung heranziehe. Denn erst wenn es „ein ausreichend heiliges Ansehen“ erhalte, werde das Verbot „die ganze Seele bewältigen und den gegebenen Gesetzen durchaus einen mit Furcht verbundenen Gehorsam verschaffen“. Und wie beim Inzestverbot müsse die Behauptung aufgestellt werden, „daß so etwas keineswegs gottgefällig, sondern ein Göttergreuel und von allem Schändlichen das Schändlichste sei“. Der Grund für die Scheu vor dem Inzest liege nämlich darin, „daß niemand das für etwas anderes erklärt, sondern daß jeder von uns, von seiner Geburt an, alle allerwärts stets dasselbe behaupten hört“.

Für die Kirche eine perfekte Anleitung zur Durchsetzung ihrer totalitären Ordnungsvorstellungen, in denen die Familie die Funktion einer unantastbaren Keimzelle des Staates innehat und kein Verkehr „para physin“ (über die Natur hinaus) mehr statthaben soll. Mit der Realität scheint das freilich nie sehr viel zu tun gehabt zu haben, wie sich etwa der Schrift „Wider die Gegner des monastischen Lebens“ von Johannes Chrysostomos (gest. 407 n.u.Z.) entnehmen lässt:

Ausgerechnet jene, die durch die göttlichen Lehre genährt wurden, die andere darin unterweisen, was sie tun oder nicht tun sollten, die die Schriften gehört haben, welche vom Himmel gesandt wurden, sind es, die mit Prostituierten nicht so furchtlos verkehren, wie sie es mit jungen Männern tun. Die Väter der jungen Männer nehmen dies stillschweigend hin: sie unternehmen es nicht, ihre Söhne zu isolieren, noch suchen sie nach einem Heilmittel für dieses Übel. Niemand ist beschämt, niemand errötet, ja vielmehr sind sie stolz auf ihr kleines Spiel; die Keuschen gelten als die Sonderlinge und die es missbilligen als die, welche sich im Irrtum befinden. Wenn diese unbedeutend sind, werden sie eingeschüchtert; wenn sie mächtig sind, verspottet, ausgelacht und widerlegt mit tausend Argumenten. Die Gerichte sind machtlos, die Gesetze, Instruktoren, Eltern, Freunde, Lehrer — alle sind hilflos.

Und so blieb nur das Kloster als Experimentierfeld des christlichen Panoptismus übrig, der sich in der benediktinischen Mönchsregel materialisierte: alle haben im selben Raum zu schlafen — mit dem Bett des Abts in der Mitte des Saals —, ein Licht muss die ganze Nacht am Brennen gehalten werden, die Kleidung darf nicht ausgezogen werden, und die Betten der alten Männer sind zwischen die der jungen zu stellen. Oder wie bereits Basilius von Caesarea im 4. Jahrhundert diktierte:

Sitz in einem Stuhl weit entfernt von einem solchen jungen Mann; erlaube es nicht, dass im Schlaf deine Kleidung die seine berührt, sondern lass einen alten Mann zwischen euch liegen. Spricht er zu dir oder singt dir gegenüber, schau auf die Erde, wenn du ihm antwortest, so dass du nicht durch den Blick auf sein Gesicht die Saat der Begierde vom feindlichen Sämann aufnimmst und Ernten der Verderbnis und Verlorenheit hervorbringst. Werde nicht im Innern eines Hauses mit ihm gefunden und auch nicht dort, wo niemand sehen kann, was ihr tut, weder um die Verheißungen der Heiligen Schriften zu studieren noch für irgendeinen anderen Zweck, gleichviel wie dringlich er ist.

Man beachte, dass das Christentum die Möglichkeit, sich in eine Person des gleichen Geschlechts zu verlieben, noch für völlig selbst-evident und universell verankert hielt. Ebenso frappierend ist jedoch auch der Unterschied zur sorglosen Haltung des babylonischen Talmud, der es nach ausführlicher rabbinischer Diskussion erlaubte, dass zwei Männer gemeinsam unter einer Bettdecke schlafen, da Juden „der Päderastie unverdächtig“ seien. :d

Fazit: Das Judentum ist bloß antiquiert, zeitgenössisch war seit je die christliche Religion, die sich an der Schwelle der Aufklärung in den Strukturen der Moderne sedimentierte. Das Urbild der Disziplinen ist das Kloster, nicht die jüdische Gemeinde. Es war das Laboratorium, aus dem sich später die „totalen Institutionen“ (Goffman) wie Gefängnis, Psychiatrie und Arbeitshaus entwickeln sollten.