Zwischen Revolte und Reprivatisierung

Ein relativ guter Artikel über das Schicksal von Zahra Ebrahimi — einer iranischen Serienschauspielerin, der wegen ihrer Rolle in einem Sex-Video die Auspeitschung droht — findet sich in der gestrigen Ausgabe der FAZ. Im Unterschied zu den reißerischen Boulevard-Texten, die neben voyeuristischen Einlagen auch viele phantasievolle Behauptungen über das iranische Rechtssystem enthalten (hier macht die FAZ allerdings keine Ausnahme), gewährt der Artikel vor allem einen Blick auf die gespaltene Lebenssituation der iranischen Jugend unter der repressiven Gewalt der Theokraten und den reaktionären Backlash seit dem Machtantritt von Präsident Ahmadinedschad. Einige Informationen, wie die Förderung der schiitischen Zeitehe unter dem ehemaligen Staatspräsidenten Rafsandschani, waren selbst für mich neu:

[…] wacht alle auf und wehrt euch gegen diesen Albtraum, fordert der Teheraner Rapper Yas.ft.Ammin in seinem neuesten Lied. Er erzählt vom realen Schicksal Zahra Amir Ebrahimis. Ihre Geschichte ist die einer Generation junger Menschen in Teherans liberalem Norden: Sie wurden während des achtjährigen Kriegs geboren, in einer Zeit, als die 1979 siegreiche Revolution das Land veränderte; sie mußten unter der harten Kontrolle des islamischen Regiments ihren Geist, ihr Verhalten und ihren freiheitlichen Lebensstil entwickeln. Haben sie das geschafft, sind sie in täglicher Gefahr, einen unachtsamen, einen falschen Schritt zu tun.

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Zwischen dem privaten und öffentlichen Leben in Iran herrscht eine tiefe Kluft, ja eine Spannung: Nach den Jahren der Revolution, des Krieges mit dem Irak, der Auslöschung der politischen Opposition und nach der Etablierung der Islamischen Republik war nur das herrschende Regime im öffentlichen Raum präsent. Im Privaten haben die liberalen Teheraner schon immer gemacht, was sie wollten: Von Schwulenpartys bis zu mondänen Festen gab und gibt es alles — allerdings nur in den eigenen vier Wänden. In den Straßen und Cafés halten sich Mädchen und Jungen nicht einmal an den Händen, aber privat haben sie häufig schon weitaus mehr sexuelle Erfahrung, als die Generation ihrer Eltern in ihrem Alter hatte.

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Im Verhör gestand Ebrahimi den Geschlechtsverkehr, während ihre Eltern versicherten, daß sich die beiden Liebenden zum Zeitpunkt der Aufnahmen in einer „Sighéh-Ehe“ befunden hätten; einer schiitischen „Ehe auf Zeit“, die von drei Tagen bis zu neunundneunzig Jahre dauern kann und in der man „nicht tabu füreinander ist“.

Wenn im Iran ein junges Paar ohne Trauschein erwischt wird, und sei es bei einem harmlosen Flirt oder beim Händchenhalten, drohen harte Strafen: Geldbußen, Gefängnis oder die Peitsche. Diese „religiöse Ehe“ muß nur mündlich, jedoch vor Zeugen abgeschlossen werden. Seit der Machtübernahme Ajatollah Chomeinis im Jahr 1979 wurde sie im Land wieder gefördert, und der ehemalige Staatspräsident Rafsandschani hat, diese pragmatische Linie des Islams verfolgend und mit Blick auf die „gewaltigen“ Bedürfnisse der Jugend (fast zwei Drittel der Iraner sind jünger als zwanzig Jahre), schon in den Neunzigern die Kurzehe angeregt. Damit können junge Leute, die miteinander schlafen wollen, moralische Barrieren umgehen. Doch heute ist diese Gesetzgebung strittig, und die Anhänger Ahmadineschads fordern einen härteren Kurs. So bleibt der rechtliche und politische Umgang mit der Jugend und ihren Bedürfnissen in Iran unberechenbar, und so könnte dieser Fall ein Präzedenzfall werden.

[…]

In Teheran herrscht ein Kampf zwischen den Gesellschaften: zwischen den Islamisten und Liberalen, zwischen West und Ost, zwischen Privat und Öffentlich. Ahmadineschad kam zu einer Zeit an die Macht, als Partys, Drogen, Alkohol und Gruppensexaffären zum Alltag der Millionenstadt gehörten und sich niemand besonders darum kümmerte: Die Privatssphäre bot den Rückzugsort. Die gebildete, westlich orientierte Schicht des Landes begab sich so in eine Form von innerer Emigration. Schon lange fordern die Studenten nicht mehr den Umschwung auf den Straßen der Hauptstadt; aus diesen Tagen haben die Kinder der Revolutionäre genug Frustration und Leid gehört.

Die neue Generation aus Teherans liberalem Norden, die jetzt Ende zwanzig ist, sich einen Namen macht und arbeitet, rebelliert nach innen gegen Kontrolle und Moral, indem sie einfach ihr Leben so weiterlebt wie bisher. Soweit es möglich ist, ihre Theater-, Kunst- und Filmprojekte realisiert und damit Ahmadineschads fundamentalistischen Staat ignoriert, ohne ihn zusätzlich zu provozieren. Wahrscheinlich wird sie auch für diese, für ihre Form der Rebellion, eines Tages bezahlen müssen — wie ihre Eltern.