Der zerrissene Faden der Ariadne

Gerburg Treusch-Dieter Am Sonntag letzter Woche starb meine Diplommutter Gerburg Treusch-Dieter. Seit Freitag, als mir diese schlimme Nachricht überbracht wurde, ist noch keine Stunde vergangen, in der ich nicht an sie zurückdenken musste. Sie, die linke Foucault-Feministin, war eine der wenigen Dozent_innen, die mir ganz persönlich etwas bedeuteten. Ihre Freundlichkeit und Anteilnahme, ihr sarkastischer Witz und ihr unendlicher Esprit, zu dem ich stets bewundernd aufschaute, wird mir unvergesslich bleiben.

Ich hab sie erst relativ spät in meinem Studium kennengelernt, denn ihre kulturwissenschaftliche Art zu denken lag mir als Marxist, der die Wahrheit in den materiellen Produktionsverhältnissen suchte, zunächst sehr fern. Die Beschäftigung mit Religion und Mythen, mit Technologie und Medien — das war meine Sache nicht. Doch es war schließlich sie, die mir nicht nur einen tieferen Zugang zu Michel Foucault verschaffte (den sie auf immer wieder neue und originelle Weise interpretierte), sondern mich auch — vom Standpunkt einer feministischen Religionskritik — über Bedeutung und Gehalt des Christentums für eine „Geschichte der Gegenwart“ belehrte.

Es war ungefähr die Zeit kurz vor dem 11. September 2001, als ich das erste Blockseminar bei ihr besuchte, und ich war erschlagen von der theoretischen Assoziationskraft, mit der sie zwischen den einzelnen Studi-Referaten — deren jeweiliges Thema sie niemals vorgab — ganz spontan den Faden der Ariadne spann. Am ersten Tag hielt sie aus dem Stegreif einen langen Vortrag — stilsicher und auf einem intellektuellen Niveau, das das Denken ihrer Zuhörer_innen bis zum Äußersten herausforderte. Manchmal zeichnete sie dabei ein abstraktes Schema an die Tafel, um in den nächsten Tagen immer wieder darauf Bezug zu nehmen und die gehaltenen Referate daran wie an einem unsichtbaren Faden aufzufädeln. „Spinnen als Erkenntnisweise“ nannte dies der Wiener Standard und spielte damit nicht nur auf ihre Rolle als Anklägerin im Foucault-Tribunal zur Lage der Psychiatrie an, sondern auch auf ihre Dissertation bei Oskar Negt: „Wie den Frauen der Faden aus der Hand genommen wurde. Die Spindel der Notwendigkeit“.

Gerburg war von ihrem ersten Beruf her Schauspielerin, ausgebildet an der Max-Reinhardt-Schule in Berlin, und das merkte man sowohl ihrer durchdringenden und ergreifenden Theaterstimme an als auch der Art und Weise, wie sie den Seminarraum in eine Bühne verwandelte, auf der sie die Starrolle spielte — eine Diva, der die Studierenden an den Lippen hingen und am Ende förmlich zu Füßen lagen. Unter den Kommiliton_innen, die ich kannte, gab es kaum jemanden, der sich nicht, zumindest platonisch, in sie verliebt hätte. Ihr Tod wird daher nicht allein mir bittere Tränen in die Augen treiben. Sie war für mich ein Vorbild — ja mehr: eine Mutterfigur, deren Verlust ich nicht so leicht verkraften werde, und ihr schleichender, von Jahr zu Jahr größerer Einfluss auf mein Denken wird mir erst langsam selbst gewahr.

Zuletzt wurden ihre Seminare von Menschen überrannt. Die Zeiten, als sie in ihren Blockseminaren nur ein Dutzend Studierende unterrichtete, waren endgültig vorbei. Und so ging die Aura ihrer dreitägigen Symposien durch fehlende Interaktion allmählich im Getriebe der Massenuniversität verloren. Gerburg reagierte darauf zunehmend entnervt und versuchte zuletzt, noch einmal eine neue Unterrichtsform zu generieren: das „soziologische Theater“, wie sie es nannte. Doch dazu kam es nicht mehr: der Krebs, den sie ihren Studierenden verheimlichte, war schneller.

Wie als Antizipation ihres Todes schrieb sie diesen Sommer im Freitag:

Totenkult samt Selbstabschaffung mache ich nicht mit. Nur wenn die Toten weiter unter den Lebenden sind, kann […] das entstehen, was mit Foucault eine Geschichte der Gegenwart heißt.

Gerburg, ich hoffe, dass du dich auch in dem, was ich gerade versuche: eine Geschichte der Gegenwart am Beispiel westlich-moderner Homophobie zu schreiben, ein wenig aufgehoben fühlen kannst. Ich verdanke dir Unschätzbares, und in vielen meiner Sätze wirst du weiter präsent sein, auch wenn ich dich als Leserin, auf deren lobende Worte ich einst so erpicht war, für immer verloren habe. Danke für alles!

Gerburg Treusch-Dieter

Prof. Dr. Gerburg Treusch-Dieter, 13. November 1939 — 19. November 2006

Die Beerdigung findet am Mittwoch um 11 Uhr im Friedhof Grunewald statt.


1 Antwort auf „Der zerrissene Faden der Ariadne“


  1. 1 Langjährige FU-Dozentin beigesetzt - Wir trauern um Gerburg Treusch-Dieter // SEMTIX - Stark fürs Semesterticket Pingback am 30. November 2006 um 14:49 Uhr
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