Aischa — Mythos und Wirklichkeit

Das ist mal eine interessante Entdeckung: Die deutsche Wikipedia zeigt anhand von neun Rechenbeispielen, dass die Hadithentradition, die Aischa — der Lieblingsfrau des islamischen Religionsstifters und „einer der führenden Gelehrten der islamischen Frühzeit“ — ein Heiratsalter von sechs Jahren unterjubelt, auf einer offenkundigen Fälschung beruht. In Wirklichkeit muss Aischa zwischen 14 und 21 Jahre alt gewesen sein, als sie mit Muhammed die Ehe schloss. Die englische Wikipedia erklärt sogar das Motiv hinter dieser erfundenen Tradition:

Die Berichte über Aischas Alter wurden während des Kalifats der Abbasiden aufgezeichnet, als Aischas Jugendlichkeit von Gelehrten möglicherweise bewusst herhorgehoben wurde, um die Ansprüche der Schia hinsichtlich der Nachkommen von Ali ibn Abi Talib zurückzuweisen.

Leider wird dieser Zusammenhang nicht genauer ausgeführt.1 Jedoch scheint es, wie fast immer in der Geschichte, um Macht und Herrschaft gegangen zu sein. So viel ist gewiss: Aischa war eine erbitterte Gegnerin Alis und führte sogar ein Rebellenheer in den Bürgerkrieg, um zu verhindern, dass er zum vierten Kalifen ernannt würde — was übrigens einiges über die Machtstellung aussagt, die manche Frauen in dieser Zeit erreichen konnten. Zu diesem Eindruck passt auch die mündliche Überlieferung, derzufolge Mohammed Zwangsehen für ungültig erklärte:

A woman must be consulted and get her permission to make the marriage valid.

Andere Aspekte aus Aischas Lebensgeschichte sind in dieser Hinsicht nicht weniger aufschlussreich:

Word spread in the small Muslim community that Muhammad’s wives were tyrannizing over the mild-mannered man, speaking sharply to him and conspiring against him. […] Muhammad, saddened and upset, separated from his wives for a month. By the end of this time, his wives were humbled and harmony was restored.

Frauen haben in der frühen muslimischen Gemeinde also offenbar über einigen Einfluss verfügt. Interessant fand ich darüber hinaus auch die folgende Geschichte, die erklärt (oder erklären soll), warum nach dem islamischen Recht vier Augenzeugen erforderlich sind, um einen Akt illegalen Geschlechtsverkehrs zu beweisen:

Aisha was traveling with her husband Muhammad and some of his followers. She left camp in the morning to search for her lost necklace; when she returned, she found that the company had broken camp and left without her. She waited patiently for half a day, until she was rescued by a man named Safwan and taken to rejoin the caravan.

Some observers said that she must have been having an affair with Safwan, and urged Muhammad to divorce his wife. Muhammad then received a revelation from God directing that adultery be proven by four eyewitnesses, rather than simply inferred from opportunity. One passage of the Qur‘an, „Verily! They who spread the slander are a gang among you…“ (24:11), is usually taken as a rebuke to those who slandered Aisha.

Wenn also Aischas Lebensgeschichte zu etwas taugt, dann zur Zerstreuung von Vorurteilen, aber sicher nicht zur Bestätigung von durch rassistischen Sexualneid gesteuerten Stereotypen wie dem folgenden:

Mohammed Lego

  1. In der zugehörigen Fußnote verweist Wikipedia allerdings auf D. A. Spellberg, Politics, Gender, and the Islamic Past : the Legacy of A‘isha bint Abi Bakr, Columbia University Press, 1994. [zurück]

18 Antworten auf „Aischa — Mythos und Wirklichkeit“


  1. Gravatar Icon 1 bigmouth 20. November 2006 um 15:30 Uhr

    nitpickerei: der mythos selbst is ja wohl nicht rassistisch, wenn ihn so große teile der muslime selbst glauben, sondern höchstens seine verwendung in einigen westlichen kreisen

  2. Gravatar Icon 2 lysis 20. November 2006 um 16:34 Uhr

    ja, du weißt ja sicher, wie das ist. am schluss muss man sich noch schnell einen titel ausdenken! #:-s

    ps: hab die überschrift mal geändert.

  3. Gravatar Icon 3 abdel kader 21. November 2006 um 15:52 Uhr

    Genau diesem Thema wollte ich mich auch schon mal widmen.
    Es wäre absurd Christen für Ereignisse aus der Bibel verantwortlich zu machen, dennoch wird der „Moslem an sich“ häufig als „Kinderschänder“ hingestellt.
    Kein Wunder, dass dies auch hier gemacht wird:
    hxxp://www.redaktion-bahamas.org/auswahl/web49-1.pdf
    (siehe die zweite Karikatur)

  4. Gravatar Icon 4 lysis 21. November 2006 um 17:16 Uhr

    Da reicht man Rassisten den kleinen Finger, schon wollen sie die ganze Hand. Willy schrieb in einem von mir gelöschten Kommentar:

    Immerhin ist es doch so, dass heutige Muslime das ganz OK finden, Sex mit neunjährigen Mädchen zu haben und jede Kritik daran als westlichen Kulturimperialismus ablehnen, s. hier: http://moslem.de/content/view/12/13/

    Willy, Willy, Willy! Auch wenn ich mal einen Kommentar von dir freigeschaltet habe, heißt das nicht, dass deinesgleichen hier grundsätzlich erwünscht wäre!

    Deine widerliche Generalhetze gegen Muslime, dein konsequent nazistisches Denken in Völkern, Kollektiven und anderen ethnischen Großgruppen, denen du eine homogene Meinung unterstellst, die sich für dich unbesehen aus den Äußerungen einzelner Personen ableiten lässt, kannst du auf Seiten wie „Politically Incorrect“ loswerden, aber nicht hier!

    Auch der Talmud billigt Sex mit Kleinkindern, aber außer Nazis kommt niemand auf die Idee, dies „heutigen Juden“ als eine homogene Anschauung unterzuschieben, wiewohl ich mir sicher bin, dass du genug fanatisierte Haredim finden wirst, die diese Rechtsposition des Talmud bis zum Letzten verteidigen.

    So shut up!

  5. Gravatar Icon 5 lysis 21. November 2006 um 18:48 Uhr

    Der Grund, warum Islamisten die Hadithen von Buhari und Muslim verteidigen, ist natürlich, anders als der dumme Willy meint, kein moralischer — also etwa weil es ihnen aus persönlichen Gründen darum ginge, Sex mit Neunjährigen zu erlauben —, sondern ein politischer: Wenn die Authentizität der einflussreichsten und bedeutendsten Hadithsammlungen auf einmal massiv in Frage stehen, was bleibt dann überhaupt noch von der Schari‘a? Nichts. Ohne die Hadithen, die nach Aussagen von Islamwissenschaftlern zu 95% gefälscht sind, ist die Schari‘a keinen Cent mehr wert. Denn der Koran selbst bietet dafür keine auch nur halbwegs ausreichende Grundlage. (Die „Steinigung“ zum Beispiel ist dort, anders als in der hebräischen Bibel, mit keinem einzigen Wort erwähnt.) Deshalb trifft der rechnerische Nachweis, dass Aischa nicht neun, sondern 14 oder womöglich sogar 21 war, als sie mit Muhammed die Ehe schloss, den Fundamentalismus in seinem Lebensnerv: dem Glauben nämlich, dass neben (und über) dem Koran die gefälschte Sunna des Propheten eine verlässliche Quelle für islamische Rechts- und Glaubensvorstellungen sein könne.

    Das ist der Grund, warum eine Seite wie „Moslem.de“ die Altersangaben von Buhari und Muslim so vehement verteidigt, nicht dieser ekelhafte Vorwurf von Kulturkämpfer-Willy, dass „heutige Muslime“ mit Vorliebe kleinen Kindern nachstellten. Das ist wieder ’ne komplett andere Sache: der Wunsch von Willy aus dem mittlerweile gesperrten „Muselmania“-Forum, den Moslem als Boogie-Man und Kinderschreck vorzuführen.

  6. Gravatar Icon 6 Carla 22. November 2006 um 16:20 Uhr

    Die Station13(muselmania) erfreut sich bester Gesundheit und hat lediglich die Leitung gewechselt.

    Die Hadithwissenschaft macht es sich allerdings nicht so einfach, wie du es darstellst, sondern die Überlieferungs kette und der Wahrheitsgehalt der Ahadith wurden eingehenden Prüfungen unterzogen und danach auch klassifiziert. Wenn es sich tatsächlich um Islamwissenschaftler handeln würde, würden sie darauf hinweisen, dass eben offensichtlich gefälschte Ahadith keinen Einzug in die Schari’a finden, sondern lediglich diejenigen die als glaubwürdig eingestuft sind, wobei es Grauzonen gibt, wie der strapazierte Asma-Hadith zur Verschleierung der Frau, der keine ununterbrochene Überlieferungskette hat. Ich halte es für eine äußerst gewagte Aussage, dass Dschâmi us-Sahîh von Buchari in der Hauptsache aus Fälschungen besteht, da es Bucharis Anliegen es war die Unzahl der Überlieferungen von Fälschungen zu bereinigen, was vielleicht nicht immer gelungen ist und was Überlieferungen von Abu Hureira angeht stark von schiitischer Seite kritisiert wird. Allerdings ist das in seinem Gesamteinfluss auf die Schari‘a im Sinne der Rechtssprechung von geringer Bedeutung, da auch noch eine Reihe anderer Faktoren zu berücksichtigen sind, wie Konsens der gelehrten und Analogieschluss (der wiederum bei den Schiiten nicht gestattet ist. Die Problematik liegt nicht bei eventuell gefälschten Ahadith, sondern bei der Frage der selbständigen Interpretation (idschtihād), vor allen Dingen in ideologischer Richtung, wie bei Qutb und Khomeini, zitiert von Parvin Darabi

    „A man can marry a girl younger than nine years of age, even if the girl is still a baby being breastfed. A man, however is prohibited from having intercourse with a girl younger than nine, other sexual act such as forplay, rubbing, kissing and sodomy is allowed. A man having intercourse with a girl younger than nine years of age has not comitted a crime, but only an infraction, if the girl is not permanently damaged. If the girl, however, is permanently damaged, the man must provide for her all her life. But this girl will not count as one of the man’s four permanent wives. He also is not permitted to marry the girl’s sister.“

    http://www.homa.org/Details.asp?ContentID=2137352748

    Ich möchte darüber gar nicht moralisch befinden, sondern halte es weitaus mehr für einen Gegenstand der innerislamischen diskussion, trotzdem sollte man sich hüten, die Überbringer schlechter Nachrichten deswegen anzugreifen, wie es regelmäßig mit der Station13 geschieht. Es ist nicht die Schari‘a die mir Kopfschmerzen bereitet, sie wird niemals für mich Geltung erhalten, sondern das Vordringen reaktionärer Ideologien, die alles andere als fundamentalistisch sind.

    P.S. Khomenei hat kurz nach seinem Amtsantritt das Heiratsalter auf 9 gesenkt, mittlerweile ist es aber schrittweise wieder erhöht worden.

  7. Gravatar Icon 7 lysis 23. November 2006 um 5:55 Uhr

    Das Zitat ist so eindeutig von schiitischem Recht geprägt, das man das auch bitte hinzufügen sollte. Zum Beispiel ist Analverkehr („sodomy“) zwischen Mann und Frau nur bei den Dschafariten erlaubt, aber in keiner anderen Rechtsschule, ähnlich wie die schiitischen Zeitehen, über die ein Großteil der Prostitution abgewickelt wird. Wegen dieser extremen Abweichungen der Schia, gerade auch in sexuellen Belangen, kann eine Quelle über dschafaritisches Recht ja wohl kaum Rückschlüsse auf „den“ Islam, geschweige denn „heutige Muslime“, erlauben. Und gerade die Tatsache, dass das Heiratsalter gegen das schiitische Recht und gegen die hadithische Tradition, die Aischa ein Alter von sechs Jahren bei ihrer Eheschließung zuschreibt, im Iran immer weiter heraufgesetzt wird, zeigt doch recht deutlich, dass „heutige Muslime“ Ehen mit Kindern für intolerabel halten. Also was soll die Hetze?

    Und welche schlechte Nachricht überbringst du denn? Ist es etwa eine schlechte Nachricht, dass das gesetzliche Mindestheiratsalter nach Khomeinis Tod schrittweise erhöht wurde? Ja, ihr Muslimhasser seid doch mit nichts zufrieden!

  8. Gravatar Icon 8 Carla 23. November 2006 um 13:34 Uhr

    Mit dem auch bei einfachen Texten erforderlichen Leseverständnis ist bei meiner kleinen Anmerkung selbst mit dem bösesten Willen kein Muslimhass erkennbar, zumindest versteife ich mich nicht darauf, dass 95% der Sunna auf einer Fälschung basieren, sondern weise darauf hin, dass die Ahadith eingehender Prüfungen unterzogen wurden, was die Glaubwürdigkeit betrifft, was sie aber nicht vor ideologischen Interpretationen schützt, übrigens unabhängig davon ob es sich bei dem Interpreten um einen Schiiten oder Sunniten (ich hätte auch Ibn Baz zitieren können) handelt.

    Die schlechte Nachricht dabei war die Abänderung der vorhandenen Gesetzeslage mit theologisch-ideologischer Begründung, wobei noch anzumerken ist, dass die politische Ideologie Khomeneis von anderen schiitischen Theologen kritisiert wurde, was von Lehrverbot/Hausarrest, Gefängnis bis zur Hinrichtung führte. Was die Anführung dieses Beipiels mit Hetze zu tun hat, wirst Du mir sicherlich erklären, zumal ich die Veränderungen während der Reformzeit Chatamis nicht unerwähnt ließ. Ich sehe allerdings in theologisch-ideologischer Gesetzgebung Moslemhass, denn diese sind es die in erster Linie davon betroffen sind . Siehe dazu:

    http://www.proasyl.de/lit/iran/iran2.htm

    Du kannst natürlich auch Pro Asyl Hetze unterstellen.

    Die zweite schlechte Nachricht ist allerdings, dass die meisten reformorientierten Abgeordneten zur nächsten Wahl nicht mehr zugelassen wurden und auch Chatami Geschichte ist.

    Im Gegensatz zu dieser verallgemeinernden Aussage über die Schari‘a:

    „Ohne die Hadithen, die nach Aussagen von Islamwissenschaftlern zu 95% gefälscht sind, ist die Schari‘a keinen Cent mehr wert. Denn der Koran selbst bietet dafür keine auch nur halbwegs ausreichende Grundlage“

    pflege ich mich an konkreten Beispielen in der real existierenden Praxis aufzuhalten und überlasse die Dir Pauschalisierungen über den Islam, Muslime und die Station13.

    Dessen ungeachtet noch eine Anmerkung zu den Islamwissenschaftlern, ich vermute nicht, dass Du damit Raddatz meinst – ich zitiere Fakhri Saleh aus der NZZ vom 11.11.06

    http://www.nzz.ch/2006/11/11/li/articleEM63T.html

    „Diese modernen Lesarten, die den Koran als linguistisches und historisches Dokument wahrnehmen und den Umständen seiner Entstehungsgeschichte und Niederschrift Rechnung tragen, stiessen jedoch auf Widerstand: Das belegen Schicksale von Denkern wie Nasr Hamid Abu Zaid, Sayyid Mahmud al-Qimni oder Hassan Hanafi. Abu Zaid lebt seit 1995 im niederländischen Leiden im Exil, nachdem er in Ägypten aufgrund seiner fortschrittlichen Lehren wegen Apostasie angeklagt und zur Zwangsscheidung von seiner Frau verurteilt worden ist. Sayyid al- Qimni wagte es, die gängige Darstellung der islamischen Frühzeit in Mekka und Medina zu dekonstruieren, und wurde daraufhin vom ägyptischen Islamischen Jihad mit Todesdrohungen bedacht. Hassan Hanafi hat erst unlängst bei einer Vorlesung in der Bibliotheca Alexandrina für ein metaphorisches Verständnis der Attribute Allahs plädiert und wurde daraufhin der Blasphemie bezichtigt.“

    und

    „Knapp hundert Jahre später ist das konservative religiöse Establishment im Umgang mit neuen Denkansätzen zur Koraninterpretation keinen Schritt weiter; und seine Macht scheint sich nicht verringert zu haben, sondern zurzeit eher noch im Wachsen begriffen zu sein.“

    Dieses Wachsen betrachte ich mit großer Sorge und Hinweise darauf haben weder etwas mit Moslemfeindlichkeit oder Hetze zu tun, allerdings hat die Relativierung reaktionärer islamischer Ideologien sehr wohl etwas mit Menschenfeindlichkeit zu tun. Du verschenkst den richtigen Ansatz gegenüber den Salafis von moslem.de, wenn Du kurzerhand Dich der Erklärung anschließt, dass der Buchari auf Fälschungen beruht, was im großen ganzen widerlegbar ist, anstatt auf die kontextbezogene Betrachtungsweise zu verweisen, zumal für die Gesetzgebung in einer säkularen Gesellschaft die Betrachtungen von moslem.de irrelevant sind, selbst bei einwandfreier „Beweisführung“.

    Eine letzte Anmerkung: ein Forum wie die Station13 ist genausowenig eine homogene Gruppe wie die Muslime, sondern es vertritt wie in Foren üblich jeder seine Einzelmeinung, Konsensbildung findet nicht statt, auch wenn der Schwerpunkt
    in der kritischen zum Teil auch polemischen Auseinandersetzung mit real existierenden Erscheinungsformen islamischer Ideologien darstellt und dazu zählen auch die Spezialisten von moslem.de . Aber wer ist schon vor Pauschalisierung gefeit, wenn es anders knackiger ist.;-)

  9. Gravatar Icon 9 Willy 24. November 2006 um 10:50 Uhr

    Was für ein Witz, klein Lysis erklärt den Muslimen den Islam,muahahahaha:d

  10. Gravatar Icon 10 lysis 24. November 2006 um 10:59 Uhr

    Ich habe jetzt gerade nicht so viel Zeit, deshalb nur zu der einen Frage, wieviele Hadithen gefälscht sind. Dazu Arno Schmitt (S. 65-67):

    Anders als Pellat, der die ahadit als zu Lebzeiten des Propheten — oder kurz danach — entstanden ansieht […] sehe ich es eher wie J. A. Bellamy: „… hadit und ahbar, die man kurz ‚Anekdoten‘ nennen kann, wurden von den frühen Muslimen eifrig erfunden, gesammelt und weitergegeben … Diese Anekdoten wurden von einer Gruppe in Umlauf gesetzt, die gemeinhin als ahl al-hadit oder ashab al-hadit bezeichnet werden. Die Geschichte dieser Bewegung ist in groben Umrissen bekannt, aber die Einzelheiten sind dunkel, weil es meist unmöglich ist, eine bestimmte Anekdote zu datieren [bzw. weil die Einzelheiten dunkel sind, ist es meist unmöglich A.S.]. Sie begann in Medina im ersten Jahrhundert und die fuqaha leisteten erst Widerstand. Sie wurde langsam stärker und erlebte eine richtige Blüte im zweiten/achten Jahrhundert.“

    Trotz der bedeutenden neuen Erkenntnisse zur mündlich-schriftlichen Weitergabe von Wissen in der Frühzeit des Islam (S. Leder, G. Schoeler u.a.) und der detaillierten Kritik Motzkis an Goldziher, Schacht und Juynboll halte ich alle dem Propheten zugeschriebenen Sprüche über Sodomiter für fromme Fälschung. Motzki ist beizupflichten, wenn er vermutet, daß in den ersten 150 Jahren wenig Prophetensprüche gefälscht wurden. Solange die Juristen ihre Responsa nicht mit Prophetensprüchen stützen mußten — und Ata b. Abi Rabah (gest. 115) beruft sich nur in 1 % der Responsa auf Muhammad und das auch noch ohne isnad (zumindest in Motzkis sample) — gab es wenig Veranlassung zu Fälschungen. In den nächsten hundert Jahren wurde um so fleißiger gefälscht; wie sonst hätte Buhari 600 000 Sprüche finden können (von denen er nur 1 % für sicher ansah), wie sonst hätte sich die Anzahl der Prophetensprüche, die von Ibn Abbas berichtet werden, von 9 oder 10, von denen Yahya b. Sa‘id al-Qattan [gest. 198] Wind bekommen hatte, auf 1660 zur Zeit Ibn Hazms [gest. 456/1064] vermehren können?

    […]

    Aufgrund der Forschungen Motzkis gehe ich davon aus, daß nicht mehr als 600 ahadit richtig sind; falsch dürften insbesondere solche sein,

    - die auffällige Parallelen in jüdischen, christlichen oder persischen Sprüchen, Maximen oder Regeln haben,
    - an deren Existenz bestimmte Gruppen aus der Zeit, in der sie zuerst einwandfrei zu belegen sind, Interesse hatten,
    - die Sachverhalte regeln, bei denen es Uneinigkeit zwischen den sahaba gibt. Denn hätte der Prophet die Sache wirklich geregelt, dürfte es keine Uneinigkeit geben (dies sieht auch Ibn Hazm so);
    - ferner solche, für die frühe Überliefererketten vor dem Propheten endeten, später aber bis zu ihm führen (dies sieht auch Juynboll so).

    Entschuldige vielmals, ich hab mich geirrt. Es sind nach der Ansicht von Islamwissenschaftlern also nicht 95%, sondern 99,9% der Hadithen gefälscht.

  11. Gravatar Icon 11 Carla 24. November 2006 um 19:49 Uhr

    Auch ohne viel Zeit, vielen Dank für den lesenswerten link, den ich gleich zu meinen Favoriten für andere Gelegenheiten hinzugefügt habe.

    Für diese Themenstellung ist er nicht so hilfreich, recht einleuchtend erklärt Khalid al-Khazraji wie es zu der Vielzahl von ahadith kommen konnnte und wieso Bukhari lediglich 7397 übernommen hat. Für den, den es wirklich interessiert:

    http://www.islamic-awareness.org/Hadith/bukhari.html

    Wenn Arno Schmitt schreibt:“Aufgrund der Forschungen Motzkis gehe ich davon aus, daß nicht mehr als 600 ahadit richtig sind;“ nehme ich das trotzdem erst als subjektive Meinung Schmitts und Motzkis hin und stelle mir die Frage, wie hilfreich das jetzt im Hinblick auf den Wikipedia Eintrag zu Aishas Alter bei der Eheschließung bzw. zum Vorwurf der Pädophilie ist, mit anderen Worten – warum sollten ausgerechnet die „entlastenden“ Ahadith der Wahrheit entsprechen, die „belastenden“ dagegen erfunden sein? Hätte Bukhari diese Ahadith aufgenommen, wenn er darin etwas moralisch Verwerfliches gesehen hätte, was zudem noch unter Unsicherheit litt oder im Widerspuch zum Koran stand? Sicherlich nicht.

    Ich will jetzt nicht weiter ausschweifen, sondern zum Punkt kommen – auch hier handelt es sich um eine Metadiskussion, die das Ziel hat den Gegner zu verletzen, eine Retourkutsche gegenüber denjenigen die moralische Überlegenheit des Islam postulieren, in dem der Überbringer des Korans als sexuell abartiger Psychopath stigmatisiert wird, in dessen Fußstapfen seine Anhänger treten.

    Das ist nicht schön, aber Sex und Crime beflügelt die Fantasie: der allseits willigen unbedeckten Schlampe werden die Kinderficker entgegengestellt. Ob das jetzt sonderlich geistreich ist überlasse ich der Phantasie des Beobachters.

    Zumindest aus den mir vorliegenden Informationen geht nirgends eine pädophile Veranlagung Mohammeds im klinischen Sinne hervor und damit wäre das Thema Pädophilie abgefrühstückt, für die Betonung des kindlichen Alters Aishas muss es einen anderen grund geben (zwar ist die Falsifizierung eines Aspekts der Sunna als ausreichend für die Falsifizierung der gesamten Sunna reizvoll, aber wohl nicht ernsthaft).

    Dieser Grund liegt in der Sicherstellung ihrer Jungfräulichkeit, was man von den anderen Frauen Mohammeds nicht sagen kann und diese Jungfräulichkeit macht sie eben zu dieser Besonderheit und diese Besonderheit setzt sich fort in der Nachfolgeregelung, dass eben nicht der Mann der leiblichen Tochter Fatima sondern der Vater von Aisha zum ersten Nachfolger wurde.

    Ich halte den wikipedia Eintrag in seiner Ausführlichkeit zwar für ganz interessant, aber er lenkt von der Diskussion ab und wenn es die Absicht ist Mohammed für Nichtmuslime geschmeidiger zu machen, ist sie zwar gut gemeint, allerdings sollten dabei Risiken und Nebenwirkungen nicht übersehen werden.

    Trotzdem möchte ich deswegen Arno Schmitts hervorragende Analyse nicht geschmälert haben.

  12. Gravatar Icon 12 lysis 24. November 2006 um 20:46 Uhr

    Carla, tut mir leid, ich hab gerade einen Trauerfall in meiner Bekanntschaft zu beklagen und möchte die Diskussion daher abbrechen. Ich hoffe, du verstehst das.

  13. Gravatar Icon 13 Carla 24. November 2006 um 21:12 Uhr

    Selbstverständlich verstehe ich das.

  14. Gravatar Icon 14 Avantgarde 20. Januar 2007 um 22:00 Uhr

    Ich finde es ja schön das ihr euch so für den Islam interresiert, jedoch weis ich nicht mit welcher absicht ihr es tut. Wenn es mit guter absicht ist, dann hoffe ich wird euch Gott zu eurem ziel führen und ihr werdet es nicht bereuen. Wenn es aber mit schlechter absicht geschieht, so werdet ihr es bedauern. Um zum thema zu kommen, sieht man mal über die ganzen überlieferungen über Aischas (Friede auf sie)alter hinweg weg, und betrachtet die Fakten das es sich hier um eine Geistig und Körperlich reife Frau gehandelt hat, die noch dazu sehr viel dazu beigetragen hat das sich der Islam in seiner Ursprünglichen reinheit bis zum heutigen tage erhalten konnte, finde ich das es absurd ist das man Mohammed(sav) irgendwelche vorwürfe von wegen Kindermissbrau und ähliches zu macht. Zudem kommt noch dazu das man nicht vergessen darf das die Feinde Mohammeds(sav) keine gelegenheit ausgelassen haben um ihn schlecht darzustellen ( Heute wie damals). Wenn es wirklich so wäre das Mohammed(sav) etwas unmoralisches getan hat, denkt ihr nicht das man Ihn(sav) auf der stelle damit konfrontiert hätte, vor allem in seinen Lebzeiten als sein einfluss und der dess Islam am stärksten war?. Die antwort überlasse ich euch. Zudem kommen noch dazu die überlieferungen von Aischa(Friede auf sie) selbst. Und da redet keine unglückliche Frau die der meinung ist man hätte sie ihrer kindheit beraubt, im gegenteil erscheint ein Bild von einer Frau die der meinung ist, das es für sie die besten jahre ihres lebens wahren. Um dazu zu kommen wie alt sie denn wirklich bei ihrer heirat war so gibt es natürlich verschiede ansichten, das ganze ist ja auch mehr als einjahrtausend her. Doch worauf ich hinaus will ist das es nich von priorität ist wie alt sie nun in wirklichkeit war, denn Fakt ist das wir Muslime dank diesem grossartigen Mann, dank seiner Gefährten, und vor allem dank Allah, wissen was richtig und was falsch ist. Allah gebietet uns rechtschaffen zu sein, wie könnte Er etwas zulassen was falsch ist???. Ohne zweifel ist Der Koran das Wort Allahs, und ohne zweifel ist Mohammed(sav) sein Gesandter!!!. Noch weiter in die Historischen erreignisse zuzugreifen das Mohammed(sav) als falschen Propheten entlarft ist nicht nötig. Wenn ihr ihn als falschen Proheten entlarfen wollt dann beweist das der KOran das wort Mohammeds(sav) ist, und nicht das Wort Allahs. Ich bezeuge dass es keinen Gott gibt auser Allah, und ich bezeuge das Mohammed(sav) der Gesandte Allahs ist. So seit meine zeugen.

  15. Gravatar Icon 15 lysis 21. Januar 2007 um 22:03 Uhr

    Die Argumentation hat leider einen kleinen Defekt: man muss bereits an Gott glauben, um sie ernst zu nehmen.

  16. Gravatar Icon 16 bigberta 25. Februar 2007 um 13:24 Uhr

    Ich denke, lysis, dieses Zitat kennst Du: „Projektion ist das Verfolgen eigener Wünsche in anderen“(Freud). Erstmal die links über Kinderehen im Juden- und Christentum, bitte sehr:
    http://www.come-and-hear.com/editor/america_2.html
    http://de.wikipedia.org/wiki/Konstanze_(Antiochia)#Ehe_mit_Raimund_von_Poitiers
    Wie Du hier
    http://bigberta.twoday.net/stories/1645318/
    http://bigberta.twoday.net/stories/1940420/
    nachlesen kannst, beschäftigt mich in dieser Frage nur noch, was unsere „Islamkritischen“ Freunde so obsessiv an diesem Problem festhalten lässt, und ich denke, dass es mit dem Projektionskonzept zu einem sehr großen Teil fassbar ist.

  17. Gravatar Icon 17 rainer 04. August 2008 um 4:28 Uhr

    Enorm das man über Märchenbücher soviel hin und her schreiben kann.

  1. 1 Subtiler Rassismus … // Lysis Pingback am 23. Januar 2007 um 16:07 Uhr
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