Freiheit und Zwang — eine christliche Übung in Dialektik

Patriarch Alexius II.Die russisch-orthodoxe Kirche beschwert sich über die von säkularen Gesellschaften aufgezwungenen Freizügigkeiten und pocht stattdessen (so darf man im Umkehrschluss folgern) auf die Freiheit zum Zwang. Dies berichtet das katholisch-fundamentalische Nachrichtenportal kath.net (das nicht mit dem ideologisch gleich gelagerten kreuz.net verwechselt werden darf):

Moskauer Patriarch Alexij übt scharfe Kritik an protestantischen Kirchen wegen der dort stattfindenden Priesterweihen von Frauen und Homosexuellen — Willkür in der westlich-säkularen Gesellschaft — Man bekommt überall liberale Standards aufgezwungen

Zugleich beklagte sich der russische Patriarch auch über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, die in einigen liberalen protestantischen Gemeinden praktiziert wird. Als es 2003 ein Pope tatsächlich wagte, ein männliches Paar zu segnen, ließ Alexij kurzerhand die ganze Kapelle abreißen, weil das Gebäude im magischen Denken des Patriarchen dadurch „entweiht“ war.

Dass seine eigene Kirche bis zum 20. Jahrhundert einen mittlerweile recht gut untersuchten Ritus feierte, in dem zwei Männer durch die Ableistung eines Liebesschwurs und den Austausch eines Kusses „zu Brüdern gemacht“ wurden (daher auch der Name des Ritus: Adelphopoiesis, slaw. pobratimstvo, wörtl. „Brüdermachen“), vergaß der Patriarch dabei geflissentlich zu erwähnen. Denn so freizügig, der eigenen Geschichte Gewalt anzutun, um säkularen Gesellschaften wie der ehemaligen Sowjetunion eine frei erfundene Tradition aufzuzwingen, ist man in der russisch-orthodoxen Kirche allemal.


2 Antworten auf „Freiheit und Zwang — eine christliche Übung in Dialektik“


  1. Gravatar Icon 1 Checker 11. November 2006 um 22:51 Uhr

    Vollbärte sind so out…

  2. Gravatar Icon 2 sven 13. November 2006 um 20:21 Uhr

    In den Genuss überkommener Überzeugungen der russisch-orthodoxen Kirche kam ich in einer Kneipe in St. Petersburg, als mich jemand sehr bestimmt darauf hinwies, den „Geld“-Schein auf gaaaaar keinen Fall nochmal zusammenzuknüllen und in die Hose zu stecken, da darauf Kirchen abgebildet sind….

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