Die arabischen Gerechten

Rob Satloff, Geschäftsführer des Washington Institute for Near East Policy, hat in seinem Buch Among the Righteous: Lost Stories from the Holocaust’s Long Reach into Arab Lands, das von Jungle World und KONKRET ganz sicher nicht besprochen werden wird, die verlorenen Geschichten jener Araber gesammelt, die während des Zweiten Weltkriegs Juden in Frankreich und Nordafrika vor dem Zugriff der Deutschen (und der großen Zahl kollaborierender Franzosen) gerettet haben. Für die Ha‘aretz hat er eine kurze Zusammenfassung geschrieben:

Throughout this ordeal, most Arabs were indifferent to the fate of the Jews, a substantial minority participated — often fully and willingly — in the anti-Jewish persecution, and a small but powerfully important number helped and even rescued Jews.

In my research, I found stories of Arabs who welcomed Jews into their homes, guarded Jews‘ valuables so Germans could not confiscate them, shared with Jews their meager rations and warned Jewish leaders of coming SS raids. The sultan of Morocco and the bey of Tunis provided moral support and, at times, practical help to Jewish subjects. In Vichy-controlled Algiers, mosque preachers gave Friday sermons forbidding believers from serving as conservators of confiscated Jewish property.

I found remarkable stories of rescue, too. During the heat of battle in the Zaghouan valley, west of Tunis, a group of Jewish internees at an Axis labor camp banged on the farm door of a man named Si Ali Sakkat, who courageously hid them until liberation by the Allies. In the Tunisian coastal town of Mahdia, a dashing local notable named Khaled Abdelwahhab scooped up several families in the middle of the night and whisked them to his countryside estate to protect one of the women from the threat of rape by a German officer.

And there is strong evidence that perhaps the most influential Arab in Europe — Si Kaddour Benghabrit, the rector of the Great Mosque of Paris — saved as many as 100 Jews by providing them with certificates of Muslim identity, with which they could evade arrest and deportation. In my view, these men, and others, were true heroes.

Satloff stellt sich auch die Frage, warum diese Geschichten bisher kaum beachtet wurden, und macht dafür einerseits das relative Desinteresse von Holocaust-Forschern — u.a. aufgrund der sozialen Entwertung der Biographien sephardischer (arabischer) Juden — verantwortlich, andererseits aber auch den zunehmenden Antisemitismus in Nordafrika nach der gewaltsamen Staatsgründung von 1948:

By the second, I mean that the Arab-Israeli conflict has been so toxic in many Arab societies that it has not only led to the morphing of „Jews“ and „Zionists“ (after all, how else can one explain the exile of hundreds of thousands of Jews from Arab lands post-1948?) but it has transformed perceptions of otherwise noble deeds such as helping Jews during the war into political incorrect actions.

Throughout my research, I was stunned by the extent to which both officials and ordinary Arabs alike were either not happy to learn that their fathers or grandfathers saved Jews or were unhelpful in assisting me to prove that it was so.


17 Antworten auf „Die arabischen Gerechten“


  1. Gravatar Icon 1 Nemesis 13. November 2006 um 14:44 Uhr

    Du kennst doch den berühmten Satz von Gremliza, das kein einziger Araber im KZ umgekommen sei? Wenns ins Feindbild passt…

  2. Gravatar Icon 2 Isnogud 13. November 2006 um 15:51 Uhr

    Versteh ich das richtig? Gremliza wirft Arabern vor, nicht im KZ umgekommen zu sein? Dann ist der Typ ja noch bescheuerter als ich dachte.

  3. Gravatar Icon 3 Nemesis 13. November 2006 um 18:51 Uhr

    Ein Vorwurf ist es nicht, nur eine angebliche Feststellung um zu begründen, das sie der Solidarität nicht würdig sind. Natürlich ist das historisch falsch, viele Araber und sogar Türken sind in KZs umgekommen. Literatur gibt es dazu.

  4. Gravatar Icon 4 Checker 13. November 2006 um 21:43 Uhr

    Schlag doch das Buch den Redaktionen vor.

  5. Gravatar Icon 5 Nemesis 14. November 2006 um 5:52 Uhr

    Würde das denn was nützen? Die schreiben doch alle trotz besseren Wissens.

  6. Gravatar Icon 6 stalin 15. November 2006 um 20:14 Uhr

    des wahnsinns letzter schrei, was gremliza da von sich gegeben hat. aber abgründiges allerorten, bei einer der auf linken partys unvermeidlichen israeldiskussionen gab ein nichtfreund von mir, bei dem die nahostdiskussion augenscheinlich zum balzverhalten gehört, folgenden satz von sich: „man kann von der russischen armee sagen was man will, sie ist wenigstens die nachfolgeorganisation der roten armee, die deutschland vom faschismus befreit hat. das kann man von der idf nicht behaupten.“
    und was lernen wir daraus?
    1. deutschlsnd wurde vom faschismus befreit.
    2. vernichtete juden gründen keine armee- ihr pech
    3. der größte schwachsinn wird zum argument, wenn der (in diesem falle die) gegenüber die sympathische eigenschaft hat, sich momentan überhaupt nicht für den nagen osten oder tschetschenien zu interessieren
    4. bin ich saufroh keinen politblog zu haben, da wird man doch traurig von…

  7. Gravatar Icon 7 phex 16. November 2006 um 12:41 Uhr

    Es gab auch Araber die sich für die Gründung Israels und den Zuzug von Juden aus Europa und dem rest der Welt ausgesprochen haben.
    Aber was folgt daraus? Kann es deswegen keinen arabischen Antisemitismus geben?

  8. Gravatar Icon 8 lysis 16. November 2006 um 14:36 Uhr

    Natürlich, es gibt ja schließlich auch einen ausgeprägten antiarabischen Rassismus in Israel. Nur was folgerst du daraus?

    Ich folgere daraus, dass Antisemitismus (genau wie Rassismus) nichts mit Herkunft oder Kultur zu tun hat, sondern eine individuelle Entscheidung ist, weswegen ich die Rede von einem „arabischen Antisemitismus“ (statt von einem Antisemitismus unter Arabern) strikt ablehne. Oder wie Café Morgenland es mal formuliert hat:

    Es bleibt dabei: Antisemitismus ist kontextunabhängig (unabhängig von Herkunft, Religion, Nationalität, Hautfarbe und Geschlecht) anzugreifen. Dies bedarf keiner Begründung – weder auf den Islam, noch auf die türkische, arabische oder sonst wie Herkunft. Wird dies und genau dies (Herkunft, Religion usw.) aber in den Mittelpunkt gestellt, oder gar zum Ausgangspunkt im Kampfe gegen den Antisemitismus gemacht, hat es nicht im Geringsten mit der Bekämpfung des Antisemitismus zu tun, sondern dient ausschließlich als Vorwand und Legitimation zur Gestaltung von schäbigen, linksdeutschen Pogromen.

  9. Gravatar Icon 9 phex 16. November 2006 um 18:10 Uhr

    also war es reiner Zufall, dass sich in Deutschland der Antisemitismus so verbreitet hat?

    und den Cafe Morgenland text würde ich anders verstehen. Nämlich dass Antisemitismus angegriffen werden muss weil er Antisemitismus ist, und nicht weil er „arabisher“ Antisemitismus ist. Und so stimme ich dem durchaus zu.
    Und genauso heisst es nämlich dann auch, dass man den Antisemitismus nicht, weil er arabisch ist, NICHT angreifen kann. Dann macht man es nämlich von einem kontext abhängig.

    Und ein Individuum steht doch, ausser vielleicht es ist sich dessen verstrikung sehr bewusst, völlig ausserhalb „seiner“ Kultur.

  10. Gravatar Icon 10 lysis 17. November 2006 um 3:08 Uhr

    Ja, nur der Antisemitismus hat mit der arabischen Kultur nicht die Bohne zu tun, mein Lieber! Die Protokolle der Weisen von Zion gehören eher deiner Kultur an. Aber immerhin gestehe ich dir die Möglichkeit zu, dich davon zu emanzipieren, und nehm dich nicht dafür in Kollektivhaftung. Und genau das ist der Punkt.

  11. Gravatar Icon 11 Willy 17. November 2006 um 10:01 Uhr

    Wenn jemand von klein auf erzählt bekommt, dass die Juden Affen und Schweine sind, dass der Prophet Gottes sie bekämpft und getötet hat, dass sie das Land der Muslime zu unrecht besetzt halten, dass diejenigen, die viele Juden töten, Märtyrer sind und ins Paradies kommen usw. kann man wohl kaum von einer individuellen Entscheidung sprechen, wenn er Antisemit ist.

  12. Gravatar Icon 12 lysis 17. November 2006 um 13:57 Uhr

    Ah ja, und das bekommt jeder Araber von klein auf eingetrichtert. So ein Blödsinn! Natürlich wird’s Leute geben, die in solchen Familien aufwachsen. Aber wie kann man nur derart absurde Verallgemeinerungen treffen?

    Darüber hinaus ist die Unterstellung, dass Leute quasi automatisch die Ideologie ihrer Eltern aufsaugen würden, schlicht und einfach unzutreffend. Natürlich braucht jemand auch Angebote für alternatives Denken, um sich rational zwischen mehreren Möglichkeiten entscheiden zu können. Im Mittelalter war Atheismus undenkbar, weil Gott allenthalben als ontologische Tatsache behandelt wurde. Aber natürlich ist nicht jeder Araber ein Antisemit, so wie jeder mittelalterliche Europäer an Gott geglaubt hat, nur weil manche mit den USA verbündete Staaten wie Saudiarabien und Ägypten durch antisemitische Regierungspropaganda auffallen.

  13. Gravatar Icon 13 lysis 17. November 2006 um 14:32 Uhr

    PS: Es ist aber korrekt, dass es äußerst wichtig wäre, im Kampf gegen den Antisemitismus in der arabischen Welt die Denkalternativen zu stärken, damit die Leute mehr als bisher die Möglichkeit haben, sich gegen diese ekelhafte Ideologie zu entscheiden. Aber wie soll das funktionieren, wenn die EU antisemitische Propaganda finanziert und die USA überall diktatorische Regime stützt?

  14. Gravatar Icon 14 phex 17. November 2006 um 14:36 Uhr

    „nur weil manche mit den USA verbündete Staaten wie Saudiarabien und Ägypten durch antisemitische Regierungspropaganda auffallen.“
    lol. und was soll uns das nun sagen? :)
    das von einigen Menschen in hinsicht arabischer Antisemitismus, oder Antisemitismus im arabischen raum, möglicherweise übertrieben wird kann gut sein.
    Aber zu leugnen dass es ihn gibt ist doch albern. Weder Iran noch Hamas noch Hizbollah machen da einen hehl draus! Und in Palästina laufen Kindersendung wo übelste antisemitische Propaganda transportiert wird. Und wenn die Leute da die Protokolle der Weisen von Zion lesen, wurde der zwar immernoch in „meiner“ Kultur geschrieben, aber Kultur ist nichts statisches. Es findet immer ein Austausch zwischen verschiedenen Menschen statt, sobald die Möglichkeit zur Kommunikation miteinander gegeben ist!

  15. Gravatar Icon 15 lysis 17. November 2006 um 15:18 Uhr

    Erstens: wo hab ich die antisemitische Propaganda in der arabischen Welt geleugnet? Ich bin ja nicht blind und taub.

    Zweitens: ich bin nicht sehr glücklich über den Kultur-Begriff, wie ich schon verschiedene Male betont habe. Ich ziehe den Gesellschaftsbegriff vor, weil dieser die Ebene von Ideologien, Herrschaftsformen, Widersprüchen und Kämpfen in den Vordergrund stellt, während der Kultur-Begriff nichts als Statik, Homogenität und Abgeschlossenheit vermittelt.

    Nur als Beispiel den Islam selbst: einerseits ist das nicht nur eine Religion, sondern auch eine Herrschaftsideologie gewesen, andererseits war er seit jeher auch eine Arena für politische und soziale Kämpfe. Mittelalterliche Oppositionsbewegungen, wie z.B. die Ismailiten, haben ihren Widerstand durch die Religion ausgedrückt, und heute ist das nicht sehr viel anders. Reinhard Schulze dazu:

    Dies bedeutet, daß den islamischen politischen Programmen — wie schon immer — keine eigene Aussage über die Gesellschaft innewohnt und daß die Interpretation sozialer oder kultureller Probleme mittels eines islamischen Diskurses keineswegs einheitlich ist. Damit ist zwangsläufig auch verbunden, daß der Islam nicht mehr als die große „Erzählung“ über die Welt angesehen werden kann, die noch bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit „westlichen“ Deutungen der großen Gesellschaftsutopien konkurrierte. Nach dem Sinnverlust der großen Erzählungen über die Welt (wie Nationalismus oder Sozialismus), die die Menschen zu großen Gemeinschaften verbunden hatten, dominierte nur noch die Konstruktion der Welt durch (nicht utopisch, sondern mythisch begründete) Kulturen. Zwangsläufig wird auch der islamische Diskurs diesem globalen Schema angepaßt, so daß jetzt in den Mittelpunkt der Wahrnehmung der Kulturbegriff getreten ist und der Islam vorrangig als „Kultur“ gedeutet wird.

    R. Schulze, Geschichte der islamischen Welt im 20. Jahrhundert, S. 377.

    Hier sieht man übrigens recht deutlich, dass deine Deutung des Islam respektive der „arabischen Welt“ (was ja keinesfalls identisch ist) als „Kultur“ ein zeitgebundenes Paradigma ist, das aus dem historischen Kulturrelativismus hervorgegangen ist und noch in den 70er Jahren überhaupt nicht hegemonial war. Heute funktioniert dieser „Kultur“-Begriff nicht mehr in einem vermeintlich antirassistischen, sondern, wie Taguieff gezeigt hat, in einem neorassistischen Kontext, in dem er dazu herhalten muss, die inhärente „Unverträglichkeit“ der Kulturen und die „Nichtassimilierbarkeit“ von Immigrant_innen aus einer „fremden Kultur“ zu beweisen.

    Gleichzeitig ist auch die Selbstdeutung von Muslimen zunehmend kulturalistisch bestimmt, was zwar dem politischen Islam vordergründig abträglich ist, wie Reinhard Schulze betont — weil damit nämlich die Suche nach einem unpolitischen, nach einem individuellen Islam beginnt —, aber zugleich zeitigt es auch eine Reislamisierung migrantischer Communities. Das vergrößert das potentielle Rekrutierungsfeld der islamistischen Rattenfänger am Ende doch wieder und verleiht auch dem kulturalistischen Neorassismus eine Art äußere Legitimität.

    Darüber hinaus macht diese kulturalistische Umdeutung des Islam auch progressive Errungenschaften wie die Entschleierung der Frauen, welche in den 50er Jahren selbst in führenden konservativen Milieus Einzug gehalten hatte, wieder zunichte, weil der Schleier bzw. das Kopftuch dadurch zu einem kulturellen Symbol von „Islamität“ (Schulze) aufgewertet wird. Ein krasses Beispiel: die Mutter eines Freundes von mir hat in den 70er Jahren Minirock getragen; heute trägt sie wieder Kopftuch, und das obwohl sie nicht einmal sonderlich religiös ist.

    Aus all diesen Gründen muss man dem Kultur-Begriff widerstehen.

  16. Gravatar Icon 16 arno schmitt 02. Dezember 2006 um 20:47 Uhr

    Ich lese es erst jetzt. Deshalb erst jetzt die Antwort nach dem Buch über Araber im KZ:
    Gerhard Höpp / Peter Wien / René Wildangel (Hg./ed.)
    Blind für die Geschichte? Arabische Begegnungen mit dem Nationalsozialismus (Berlin 2004) — ZMO-Studien 19

  1. 1 Révisionisme à la Allemand // Lysis Pingback am 17. November 2006 um 2:20 Uhr

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