Ich habe ja hier schon des Öfteren meine Verehrung für den slowenischen Philosophen Slavoj Žižek bekundet, und sein Buch Die Tücke des Subjekts von 2001 liegt regelmäßig neben meinem Bett. Es ist daher nur logisch, dass ich angesichts des lächerlichen Sturms im Wasserglas, der gerade durch die linke Blogosphäre fegt, auf ihn zurückgreife, um meine Position zur Frage abzustecken: „Darf ein Jugendlicher — gar mit einem Erwachsenen — Sex haben oder sollte man ihm diesen verbieten?“
Erinnern wir uns an den Fall von Mary Kay Letourneau, die 36-jährige Schullehrerin, die wegen ihrer leidenschaftlichen Liebesaffäre mit einem 14-jährigen Schüler eingesperrt wurde, eine der großen Liebesgeschichten der Gegenwart, in der Sex immer noch mit einer echten gesellschaftlichen Überschreitung verbunden ist: Diese Affäre wurde von den Fundamentalisten der Moral Majority ebenso verurteilt (als eine obszöne, verbotene Affäre) wie von den politisch korrekten Liberalen (als ein Fall von Kindesmissbrauch).
[…]
Die Lächerlichkeit der Definition dieser einzigartigen leidenschaftlichen Liebesbeziehung als ein Fall weiblicher Vergewaltigung eines minderjährigen Jungen muss ins Auge fallen; trotzdem hat sich aber praktisch niemand gefunden, der die ethische Würde ihres Akts in der Öffentlichkeit verteidigt hätte. Es gab zwei Arten von Reaktionen: Die eine verurteilte sie ganz einfach als böse, voll dafür verantwortlich, den grundlegenden Sinn von Pflichterfüllung und Anstand vergessen und sich auf eine Affäre mit einem minderjährigen Schüler eingelassen zu haben; oder man verhielt sich wie ihr Verteidiger und suchte Zuflucht in einem psychiatrischen Quatsch, der ihren Fall medikalisierte, sie als kranke Person behandelte und bei ihr eine „bipolare Störung“ diagnostizierte (ein neuer Begriff für manisch-depressive Zustände). Befindet sie sich in einem ihrer manischen Zustände, dann weiß sie nicht, in welche Gefahr sie sich begibt, oder, wie es ihr eigener Anwalt dargestellt und damit das schlimmste antifeministische Klischee wiederholt hat: „Die einzige Person, für die Mary Kay eine Gefahr darstellt, ist sie selbst — sie ist ihre eigene größte Gefahr“. (Man möchte hinzufügen: Wer braucht bei solchen Verteidigern noch Ankläger?) In diesem Sinne argumentierte auch Dr. Julie Moore, die Psychiaterin, die Mary Kay „bewertete“, indem sie mit Nachdruck darauf beharrte, dass Mary Kays Problem „kein psychologisches, sondern ein medizinisches“ sei, das mit Pharmaka behandelt werden könne, um ihr Verhalten zu stabilisieren: „Für Mary Kay fängt die Moral mit einer Pille an.“ Es war äußerst unangenehm, dieser Ärztin zuzuhören, die auf brutale Weise Mary Kays Leidenschaft zum medizinischen Fall machte und ihr jede Würde einer authentischen subjektiven Haltung nahm: Sie behauptete, dass man Mary Kay ganz einfach nicht ernst nehmen dürfe, wenn sie von ihrer Liebe zu diesem Jungen spreche; sie sei in irgendeinen Himmel entrückt und den Anforderungen und Verpflichtungen der gesellschaftlichen Umgebung enthoben…
Der Begriff „bipolare Störung“, der in zwei Oprah-Winfrey-Shows popularisiert wurde, ist interessant: Die Grundbehauptung besteht darin, dass eine Person, die an dieser Funktionsstörung leidet, immer noch den Unterschied zwischen Richtig und Falsch kennt, immer noch weiß, was für sie richtig und gut ist (die Patienten sind gewöhnlich Frauen), wenn sie aber in einem manischen Zustand gerät, trifft sie impulsive Entscheidungen und setzt ihre Fähigkeit des vernünftigen Urteils außer Kraft, die ihr sagt, was gut und richtig für sie ist. Ist eine solche Außerkraftsetzung aber nicht die Bedingung für die Vorstellung des authentischen Akts wahrhafter Lieber?
[…]
Das ist dann die traurige Realität unserer spätkapitalistischen, toleranten, liberalen Gesellschaft: Gerade die Fähigkeit zum Handeln wird, als ein manischer Ausbruch nach dem Muster der „bipolaren Störung“, brutal und als solche der biochemischen Behandlung der Medikamentenmedizin überantwortet; stoßen wir dabei nicht auf unser eigenes, westliches Gegenstück zu den alten sowjetischen Versuchen, jede Regimekritik als eine mentale Funktionsstörung zu diagnostizieren (eine Praxis, die sich um das berüchtigte „Šerbsky“-Institut für forensische Psychiatrie in Moskau zentrierte)? Kein Wunder also, dass das Urteil über Mary Kay auch eine Therapie verhängte. (Der Anwalt erklärte sogar ihre zweite Überschreitung — dass sie mitten in der Nacht nach ihrer Freilassung in einem Auto mit ihrem Geliebten angetroffen wurde, was zu der empörenden sechsjährigen Gefängnisstrafe führte — mit der Tatsache, dass ihr in den Tagen, die diesem Vorfall vorausgingen, die ihr verschriebenen Medikamente nicht regelmäßig gegeben worden seien.)
Oprah Winfrey selbst, die eine ihrer Sendungen Mary Kay widmete, war hier am schlechtesten: Es war richtig, das Gerede von einer „bipolaren Störung“ als Rechtsgeschwätz zurückzuweisen, sie tat dies aber aus dem falschen Grund: Es sei eine einfache Ausrede, die es Mary Kay erlaubt hätte, sich ihrer fundamentalen Schuld, sich unverantwortlich verhalten zu haben, nicht zu stellen. Obgleich Oprah Winfrey vorgab, sich neutral zu verhalten und sich nicht für eine Seite zu entscheiden, bezog sie sich auf Mary Kays Liebe doch immer in spöttisch distanzierter Weise („Wovon sie dachte, es sei Liebe“ etc.), um dann schließlich mit leidenschaftlicher Stimme die überraschte Frage der Leute ihrer Bezugsgruppe (ihres Ehemanns, der so genannten anständigen, einfachen Leute) zu stellen: „Wie hat sie das nur tun können, ohne an die katastrophalen Konsequenzen ihres Handelns zu denken? Wie konnte sie all das, was ihren Lebensinhalt ausmachte, ihre Familie, die drei Kinder, ihre berufliche Karriere nicht nur einem Risiko aussetzen, sondern wirklich aufgeben und ablehnen?“ Ist eine solche Außerkraftsetzung des „Prinzips des zureichenden Grundes“ jedoch nicht gerade die Definition des Akts? Zweifellos war es der bedrückendste Augenblick, als Mary während der Gerichtsverhandlung mit Tränen in den Augen und unter dem Druck ihrer Umgebung zugab, dass sie wusste, dass sie etwas Illegales und Unmoralisches tat — ein Augenblick des geradezu beispielhaften, ethischen Verrats im präzisen Sinn eines „Von-seinem-Begehren-Ablassens“. Mit anderen Worten, ihre Schuld lag hier genau darin, ihrer Leidenschaft zu entsagen. Als sie später ihre bedingungslose Treue zu ihrer Liebe erneuerte (indem sie mit Würde zum Ausdruck brachte, dass sie gelernt hätte, sich selbst gegenüber wahrhaftig zu bleiben und an sich zu glauben), wurde deutlich, wie jemand, der beinahe unter dem Druck seiner Umgebung zerbrochen wäre, seine Schuld überwindet und seine ethische Fassung wiedererlangt, indem er sich entscheidet, von seinem Begehren nicht abzulassen.
Das durch und durch falsche Argument einer Geschlechtersymmetrie wurde von einer Psychologin in der Oprah-Winfrey-Show gegen Mary Kay ins Spiel gebracht: Stellen wir uns den umgekehrten „Lolita“-Fall eines 34-jährigen männlichen Lehrers vor, der mit (s)einer 13-jährigen Schülerin eine Affäre beginnt; trifft es nicht zu, dass wir in diesem Falle viel entschiedener auf seiner Schuld und Verantwortlichkeit bestünden? Dieses Argument ist irreführend und falsch — nicht allein deshalb, weil auch die Argumentation derjenigen falsch ist, die sich gegen Affirmative Action wenden, da sie meinen, dass das umgekehrter Rassismus sei (es ist Tatsache, dass Männer Frauen vergewaltigen und nicht umgekehrt…).1 Um grundsätzlicher zu argumentieren, sollte man auf der Einzigartigkeit, der absoluten Idiosynkrasie des echten ethischen Akts bestehen. Ein solcher Akt umfasst seine eigene, ihm innewohnende Normativität, die „es/ihn richtig macht“; es gibt keinen neutralen, externen Standort, der uns befähigen würde, durch bloße Anwendung auf einen einfachen Einzelfall im Voraus über seinen ethischen Status zu entscheiden.
Slavoj Žižek: Die Tücke des Subjekts. Frankfurt/M. 2001. S. 532-543.
- Eine genauere vergleichende Analyse des Falles von Mary Kay und Nabokovs Lolita hilft uns sofort, diesen Unterschied festzumachen (wobei man mir verzeihen möge, dass ich einen Fall aus dem „echten Leben“ mit einem fiktionalen vergleiche): In Lolita (einer Geschichte, die in unseren heutigen politisch korrekten Zeiten noch weniger akzeptabel ist als zu Zeiten ihrer ersten Veröffentlichung — man braucht sich nur an die Verleihschwierigkeiten erinnern, die seine Neuverfilmung in Amerika hatte) entdeckt Humbert Humbert in Lolita ein „Nymphchen“, ein Mädchen zwischen neun und vierzehn Jahren, die potentiell schon Frau ist: Die Anziehungskraft einer Nymphe liegt gerade in der Unbestimmtheit ihrer Form — weit mehr gleicht sie einem Jungen als einer reifen Frau. Während Mary Kay, die Frau, ihren jugendlichen Liebhaber als erwachsenen Partner behandelte, ist sie im Fall Lolita für Humbert Humbert eine Masturbationsphantasie, das Produkt seiner solipsistischen Imagination — wie es Humbert in der Novelle selbst ausdrückt: „Nicht über sie verfügte ich wie verrückt, sondern über meine eigene Schöpfung, eine andere, phantastische Lolita…“ Die Folge ist, dass sich ihr Verhältnis ausbeuterisch quälend und von beiden Seiten her grausam gestaltet (sie ist ihm gegenüber ein grausames Kind; er reduziert sie auf ein Missbrauchsobjekt seiner masturbatorischen solipsistischen Einbildung) und daher im Gegensatz zu der aufrichtigen Leidenschaft zwischen Mary Kay und ihrem jungen Liebhaber steht. [zurück]

Eigentlich wollte ich diesen Kommentar bei Schokolade abgeben.
Da er dort anscheinend im Spamfilter gelandet ist, poste ich ihn einfach hier:
Für diese Diskussion interessant könnte dieser Artikel aus der Bahamas (ja, ja!) sein:
Kollektivprojektion als Soziale Bewegung.Ein „weißer“ Herbst in Belgien
Hier geht es weniger um die soziale Realität der Vergewaltigung von Kindern (die natürlich verhindert werden muss), sondern um die Projektion des „Kinderschänders“. Der Autor Uli Krug bezieht sich hier auf Adornos Studien zum autoritären Charakter. (Siehe Punkt „Sexualität“ in der F-Skala in selbigen Buch).
[die Position des Artikels teile ich allerdings nur sehr eingeschränkt]
------
Das folgende ist jetzt eher offtopic, aber dennoch:
Etwas absurd ist es, wenn Leute wie Uli Krug heutzutage selbst das Stereotyp des „Moslems als Kinderficker“ verbreiten, was eben vor allem Projektion ist und eigentlich nichts mit der realen Vergewaltigung von Kindern zu tun hat. Zudem ist natürlich absurd, dass in diesem Spektrum Vergewaltigungen gerechtfertigt werden (Kritik .