Aus dem iranischen Strafgesetzbuch II

Vor längerer Zeit habe ich hier schon einmal Auszüge aus dem iranischen Gesetzbuch über die Bestrafung von liwat (Analverkehr unter Männern) gepostet, um einigen absurden Vorstellungen über die Schari‘a entgegenzutreten. Wenn man diese kritisiert — und das halte ich für unverzichtbar! —, dann sollte man das auf der Basis von Tatsachen und nicht von Gerüchten tun. Da ich mir heute die deutsche Übersetzung des iranischen Strafgesetzbuchs durch Silvia Tellenbach ausgeliehen habe und die zahlreichen Falschinformationen über den unsäglichen Prozess gegen Zahra Ebrahimi einen aktuellen Anlass liefern, zitiere ich hier die Passagen, die sich mit den Ta‘zir-Vergehen „gegen das Schamgefühl und die allgemeine Sittlichkeit“ sowie mit der Hadd-Strafe für „unerlaubten Geschlechtsverkehr“ (zina) befassen.

Anders als die FAZ behauptet, kommt die Todesstrafe für Herstellung und Verbreitung von Pornographie eigentlich nicht in Betracht. Artikel 104 des ta‘zirat-Gesetzes von 1983 sieht hierfür eine Gefängnisstrafe bis zu einem Jahr vor:

Die folgenden Personen werden zu Gefängnisstrafe von einem Monat bis zu einem Jahr verurteilt:

1. wer Schriftstücke, Zeichnung, Illustrationen, Malerei, Fotografien, Druckerzeugnisse, Ankündigungen, Zeichen, Filme, Filmstreifen oder irgendeinen anderen Gegenstand, der das öffentliche Schamgefühl und die guten Sitten verletzt, herstellt oder verwahrt, um sie in den Handel zu bringen, zu verteilen oder den Blicken der Öffentlichkeit darzubieten;

2. wer die genannten Gegenstände persönlich oder durch einen anderen einführt oder ausführt oder in irgendeiner Weise als Unternehmer oder Mittelsmann beim Handel oder einer anderen Art von Geschäft tätig ist oder aus ihrer Vermittlung Einnahmen erlangt;

3. wer die obengenannten Gegenstände auf irgendeine Weise verbreitet oder den Blicken der Öffentlichkeit darbietet;

4. wer, um Geschäfte mit den obengenannten Gegenständen zu fördern oder sie zu verbreiten, in irgendeiner Weise Ankündigungen oder Bekanntmachungen herausbringt, damit irgendein anderer die obengenannten verbotenen Taten begeht, sowie derjenige, der Ankündigungen oder Bekanntmachungen herausbringt, wie oder durch wen man einen der obengenannten Gegenstände direkt oder indirekt erhalten kann.

Erläuterung: Dieser Artikel betrifft keine Gegenstände, die einem wissenschaftlichen Zweck dienen, für wissenschaftliche Zwecke oder ein anderes erlaubtes, vernünftiges Interesse beschafft, verkauft und gekauft oder gezeigt werden.

Zahra Ebrahimi selbst droht eine Strafe von 99 Peitschenhieben. Grundlage dafür ist Art. 101:

Verhalten sich ein Mann und eine Frau, die nicht miteinander verheiratet sind — abgesehen von unerlaubtem Geschlechtsverkehr —, unzüchtig, wie z.B. durch Küsse oder Umarmungen, so werden sie zu neunundneunzig Peitschenhieben verurteilt. Wird die Tat mit Gewalt begangen, so wird nur der Zwangausübende zu einer ta‘zir-Strafe verurteilt.

Einige Zeitungsartikel behaupten, dass Zahra Ebrahimi die Steinigungsstrafe drohe. Das halte ich jedoch für ausgeschlossen, da Ebrahimi nicht verheiratet war, als sie mit ihrem Ex-Freund Sex hatte. Relevant wäre hierfür das zweite Buch des iranischen Strafgesetzes von 1991, das sich mit den Hadd-Strafen befasst. Hadd-Strafen sind Strafen, bei denen im Verständnis der Theokraten Gott selbst das Maß vorgegeben hat, weshalb eine Herabsetzung der Strafe aufgrund mildernder Umstände völlig ausgeschlossen ist. Allerdings gestaltet sich der Beweis, gerade bei zina, aufgrund der prozessualen Hürden extrem schwierig, und das islamische Recht bietet viele Hintertüren, um eine Verurteilung zu verhindern und die Strafe fallen zu lassen. Entsprechend umfangreich (sieben Seiten) nimmt sich das Kapitel des iranischen Strafgesetzes über „unerlaubten Geschlechtsverkehr“ aus, weshalb ich es hier nur mit Auslassungen zitiere:

Art. 63 – Unerlaubter Geschlechtsverkehr ist die geschlechtliche Vereinigung eines Mannes mit einer Frau, mit der ihm diese verboten ist, auch durch Analverkehr oder auf ähnliche Weise, sofern nicht ein Irrtumsfall vorliegt.

Art. 64 – Der unerlaubte Geschlechtsverkehr zieht eine hadd-Strafe nach sich, wenn beim Täter bzw. der Täterin folgende Eigenschaften vorlagen: Mündigkeit, geistige Gesundheit, Freiwilligkeit, Kenntnis der Vorschrift und der Tatsachen.

[…]

Art. 66 – Behaupten ein Mann und eine Frau, die miteinander Geschlechtsverkehr haben, sich geirrt oder in Unkenntnis des Verbots gehandelt zu haben, so wird die Behauptung ohne Zeugen und Eid für wahr angesehen, wenn die Wahrscheinlichkeit besteht, daß sie aufrichtig sind, und die hadd-Strafe entfällt.

Art. 67 – Behauptet ein Mann oder eine Frau, daß er bzw. sie zum unerlaubten Geschlechtsverkehr gezwungen worden sei, so wird diese Behauptung für wahr angesehen, wenn das Gegenteil nicht zweifelsfrei feststeht.

[…]

Art. 68 – Gesteht ein Mann oder eine Frau viermal vor dem Richter den unerlaubten Geschlechtsverkehr, so wird er bzw. sie zu einer hadd-Strafe verurteilt. Wenn er bzw. sie weniger als viermal gesteht, so ist eine ta‘zir-Strafe verwirkt.

Art. 69 – Das Geständnis ist rechtserheblich, wenn beim Gestehenden folgende Eigenschaften vorliegen: Mündigkeit, geistige Gesundheit, Freiwilligkeit und Vorsatz.

Art. 70 – Das Geständnis muß klar oder zumindest so eindeutig zu verstehen sein, daß keine vernünftige Möglichkeit für das Gegenteil besteht.

Art. 71 – Gesteht eine Person einen unerlaubten Geschlechtsverkehr und leugnet ihn später, so entfällt die hadd-Strafe, wenn sie einen unerlaubten Geschlechtsverkehr gestanden hat, auf den Tötung oder Steinigung stehen. In den anderen Fällen läßt ein Leugnen nach einem Geständnis die hadd-Strafe nicht entfallen.

Art. 72 – Gesteht eine Person einen unerlaubten Geschlechtsverkehr, auf den eine hadd-Strafe steht, und bereut ihn später, so kann der Richter einen Antrag auf Begnadigung beim Herrscher [wali l-amr, wörtl. „Sachwalter“] stellen oder die hadd-Strafe anwenden.

Art. 73 – Wird eine Frau schwanger, die keinen Ehemann hat, so begründet die Tatsache der Schwangerschaft allein keine hadd-Strafe, außer wenn mit einem der in diesem Gesetz genannten Beweismittel ein unerlaubter Geschlechtsverkehr bewiesen wird.

Art. 74 – Der unerlaubte Geschlechtsverkehr wird durch vier rechtschaffene männliche Zeugen oder durch drei rechtschaffene männliche und zwei rechtschaffene weibliche Zeugen bewiesen, und zwar sowohl in dem Fall, in dem auf die Tat die hadd-Strafe der Auspeitschung, als auch in dem Fall, in dem auf die Tat die hadd-Strafe der Steinigung steht.

Art. 75 – Steht auf den unerlaubten Geschlechtsverkehr nur die hadd-Strafe der Auspeitschung, so kann er auch durch das Zeugnis von zwei unbescholtenen Männern und vier unbescholtenen Frauen bewiesen werden.

Art. 76 – Das Zeugnis von Frauen allein oder zusammen mit dem Zeugnis eines unbescholtenen Mannes beweist den unerlaubten Geschlechtsverkehr nicht, vielmehr wird gegen derartige Zeugen die hadd-Strafe wegen Verleumdung [80 Peitschenhiebe] angewendet.

Art. 77 – Das Zeugnis des Zeugen muß klar und zweifelsfrei sein und auf eigener Beobachtung beruhen; ein Zeugnis vom Hörensagen ist unbeachtlich.

Art. 78 – Sagen die Zeugen zum Gegenstand ihres Zeugnisses über Einzelheiten aus, so dürfen die Aussagen hinsichtlich Ort und Zeit und vergleichbare Umstände nicht voneinander abweichen. Im Fall von Abweichungen bei den Zeugenaussagen ist der unerlaubte Geschlechtsverkehr nicht nur nicht bewiesen, vielmehr werden die Zeugen noch zu einer hadd-Strafe wegen Verleumdung verurteilt.

Art. 79 – Die Zeugen müssen ihr Zeugnis einer nach dem anderen ablegen. Legen einige von ihnen das Zeugnis ab und erscheinen die anderen nicht unmittelbar darauf oder legen nicht unmittelbar darauf ihr Zeugnis ab, so ist der unerlaubte Geschlechtsverkehr nicht bewiesen. In diesem Fall werden die Zeugen mit einer hadd-Strafe wegen Verleumdung belegt.

[…]

Art. 81 – Bereut die Frau oder der Mann, die einen unerlaubten Geschlechtsverkehr begangen haben, bevor die Zeugen ausgesagt haben, so entfällt die hadd-Strafe. Bereuen sie dagegen erst nachdem die Zeugen ausgesagt haben, so entfällt die hadd-Strafe nicht.

Art. 82 – In den folgenden Fällen ist die hadd-Strafe die Todesstrafe, wobei es keinen Unterschied macht, ob jemand jung ist oder nicht, oder ob jemand muhsin ist oder nicht.

a) Der unerlaubte Geschlechtsverkehr zwischen Personen, wenn ein Eheverbot wegen Verwandtschaft besteht;

b) der unerlaubte Geschlechtsverkehr mit der Frau des Vaters führt zur Hinrichtung des Täters;

c) der unerlaubte Geschlechtsverkehr eines Nichtmuslims mit einer Muslimin führt zur Hinrichtung für denjenigen, der den Geschlechtsverkehr vollzieht;

d) der unerlaubte Geschlechtsverkehr unter Anwendung von Gewalt führt zur Hinrichtung für denjenigen, der die Gewalt anwendet.

Art. 83 – In den folgenden Fällen ist die Hadd-Strafe die Steinigung.

a) Der unerlaubte Geschlechtsverkehr eines Mannes, der muhsin ist, d.h. eines Mannes, der eine ständige Gattin hat, ihr beigewohnt hat und ihr zu jeder Zeit, die er möchte, beiwohnen kann, zieht die Steinigung nach sich;

b) der unerlaubte Geschlechtsverkehr einer Frau, die muhsina ist, d.h. einer Frau, die einen ständigen Ehemann hat, der mit ihr die Ehe, während sie geistig gesund war, vollzogen hat und die die Möglichkeit hat, mit ihrem Mann Geschlechtsverkehr zu haben, zieht die Steinigung nach sich, wenn sie unerlaubten Geschlechtsverkehr mit einem mündigen Mann hatte;

Erläuterung: Der unerlaubte Geschlechtsverkehr einer Frau, die muhsina ist, mit einem unmündigen Mann zieht die hadd-Strafe der Auspeitschung nach sich.

[…]

Art. 86 – Der unerlaubte Geschlechtsverkehr eines Mannes oder einer Frau, die einen ständigen Ehegatten haben, die aber wegen einer Reise, Haft oder ähnlicher berechtigter Gründe nicht mit ihm zusammen sein können, wird nicht mit der Steinigung bestraft.

[…]

Art. 88 – Die hadd-Strafe für den unerlaubten Geschlechtsverkehr von Männern und Frauen, bei denen die Voraussetzungen des muhsin-Seins nicht vorliegen, ist hundert Peitschenhiebe.

Art. 90 – Vollzieht ein Mann oder eine Frau mehrmals einen unerlaubten Geschlechtsverkehr und wurde jedesmal die hadd-Strafe an ihm bzw. an ihr vollstreckt, so wird er bzw. sie beim vierten Mal getötet.

[…]

Art. 94 – Besteht bei einem Kranken keine Hoffnung auf Gesundung oder hält es der religiöse Richter aus Gründen des öffentlichen Interesses für angebracht, dass die hadd-Strafe [der Auspeitschung] auch im Krankheitsfall vollstreckt wird, so wird der Kranke ein einziges Mal mit einem Bündel aus Peitschen oder Gersten, das aus hundert einzelnen Teilen besteht, geschlagen, auch wenn nicht alle seinen Körper treffen.

[…]

Art. 96 – Die hadd-Strafe der Auspeitschung darf weder bei sehr kaltem noch bei sehr heißem Wetter vollstreckt werden.

Art. 97 – Die hadd-Strafe wird nicht auf dem Gebiet der Feinde des Islams angewandt.

[…]

Art. 99 – Wird der unerlaubte Geschlechtsverkehr einer Person, die muhsin ist, durch ihr Geständnis bewiesen, so muß bei der Steinigung der religiöse Richter den ersten Stein werfen, danach erst die anderen Anwesenden. Wurde der unerlaubte Geschlechtsverkehr durch Zeugen bewiesen, so müssen zuerst die Zeugen, danach der religiöse Richter und dann die anderen Anwesenden die Steine werfen.

[…]

Art. 101 – Der religiöse Richter soll die Bevölkerung vom Zeitpunkt der Vollstreckung einer hadd-Strafe unterrichten; bei der Vollstreckung der hadd-Strafe muß eine Anzahl von Gläubigen anwesend sein, die nicht weniger als drei betragen darf.

Art. 102 – Bei der Steinigung wird der Mann bis unter den Gürtel und die Frau bis unter die Brust in eine Grube eingegraben. Dann wird die Steinigung vollstreckt.

Art. 103 – Flieht der zur Steinigung Verurteilte aus der Grube, in die er gesteckt worden ist, so wird er, falls der unerlaubte Geschlechtsverkehr durch Zeugen bewiesen wurde, zur Vollstreckung zurückgebracht. Wurde dieser jedoch durch ein Geständnis bewiesen, so wird er nicht zurückgeholt.

[…]

Art. 104 – Die Steine dürfen bei einer Steinigung nicht so groß sein, daß die Person getötet wird, wenn sie von einem oder zwei davon getroffen wird, und auch nicht so klein, daß man sie nicht mehr als Stein ansehen kann.

[…]

Art. 107 – Bei der Vollstreckung der hadd-Strafe der Steinigung müssen die Zeugen anwesend sein. Sind sie abwesend, so entfällt zwar die hadd-Strafe nicht, wohl aber wenn sie fliehen.


20 Antworten auf „Aus dem iranischen Strafgesetzbuch II“


  1. Gravatar Icon 1 beniflip 09. Dezember 2006 um 15:20 Uhr

    gute darstellung lysis.
    hast du auch statistiken zur häufigkeit der anwendung der todestrafe und ihrer variationen?

  2. Gravatar Icon 2 lysis 09. Dezember 2006 um 16:30 Uhr

    Die Boroumand Foundation hat eine Datenbank, aus der man eine Statistik ableiten kann. Demnach sind im Iran seit 1979 mindestens 79 Hinrichtungen wegen Ehebruch vollzogen worden, die meisten davon in der Revolutionszeit (1979 bis 1984). Für die Zeit nach der Einführung der Schari‘a (durch das Strafgesetzbuch von 1983) sind 12 Hinrichtungen belegt, davon sechs durch Steinigung, vier durch Hängen und zwei, bei denen die Hinrichtungsart nicht bekannt ist („unspecified execution method“). Vor der Einführung der Schari‘a wurden „Ehebrecher_innen“ von den Revolutionsgerichten in der Mehrheit der Fälle einfach erschossen.

  3. Gravatar Icon 3 lysis 09. Dezember 2006 um 19:09 Uhr

    PS: Insgesamt umfasst die Datenbank 9706 Exekutionen im Iran seit 1979, davon etwa die Hälfte nach 1983, als das iranische Strafgesetzbuch verabschiedet wurde und die Revolutionsgerichte verdrängt hat.

  4. Gravatar Icon 4 bigmouth 09. Dezember 2006 um 19:14 Uhr

    die datenbank scheint insgesamt gerade mal 11 000 exekutionen im gesamten zu verzeichnen – das scheint mir leider krass zu wenig. bzw kann korrekt sein, wenn man sich ganz formal auf normale gerichtsurteile beschränkt, was aber den eriegnissen 79 – 85 wohl nicht so gerecht wird. allerdigns wäre da auch gut zu argumentieren, dass das dann im buchstabensinne keine shar‘ia-gerichte gewesen sind – sondern islamistischer mob bzw milizen

    interessant finde ich, dass dieser moment des „augenzwinkerns“, der die strafen als nicht so dringend zu vollstrecken ausweist, hier in den buchstaben des iransichen gesetzbuches immer noch durchscheint, in der realität der gesetzgebung aber offenbar sehr gerne ignoriert wird. evt solltest du den aspekt merh betonen, um mißverständnisse auszuräumen

  5. Gravatar Icon 5 lysis 09. Dezember 2006 um 19:20 Uhr

    Die Aussagen, die du machst, halte ich für unbelegbar. Du verwechselst einfach extralegale Formen der Repression durch Milizen und Paramilitärs (die außerhalb des Rechtssystems foltern und morden) mit offiziellen Hinrichtungen. Ich hab das in den letzten zwei Wochen an den jüngsten Exekutionen wegen liwat etwas näher recherchiert und sehe keinen Anlass anzunehmen, dass sich die Schari‘a-Gerichte nicht an das iranische Gesetzbuch hielten.

    PS: Dass die Datenbank umfassend wäre, habe ich nicht behauptet, aber sie liefert Anhaltspunkte. Man kann ja nicht mit irgendwelchen Phantasien hantieren, von denen man nicht weiß, ob sie stimmen, und sie für die Wahrheit ausgeben.

  6. Gravatar Icon 6 lysis 09. Dezember 2006 um 19:40 Uhr

    PPS: Die Akten der Boroumand Foundation sind eigentlich sehr umfassend, vergleicht man sie mit den viel spärlicheren Fallberichten von Organisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International, die alle möglichen Urteile immer nicht bestätigen können.

  7. Gravatar Icon 7 bigmouth 09. Dezember 2006 um 20:30 Uhr

    ich glaube, eien richntigen widerspruch haben wir nicht. kommst du eigentlich zu der auffassung, dass im Iran akituell rechtsbeugung an der tagesordnung ist?

  8. Gravatar Icon 8 lysis 09. Dezember 2006 um 22:56 Uhr

    rechtsbeugung gibt’s im iran sicher oft, wenn es zum beispiel darum geht, dissidenten abzuurteilen. ich wüsste aber nicht, warum die schari‘a-gerichte in normalen rechtsfällen, etwa dem von zahra ebrahimi oder den beiden jugendlichen in maschhad, das recht beugen sollten. und tatsächlich hab ich in letzterem fall, der relativ viel diskutiert und untersucht wurde, auch keinen hinweis darauf gefunden. was natürlich nicht ganz einfach zu beurteilen ist, da man an die prozessakten nicht herankommt und auf sekundäre informationen angewiesen ist.

  9. Gravatar Icon 9 bratwurst 10. Dezember 2006 um 1:02 Uhr

    „Rechtsbeugung“ ist in jedem Staat an der Tagesordnung. Trotzdem wäre es Unsinn, einfach nur auf Vorurteile und Urban Legends über „die da drüben“ zu vertrauen, statt sich wenigstens mal die Gesetze anzuschaun.

  10. Gravatar Icon 10 lysis 10. Dezember 2006 um 7:09 Uhr

    Es gibt im Iran auf jeden Fall Urteile, die eine Rechtsbeugung aufgrund politischer Interessen nahelegen, wie etwa dieser Fall:

    Dr. Ali Mozaffarian, ein bekannter Chirurg und einer der Leiter der Sunnitisch Muslimischen Gemeinschaft in der südiranischen Provinz Fars, wurde im frühen August 1992 in Shiraz hingerichtet. Er wurde der Spionage für die Vereinigten Staaten und für Irak angeklagt und auch des „Ehebruches und der Homosexualität“. Seine auf Video aufgezeichneten „Geständnisse“, welche wahrscheinlich unter physischer oder psychischer Druckausübung erzielt worden sind, wurden im Fernsehen ausgestrahlt. Amnesty International glaubt, daß sein Gerichtsverfahren unfair gewesen sein könnte und daß die Vorwürfe der Spionage, des Ehebruches und der Homosexualität lediglich dazu dienten, diesen Sunnitisch Muslimischen Führer zu beseitigen.

    Ähnlich auch dieser:

    Saidi-Sirjani was arrested on March 14th, 1994 and charged with openly criticizing the government, among other things. A spokesperson for the Iranian Ministry of Security and Intelligence stated that the arrest was for „drug use, fabrication of alcohol, homosexual activity, contacts with spy networks, and having received money from Western ‘counterrevolutionaries’“ It is widely believed and there is some evidence that he was killed by Saeed Emami’s „Unlished“ group in the Islamic Republic’s Ministry of Security and Intelligence of Iran.

    Bei dem Fall der beiden Jugendlichen, die in Maschhad wegen „liwat“, d.h. mann-männlichen Analverkehr (in den obigen Quellen fälschlich als „Homosexualität“ oder „homosexuelle Aktivität“ übersetzt), gehängt wurden, hab ich in den letzten zwei Wochen gezielt nach Anhaltspunkten für eine Rechtsbeugung gesucht und bin auch zunächst davon ausgegangen, dass eine solche vorliege, habe aber im Endeffekt nichts dergleichen finden können.

    Was ich jedoch herausgefunden habe, ist, dass das iranische Gesetz über „liwat“, obwohl es sich sonst sklavisch an die Vorschriften der imamitischen (oder auch: dschafaritischen) Rechtsschule hält, eine einzige kleine Auffälligkeit hat, nämlich den Satz: „Der Richter kann ein Urteil auf Grundlage seines Wissens, das er auf allgemein üblichem Wege (az tariq-i muta’arif) erlangt hat, fällen.“ Dieser Satz ist absolut zentral, weil er es ermöglicht, Leute aufgrund einer medizinischen Untersuchung, die Spermaspuren im Analbereich feststellt, vor den Kadi zu bringen und dort zur Todesstrafe verurteilen zu lassen. Denn der Richter kann aufgrund einer solchen Untersuchung eine innere Gewissheit über die Tat erlangen, was es ihm ermöglicht, die Vier-Zeugen-Regelung der Schari‘a zu umgehen.

    Dass solche Untersuchungen bei Verdächtigen standardmäßig durchgeführt werden, ist durch zahlreiche Quellen verbürgt. Tatsächlich scheint das auch der Weg gewesen zu sein, wie die beide Jugendlichen in Maschhad überführt wurden. Das Geständnis, dass sie daraufhin ablegten, kam wahrscheinlich nicht unter Folter zustande, wie von Outrage! und anderen Organisationen gemutmaßt wurde, sondern aufgrund der Tatsache, dass das Untersuchungsergebnis bei ihnen positiv ausfiel und sie sich durch ein Geständnis, begleitet von einem schiitischen Reueritual, Chancen auf Begnadigung bzw. auf ein Fallenlassen der Hadd-Strafe ausrechneten.

    Solche medizinischen Untersuchungen sind ein Novum in der über eintausendjährigen Rechtspraxis der Schari‘a. Und es besteht Grund zur Vermutung, dass auch die zitierte Passage im iranischen Gesetz, die eine Verurteilung aufgrund der inneren Gewissheit des Richters zulässt, ein Bruch mit der Tradition ist. Jedenfalls schreibt Rudolph Peters in seinem Werk Crime and Punishment in Islamic Law (2005), dass das Wissen des Richters in einem Schari‘a-Prozess nicht ausreicht, um eine Verurteilung zu erwirken. Er zeigt das anhand zahlreicher Fälle aus den Rechtsakten des Osmanischen Reichs, in denen Täter freigesprochen wurden, obwohl der Richter genau wusste, dass sie die Tat begangen hatten. Für den Prozess darf dieses Wissen aber keine Rolle spielen, da der formale Weg eingehalten werden muss. D.h. entweder liegt ein Geständnis vor oder die Aussage von Augenzeugen. Wenn beides nicht der Fall ist, müssen die Täter freigesprochen werden, auch wenn der Richter aufgrund der Umstände sicher sein kann, dass sie der Tat schuldig sind.

    Nun kann es sein, dass Peters von der hanafitischen Schule — die die offizielle Rechtsschule des Osmanischen Reiches war, nach der die Kadis ihre Urteile zu fällen hatten — auf andere Rechtsschulen verallgemeinert. Das kann ich nicht ausschließen, aber trotzdem hege ich den Verdacht, dass diese Passage von den Mullahs eingefügt wurde, um die praktische Defunktionalität des Gesetzes zu beheben und Todesurteile aufgrund von medizinischen Indizien-Beweisen zu ermöglichen. Allerdings müsste man das durch konkrete Nachforschungen im Bereich des imamitischen Rechts belegen, wozu ich aufgrund mangelnder Ausbildung nicht in der Lage bin.

    Leider interessieren sich die Orientalisten, was das islamische Recht angeht, eher für die Vergangenheit als für die gegenwärtige Rechtspraxis der Islamisten, obwohl der Versuch, letztere zu rekonstruieren, politisch um einiges relevanter wäre. Möglicherweise hat es aber auch einfach damit zu tun, dass man an die alten Prozessakten des Osmanischen Reichs leicher kommt als an diejenigen, die das Mullah-Regime heute anhäuft (und westlichen Wissenschaftlern und Menschenrechtsorganisationen wohl kaum zu Nachforschungen zur Verfügung stellen wird).

  11. Gravatar Icon 11 lysis 10. Dezember 2006 um 8:05 Uhr

    Ist etwas ab vom Thema, aber als Ergänzung sicher ganz interessant: In der hanafitischen Rechtsschule gilt liwat nicht als ein Hadd-Vergehen, was bedeutet, dass im Osmanischen Reich Analverkehr zwischen Männern, anders als im Iran, normalerweise nicht der Todesstrafe unterlag — und zwar selbst dann nicht, wenn der „Täter“ verheiratet war. Der Ehebruch eines Mannes mit einer Frau dagegen schon (wobei jedoch der Nachweis nahezu unmöglich war und in den wenigen Rechtsfällen, die es dazu gab, fast immer ein freiwilliges Geständnis und somit den praktischen, meist religiös motivierten Selbstmordwillen des Täters voraussetzte).

  12. Gravatar Icon 12 Nemesis 10. Dezember 2006 um 16:23 Uhr

    Nun ich kann mich auch nicht erinnern, das es im Osmanischen Reich Steinigungen gegeben hätte.
    Lysis gib mir mal eine E-Mail, meine Adresse hast du ja, dann schick ich dir was. Die Orientalisten beschäftigen sich durchaus mit der Gegenwart.

  13. Gravatar Icon 13 lysis 10. Dezember 2006 um 17:42 Uhr

    Ich schick dir nachher eine Mail. Aber zu deiner Aussage eben ein Zitat aus dem Rudolph-Peters-Buch Crime and Punishment in Islamic Law von 2005:

    Stoning to death was also extremely rare. The only instance that I have come across took place in 1680, when a woman was stoned to death for having an affair with a Jew. The sentence was executed in the Hippodrome in Istanbul, in the presence of Sultan Meḥmed IV. The case was regarded as so exceptional that it was recorded in the chronicles.

  14. Gravatar Icon 14 lysis 10. Dezember 2006 um 21:28 Uhr

    Oben schrieb ich:

    [quote comment=“8006″]Und es besteht Grund zur Vermutung, dass auch die zitierte Passage im iranischen Gesetz, die eine Verurteilung aufgrund der inneren Gewissheit des Richters zulässt, ein Bruch mit der Tradition ist. […] Allerdings müsste man das durch konkrete Nachforschungen im Bereich des imamitischen Rechts belegen, wozu ich aufgrund mangelnder Ausbildung nicht in der Lage bin.[/quote]

    Die Antwort auf diese Frage hab ich jetzt bei Rudolph Peters gefunden, der im Hinblick auf das iranische Stragesetzbuch schreibt (S. 163):

    [quote]In general, the code sticks to the strict rules of evidence of classical fiqh. However, with regard to certain fixed punishments and death sentences by way of retaliation, a judge may sentence on the basis of his own knowledge as stipulated in classical Shiite doctrine. If he does so, he must mention the source of his knowledge in the sentence (arts. 120, 199.3, 231). It is not clear how this affects legal practice.[/quote]

    Wie diese schiitische Besonderheit die iranische Rechtspraxis beeinflusst, hab ich am Beispiel von liwat gezeigt. Sie gibt den Richtern die Möglichkeit, die Vier-Zeugen-Regelung durch eine medizinische Untersuchung zu umgehen.

  15. Gravatar Icon 15 Nemesis 24. Dezember 2006 um 1:08 Uhr

    Hey wolltest du mir nicht eine E-Mail schicken?

  16. Gravatar Icon 16 lysis 24. Dezember 2006 um 10:51 Uhr

    Äh, sorry, das hab ich im Stress der letzten Tage/Wochen total verpeilt. Die Mail ist unterwegs! :)

  17. Gravatar Icon 17 Nemesis 28. Dezember 2006 um 21:29 Uhr

    Hab dir drei Mails geschickt. Schreib mir zurück ob sie auch angekommen sind. Ist nämlich viel Anhang drin.

  18. Gravatar Icon 18 käferchen 25. April 2007 um 19:44 Uhr

    ich bin durch zufall auf deiner seite gelandet und komme aus dem lesen gar nicht mehr heraus. ich habe diesen beitrag mal bei mir verlinkt. wenn nicht ok, bitte melden :-)

    danke für die interessanten einblicke in die weltpolitik

    lg käferli

  1. 1 Alexis Sorbas « Brave New World Pingback am 07. April 2007 um 2:50 Uhr
  2. 2 Koran Übersetzungen aus verschiedenen Quellen « Brave New World Pingback am 09. Juli 2007 um 6:53 Uhr
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