Freudomarxismus — ein gescheitertes Theorieprogramm

Mit der Engführung von Psychoanalyse und Marxscher Ökonomiekritik verhält es sich so ähnlich wie mit den feministischen Matriarchatstheorien: In den 70er Jahren sprach jeder davon, heute interessiert sich dafür keine Sau mehr. Das hat Gründe, die bei weitem nicht nur in der Mode liegen. Vielmehr sind beide Theorieanstrengungen in einer Weise kritisiert und entplausibilisiert worden, dass man sich mit ihnen heute fast schon lächerlich zu machen droht. Was bei den Matriarchatstheorien das fortschreitende ethnologische und prähistorische Wissen besorgte, hat sich beim Freudomarxismus gleich auf doppelte Weise erledigt: einerseits durch Michel Foucaults berühmte Kritik an der „Repressionhypothese“, mit welcher er Ende der 70er Jahre ein psychologie-skeptisches Forschungsprogramm vorlegte, dem heute fast alle verpflichtet sind, die sich noch kritisch mit dem Thema „Sexualität“ befassen; andererseits durch die gesellschaftliche Entwicklung selbst, die den Kinderglauben an die befreiend-subversive Macht des Sexes weitgehend ad absurdum führte.

Dass es freilich noch immer Leute gibt, die in den fruchtlosen Diskussionen der 70er Jahre herumzirkeln, beweist die Sozialistische Studienvereinigung/theorie praxis lokal [tpl] aus Frankfurt am Main. Passend zum Fest der Liebe bietet sie vom 24. bis zum 26. Dezember am Institut für vergleichende Irrelevanz ein Seminar an, das die Debatte über Familie und Sexualität nicht etwa — was ja einigermaßen aktuell wäre — am Thema staatlicher Bevölkerungspolitik aufhängt, sondern sich wie ehedem an psychoanalytischen Fragen à la Ödipuskomplex und ‚Studien zu Autorität und Familie‘ abarbeitet. Sicher wird am Ende wieder die abgenudelte These von Horkheimer/Fromm/Adorno rauskommen, dass die bürgerliche Familie den psychologischen Acker liefert, auf dem die faschistische Persönlichkeit gedeiht, ohne sie aber auch das selbstbewusste bürgerliche Individuum nicht zu denken wäre, auf dessen Resistenzkraft die Kritische Theorie vertraut. Mal sehen, wie die Gruppe das Paradox diesmal aufzulösen gedenkt. :-$

Ganz besonderen Wert will man freilich auf die Kritik an (oder wohl eher Denunziation von) Deleuze/Guattaris Anti-Ödipus legen. Schließlich soll es sie ja noch immer geben: Anhänger dieses in den 70er Jahren mit den Freudomarxisten konkurrierenden Theoriegespanns, das unter französischen Student_innen bestimmt genauso häufig diskutiert wurde wie in der BRD seinerzeit Reich und Marcuse. Ja, es muss sie noch geben, diese Deleuzianer! Freudomarxisten à la tpl sind ja schließlich auch nicht einfach ausgestorben, sondern lehren bis heute an Einrichtungen wie dem „Institut für vergleichende Irrelevanz“, das mit seinem Namen dem angebotenen Seminar einen ebenso würdigen wie passenden Rahmen verleiht. ;)

Anhang: Ausschnitt aus der Seminarbeschreibung

die progressiv-zivilisatorische marxsche kritik […] wird gegenübergestellt der regressiv-entsublimierenden vergemeinschaftungs-ideologie des „anti-ödipus“ von den revoltprofessoren deleuze/guattari als dem grundbuch der heutigen substaatlich-repressiven anti-emp„aktivist_innen“ der radikalreformistischen linken. zugespitzt wird diese kritik auf die untersuchung der „gesellschaft des spektakels“ als antifamilialistischer & religionskritischer analyse, die einen bisher noch nicht erfüllten anspruch an eine materialistische parallelführung oder synthesis von „kritik der politischen ökonomie“ & „kritik der libidinösen ökonomie“ gestellt hat.

<:-p

Ich muss es wohl doch mal lesen: dieses Kultbuch von 1967 mit dem Titel Die Gesellschaft des Spektakels. Schon allein, um unter linken Studis über die durch eine Einführung bei theorie.org wieder populär gewordenen Situationisten endlich mitreden zu können!


46 Antworten auf „Freudomarxismus — ein gescheitertes Theorieprogramm“


  1. Gravatar Icon 1 w 24. Dezember 2006 um 5:17 Uhr

    was für ein denunziantenartikel über eine gruppe, von der du vermutlich noch nie ein einziges seminar besucht und nicht mehr als 3 zeilen gelesen hast. und: ja, foucault ist gott, und freud der teufel. buhuh.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 24. Dezember 2006 um 10:14 Uhr

    ach komm, denunziatorisch ist es, von „der regressiv-entsublimierenden vergemeinschaftungs-ideologie des ‚anti-ödipus‘ von den revoltprofessoren deleuze/guattari als dem grundbuch der heutigen substaatlich-repressiven anti-emp‘aktivist_innen‘ der radikalreformistischen linken“ zu reden. wer so über andere theoretiker herzieht, braucht sich über einen diss der eigenen theoretischen grundlagen nun wirklich nicht zu beschweren.

    davon mal abgesehen hab ich freud nicht verteufelt, sondern auf die gescheiterte historische synthese von psychoanalyse und ökonomiekritik hingewiesen. dass sich einzelne elemente der freudschen theorie, wie z.b. der zusammenhang von verdrängung und projektion, empirisch nachweisen und nutzbringend in eine theorie der gegenwart einbauen lassen, hab ich damit nicht in frage gestellt. schließlich geh ich selbst davon aus, dass etwa homophobie auf so was wie der „abspaltung“ eigener wünsche und bedürfnisse beruht. aber das ist ja auch ein thema, wo psychologische erklärungen auf der hand liegen, weil es sich zunächst einmal um irrationale einstellungsmuster handelt. allerdings mach ich dafür keinen „autoritären charakter“, also wiederum psychologische tatbestände, verantwortlich und verstricke mich damit immer tiefer in die ersetzung gesellschaftlicher formzusammenhänge durch individualpsychologische erklärungsschemata, so dass am ende überhaupt nichts mehr erklärt, sondern nur noch pathologisiert wird — wobei die unterstellung von „krankheit“ dann auch noch als moralischer vorwurf herhalten muss!

    dieser entwicklung — dem stillen wuchern einer psychoanalytischen verdächtigungslogik — ist allerdings paroli zu bieten, wenn man an gesellschaftskritik noch irgendwas retten will. und insofern halte ich es für lohnenswert, der unzeitgemäßen renaissance des freudomarxismus in der linken endlich mal auch zu widersprechen und wieder auf die kritik aufmerksam zu machen, die in den letzten jahrzehnten daran geleistet wurde. und ja, u.a. durch michel foucault, der für mich keineswegs „gott“ ist, sondern jemand, den ich bei bestimmten themen bemühe, weil ich seinen einsatz dort für sinnvoll halte.

  3. Gravatar Icon 3 bigmouth 24. Dezember 2006 um 12:52 Uhr

    ich finde es auch bestürzend, welchen status freud in den geisteswissenschaften bei vielen leuten immer noch besitzt. mir scheint da sehr viel an freuds brilliantem sprachlichen stil zu liegen – das lullt ein, und überzeugt, wo es eigentlich gar nicht so furchtbar viel überzeugendes gibt

  4. Gravatar Icon 4 classless 24. Dezember 2006 um 18:04 Uhr

    Du mußt Debord nicht lesen, das tut überwiegend weh.

  5. Gravatar Icon 5 w 25. Dezember 2006 um 6:45 Uhr

    ok nur kurz gleich bett:
    - den ‚witz‘ mit dem ‚irrelevanten‘ institut hat in fast genau demselben wortlaut auch schon die FAZ gebracht weil ihr die freud/marx-lektürekurse überflüssig gelten, bei gelegenheit scanne ich den artikel mal ein.
    - die kritik an d/g war soweit aus der ankündigung ersichtlich nicht wie von dir dargestellt ein besonderer schwerpunkt sondenr ein thema untr anderen, k.a. wieso du das so aufplusterst. hab die beiden auch nicht gelesen aber die tpl-leute schon und wissen darum mehr von denen als du von tpl, deswegen dissing auch auf erweitertem empir. fundament …
    - wo ziehst du denn dann die grenze zwischen legitimer anwendung der PA und der ‚wucherung‘ (schlimmes wort)?
    - der autoritäre charakter steht doch nicht außerhalb der gesellschaft, wer behauptet das denn? wird er dovh von a/h als die adäquate subjektkonsitution im spätkap gefasst
    - verstehe auch nicht wieso foucault a priori freud/PA überflüssig macht, denke beides ist gut kombinierbar: die triebe sind zwar zt natur aber immer gesellschaftlich, werden durch bürgerl glücksversprechen in bestimmte form gegossen (=sex auch erst produziert/foucault) und müssen dann aber da glücksversprechen nicht einlösbar unterdrückt werden (freud, real-prinzip). in diesem sinne haben es m.e. auch die guten freudomarxisten a la marcuse zu fassen versucht
    - dass tpl weder bürgerl familie noch weihnachten als keim der emanzipation abfeiern geht ja wohl aus dem text hervor
    - mit zeitgemäß als kategorie zu operieren ist alberne fortschrittsarroganz

  6. Gravatar Icon 6 lysis 26. Dezember 2006 um 2:31 Uhr

    [quote comment=“9166″]- die kritik an d/g war soweit aus der ankündigung ersichtlich nicht wie von dir dargestellt ein besonderer schwerpunkt sondenr ein thema untr anderen, k.a. wieso du das so aufplusterst. hab die beiden auch nicht gelesen aber die tpl-leute schon und wissen darum mehr von denen als du von tpl, deswegen dissing auch auf erweitertem empir. fundament …[/quote]
    ach, entschuldige, aber es ist doch absurd, wenn deleuze/guattaris (auch für mich) schwer verständlicher anti-ödipus als „grundbuch der heutigen substaatlich-repressiven anti-emp’aktivist_innen’ der radikalreformistischen linken“ dargestellt wird. das ist reine verschwörungstheorie, bei der das blanke ressentiment die feder führt. frag mal antiimperialisten, ob sie dieses buch (das überhaupt nichts mit antiimperialismus zu tun hat) überhaupt gelesen haben. die unterstellung ist einfach ballaballa, aber genau in der abstrusen linie, wie isf und bahamas ihre kritik an bestimmten französischen denkern zu formulieren pflegen.

    [quote]- wo ziehst du denn dann die grenze zwischen legitimer anwendung der PA und der ‚wucherung‘ (schlimmes wort)?[/quote]
    das kann ich dir genau sagen: wenn texte allein deshalb als autoritativ gelten, weil sie von freud stammen, dann ist die grenze zum glauenbsdogmatismus überschritten. legitim an der psychoanalyse sind allein jene bereiche, die logisch nachvollziehbar, wenigstens prinzipiell falsifizierbar und wissenschaftlich nicht widerlegt sind. es ist nicht sehr viel, was da übrig bleibt, aber es ist möglicherweise das, was chancen hat, in den korpus der wissenschaft eingang zu finden. der rest ist belletristik und im schlimmsten fall das glaubensmaterial autoritärer sekten, die gegen kritische argumente völlig immun sind.

    [quote]- der autoritäre charakter steht doch nicht außerhalb der gesellschaft, wer behauptet das denn? wird er dovh von a/h als die adäquate subjektkonsitution im spätkap gefasst[/quote]
    ich finde die studien zum autoritären charakter nicht uninteressant, aber es ist eine rein psychologische theorie, die kaum jemals auf gesellschaftliche tatbestände bezug nimmt. diese arbeit haben horkheimer und adorno einfach nicht geleistet, und der kurze verweis auf spätkapitalismus hilft da auch nicht weiter. ich persönlich bin der ansicht, dass man, wenn man gesellschaftstheorie betreibt, solange wie möglich ohne psychologisierungen auskommen sollte. und meiner erfahrung nach ist das auch problemlos möglich, weil gesellschaft nunmal nicht die summe individualpsychologischer prozesse ist. in ihren helleren momenten haben das horkheimer/adorno übrigens gewusst:

    [quote]Das Dasein ohne Licht der Vernunft, die Existenz der Tiere […] wäre das echte Thema der Psychologie, denn nur das Leben der Tiere verläuft nach seelischen Regungen; wo Psychologie die Menschen erklären muß, sind sie regrediert und zerstört. Wo man unter Menschen Psychologie zu Hilfe ruft, wird der karge Bereich ihrer unmittelbaren Beziehungen nochmals verengt, sie werden sich auch darin noch zu Dingen. Der Rekurs auf Psychologie, um den anderen zu verstehen, ist unverschämt, zur Erklärung der eigenen Motive sentimental.[/quote]

  7. Gravatar Icon 7 lysis 26. Dezember 2006 um 3:29 Uhr

    [quote]- verstehe auch nicht wieso foucault a priori freud/PA überflüssig macht, denke beides ist gut kombinierbar: die triebe sind zwar zt natur aber immer gesellschaftlich, werden durch bürgerl glücksversprechen in bestimmte form gegossen (=sex auch erst produziert/foucault) und müssen dann aber da glücksversprechen nicht einlösbar unterdrückt werden (freud, real-prinzip). in diesem sinne haben es m.e. auch die guten freudomarxisten a la marcuse zu fassen versucht[/quote]
    ich glaube, du machst es dir ein bisschen zu einfach. was du nämlich übersiehst, ist die tatsache, dass band 1 von foucaults sexualität und wahrheit eigentlich als grundsatzkritik an marcuse & co. angelegt ist, auch wenn sein name dort nirgends auftaucht. während marcuse von einer prädiskursiven sexualität ausgeht, die unterdrückt wird, ist für foucault sexualität das, was die wissenschaft mit ihren normierungen, pathologisierungen und klassifikationen erst hervorbringt. während für marcuse „sexualität“ ein anthropologisches faktum ist, wundert sich foucault, warum dieser begriff vor dem 19. jahrhundert überhaupt nicht existierte und stellt von da aus seine fragen.

    um das mal an einem ganz konkreten beispiel festzumachen: in den 70er und frühen 80er jahren schauten historische werke über homosexualität vielfach so aus, dass man von einer perennierenden unterdrückung der schwulen und lesben in der christlich-abendländischen gesellschaft ausging und sich fragte, woher diese unterdrückung komme. freudomarxisten gaben darauf unterschiedliche antworten, aber was sie alle nicht sahen, war, dass die wissenschaftliche kategorisierung von menschen als „homosexuell“ nicht älter als das 19. jahrhundert ist und eine schwule subkultur, die man unterdrücken und verfolgen konnte, vor dem 18. jahrhundert gar nicht existierte. sie ignorierten also ganz zentrale fragen, allen voran die, welche schließlich foucault aufwarf, nämlich inwieweit das, was unterdrückt wird, selber schon ein produktiver effekt der macht und ihrer normativen klassifikationen ist.

    eine strategie, die sich die befreiung von etwas zum ziel setzt, was selber schon das resultat der macht ist, droht in wirklichkeit, das funktionieren dieser macht nicht zu untergraben, sondern es zu perfektionieren. wenn die funktionsweise der macht sich selbst noch im widerstand spiegelt, den die macht hervorruft, dann gibt es kein außen mehr zur macht. dann ist der widerstand bloß zu einer anderen form der durchsetzung der macht geworden. und genau das ist es, was man von einer foucaultschen perspektive aus solchen gruppen wie der lesben- und schwulenbewegung vorwerfen könnte (und müsste).

    genau hier hat foucault den freudo-marxismus und sein naives projekt einer „befreiung der sexualität“ ins mark getroffen. es ist eine einschneidende kritik am freudo-marxismus, und wenn man beide miteinander zu vereinen sucht, dann bricht man foucaults kritik unweigerlich die spitze ab.

  8. Gravatar Icon 8 w 26. Dezember 2006 um 4:24 Uhr

    Argh bin schon wieder zu müde für langen Text, deswegen nur 2 Punkte:

    - bei dem VErweis auf D/G steht anti-Emp, nicht anti-Imp. gemeint ist also nicht die jungewelt, sondern die negri/hardt-fanclubs mit ihrem multitude-fimmel (vgl. subtropen, fantomas…), wobei ich nicht sagen kann ob das empirisch haltbar ist (also dass die alle D/G abfeiern)

    - ob sex nun anthro-konstante oder gesellschaftlich produziert ist mir egal, jedenfalls bietet er ein großes potential an lust, oder verspricht es zumindest. und diese lust soll ermöglicht werden, aber eben nicht in den heute herrschenden formen, da fiel marcuse eben nicht auf komischen biologismus zurück, sondern in einer versöhnung von genital- und partialtrieben und in einer erotisierung des alltags. was daran nun so machtmäßg wäre weiß ich nicht, ich habe den verdacht diese totalität der macht wird von foucaultianer immer nur beschworen, um es sich behaglich und gleichzeitig pseudo-kritisch einzurichten: wir finden es ja nicht gut aber anders kann es nun mal auch nicht sein, also doktern wir etwas an den symptomen herum.

  9. Gravatar Icon 9 lysis 26. Dezember 2006 um 5:47 Uhr

    nein, es geht nicht um totalität, sondern darum, eine form des widerstands zu kritisieren, die in wirklichkeit ein teil der macht ist. oben versuchte ich das am beispiel der „gay liberation“ bewegung zu illustrieren. aber das vermittelt im zusammenhang mit dem freudo-marxismus einen völlig falschen eindruck. die meisten freudo-marxisten, von wilhelm reich über horkheimer/adorno bis zu den situationisten, betrachteten die „richtige“, d.h. die „befreite“ sexualität, um deren durchsetzung es ihnen ging, genauso heteronormativ wie die damals vorherrschende sexualwissenschaft. „homosexualität“ war für die mehrheit der sexualbefreier eine „degeneration“, die auf dem boden einer „unterdrückten“ sexualität erwachse und für die in einer zukünftigen gesellschaft kein platz mehr sei. das ist ja der witz an der sexuellen rebellion der 68er: sie hatte keinerlei distanz zu den pathologischen kategorien der sexualmedizin, war vielmehr fleisch von ihrem fleische. eine normierung des „sexuellen“, die im namen der befreiung sprach und von dort aus andere leute terrorisierte — wie jene situationistischen studenten, die in ihren flugblättern bestimmte professoren, die ihnen nicht in den kram passten, als „schwule“ und „homos“ denunzierte. (und ihren eigenen mitgliedern vermutlich die sexualbeichte abnahm, um kontrolle noch über ihre intimsten gedanken und phantasien zu erlangen.)

    PS: wenn du nicht im moderationsfilter landen willst, solltest du die von dir angegebene mail-adresse nicht ständig wechseln. nur so als tipp … :)

  10. Gravatar Icon 10 bigmouth 26. Dezember 2006 um 12:07 Uhr

    negri und hardt feiern neben deleuze aber auch marx, luxemburg, melville, nietzsche so ziemlich jeden ab, der nicht bei 3 auf dem baume ist. das sagt erst mal gar nichts über d & g selbst aus. aber die mädels und jungs da gehen ja weiter, und bezichtigen d&g einer „regressiv-entsublimierenden vergemeinschaftungs-ideologie“ = quasi halbnazis zu sein, jetzt mal zwischen den zeilen gelesen.

    sag ma, waity, du bist nich zufällig sylvester in berlin, oder?

  11. Gravatar Icon 11 unkultur 26. Dezember 2006 um 14:27 Uhr

    voll zynisch: Ein „Kultbuch“ sagen die einen, das wo „weh tut“ die anderen einen. Ah so. Fast so schön wie Christoph Jacke, der Guy Debord als „Philosoph“ und „Medientheoretiker“ bezeichnet.
    voll checker: Die beiden theorie.org Bücher sind allenfalls als Nachschlagwerk zu gebrauchen.

  12. Gravatar Icon 12 klo 26. Dezember 2006 um 19:15 Uhr

    tpl- ist das nicht der unbeherrschte hardcore individualist?

  13. Gravatar Icon 13 w 27. Dezember 2006 um 3:08 Uhr

    Du hast Debord nicht gelesen, weißt aber über die situationistische Homophobie Bescheid? Gib doch mal Textstellen, auch bei Marcuse (die entsprechenden Passagen bei A/H kenne ich).

    Passendes Zitat eines gealterten Punkrockers:
    http://www.jungle-world.com/seiten/2006/50/9037.php
    „John B. Sebastian von der Sixties-Band The Lovin’ Spoonful hat »Stories we could tell« für die Everly Brothers komponiert. Als Jugendlicher war ich sehr beeindruckt von der Tatsache, dass Sebastian in Woodstock mit 13 Frauen geschlafen haben soll. Das war für mich der Inbegriff der sexuellen Befreiung.“

    @ bigmouth:
    Ne, hatte ich letztes Jahr, zu anstrengend weil zu groß und zu lange Partyschlangen und definitiv zu viele Böller (Neukölln!), bleibe lieber in FfM.

  14. Gravatar Icon 14 lysis 27. Dezember 2006 um 4:25 Uhr

    Zur Sexualdenunziation in der Studentenbewegung (und darunter auch den Situationisten) vgl. Stefan Micheler:

    Insbesondere die Berliner Kommune 1 (K1), die mit ihren vielfältigen Aktionsformen Ideenlieferantin der Bewegung und gleichzeitig am stärksten in den Medien präsent war, benutzte Sexualität in der politischen Auseinandersetzung. Neben der von ihnen verbreiteten Botschaft, Autoritäten seien sexuell verklemmt, stand insbesondere die Diffamierung politischer Gegner als impotent oder homosexuell im Mittelpunkt. So heißt es in einem Flugblatt zu einem Prozess gegen die K1: „Im Saal herrscht Bambule, Richter und Staatsanwalt sind Schwule“. Oder in einem anderen Flugblatt, mit dem der Berliner Bürgermeister, der Berliner Polizeipräsident und der Rektor der Freien Universität angegriffen werden: „Albertz und Duensing sind Homos (und Lieber ist eifersüchtig).“ Begleitet wurden diese Äußerungen in der Regel von Phalluskult und Potenzgehabe.

    [….]

    Die sexuelle Denunziation war nicht nur ein deutsches Phänomen: So wurden z.B. in einer Flugschrift der Straßburger „Situationistischen Internationale“ (SI) von 1966 politische Gegner, in diesem Fall die Vertreter der katholischen Kirche, sexuell stigmatisiert: „Man wagt kaum zu betonen, daß das studentische Milieu zusammen mit dem der alten Landweiber der Sektor mit dem größten Prozentsatz an praktizierender Religion und immer noch das beste ‚Missionsgebiet‘ ist, […] wo Studentenpriester unverhohlen tausende von Studenten in ihrem geistlichen Scheißhaus weiter sodomitisieren.“

    Ich glaube (bin mir nicht mehr ganz sicher), es gibt zu der situationistischen Flugschrift auch eine Karikatur. Kann das vielleicht die nächsten Tage mal raussuchen. Allerdings funktioniert das mit dem Einscannen nicht mehr, da ich mein Betriebssystem gewechselt habe. :(

    Zu Marcuse: Ich glaube nicht, dass der sich irgendwo mal homophob geäußert hätte. Aber Marcuse ist da eine völlige Ausnahme.

  15. Gravatar Icon 15 Hirschfeld 28. Dezember 2006 um 10:13 Uhr

    Sexualität wird von der Wissenschaft erzeugt? Soll das n´Witz sein?

  16. Gravatar Icon 16 w 28. Dezember 2006 um 13:07 Uhr

    Die K1 kannst du aber nicht zur SI zählen, Kunzelmann und sein Gefolge, die Gruppe SPUR, wurden schon 1964 (?) aus der Internationalen ausgeschlossen, Grund: ‚Nationalsituationismus‘. Die Wahrheit dieses Vorwurfs erwies sich ja spätestens mit dem Anschlag auf das Jüdische Gemeindehaus am 9.11.69.
    Dagegen wäre es interessant zu erfahren ob das obige Zitat (unter dem Link wird auch die Arschfick-Karikatur erwähnt) eine einzelne Verfehlung war oder wie von dir vermutet logischer Teil des SI-Theorieprogramms. tpl jedenfalls würden solchen Schwachsinn nie publizieren, zb beklagte eines ihrer Mitglieder mal in einer Diskussion wie ätzend es sei bei Antifa-Demos immer wieder SPrüche a la „ihr seid schwul“ gegen die Nazis zu hören und schlug als Gegenmittel vor, die Parole „Wir sind alle schwul“ zu skandieren (worauf ein Mitglied einer prominenten Frankfurter Antifagruppe meinte: „Was sollen denn da die Bullen denken?“ …).

  17. Gravatar Icon 17 lysis 29. Dezember 2006 um 3:44 Uhr

    [quote comment=“9506″]Sexualität wird von der Wissenschaft erzeugt? Soll das n´Witz sein?[/quote]
    nein.

  18. Gravatar Icon 18 blac_letter 30. Dezember 2006 um 17:17 Uhr

    die kritik an dem „freudomarxismus“ von focault verstehe ich nicht ganz da ich diese auch nicht so besonders gut kenne. nur wie du schon ausgeführt hast geht es ihm und dir lysis ja darum das begriffe wie sexualität und homosexualität im grunde nur konstruktionen der „macht“ sind. nun was bedeutet homosexualität .. das begehren des eigenen Geschlechts also mensch mit penis begehrt anderen mensch mit penis usw. und ich finde in diesem kontext ist der begriff der homosexualität völlig ok um den tatbestand als solchen zu bezeichnen. eine besonderheit an gleichgeschlechtlichem sexualverkehr ist doch auch das dieser für die fortpflanzung nicht funktioniert im gegensatz zum heterosexuellen geschlechtsverkehr.. jezt kann man darüber debattieren was denn die besonderheit ist, der hetereosexuelle weil er zusätzlich zur fortpflanzung dient oder der homosexulle da er es gerade nicht tut. ich denke der zweite da ich der auffassung bin das die lust am geschlechtsverkehr ein „schlauer trick der natur“ ist um die stätige reproduktion einer gattung zu gewährleisten.

  19. Gravatar Icon 19 Fritz 30. Dezember 2006 um 18:20 Uhr

    Klingt aber so.

  20. Gravatar Icon 20 lysis 30. Dezember 2006 um 22:16 Uhr

    [quote comment=“9592″]Klingt aber so.[/quote]
    das „nein“ bezog sich auf die frage, ob das ein witz sein soll.

  21. Gravatar Icon 21 lysis 30. Dezember 2006 um 23:53 Uhr

    [quote comment=“9591″]die kritik an dem „freudomarxismus“ von focault verstehe ich nicht ganz da ich diese auch nicht so besonders gut kenne. nur wie du schon ausgeführt hast geht es ihm und dir lysis ja darum das begriffe wie sexualität und homosexualität im grunde nur konstruktionen der „macht“ sind. nun was bedeutet homosexualität .. das begehren des eigenen Geschlechts also mensch mit penis begehrt anderen mensch mit penis usw. und ich finde in diesem kontext ist der begriff der homosexualität völlig ok um den tatbestand als solchen zu bezeichnen.[/quote]
    ähm, das ist ja das wunderbare an diesem begriff: er bezeichnet mindestens zweierlei. zum einen den geschlechtsverkehr zwischen männern oder zwischen frauen (warum lässt du letztere einfach unter den tisch fallen?). für so etwas hat es natürlich immer begriffe gegeben, etwa nikah ar-ridschal (arab.) oder gamoi andron (griech.), was sich beides einfach durch „beischlaf zwischen männern“ übersetzen lässt.

    aber warum benutzt man dafür in europäischen sprachen ein fremdwort, noch dazu einen neologismus? ganz einfach, weil du mit deiner definition unrecht hast. der begriff „homosexualität“ ist ein medizinischer terminus, der eine krankheit bzw. eine psychische disposition beschreibt. und nur sekundär sind damit auch die symptomatischen handlungen und gefühle gemeint, in denen sich eine solche psycho-physische „abnormität“ manifestiert. das ist die art und weise, wie dieser begriff historisch eingeführt wurde und wie er auch heute noch verwandt wird, selbst wenn aus der pathologischen mittlerweile eine genetische varianz gemacht wurde. et tu, brute? — du benutzt das natürlich ganz genauso.

    die implikatur dieses begriffs ist, und zwar auch bei dir: wer sex mit einer person des gleichen geschlechts hat, gehört einer anderen klasse mensch an, mit eigener biographie, eigener lebensweise, eigenem habitus und einer reihe psychischer (und womöglich physischer) auffälligkeiten. die unterstellung lautet: nur wer über diese andersartige konstitution verfügt, ist in der lage, „homosexuelle“ handlungen zu begehen. ein normaler mensch wie du sei dazu gar nicht in der lage!

    es ist also eine völlige verharmlosung, wenn du „homosexualität“ — einen begriff, der im 20. jahrhundert mehrere massenpaniken ausgelöst hat, weil die leute partout nicht als „homosexuell“, d.h. als medizinisches monster, gelten wollten — als eine völlig neutrale marke darzustellen versuchst, die über gar keinen weiteren gehalt verfügt als den, der durch seine unmittelbaren wortbestandteile nahegelegt wird.

    nein, dieser begriff ist der versuch, ein begehren, das jedem menschen inhärent ist, abzuspalten und in einer teratologischen figur — dem „homosexuellen“ — zu vergegenständlichen. du nimmst die fassade dieser gesellschaft, wie sie unter der furcht geworden ist, als person außerhalb der norm markiert zu werden, und gibst das für etwas natürliches aus: als angeborene „sexualität“ des menschen. aber an deiner sexualität ist nichts angeboren. sie ist ein abdruck gesellschaftlicher normen und medizinischer kategorisierungen, denen du aus nackter panik folgst. du weißt, was sich gehört und womit du deine soziale existenz auf spiel setzt, und danach handelst du. und deswegen ist deine sexualität ein soziales produkt, das bis in die letzte faser hinein vermachtet ist. es ist nichts, was man befreien könnte oder auch nur sollte, weil deine phantasien selbst schon der effekt von machtbeziehungen sind, die du dir als prädiskursive „sexuelle orientierung“ zurechtgelegt hast.

    woher ich das weiß? weil ich geschichtliche zusammenhänge betrachte; weil ich sehe; weil ich an quellen studieren kann, wie plastisch das ist, was du deine „sexualität“ nennst. man kann es beobachten — sogar statistisch —, wie sich das begehren von menschen unter dem einfluss von diskursiven machtbeziehungen verformt.

    [quote]eine besonderheit an gleichgeschlechtlichem sexualverkehr ist doch auch das dieser für die fortpflanzung nicht funktioniert im gegensatz zum heterosexuellen geschlechtsverkehr.. jezt kann man darüber debattieren was denn die besonderheit ist, der hetereosexuelle weil er zusätzlich zur fortpflanzung dient oder der homosexulle da er es gerade nicht tut. ich denke der zweite da ich der auffassung bin das die lust am geschlechtsverkehr ein „schlauer trick der natur“ ist um die stätige reproduktion einer gattung zu gewährleisten.[/quote]
    was für ein biologistischer schwachsinn! wenn „die natur“ die lust an der fortpflanzung ausgerichtet hätte, dürftest du den wunsch zu masturbieren nie verspüren. was du betreibst, ist katholische anthropologie, sonst nichts.

  22. Gravatar Icon 22 bigmouth 31. Dezember 2006 um 4:55 Uhr

    lysis, das hat er aber nicht behauptet. natürlich ist das sexuelle begehren auf den akt selbst hin ausgerichtet – bzw besser, auf irgendwelche betätigungen, die bestimmte gehirnbereiche und (im überwiegenden fall) teile unserer anatomie betreffen. die genese davon ist aber natürlich durch fortfplanzung gekommen (wobei selbst im tierreich sexualität oft noch mehr aufgaben besitzen mag) – dass wir überhaupt sexuell empfinden können, hat die natürliche ursache, dass das evolutionär sich durch auslese so eingerichtet hat, dass individuen handlungen fortführen wollen, die zu fortpflanzung führen. nur ist dieses system offenbar ziemlich offen. aber ohne geschlecht (sex) gäbe es keine sexualität – ihre biologischen vorrausetzungen wären nie entstanden

    http://en.wikipedia.org/wiki/Evolution_of_sex

  23. Gravatar Icon 23 lysis 31. Dezember 2006 um 6:00 Uhr

    [quote comment=“9599″]eine besonderheit an gleichgeschlechtlichem sexualverkehr ist doch auch das dieser für die fortpflanzung nicht funktioniert im gegensatz zum heterosexuellen geschlechtsverkehr.. jezt kann man darüber debattieren was denn die besonderheit ist, der hetereosexuelle weil er zusätzlich zur fortpflanzung dient oder der homosexulle da er es gerade nicht tut. ich denke der zweite da ich der auffassung bin das die lust am geschlechtsverkehr ein „schlauer trick der natur“ ist um die stätige reproduktion einer gattung zu gewährleisten.[/quote]
    auf diese passage möchte ich noch etwas näher eingehen. du sagst, „heterosexualität“ sei das allgemeine der menschlichen sexualität, weil sie der fortpflanzung „dient“ und somit dem „eigentlichen“ zweck des geschlechtsverkehrs entspricht. homosexualität sei dagegen eine „besonderheit“, was wohl so viel heißen soll wie: eine „laune“ der natur, die sie sich in ihrem überfluss bei dem ein oder anderen gattungsvertreter erlaubt hat.

    wie bereits festgestellt, entspricht das der katholischen anthropologie, allerdings mit einem ganz gewaltigen unterschied: die katholische kirche hat diese normative zurichtung des koitus auf den verkehr zwischen mann und frau allein an der beschaffenheit der geschlechtswerkzeuge festgemacht, kam aber niemals auf die idee, dass das begehren der menschen dieser funktionsbestimmung auch gerecht würde. vielmehr mussten die menschen unter androhung der todesstrafe dazu gezwungen werden, ihre geschlechtswerkzeuge naturgemäß zu gebrauchen. denn die in jeder person schlummernden „widernatürlichen“ begierden seien in der lage, die menschen so sehr auf abwege zu führen, dass der gattung am ende der todesstreich versetzt zu werden drohe.

    diese präskriptive vorstellung von natur, die mit dem mittel der repression arbeitete, ersetzt du nun durch eine vermeintlich deskriptive, die mit dem mittel der norm arbeitet: das heterosexuelle ist für dich das „normale“, das homosexuelle die „abweichung“. und du personifizierst diese abweichung in einem bestimmten personentypus, dem „homosexuellen“, der für dich nur als randgruppe, d.h. als ausnahme von der regel, denkbar ist. dafür verweist du auf die zeitgenössische realität, in der gleichgeschlechtlicher sex tatsächlich nur von einer selbstdeklarierten minderheit praktiziert wird.

    wie aber, wenn dem nicht immer so war? wie, wenn die klassischen antiken und arabischen texte über die liebe fast immer nur von dem liebenden und dem geliebten gesprochen hätten? in deiner sprache also: die „homosexuelle“ liebe das unmarkierte war, das für das allgemeine der liebe stand, die „heterosexuelle“ liebe dagegen nur als besonderung in erscheinung trat, d.h. nur dann, wenn von einem bestimmten liebenden und einer bestimmten geliebten die rede war?

    ja, was dann? dann ist deine theorie über das „heterosexuelle“ als das allgemeine und das „homosexuelle“ als besonderung einfach nur der versuch, die homophobe verfasstheit deiner gesellschaft zu verewigen, indem sie in eine prädiskursive „natur“ verpflanzt und alles geschichtliche daran verleugnet wird.

  24. Gravatar Icon 24 lysis 31. Dezember 2006 um 7:37 Uhr

    PS: Zum Beleg für das oben Gesagte zwei Zitate aus zwei arabischen Traktaten über die Liebe. Das erste aus Ibn Hazms (gest. 1064 n.u.Z.) berühmtem Werk Das Halsband der Taube. Von der Liebe und den Liebenden:

    Es gibt gewisse Kennzeichen für die Liebe, die scharfsinnige Leute entdecken und kluge Menschen finden können. […] Diese Zeichen treten in Erscheinung, bevor das Feuer der Liebe entzündet ist und ihre Glut lodert, ehe ihre Flammen brennen und ihre Lohe sich ausbreitet. Faßt sie aber erst richtig Fuß, dann sieht man den Verliebten heimlich plaudern und ganz offen alles, was um ihn ist, meiden mit Ausnahme des Geliebten. Ich habe einige Verse gedichtet, in denen ich viele von diesen Zeichen der Liebe zusammengetragen habe. Dort heißt es unter anderem:

    [quote]Ich plaudre gern, wenn seiner man gedenkt
    Und mich sein süßer Ambraduft umfängt.
    Spricht er, so lausch ich in der Freunde Schar
    Nur seinen Worten, reizvoll, wunderbar.
    Ja käme der Kalif mir zu Gesicht,
    Ich wiche drum von seiner Seite nicht.
    Ich kehr mich um, wenn ich ihn lassen muß,
    Und schleiche heim, als wäre wund mein Fuß.
    Der Leib geht fort, das Auge bleibt gebannt,
    So wie ertrinkend man sich kehrt zum Land.
    Bedenk ich, daß er fern, würgt mich die Flut,
    Bin wie erschöpft in Staub und Sonnenglut.
    „Den Himmel“, sprichst du, „stürmet, wer es wagt.“
    „Ich weiß“, erwidr ich, „wo die Leiter ragt.“[/quote]

    […]

    Zu den Erscheinungen der Liebe gehört die Vereinigung. Sie ist eine hohe Wonne, eine erhabene Lebensstufe, eine wunderbare Seelenhöhe und ein aufsteigender Glücksstern. Nein, sie ist schlechthin das erneuerte Leben und das gehobene Sein, die immerwährende Freude und eine große Gnade Gottes. Wenn die Welt nicht eine Stätte flüchtigen Verweilens und von Heimsuchung und Betrübnis und das Paradies nicht eine solche der Belohnung und der Sicherheit vor allen Widerwärtigkeiten wäre, dann würde ich sagen, daß die Vereinigung mit dem Geliebten das ungetrübte Glück ist, die ungemischte, von keinem Leid berührte Freude, die Vollendung aller Wünsche und die Erfüllung aller Hoffnungen.

    […]

    Ich kenne jemand irgendwo in meiner Nachbarschaft, den Liebe heimgesucht hatte. Er pflegte, wann er wollte, ungehindert seine Liebste zu besuchen, hatte aber nur die Möglichkeit, sie lange zu sehen und zu sprechen, sowohl nachts, wenn er wollte, als auch am Tage. Schließlich verhalf ihm das Schicksal zur Erhörung seiner Bitte und ebnete ihm den Weg zum Glück, nachdem er infolge des langen Wartens schon in Verzweiflung geraten war. Ich erinnere mich, daß er schier irrsinnig vor Wonne war und seine Rede aus lauter Freude kaum noch einen Zusammenhang hatte.

    Das zweite Zitat stammt aus einem theoretischen Traktat über die Liebe von ‚Aziz-i Nasafi (gest. gegen Ende 13. Jh. n.u.Z.):

    Nun denn: So spricht der schwächste der Schwachen und Diener der Armen ‚Aziz b. Muhammad an-Nasafi: Die Schar der Derwische — möge Gott sie mehren! — hat mich Elenden gebeten, ich solle über die Liebe ein Schreiben verfassen und erklären, was das Liebhaben ist und was die Liebe ist und wieviele Grade es in der Liebe gibt. Ihrer Bitte habe ich entsprochen und um Gottes Hilfe und Beistand gebetet, damit er mich vor Fehlern und Versehen bewahre. „Er hat ja die Macht zu allem, was er will, und ihm geziemt die Erhörung.“

    […]

    Wisse, daß die gleichnishafte Liebe drei Stufen hat. Zuerst ist es so: Der Liebende denkt den ganzen Tag an den Geliebten, er hält sich in der Nähe der Gasse des Geliebten auf, er macht das Haus des Geliebten zu seiner Gebetsrichtung, den ganzen Tag umwandert er das Haus des Geliebten und schaut auf die Tür und die Wand des Geliebten in der Hoffnung, die Schönheit des Geliebten von ferne sehen zu können, damit durch den Anblick des Geliebten eine Erquickung zu seinem verwundeten Herzen gelange und zum Balsam der Wunden seines Herzens werde.

    In der Mitte ist es so: Er kann den Anblick des Geliebten nicht mehr ertragen. Wenn er den Geliebten sieht, so kommt Zittern über seine Glieder, er bringt kein Wort heraus, und es ist zu fürchten, daß er umfällt oder ohnmächtig wird. Derwisch! Die Liebe ist ein Feuer, das den Liebenden erfaßt. […] Die Flamme dieses Feuers erreicht alle Glieder, und allmählich verbrennt sie das Innere des Liebenden und macht es blank und sauber, bis schließlich das Herz des Liebenden so zart und fein wird, daß es den Anblick des Geliebten vor lauter Zartheit und Feinheit nicht mehr ertragen kann und zu befürchten ist, daß es durch die Enthüllung des Geliebten vernichtet wird. […]

    Am Ende ist es so: Die Schönheit des Geliebten findet das Herz des Liebenden von allem anderen als ihr leer. Sie nimmt das ganze Herz des Liebenden in Beschlag, so daß nichts anderes mehr Zugang hat. Dann sieht der Liebende sich selber nicht mehr. Alles sieht er als den Geliebten an. […] Ist aber der Liebende vom Kummer des Fernseins frei geworden und ist der Trennungsschmerz nicht mehr da, dann hat er sich an die Schönheit des Geliebten gewöhnt und ist kühn geworden und hat die Furcht abgelegt. […] Auf diesem Standplatz geschieht es, daß das Suchen aufhört und Trennung und Vereinigung nicht mehr bleiben und Furcht und Hoffnung und Beklommenheit und Beglückung in die Flucht geschlagen werden.

  25. Gravatar Icon 25 Hirschfeld 03. Januar 2007 um 10:26 Uhr

    Gibt es denn irgendeinen empirischen Beleg für diese abstruse Theorie, dass Sexualität „ein abdruck gesellschaftlicher normen und medizinischer kategorisierungen“ ist?

    Das ist alles ziemlicher Quatsch, Sexualität ist ohne Fortpflanzung überhaupt nicht denkbar. Das die menschlichen Geschlechtsorgane nicht nur zur Zeugung von Kindern sondern auch zur Onanie bzw. Zu homosexuellem Verkehr dienen können, ändert daran nichts, immerhin ist die menschliche Gattung trotzdem nicht ausgestorben. Die Evolution bringt nun mal auch „bad design“ hervor, sprich Organe die nicht zu 100% funktionsgerecht sind, es gibt da noch sehr viele andere.

    Übrigens zeigten auch die alten Griechen ihre Kinder mit ihren Frauen und nicht mit den hübschen knaben, zu denen sie sich so hingezogen fühlten.

  26. Gravatar Icon 26 lysis 05. Januar 2007 um 0:34 Uhr

    [quote comment=“9740″]Gibt es denn irgendeinen empirischen Beleg für diese abstruse Theorie, dass Sexualität „ein abdruck gesellschaftlicher normen und medizinischer kategorisierungen“ ist?[/quote]
    Ja, natürlich, es gibt ja genug soziologische und historische Studien zu Änderungen des „Sexualverhaltens“. Ich verweise nur mal auf den Rückgang gleichgeschlechtlicher sexueller Erfahrungen unter männlichen Jugendlichen von 18 auf zwei Prozent allein zwischen 1969 und 1989. Das sind Phänomene, die erstmal zu erklären sind, und die Biologie kann dazu überhaupt nichts beitragen. Oder hat es während dieser Zeit etwa eine Gen-Drift gegeben?

    Das ist alles ziemlicher Quatsch, Sexualität ist ohne Fortpflanzung überhaupt nicht denkbar.

    *lol* Das sind immer die schönsten Momente, wenn jemand kommt und sagt: „Das ist alles ziemlicher Quatsch“, um dann selbst mit dem allergrößten Unsinn aufzuwarten. Bumsen ist ohne Fortpflanzung sehr wohl denkbar. Und mittlerweile auch Fortpflanzung ohne Bumsen. Wow, das ist so evident, dass ich es nicht mal für nötig halte, es zu begründen! Was sagst du jetzt?

  27. Gravatar Icon 27 lysis 05. Januar 2007 um 1:29 Uhr

    [quote comment=“9740″]Die Evolution bringt nun mal auch „bad design“ hervor, sprich Organe die nicht zu 100% funktionsgerecht sind, es gibt da noch sehr viele andere.[/quote]
    Nur dummerweise beruht auf diesem „bad design“, dem funktionalen Exzess der Organe über ihren natürlichen „Zweck“ hinaus, die ganze Schönheit der menschlichen Existenz. Dass man mit dem Gehirn nicht nur das Überleben des Organismus sichern, sondern auch Widernatürliches wie Kunst und Musik erschaffen kann — nichts anderes ist es, was dem Dasein Wert verleiht. Ansonsten ließe sich sagen, dass der Mensch den ontologischen Status eines Staubsaugers hat: bloßes Dasein für anderes. Das wirst du nie begreifen, solange du dich auf den faschistischen Standpunkt der Natur stellst und die sinnlose Tatsache der Reproduktion für den eigentlichen Zweck des Menschen erklärst. Als ob die Natur Zwecke hätte!

    Im Übrigen: warum nennst du dich eigentlich nach einem bekannten deutschen Erbhygieniker? Willst du den Auslesegedanken als Prinzip der Politik wieder hoffähig machen?

  28. Gravatar Icon 28 Hirschfeld 05. Januar 2007 um 16:17 Uhr

    „Ja, natürlich, es gibt ja genug soziologische und historische Studien zu Änderungen des “Sexualverhaltens”. Ich verweise nur mal auf den Rückgang gleichgeschlechtlicher sexueller Erfahrungen unter männlichen Jugendlichen von 18 auf zwei Prozent allein zwischen 1969 und 1989. Das sind Phänomene, die erstmal zu erklären sind, und die Biologie kann dazu überhaupt nichts beitragen. Oder hat es während dieser Zeit etwa eine Gen-Drift gegeben?“

    Was denn, und das belegt, dass Sexualität nicht angeboren und nur Ausdruck gesellschaftlicher Normen ist? Das ist eine rein soziologische Frage, die als allererstes die physische Existenz von sexuell aktiven Menschen voraussetzt. Oder betrachtest du die physische Existenz von Menschen auch als Ergebnis sozialer Prozesse? Das ist ja geradezu absurd. Vielleicht solltest du dich mal ein bisschen über Biologie informieren, bevor du dich über Sexualität auslässt und nicht immer nur diese postmodernen Feuilleton-Philosophen lesen.

    „Bumsen ist ohne Fortpflanzung sehr wohl denkbar. Und mittlerweile auch Fortpflanzung ohne Bumsen. Wow, das ist so evident, dass ich es nicht mal für nötig halte, es zu begründen! Was sagst du jetzt? „

    Das du doof Bist. Was glaubst du, warum Menschen die Fähigkeit haben, zu bumsen?

    „Nur dummerweise beruht auf diesem “bad design”, dem funktionalen Exzess der Organe über ihren natürlichen “Zweck” hinaus, die ganze Schönheit der menschlichen Existenz. Dass man mit dem Gehirn nicht nur das Überleben des Organismus sichern, sondern auch Widernatürliches wie Kunst und Musik erschaffen kann — nichts anderes ist es, was dem Dasein Wert verleiht.“

    Bestreite ich nicht, aber das ändert nichts daran, dass die Ohren zum Hören da sind und die Augen zum Sehen. Beide warnen uns. Z.B. vor Gefahren und sichern das Überleben, aber man kann sie auch zum Musikhören und Filme schauen benutzen. Für die Geschlechtsorgane und ihre Funktion der Fortpflanzung gilt grundsätzlich nichts anderes.

    „Ansonsten ließe sich sagen, dass der Mensch den ontologischen Status eines Staubsaugers hat: bloßes Dasein für anderes. Das wirst du nie begreifen, solange du dich auf den faschistischen Standpunkt der Natur stellst und die sinnlose Tatsache der Reproduktion für den eigentlichen Zweck des Menschen erklärst. Als ob die Natur Zwecke hätte!“

    Und wir Menschen sind keine Teile der Natur? Was soll denn das für ein „Zwecke des Menschen sein, die Verwirklichung des göttlichen Willens oder was?

    Übrigens waren es Faschisten, die nicht an so was wie die menschliche Natur geglaubt haben und meinten, einen neuen Menschen schaffen zu können; die Folgen sind bekannt.

    „Im Übrigen: warum nennst du dich eigentlich nach einem bekannten deutschen Erbhygieniker? Willst du den Auslesegedanken als Prinzip der Politik wieder hoffähig machen? „

    Woher weißt du denn, dass ich nicht so heiße? Ich hätte mich ja auch ABC oder 123 nennen können.

    Schau mal hier rein, nur mal als kleine Anregung zur Erweiterung des Horizontes:

    http://pinker.wjh.harvard.edu/articles/papers/The_Blank_Slate_General_Psychologist.pdf

  29. Gravatar Icon 29 bigmouth 05. Januar 2007 um 16:51 Uhr

    hirschfeld, schau dir doch einfach mal sexualität im tierreich an – die ist viel weniger eindeutig heterosexuell, als du annimmst. bonobos zB. das ist der angebliche „zweck“ sexualität offenkundig gar nicht so wichtig

    und wieso sollte man sich irgendwelchen zwecken in der natur unterordnen?

    wie Richard Dawkins es ausdrückt

    „We, that is our brains, are separate and independent enough from our genes to rebel against them. As already noted, we do so in a small way every time we use contraception. There is no reason why we should noy rebel in a large way, too.
    (Richard Dawkins, The Selfish Gene 1989)“

    hast du vor, 25 kinder zu zeugen, um deinen genpool möglichst weit zu verbreiten? wenn nein, warum nicht?

    sexualität hat offenbar auch biologische komponenten. wie groß und entscheidend die ausfallen, wissen wir schlicht und ergreifend noch nicht. und es gibt ziemlich viele indizien, gerade historischer art, die menschliche sexualität als extrem kulturell plastisch erscheinen lassen

    @lysis: „faschistischer standpunkt der natur“ ist aber auch bloss drolliger unsinn. natürliche auslese fördert genau so soziales verhalten und selbstlosigkeit. und sie leist auch nicht den „stärksten“, sondern den best angepasstesten aus – und das kann je nach umwelt ganz unterscheidliches bedeuten

  30. Gravatar Icon 30 bigmouth 05. Januar 2007 um 17:09 Uhr
  31. Gravatar Icon 31 lysis 05. Januar 2007 um 22:00 Uhr

    [quote comment=“9830″]Was denn, und das belegt, dass Sexualität nicht angeboren und nur Ausdruck gesellschaftlicher Normen ist? Das ist eine rein soziologische Frage, die als allererstes die physische Existenz von sexuell aktiven Menschen voraussetzt. Oder betrachtest du die physische Existenz von Menschen auch als Ergebnis sozialer Prozesse? Das ist ja geradezu absurd. Vielleicht solltest du dich mal ein bisschen über Biologie informieren, bevor du dich über Sexualität auslässt und nicht immer nur diese postmodernen Feuilleton-Philosophen lesen.[/quote]

    Das Problem ist, dass du nicht weißt, wovon du sprichst, da du einen solchen vagen Terminus wie den der „Sexualität“ gebrauchst. Stell dir doch erstmal die Frage, warum dieser Begriff vor dem 19. Jahrhundert nicht existierte, warum er nicht notwendig war! Ganz einfach, weil er überhaupt nichts Reales beschreibt. Real sind Gefühle wie Liebe, Handlungen wie der Koitus oder die Masturbation, anatomische Gegenstände wie der Penis oder die Vagina. Aber Sexualität, was soll das sein?

    Die Antwort von Foucault darauf ist ganz einfach: Sexualität ist kein beobachtbarer Gegenstand, so wie dein Penis einer wäre, es ist ein Wissenszweig, ein Klassifikationssystem, eine taxonomische Ordnung der Körper, die im 19. Jahrhundert entstanden ist, als der Staat anfing, Biopolitik zu betreiben und die generative Reproduktion der Bevölkerung nicht mehr dem blinden Zufall zu überlassen. Sexualität bezeichnet daher alle Wissensgegegenstände, die mit der Fortpflanzung des Volkskörpers in Verbindung stehen.

    Aus dieser politischen Situierung des Sexualitätsdispositivs wird deutlich, warum dieser Begriff bis zum 19. Jahrhundert nicht existierte und warum niemand ihn vermissen konnte: weil die Konstruktion von „Sexualität“ als eine Art Reproduktionsökonomie der menschlichen Gattung (auf Tiere wurde der Begriff der Sexualität erst sehr viel später übertragen) an ein bestimmtes Erkenntnisinteresse geknüpft ist. „Power engenders knowledge“, wie Foucault sagen würde.

    David Halperin führt diesen Gedanken näher aus:

    Of course, if we are to believe Foucault, there are basic historical and cultural factors that prohibit the easy application of the concept of homosexuality to persons living in premodern societies. For homosexuality presupposes sexuality: It implies the existence of a separate, sexual domain within the larger filed of man’s psychophysical nature and it requires the conceptual demarcation and isolation of that domain from other, more traditional, territories of personal and social life that cut across it, such as carnality, venery, libertinism, virility, passion, amorousness, eroticism, intimacy, love, affection, appetite, and desire — to name but a few. The invention of homosexuality therefore had to await, in the first place, the eighteenth-century discovery and definition of sexuality as the total ensemble of physiological and psychological mechanisms governing the individual’s genital functions and the concomitant identification of that ensemble with a specially developed part of the brain and the nervous system; it had also to await, in the second place, the early-nineteenth-century interpretation of sexuality as a singular „instinct“ or „drive,“ a mute force that shapes our conscious life according to its own unassailable logic and thereby determines, at least in part, the character and personality of each of us.

    Before the scientific construction of „sexuality“ as a positive, distinct, and constitutive feature of individual human beings — an autonomous system within the physiological and psychological economy of the human organism — a person’s sexual acts could be individually evaluated and categorized, but there was no conceptual apparatus available for identifying a person’s fixed and determinate sexual orientation, much less for assessing and classifying it. That human beings differ, often markedly, from one another in their sexual tastes in a great variety of ways (of which the liking for a sexual partner of a specific sex is only one, and not necessarily the most significant one) is an unexceptionable and, indeed, an ancient observation; but it is not immediately evident that differences in sexual preference are by their very nature more revealing about the temperament of individual human beings, more significant determinants of personal identity, than, for example, differences in dietary preference.

    And yet, it would never occur to us to refer a person’s dietary object-choice to some innate, characterological disposition or to see in his or her strongly expressed and even unvarying preference for the white meat of chicken the symptom of a profound psychophysical orientation, leading us to identify him or her in contexts quite removed from that of the eating of food as, say, a „pectoriphage“ or a „stethovore“ (to continue the practice of combining Greek and Latin roots); nor would we be likely to inquire further, making nicer discriminations according to whether an individual’s predilection for chicken breasts expressed itself in a tendency to eat them quickly or slowly, seldom or often, alone or in company, under normal cirumstances or only in periods of great stress, with a clear or a guilty conscience („ego-dystonic pectoriphagia“), beginning in earliest childhood or originating with a gastronomic trauma suffered in adolescence. If such questions did occur to us, moreover, I very much doubt whether we would turn to the academic disciplines of anatomy, neurology, clinical psychology, or genetics in the hope of obtaining a clear causal solution to them. That is because (1) we regard the liking for certain foods as a matter of taste; (2) we currently lack a theory of taste; and (3) in the absence of a theory we do not normally subject our behavior to intense scientific or etiological scrutiny.

    In the same way, it never occurred to premodern cultures to ascribe a person’s sexual tastes to some positive, structural, or constitutive feature of his or her personality. Just as we tend to assume that human beings are not individuated at the level of dietary preference and that we all, despite many pronounced and frankly acknowledged differences from one another in dietary habits, share the same fundamental set of alimentary appetites, and hence the same „dieticity“ or „edility,“ so most premodern and non-Western cultures, despite an awareness of the range of possible variations in human sexual behavior, refuse to individuate human beings at the level of sexual preference and assume, instead, that we all share the same fundamental set of sexual appetites, the same „sexuality.“ For most of the world’s inhabitants, in other words, „sexuality“ is no more a fact of life than „dieticity.“ Far from being a necessary or intrinsic constituent of the eternal grammar of human subjectivity, „sexuality“ seems to be a uniquely modern, Westen, even bourgeois production — one of those cultural fictions that in every society give human beings access to themselves as meaningful actors in their world, and that are thereby objectivated.

    Aus: David Halperin, Sex Before Sexuality: Pederasty, Politics, and Power in Classical Athens. In: Martin Duberman u.a. (Hrsg.), Hidden from History: Reclaiming the Gay & Lesbian Past. New York u.a. 1989. S. 41 f.

    Kurz, „Sexualität“ ist nichts Wirkliches, es ist eine theoretische Abstraktion, genauso wie „Edilität“ (v. lat. edere, „essen“) es wäre, wenn es diesen Begriff denn wirklich gäbe und er nicht bloß eine ingeniöse Erfindung von David Halperin wäre, um gegen die „Postmoderne“ polternde Dummköpfe wie dich zum Nachdenken zu bringen.

  32. Gravatar Icon 32 lysis 05. Januar 2007 um 22:22 Uhr

    Zu sagen, dass „Sexualität“ angeboren ist, ist etwa so idiotisch, wie wenn jemand behaupten würde, dass „Edilität“ angeboren ist. „Schließlich haben wir doch alle Münder, um Edilität zu praktizieren. Wie kann man da Edilität nur für eine wissenschaftliche Erfindung halten?“ =))

  33. Gravatar Icon 33 bigmouth 05. Januar 2007 um 23:59 Uhr

    na ja, aber ernährungswissenschaften als disziplin gibt es, es gibt ziemlich viele bücher, die sich damit beschäftigen, kochbücher (die parallelen zu pronographie sind teilweise ganz witzig), usw usf

  34. Gravatar Icon 34 lysis 06. Januar 2007 um 0:17 Uhr

    ja, aber es gibt nicht die vorstellung von „edilität“ als einer prädiskursiven essenz, die jedem „edilen“ akt als sein prinzip logisch vorausgesetzt ist.

    es würde sich völlig bescheuert anhören, wenn jemand sagte, essen sei „praktizierung von edilität“. aber wenn man „essen“ durch „ficken“ und „edilität“ durch „sexualität“ ersetzt, findet das auf einmal keiner mehr komisch.

    ich allerdings schon! :d

  35. Gravatar Icon 35 bigmouth 06. Januar 2007 um 1:19 Uhr

    hehe, ich versuche mir gerade leute vorzustellen, die in interviews sagen

    “schon mit 5 wusste ich, dass ich anders war, und fühlte mich statt zu pommes zu spinat hingezogen…”

    aber eventuell existiert so was ja wirklich, und es wird nur nich bemerkt, weil dem keineR bedeutung beimisst

    man könnte ja tests machen, wo man leuten essen zeigt, und den speichelfluss misst… ob leute da auch ihren appetit unterdrücken?

  36. Gravatar Icon 36 lysis 06. Januar 2007 um 1:37 Uhr

    [quote comment=“9830″]Bestreite ich nicht, aber das ändert nichts daran, dass die Ohren zum Hören da sind und die Augen zum Sehen.[/quote]
    Und die Mäuler zum Essen. Heißt das nicht, dass Sprechen widernatürlich ist? Können Tiere etwa sprechen?

    Nein, der Zweck des Mauls ist selbstverständlich die Edilität. Ohne Edilität würden Mäuler gar nicht existieren. Sprechen ist eine Folge des „bad designs“, das sich die Natur erlaubt hat. Deswegen ist Essen dem Sprechen eindeutig vorzuziehen. Am besten man schweigt, um das Maul nicht länger auf so widernatürliche Weise zu missbrauchen! :D

    [quote]Und wir Menschen sind keine Teile der Natur?[/quote]
    Nein, ich bin nicht Teil der Natur. Mein Körper ist es, aber „ich“ — derjenige, der „ich“ sagen kann — ist es gewiss nicht mehr. Es sei denn, du willst behaupten, dass Platons Philosophie von der Natur vorausgedacht, Beethovens Stücke von der Natur vorkomponiert und das Kapital von Karl Marx von der Evolution verfasst wurde.

    [quote]Übrigens waren es Faschisten, die nicht an so was wie die menschliche Natur geglaubt haben und meinten, einen neuen Menschen schaffen zu können; die Folgen sind bekannt.[/quote]
    Hast du für diese steile These einen Beleg? Schließlich wird der Nationalsozialismus gängigerweise als eine „biologische Weltanschauung“ aufgefasst, die den Menschen wieder auf reine Natur, d.h. auf „Rasse“ und den sozialdarwinistischen „Kampf ums Dasein“, zu verpflichten suchte. Ich mache mir jetzt allerdings nicht die Mühe, alle gängige Zitate herauszusuchen, in denen sich die Nazis auf vermeintliche „Prinzipien der Natur“ beriefen, um ihre Politik zu rechtfertigen („natürliche Auslese“, „Recht des Stärkeren“ usw.). Ich denke, das gehört zur Allgemeinbildung.

  37. Gravatar Icon 37 lysis 06. Januar 2007 um 2:01 Uhr

    [quote]man könnte ja tests machen, wo man leuten essen zeigt, und den speichelfluss misst… ob leute da auch ihren appetit unterdrücken?[/quote]
    ja, ich denke auch, dass die seit jahrhunderten unterdrückte menschliche edilität endlich befreit und zu ihrer wahren bestimmung geführt werden müsste! :D

  38. Gravatar Icon 38 Hirschfeld 09. Januar 2007 um 11:38 Uhr

    „Die Antwort von Foucault darauf ist ganz einfach: Sexualität ist kein beobachtbarer Gegenstand, so wie dein Penis einer wäre, es ist ein Wissenszweig, ein Klassifikationssystem, eine taxonomische Ordnung der Körper, die im 19. Jahrhundert entstanden ist, als der Staat anfing, Biopolitik zu betreiben und die generative Reproduktion der Bevölkerung nicht mehr dem blinden Zufall zu überlassen. Sexualität bezeichnet daher alle Wissensgegegenstände, die mit der Fortpflanzung des Volkskörpers in Verbindung stehen.“

    Willst du ernsthaft behaupten, die mit dem Begriff Sexualität bezeichneten Phänomene hätten vor dem 19. Jhdt. nicht existiert? Kann ich mir nicht vorstellen.
    Du musst dir mal klar machen, dass es eine Realität außerhalb deines Kopfes gibt, die sich nicht danach richtet, was du denkst (oder was Michel Foucault denkt). Diese Realität funktioniert nach eigenen Gesetzen, und sie tat das schon lange bevor es überhaupt Menschen gab, die irgendwas klassifizieren konnten. Du bist ein Teil dieser Realität (du bist dein Körper) und unterliegst den gleichen Gesetzen wie alle anderen existierenden Dinge. Schon lange bevor du das erste mal Mama gesagt hast, liefen in dir eine ganze Menge biologische Programme ab, und sie tun das weiter. Die menschliche Sprechfähigkeit z.B., die Voraussetzung für irgendwelche Diskurse; ist durchaus angeboren. Es gibt eine allen Sprachen zugrunde liegende Urgrammatik, die genetisch festgelegt ist, das ist zumindest der aktuelle Stand linguistischer Forschung.
    Das das, was du in erlebt gelernt hast, auch Einfluss darauf hat, wer und wie du heute bist, ist klar, aber, das kann alles nur die biologische Basis formen. Zumindest sind die allumfassenden Verdächtigungen von Herrn Foucault unhaltbar.

    Überhaupt ist das ein höchst unorigineller Denker; „alles ist nur Wille zur Macht“ hat Nietzsche schon 1880 geschrieben, und im Grunde paraphrasiert Foucault das nur immer und immer wieder. Er hat allerdings nicht die Ehrlichkeit Nietzsches, daraus die Konsequenz zu ziehen, dass es dann eigentlich egal ist, welcher Wille sich durchsetzt, denn sie sind ja letzten Endes alle gleichwertig. Welchen man vorzieht ist dann Sache persönlicher Vorlieben, wie Foucault z.B. den Ayatollah Khomeini und seine Islamische Revolution toll fand, s. hier:

    http://jeffweintraub.blogspot.com/2004/07/foucaults-enthusiasm-for-khomeini.html

    Das ist eben die Konsequenz dieser relativistischen Theorien. Sie kommen allerdings denen gelegen, die es lieben, alle, die andere Auffassungen vertreten, mit Vokabeln wie Faschismus und Rassismus zu belegen.

  39. Gravatar Icon 39 lysis 10. Januar 2007 um 20:58 Uhr

    Willst du ernsthaft behaupten, die mit dem Begriff Sexualität bezeichneten Phänomene hätten vor dem 19. Jhdt. nicht existiert? Kann ich mir nicht vorstellen.

    Wer hat das denn behauptet? Ich versteh gar nicht, wie man das, was ich geschrieben habe, missverstehen kann, da ich es doch klar und deutlich formuliert habe. Nochmal zum Mitschreiben: wenn ein Klassifikationssystem eine historische Tatsache ist, dann heißt das nicht, dass sämtliche klassifizierten Gegenstände es ebenso sind. Die Verschmelzung von Ei- und Samenzelle ist kein kultureller Vorgang, aber so einen Blödsinn hat auch niemand behauptet. Hier rächt sich das Unvermögen von Essentialisten wie dir, zwischen Begriff und Gegenstand zu unterscheiden bzw. einzusehen, dass der Begriff den Gegenstand nicht à la Lenin „widerspiegelt“, sondern ihn à la Kant „konstituiert“. Das heißt nicht, dass das „Ding an sich“ vom Begriff hervorgebracht wird, aber das „Ding für uns“, d.h. die Art und Weise, wie sich das Ding uns darstellt. Die begrifflichen Grenzen, die wir zwischen unterschiedlichen Gegenständen ziehen, und die Ordnungen, in die wir sie einfügen, sind nicht „natürlich“, sie sind historische Produkte unseres Erkenntnisvermögens. Das hat mit Pomo überhaupt nichts zu tun, es sei denn, du willst Kant zu einem postmodernen Philosophen erklären!

    Man sieht das ja immer wieder, dass der Angriff auf Pomo in Wirklichkeit ein Angriff auf Kant und die neuzeitliche Subjektphilosophie ist, d.h. der Versuch, in das onto-theologische Denken des Mittelalters zurückzugleiten.

    Du musst dir mal klar machen, dass es eine Realität außerhalb deines Kopfes gibt, die sich nicht danach richtet, was du denkst (oder was Michel Foucault denkt).

    Ich brauch mir das nicht klar zu machen, weil ich mir darüber vollstens im Klaren bin. Nur bestreite ich rigoros, dass „Sexualität“ ein in der Realität (von lat. res, „Ding“) vorfindlicher Gegenstand ist. Sexualität ist eine Universalie, d.h. ein Allgemeinbegriff. Und die gesamte Aufklärung beginnt mit der Erkenntnis, dass Universalien keine Realien sind. Wer dahinter zurückfällt, der muss zurück auf LOS, d.h. ins europäische Mittelalter.

    Diese Realität funktioniert nach eigenen Gesetzen, und sie tat das schon lange bevor es überhaupt Menschen gab, die irgendwas klassifizieren konnten. Du bist ein Teil dieser Realität (du bist dein Körper) und unterliegst den gleichen Gesetzen wie alle anderen existierenden Dinge. Schon lange bevor du das erste mal Mama gesagt hast, liefen in dir eine ganze Menge biologische Programme ab, und sie tun das weiter.

    Merkst du gar nicht, dass du nur in Metaphern redest? Wenn du sagst, die Realität folge „Gesetzen“, dann nimmst du ein juridisches Modell, um dir die Natur vorzustellen. Wenn du sagst, es „liefen Programme ab“, nimmst du ein informatisches Modell. Leute, die behaupten, „Sexualität“ fuße auf einem „Trieb“, benutzen entweder ein thermodynamisches Modell (Freuds Theorie der „Energieerhaltung“) oder, wenn sie das ganze noch um die berühmten „Ventile“ ergänzen, ein Metapherngerüst aus der Ära der Dampfmaschinen.

    Diese Metaphern sind nicht gleichgültig, sie bestimmen die Art, wie über den Gegenstand gedacht wird. Wer Sexualität als Trieb oder Programm fasst, für den ist Ficken gar keine Handlung mehr, sondern ein „Ablauf“ oder eine periodische „Druckentlastung“. Das Interessante an diesen Modellen ist zum Beispiel, dass sie das handelnde Subjekt komplett durchstreichen und daher bestreiten, dass sexuelle Handlungen in Sinnzusammenhänge eingebettet sind. Die Folge ist ein Biologismus, wie du ihn vertrittst: für solche Leute gibt es keine „Geschichte der Sexualität“ mehr, weil es sich eh bloß um natürliche Programmabläufe handelt, die sich hinter dem Rücken der Handelnden durchsetzen.

    Es gibt eine allen Sprachen zugrunde liegende Urgrammatik, die genetisch festgelegt ist, das ist zumindest der aktuelle Stand linguistischer Forschung.

    Unsinn! Das ist lediglich die abgedrehte Behauptung von Noam Chomsky. Angeboren ist die Fähigkeit zur syntaktischen Regelbildung, was aber nicht heißt, dass es eine „Urgrammatik“ gäbe. Wie soll denn diese Urgrammatik ausschauen? Eher so wie das Chinesische oder eher so wie das Arabische?

    Überhaupt ist das ein höchst unorigineller Denker; „alles ist nur Wille zur Macht“ hat Nietzsche schon 1880 geschrieben, und im Grunde paraphrasiert Foucault das nur immer und immer wieder.

    Entschuldige, aber bei Sachen, von denen man keine Ahnung hat, sollte man lieber den Mund halten. Foucault spricht nirgends von einem „Willen zur Macht“, aber er gibt einem seiner Bücher in Anlehnung an Nietzsche den Titel „Der Wille zum Wissen“. Über das komplexe Verhältnis Foucaults zu Nietzsche (das mich persönlich auch nicht besonders interessiert, weil ich kein Philologe bin) hast du in Wirklichkeit nicht den leisesten Schimmer. Deswegen lässt du auch nur ein paar Stichwörter fallen, nach dem Motto: „es wird schon was hängen bleiben, und meine Absicht ist es eh nicht, das zu verstehen, sondern ihn zu denunzieren, weil ich ja weiß, wie unbeliebt Nietzsche in der Linken ist“. Tatsächlich setzt sich Foucault nirgends immanent mit der Philosophie Nietzsches auseinander, was das Verhältnis letztlich unrekonstruierbar macht, aber es ist offenkundig, dass er sich von einzelnen seiner Begriffe, wie etwa dem der „Genealogie“, hat inspirieren lassen, um sie in neuen Zusammenhängen zu verwenden, die mit dem Denken Nietzsches überhaupt nichts mehr zu tun haben.

    Im Übrigen, wenn du sagst, Foucault sei „unoriginell“, so ist das genaue Gegenteil richtig. Foucault hat sich weit weniger als jeder andere in bestehende Denkzusammenhänge eingegliedert. Anders als z.B. Horkheimer und Adorno hat er seine Begriffe nicht der philosophischen Tradition entnommen, sondern sie aus seiner Arbeit am Gegenstand heraus entwickelt. Oder wie Ulrich Johannes Schneider es ausdrückt: „Foucault hat immer die Arbeit zwischen die Begriffe und die Realität geschoben. Er hat alles, was wir wissen und denken, noch mal versucht neu aufzurollen, indem er einen Teil dessen, worüber sich unsere Begriffe errichtet haben und woran sie stabil gemessen werden konnten, noch einmal aufgegraben hat. “

    Ihm vorzuhalten, dass er von Nietzsche Begriffe wie „Genealogie“ übernommen hat, ist etwa so sinnvoll, wie Horkheimer und Adorno vorzuwerfen, dass sie bei Hegel den Begriff der „Dialektik“ geklaut hätten. Das ist einfach der stumpfsinnigste Vorwurf, den man sich bezogen auf einen Geisteswissenschaftler denken kann.

    Er hat allerdings nicht die Ehrlichkeit Nietzsches, daraus die Konsequenz zu ziehen, dass es dann eigentlich egal ist, welcher Wille sich durchsetzt, denn sie sind ja letzten Endes alle gleichwertig. Welchen man vorzieht ist dann Sache persönlicher Vorlieben, wie Foucault z.B. den Ayatollah Khomeini und seine Islamische Revolution toll fand

    Erstens ist „Wille“ überhaupt keine theoretische Kategorie in Foucaults Werk, und zweitens ist die Anspielung auf Foucaults verfehltes journalistisches Engagement während der iranischen Revolution einfach nur ein dümmlicher Denunziationsversuch. Clemens Nachtmann hat dazu am Beispiel Agnolis eigentlich alles Nötige gesagt:

    Dieses Vorgehen ist vor allem Inhalt nichts weiter als übelstes Denun­ziantentum. Dass aus der Gesinnung oder dem Verhalten einer Person deren intellektuelles Werk nicht beurteilt werden kann, sollte eigentlich zu den selbst­verständlichen Grundlagen intellektueller Redlichkeit zählen. Entweder es gelingt der immanente Nachweis, dass eine Philosophie, eine Theorie etc. ihrer inneren Zusammensetzung nach etwa faschistisch sei — dann sind Person und Werk deckungsgleich wie etwa bei Heidegger; oder dieser Nachweis gelingt nicht — dann klafft beides auseinander, und man hat sich irgendwelcher Andeutungen über Wirkungen der Person auf das Werk zu enthalten.

    Weiter schreibst du:

    Das ist eben die Konsequenz dieser relativistischen Theorien.

    Führ das doch mal näher aus! Das sind doch alberne Retortenvorwürfen. Wo hätte ich denn zum Beispiel in diesem Thread irgendetwas relativiert? Und wo tut es Foucault?

  40. Gravatar Icon 40 Fritz 13. Januar 2007 um 16:19 Uhr

    Foucault ist sicher einer der meistüberschätzten Theoretiker unserer Zeit.

    http://home.cfl.rr.com/mpresley1/paglia.html

  41. Gravatar Icon 41 lysis 13. Januar 2007 um 20:50 Uhr

    Und das belegst du ausgerechnet mit Camille Paglia, einer rechten Antifeministin? *lol*

  42. Gravatar Icon 42 Hirschfeld 16. Januar 2007 um 9:40 Uhr

    Lysis, die Frage ist doch: Welche Bedeutung hat die außer- bzw. vorsprachliche Realität, deren Existenz du ja offensichtlich nicht bestreitest? Ist sie eine amorphe Masse, die Menschen beliebig nach ihren Machtinteressen ordnen und formen können? Oder sind nicht vielmehr auch wir ein Teil dieser Realität, die ihrerseits die Menschen hervorgebracht und geformt hat? Sprich: wird die Realität durch Belegung mit Begriffen und Kategorisierung erst hervorgebracht? Das ist ein in sich absurder Gedanke, denn Begriffe und Gedanken gibt es nur in Subjekten, die sich ja wohl kaum selber hervorbringen können (es ei denn, man geht von einer religiösen Basis irgendwelcher Art aus).

    Der Ethnologe Donald E. Brown hat eine Liste von mehr als 100 Verhaltensweisen zusammengestellt, die in ALLEN menschlichen Kulturen zu finden sind, darunter so spezifische wie Ehe, Arbeitsteilung nach Alter und Geschlecht, größere Aggressivität der Männer, Traumdeutung, Eifersucht usw. usw., s. hier:

    http://condor.depaul.edu/~mfiddler/hyphen/humunivers.htm

    Offenbar gibt es einen Grundbestand von menschlichen Verhaltensweisen, der nicht oder nur begrenzt diskursiv überformbar ist (und wie es aussieht biologisch verwurzelt ist, ob man das nun als Biologismus bezeichnet oder nicht). Uns selbstverständlich setzt sich die Natur „hinter dem Rücken der Handelnden“ durch. Jeden Abend wenn du schlafen gehst, setzt sich die Natur gegen deine Subjektivität und gegen alle Diskurse, in die du grade verwickelt bist durch. Und in absehbarer Zeit wirst du ganz in die Natur zurückgenommen, ob du das möchtest oder nicht.

    Vielleicht schaust du dir mal das Buch von Janet Afary (Foucault and the Iranian Revolution, UCP, 2005) an, wenn man sich so sehr für diesen Autor interessiert wie du müsste man das eigentlich schon längst getan haben. Darin finden sich englische Übersetzungen aller Artikel, die Foucault über den Iran geschrieben hat, sowie die Reaktionen von Exiliranerinnen und Feministinnen wie Simone de Beauvoir und Germaine Greer. Afary ist Iranerin und hat auch mit Leuten gesprochen, die Foucault im Iran getroffen haben, und sie zitiert ausgiebig aus persischen Quellen. Da das Buch vielleicht nicht so ohne weitere Verfügbar ist, bringe ich selber mal ein paar Zitate:

    „Nancy Fraser enters this debate by pointing to multiple ambiguities in Foucault’s concept of power. Foucault stressed that power permeates everything, that „power-free cultures, social practices, and knowledges are in principle impossible.“ He also claimed that his own description of modern power was „normatively neutral.“ However, Foucault’s descriptions of the modern power/knowledge axis are filled with phrases such as „domination“ and „subjugation“ (Fraser 1989, 29). Even when one agrees that all cultural practices involve power relations, Fraser sees some serious problems in Foucault’s conceptualization of power: „lt doesn‘t follow that all forms of power are normatively equivalent, or that any social practices are as good as any others. Indeed, it is essential to Foucault’s own project that he is able to distinguish better from worse sets of practices and forms of constraint. But this requires greater normative resources than he possesses“ (32). Fraser compares Foucault unfavourably to both Max Weber and Habermas. In contrast to Weber, Foucault did not make systematic distinctions among various forms of power such as „authority, force, violence, domination and legitimation.“ However, in the tradition of Nietzsche and the earlier Frankfurt School theorists Theodor Adorno and Max Horkheimer, Foucault critiqued Western rationality. This led him to a dead end, for two reasons, Fraser concludes. First, he proposed no criteria for distinguishing forms of power that dominate and subjugate from those that express emancipatory impulses. Second, he endorsed „a onesided, wholesale rejection of modernity,“ without suggesting anything to put in its place.“

    Das ist auch genau mein Punkt. Durch die Ontologisierung der Macht, die er von Nietzsche übernommen hat, wird Foucault unfähig, rational zwischen verschiedenen Typen von Machtausübung zu unterscheiden, und dann ist es letzten Endes eine Sache der persönlichen Vorliebe, ob man die westliche Demokratie der Herrschaft der Rechtsgelehrten vorzieht, oder nicht.

    „Surveying Foucault’s writings in the months up to Khomeini’s triumphal return on February 1, and comparing them to those of other French intellectuals at the time, we find that he had carved out a nearly unique and very problematic position for himself. Foucault realized that the movement against the Shah included many diverse elements, but found Khomeini’s ability to maintain the anti-shah focus remarkable. He also saw the possibility that the Islamist movement, through its use of modem means of communication, might develop a global reach. Finally, he celebrated the Islamist movement as a rejection of a European form of modernity. He hoped that what he called its –“insane“ transgressive discourse would fracture the boundaries of a „rational“ modernity. If this could happen, Foucault argued, the Iranian Revolution might become the harbinger of similar movements in both the East and the West. In this sense, he had no serious qualms about the way in which the Islamists had come to dominate the revolutionary movement, displacing the Marxist and nationalist Left.“

    Eben; die Bedeutungslosigkeit der heutigen Linken dürfte nicht zuletzt darauf zurück zu führen sein, dass sie sich diesen Postmodernen Irrationalismus zu eigen gemacht hat, den eigentlich ein Gymnasiast in der 12. Klasse durchschauen können müsste.

    Und zum Schluss noch ein Zitat eines persischen Schriftstellers, der mit Foucault bekannt war, übersetzt von J. Afary.

    „IBRAHIM NABAVI: What was the story about Michel Foucault in the early period of the revolution? I heard Michel Foucault suddenly sided with the Iranian Revolution and defended it, and that it was for this reason that he was ostracized in France. EHSAN NARAGHI: You know that Michel Foucault was a homosexual, and this issue had an important influence on his ideology and his thinking. Weil, I knew him from our days at the College de France. We
    were friends and went a long way back. About three or four months before the victory of the revolution-I do not remember if it was the first or the second time he had come to Iran-he called me one day and said he would like to speak with revolutionaries. I said, „Very well, come to my house tonight.“ He agreed but said he was not alone and would bring a young student who was his secretary. I understood what he meant, but I did not tell my wife,
    since she was sensitive about [homosexuals ). . . . Several devout Muslims came . . . and my wife [Angel Arabshaybani) was also in the meeting. Foucault was very curious and very sensitive about the issue [of homosexuality), and suddenly he asked, „What would the position of Islam and this future Islamic government be toward those we call minorities?“ My wife and the other two said, „In Islam, respect for minorities is required, and several religions
    such as Judaism, Christianity, and Zoroastrians may exist.“ They did not understand the meaning of Foucault‘ s question, although I immediately understood what he meant. Foucault said, „I mean the attitude toward those whom society calls abnormal and such other things. . .“ My wife realized what he was talking about. . . . She got up and brought a French translation of a Quranic verse, placed it in front of Michel Foucault, and said, „Execution!“ Foucault was dumb-founded. He was upset and left that night. This was the first denunciation he received from Islam, because until then he did not know Islam. He believed that Islam approved of homosexuality. I know from other sources that he insisted a great deal on justifying this issue. Two or three weeks after the revolution, when Khalkhali hanged several homosexuals, my wife said to me, „Give me the address of this friend of yours so I could tell him that that, idealistic society where you thought homosexuality would be approved, is this!”. She wanted to send him a newspaper clipping where an account of the execution of homosexuals was printed. (Nabavi 1999, 124-25)“

    Dem ist nichts hinzu zu fügen; man fragt sich nur, wie Foucault nach solchen Erlebnissen noch seine Jubelartikel über Khomeini schreiben konnte?

  43. Gravatar Icon 43 lysis 16. Januar 2007 um 20:42 Uhr

    darauf antworte ich heute nicht mehr ;)

  44. Gravatar Icon 44 Hirschfeld 17. Januar 2007 um 13:11 Uhr

    Immer mit der Ruhe.

  45. Gravatar Icon 45 antos 23. Januar 2007 um 21:50 Uhr

    Hallo Hirschfeld, danke für den Hinweis und die interessanten Zitate aus Frau Afarys Buch! Wo könnte man es beziehen?

  46. Gravatar Icon 46 lysis 24. Januar 2007 um 0:36 Uhr

    OK, dann muss ich jetzt doch mal was dazu schreiben:

    [quote comment=“10384″]Sprich: wird die Realität durch Belegung mit Begriffen und Kategorisierung erst hervorgebracht? Das ist ein in sich absurder Gedanke, denn Begriffe und Gedanken gibt es nur in Subjekten, die sich ja wohl kaum selber hervorbringen können[/quote]
    Das hängt doch alles sehr von deinem Realitätsbegriff ab. Wenn du mit Kant zwischen Ding an sich und Ding für uns unterscheidest, hast du vielleicht weniger Probleme, dir das ganze vorzustellen. Das Problem dabei ist allerdings, dass „das Ding an sich“ nur als (vielleicht notwendige) Annahme existiert, weil es ja keinen neutralen Beobachter gibt, der die Dinge so sehen könnte, wie sie wirklich sind, also unabhängig von der Präformierung des Gegenstandes durch die Kategorien seines Verstandes. Davon abgesehen versteht man unter Realität ja auch die soziale Realität. Und die existiert nunmal nicht unabhängig von den Handlungen, Begriffen und Denkformen der Menschen. Und ja: diese Realität wird von Menschen hervorgebracht.

    Du schlägst nun „Sexualität“ der Welt der Steine und Mineralien zu. Das halte ich, ehrlich gesagt, für absurd. Klar, der Penis ist ein Gegenstand, der unabhängig vom Betrachter existiert. Aber erstens ist Penis ungleich „Sexualität“, und zweitens ist selbst dieser Gegenstand nicht frei von sozialen Bedeutungen.

    Der Ethnologe Donald E. Brown hat eine Liste von mehr als 100 Verhaltensweisen zusammengestellt, die in ALLEN menschlichen Kulturen zu finden sind, darunter so spezifische wie Ehe, Arbeitsteilung nach Alter und Geschlecht, größere Aggressivität der Männer, Traumdeutung, Eifersucht usw. usw., s. hier:

    http://condor.depaul.edu/~mfiddler/hyphen/humunivers.htm

    Ja, schön, und darf ich jetzt fragen, welche Ehe universell ist? Die Einehe? Die Polygamie? Die Gynäogamie? Die morganatische Ehe? Die Geschwisterehe? Die Liebesehe? Entschuldige, das ist doch absurd!

    Gerade dein Beispiel mit der geschlechtlichen Arbeitsteilung ist bezeichnend: klar, das war bisher universell, aber das hatte funktionale und keine biologischen Gründe, weshalb sich dieses Strukturmuster jetzt auch aufzulösen beginnt. Dass etwas schon immer existiert hat (wie das Patriarchat), bedeutet nicht, dass es auch in Zukunft existieren muss. Aber genau das ist ja der Witz an biologistischen Theorien: sie sollen begründen, warum Frauen hinter den Herd gehören. Sie dienen als Bollwerk gegen die Zumutungen des Feminismus.

    Offenbar gibt es einen Grundbestand von menschlichen Verhaltensweisen, der nicht oder nur begrenzt diskursiv überformbar ist (und wie es aussieht biologisch verwurzelt ist, ob man das nun als Biologismus bezeichnet oder nicht).

    Schau, natürlich gibt’s die. Aber das ist doch voll uninteressant. Über etwas, das man nicht ändern kann, lohnt es sich auch nicht zu diskutieren. Ich diskutiere doch auch nicht mit dir darüber, warum ich keine Flügel hab und nicht aus eigener Kraft fliegen kann. Obwohl da bestimmt jeder davon träumt.

    Uns selbstverständlich setzt sich die Natur „hinter dem Rücken der Handelnden“ durch. Jeden Abend wenn du schlafen gehst, setzt sich die Natur gegen deine Subjektivität und gegen alle Diskurse, in die du grade verwickelt bist durch.

    Das ist doch trivial, was du sagst. Die Natur hat mir auch zwei Arme und zwei Beine gegeben. Und? Was willst du jetzt damit beweisen? Dass Sexualität ebenfalls angeboren wäre? Dann müsstest du mir erstmal sagen, was Sexualität überhaupt ist. Denn wie ich bereits ausgeführt habe, ist Sexualität nicht der Name einer real existierenden Sache. Sexualität ist kein Arm und kein Bein, sondern bezeichnet ein Wissensfeld, das errichtet wurde, um sich Zugriff auf die Fortpflanzungskapazität des „Volkskörpers“ zu verschaffen und diese den Zufällen des Alltags zu entreißen.

    Vielleicht schaust du dir mal das Buch von Janet Afary (Foucault and the Iranian Revolution, UCP, 2005) an, wenn man sich so sehr für diesen Autor interessiert wie du müsste man das eigentlich schon längst getan haben.

    Oh, das hab ich auch, schon im Sommer letzten Jahres. Ich weiß nur nicht, was das mit unserer Debatte zu tun hat.

    Das ist auch genau mein Punkt. Durch die Ontologisierung der Macht, die er von Nietzsche übernommen hat, wird Foucault unfähig, rational zwischen verschiedenen Typen von Machtausübung zu unterscheiden, und dann ist es letzten Endes eine Sache der persönlichen Vorliebe, ob man die westliche Demokratie der Herrschaft der Rechtsgelehrten vorzieht, oder nicht.

    Ach komm, das sind doch alberne Schlagworte, die dazu dienen, sich den Zumutungen zu entziehen, die Foucaults Denken bereit hält. Wenn du mit Ontologisierung meinst, dass Foucault nicht daran glaubte, dass Macht etwas sei, das man abschaffen könnte, so wie man das Kapital abschaffen kann, dann hast du natürlich vollkommen recht. Machtbeziehungen wird es immer geben, das ist nicht das eigentliche Problem und auch nicht der Witz an Foucaults Büchern. Der Witz ist, dass Foucault Macht als etwas denkt, das ein Individuum nicht besitzen kann, so wie es ein Auto besitzt. Macht ist auch nichts, was man „ausüben“ kann, so wie man einen Sport ausübt. Macht ist der Name eines strategischen Kräfteverhältnisses, das zwischen unterschiedlichen Akteuren existiert und das auch nur in dieser Kollektivbeziehung bestehen kann. Zu behaupten, das würde bedeuten, Foucault wäre aufgrund seines Konzepts nicht mehr in der Lage gewesen, zwischen verschiedenen Machttypen zu unterscheiden, ist äußerst kurios, weil er in seinen Büchern nichts anderes getan hat. Er unterscheidet beispielsweise zwischen Souveränitäts-, Disziplinar- und Normalisierungsmacht. Das sind geschichtlich verortbare Machtstrategien, und genau das ist der Vorteil Foucaults gegenüber Leuten wie Max Weber, die zwar feinsäuberliche Definitionen für „authority, force, violence, domination and legitimation“ vorlegen können, aber sehr wenig zu sagen haben über die Historizität dieser Machtformen. Genau da ist Foucault eben nicht ontologisch, und deshalb können Leute mit seinen Begriffen heute mehr anfangen als mit denen von Weber. Es ist ja ein großer Unsinn zu behaupten, wie das die Habermasianerin Nancy Fraser tut, dass Foucault in einer Sackgasse angelangt sei, denn wenn das der Fall gewesen wäre, würde sein Werk nicht heute noch diese unglaubliche Produktivität entfalten. Ich jedenfalls kenne ziemlich wenig Bücher, die mit dem Begriffsinstrumentarium von Max Weber arbeiten, dafür aber sehr viele, die sich auf die Konzepte von Michel Foucault stützen (was natürlich damit zu tun haben kann, dass ich das konservative deutsche Soziologentum nicht hinreichend zur Kenntnis nehme).

    PS: Was die Iran-Geschichte angeht, weiß ich immer noch nicht genau, was die mit unserem Thema zu tun hat. Vielleicht zeigst du mir nochmal den Zusammenhang, denn ich kapier ihn einfach nicht.

Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.