Aus aktuellem Anlass

Die Selbstverständlichkeit, daß aus den kapitalistischen Widersprüchen heraus entstandene soziale Bewegungen erst einmal von einer „verkürzten Kapitalismuskritik“ getragen werden, wird so nicht Anlaß zur weitertreibenden theoretischen Kritik, sondern zur schäumenden propagandistischen Denunziation. Die antideutschen Bußprediger haben schon früher die ökologische Frage zum faschistischen Gegenstand erklärt, nun wollen sie dasselbe mit der sozialen Frage machen. Und ihre nützlichen Idioten lassen sie gewähren und wiegen dazu betroffen die leergefegten Köpfe.

Robert Kurz u.a.


36 Antworten auf „Aus aktuellem Anlass“


  1. Gravatar Icon 1 Kenneth Star 17. April 2007 um 3:44 Uhr

    Alle schimpfen über die G8-Mobi, alle schreien „Antisemiten!“ aber keiner schreit „Sozialdemokraten!“ – obwohl’s so naheliegend wäre.
    Wenn gerade die, die gar keine Kapitalismus-Kritik haben, sich über verkürzte Kritik empören (und darin gar Antisemitismus erkennen wollen – meine fresse – manchmal sind sachen auch einfach falsch und scheiße *ohne* das sie direkt nach Auschwitz führen!), dann is das schon peinlich. Fast noch peinlicher ist’s halt, wenn jeder Fehler der Anti-G8-und-was-auch-immer-Bewegten allein damit gerechtfertigt wird, dass sie halt nicht anders könnten und das man deshalb auch „als Linke“ dabei sein müsste (mein jetzt nicht dich, lysis, aber wird sich schon wer angesprochen fühlen). Kritik muss sich nicht legetimieren, schon gar nicht dadurch, dass die, die sie äussern „dabei“ waren, sie muss richtig sein.

  2. Gravatar Icon 2 rencontre 17. April 2007 um 8:46 Uhr

    So richtig das ist, meine beiden lieben Freunde der Schalmeienmusik, so unsinnig ist es, das in den Worten eines Robert Kurz zu kritisieren. Denn der vollführt es ja spiegelbildlich: die Antideutschen seien bewegungsfeindlich (was ja schon sachlich nicht stimmt, guck dir die antideutschen Antifas an… oder Sören Pünjer!), reaktionär usw. — da hat er exakt (!) dieselbe Denunziationsmasche drauf wie die, über die er schreibt, nur dass er „reaktionär“ anders auffüllt. Sein erstes Argument ist „Schlesiertreffen“, sein letztes Argument sind „Millionen von Demonstranten in London, Paris, Rom, Madrid, Berlin“. Geschenkt, lysis!

    Das Wahre an der Rede von der „verkürzten Kritik“ ist, dass die G8-Bewegung mit einer Kapitalismuskritik nichts zu tun hat. Wer sich als Antikapitalist o.ä. bezeichnet, sollte eine Ahnung vom Gegenstand (und nicht nur vom Anlass) haben, und da ist es das Mindeste, sich Argumente gegen den Kapitalismus zurecht zu legen. Dabei kommt außer einem Rumgemäkel an der mangelnden Moral des Staatspersonals und dem Tanzen auf eigenen Gleichheitsidealen regelmäßig nichts rum. Also gerade _keine_ Kritik.

    Das Falsche daran ist, dass ich keinen Teil der Linken, inkl. Antideutschen, kenne, der es anders macht. Der Standpunkt, von dem aus die G8-Mobilisierung kritisiert wird, ist genauso „verkürzt“, insofern seine VertreterInnen zwar schön das Vokabular auswendig gelernt haben („Wertvergesellschaftung“, „Totalität“, „Fetischverhältnisse“), zu einer Explikation (oder überhaupt: Erklärung) aber nicht in der Lage sind (das Bekenntnis „Für den Kommunismus“ ist wohl der Abschluss eigener Kritiktätigkeit). Das ist das Erbe der (aktuell wohl ziemlich stillen) Wertkritiker, die außer eine exegetisch-intime Beziehung zum ersten Abschnitt von MEW23 nichts entwickelt haben. Die mitgeschleppten Schlaglöcher werden ausgefüllt mit Unwerturteilen (wobei sie auch hin und wieder zutreffen mögen) wie „Antisemitismus“, „Antiamerikanismus“ und „Antiimperialismus“. Diese Dinge sind genau der „intellektuelle“ Vorsprung der einen Linken vor den anderen.

    Es gibt also keinen Grund, warum (antideutsche) G8-Kritiker _ausgerechnet_ den Sozialdemokratie-Vorwurf erheben sollten…

  3. Gravatar Icon 3 Rudofl 17. April 2007 um 11:13 Uhr

    Kritik jedoch, die wirkungsmächtig werden möchte, muss zu ihrem Adressaten getragen werden, also auch ausserhalb des Uniseminars sichtbar werden. Egal, die Snob-Linke wird das nicht verstehen. Leute, denen zu Hartz-IV Demos nur noch einfällt, dass man sich davor fürchten müsse, weil die „eklig“ sind, können getrost in ihrem Lesekreis bleiben. Die haben eh keine Kritik mehr, was zählt, ist nur faschistoides loser-bashing.
    Kühe, Schweine, Ostdeutschland!

  4. Gravatar Icon 4 bikepunk 089 17. April 2007 um 12:41 Uhr

    mei oh mei.
    @recontre
    „Das Wahre an der Rede von der “verkürzten Kritik” ist, dass die G8-Bewegung mit einer Kapitalismuskritik nichts zu tun hat.“
    Wer denn? die Bewegung ist so was von breit, aber irgendwie schiessen sich Kritiker_innen immer auf attac ein, und ernennen diese eine Organisation zur Stellvertreterin der kompletten Mobilisierung – und das ist sie einfach nicht. Oder versteh ich dich hier falsch, und du meinst jemand anders als attac? Wenn ja, woran machst du das fest das die mit einer Kapitalismuskritik nichts zu tun haben?

    Überhaupt:
    Robert Kurz wäre jetzt nicht meine erste Quelle. Der oben zitierte Absatz ist aber ganz richtig. Interessant im Zusammenhang mit dieser Diskussion um verkürzte Kapitalismuskritik ist noch, wie schnell hier theoretische Unzulänglichkeiten als reaktionär gebranntmarkt werden – es wäre mal eine eigene Betrachtung wert,ob z.B. ein plattes (meinetwegen auch verkürztes) Verständnis von Rassismus genauso schnell Leute auf die Barrikaden treiben würde.

  5. Gravatar Icon 5 bigmouth 17. April 2007 um 15:01 Uhr

    recontre: dein begriff von kritik erscheint mir unsinnig. attac ham doch eine, die ist nur völlig falsch und unsinnig! nazis haben auch eine kapitalismuskritik. der begriff der kritik impliziert doch noch gar nicht, dass sie ihren gegenstand trifft

  6. Gravatar Icon 6 phex 17. April 2007 um 15:55 Uhr

    „Aber ist wirklich die gesamte radikale Linke in der BRD und Österreich mit kritischem Anspruch gegenüber dem traditionellen Antiimperialismus moralisch und intellektuell derart versaut und verkommen? Ist es nicht vielmehr eine Minderheit von Bellizisten und ihren nützlichen Idioten, die mit triefender Impertinenz das Maul aufreißen und publizistische Schlüsselpositionen besetzt haben, im Vertrauen auf den Trägheitseffekt und die schafsmäßige Duldsamkeit einer Menge von linken Aktivisten und Zwangslesern ihrer Postillen, die eigentlich ganz anders denken?“

    die nicht-antideutschen radikalen Linken können scheinbar nicht schreiben! :)
    Wer leidet denn hier unter verfolgungswahn?

  7. Gravatar Icon 7 rencontre 17. April 2007 um 15:57 Uhr

    @bikepunk 089:

    Das ist doch eine billige Masche, auf jede Kritik damit zu reagieren, dass man den Gegenstand der Kritik auseinanderdifferenziert, nur, damit irgendwelche Aspekte nicht mehr getroffen werden. Ich hätte, um dem zu entgehen, auch andersrum sagen können: mir sind im Zusammenhang mit G8 keine Gruppen/“Bewegungen“ bekannt, die z.Zt. eine Kapitalismuskritik leisten würden (d.h. keine, die etwas mit der Kritik des Kapitalismus zu tun hat). Weder Antiimps oder deren bewegungsidealistische Nachfolger, und schon garnicht das völlig bekloppte „ums Ganze“-Bündnis, deren „Reduce to the maxx“-Aufruf eines der glänzensten Dokumente des ökonomiekritischen Halbwissens ist (was man früher, als „Linksradikalismus“ noch ein Schimpfwort war, zurecht als stupidesten Revisionismus ausgelacht hätte).

    @bigmouth:

    Der Begriff Kapitalismuskritik sagt nicht, dass sie ihren Gegenstand TRIFFT – sondern dass sie ihn überhaupt BETRIFFT. Nicht mal das ist ja der Fall, sondern: „Dabei kommt außer einem Rumgemäkel an der mangelnden Moral des Staatspersonals und dem Tanzen auf eigenen Gleichheitsidealen regelmäßig nichts rum. Also gerade _keine_ Kritik.“ Dein Versuch der Ehrenrettung der Standpunkte dieser Leute sagt ja nur so viel wie: „Wenigstens bemühen sie sich.“ Leider kommt inhaltlich trotzdem Scheiße raus, und das (die Adäquatheit zum Gegenstand) ist der Maßstab, an dem nach Kritik oder Nicht-Kritik unterschieden wird. Wenn es nur nach dem „Anspruch“ oder Selbstverständnis der Leute ginge, würde ich unter Millionen Kapitalismuskritikern leben.

    Für die Auseinandersetzung mit deren Standpunkten ist es im übrigen unerheblich, ob die sich kritisch wähnen, das jemand anderes für kritisch hält oder sie „nur“ eine Kritik mit gravierenden Fehlern verbreiten.

  8. Gravatar Icon 8 rencontre 17. April 2007 um 16:01 Uhr

    @phex:

    Halte dich bitte aus Diskussionen raus, wenn du nichts beizutragen hast. Dass du ziemlich dumm bist ist hinlänglich bekannt.

  9. Gravatar Icon 9 bikepunk 089 17. April 2007 um 16:15 Uhr

    @recontre
    alles klar – du hast irgendeinen begriff von kritik, den du erstmal nicht füllst. klar ist nur, dass weder attac, noch die antiimps, noch ums ganze kritik üben. die machen irgendwas anderes. aber weil du nicht sagst, was für dich kritik ist, sagst du letztendlich ziemlich wenig.
    und was die billige masche angeht – bei dir piepts wohl. es ist erstmal absurd, auf der ebende wie du das tust, die anti g8 mobi als einen homogenen gegenstand zu konstruieren. die sogenannte billige masche ist da nur die notwendige korrektur.

    @phex
    und du ernennst jetzt robewrt kurz zum stellvertreter der nicht antideutschen linken? i object!

  10. Gravatar Icon 10 rencontre 17. April 2007 um 17:02 Uhr

    @bikepunk 089:

    Ich kann den „Begriff von Kritik“ erstmal nicht füllen, denn der Inhalt einer Kritik beruht ja auf der Erklärung ihrer Gegenstände. Weil Kritik die Stellung zu einer Sache ist, ist sie kein „Prinzip“ – und ich werde dir auch keine „Kritik an sich“ herbeten können. Ich kann dir nur die Bedingungen von Kritik nennen und vorführen, wie sie durch die G8-Kritiker beharrlich nicht erfüllt werden (sondern sie etwas ganz anderes *ALS* Kritik anmelden, ohne damit aber eine Kritik zu besitzen; die setzt ja die Erklärung der Sache voraus). Das steht aber auch schon oben…

  11. Gravatar Icon 11 Kenneth Star 17. April 2007 um 18:58 Uhr

    @ rencontre: ich hätte den satz mit „vom atlantischen Flügel der SPD ist sowas natürlich auch nicht zu erwarten“ heute nacht anscheinend doch drin lassen sollen.

    @ rudofl

    „Kritik jedoch, die wirkungsmächtig werden möchte, muss zu ihrem Adressaten getragen werden, also auch ausserhalb des Uniseminars sichtbar werden.“

    Ach was. Und das soll jetzt ein Argument gegen die Kritik „aus dem Uniseminar“ sein? A) wird in Uni- Seminaren keine Kritik gemacht, sondern stockbürgerliche Wissenschaft. B) Wenn denn doch mal was bei rum kommen sollte, dringt das schon nach aussen, was sorgst du dich? Oder geht’s dir darum das die doofen Snob-Linken ihre Kritik nicht in Heiligendamm am Lagerfeuer vortragen wollen? Da gäb’s nun mal auch passendere Orte, als irgendein Event wo eh alle heiß auf Action sind. Oder hältst du deinen Kapital-Lesekreis immer auf der nächsten Antifa-Demo ab?

    „Egal, die Snob-Linke wird das nicht verstehen.“

    Ich glaube „die Linke“ versteht so einiges nicht, ob versnobt oder aus Prinzip ungewaschen. Wie rencontre bereits sagte, mit Kapitalismuskritik ist’s bei euch allen nicht weit her. Wer nicht mal benennen kann was am Kapitalismus jetzt mal grundsätzlich eigentlich so schädlich ist, der soll bitte auch zu anderem Kram die Fresse halten.

    „Leute, denen zu Hartz-IV Demos nur noch einfällt, dass man sich davor fürchten müsse, weil die “eklig” sind, können getrost in ihrem Lesekreis bleiben.“

    Vor denen muss man sich nicht fürchten, aber groß erwarten sollte man halt auch nichts. Das führt dann nur immer wieder zu Enttäuschungen, und wenn die Linke von jemandem enttäuscht ist, dann haben die Betreffenden meist nichts mehr zu lachen.

    „Die haben eh keine Kritik mehr, was zählt, ist nur faschistoides loser-bashing.
    Kühe, Schweine, Ostdeutschland!“

    Meinst du jetzt rencontres Bemerkung zu Pünjer oder wie is das zu verstehen?

  12. Gravatar Icon 12 bikepunk 089 17. April 2007 um 19:46 Uhr

    „Wer nicht mal benennen kann was am Kapitalismus jetzt mal grundsätzlich eigentlich so schädlich ist, der soll bitte auch zu anderem Kram die Fresse halten.“

    Übersetztt heisst das, dass jede diskussion mit dir zeitverschwendung ist, falls mensch nicht zufällig genau benennen kann was deiner meineung nach am kapitalismus grundsätzlich schädlich ist. Danke für den hinweis, und servus.
    Und fast hätte ich mich aufgeregt, was du da eigentlöich für eine arrogante scheisse von dir gibst.

  13. Gravatar Icon 13 bigmouth 17. April 2007 um 23:13 Uhr

    “Wer nicht mal benennen kann was am Kapitalismus jetzt mal grundsätzlich eigentlich so schädlich ist, der soll bitte auch zu anderem Kram die Fresse halten.”

    was meinst du mit „zu anderem kram“? fährst du da jetzt nicht wieder so ne totalitätsschiene, die alles auf kapitalismus ™ zurück führt? würde das nich zu komischen konsequenzen führen, wenn es um sexismus, homophobie etc. geht? sollte man judith butler oder foucault daran messen, wie gut sie kapitalismus kritisieren können? oder meinteste was ganz anderes?

  14. Gravatar Icon 14 rudofl 18. April 2007 um 0:38 Uhr

    @kth: was ich sagen wollte, war bloss: gesellschaftskritik, die sich nicht auf konkrete kämpfe bezieht ist bestenfalls wirkungslos, im schlimmeren fall entwickelt sich so eine neue (anti)deutsche härte, die den prollos nur noch ein zynisches „du opfer“ entgegendrischt.

  15. Gravatar Icon 15 Kenneth Star 18. April 2007 um 0:43 Uhr

    @ bigmouth:

    Ne, ich meinte, wer selber nicht benennen kann was schädlich ist, der soll auch zu sog. „verkürzter Kritik“ und am besten auch zum Zusammenhang zwischen der und Antisemitismus die Fresse halten (den’s ja auch durchaus irgendwie geben mag. Nur halt nicht so wie Ads sich das vorstellen – Antisemiten können halt seltenst den kapitalismus richtig kritisieren).

  16. Gravatar Icon 16 w 18. April 2007 um 0:59 Uhr

    Es ist doch albern, den Zusammenhang wegzuleugnen – allein empirisch drängt sich das doch schon krass auf. Schaut doch mal, was in Porto Alegre los war (Bedrohungsgefühl der jüdischen Gemeinde während WSF, 20 jüd. Demonstranten für 2-Staaten-Lösung angegriffen, Abschlusserklärung sorgt sich um Identität der Völker und Solidarität mit dem pal. Volk), in Kopenhagen beim EU-Gipfel (zentrale Demo unter Motto „Boykottiert Israel“, Ordner mit „Burn, Israel, Burn“-Shirts, Kritiker verjagt), in Paris beim ESF (Tariq Ramadan tritt auf während gemäßigte Kritiker wie Aktion3.Welt-Saar vom Ordnungsdienst entfernt werden), in Davos (Rumsfeld mit Sheriff-/“Judenstern“ tanzt ums Goldene Kalb) oder in Brüssel 2002 und Barcelona 2003 beim EU-Gipfel (für Völker ohne Staaten, durchgängige Agitation gg. USA und Israel, Gleichsetzungen von Sharon und Hitler). Nie, nie, nie wurden die Antisemit_innen des Platzes verwiesen, meist waren ihre Messages sogar hegemonial oder gingen von den Organisator_innen aus (zumindest in Alegre und Kopenhagen).
    Um aber nicht nur beim Moralisieren stehenzubleiben, wäre zu überlegen, woher die Neigung zum Antisemitismus in der Bewegung kommt. Und dann wäre doch durchaus zu konstatieren, dass der spezifische Sozialdemokratismus, den die No-Globals propagieren – Stärkung des Nationalstaats gegen den Markt/Finanzkapital/transnationale Institutionen – schon von vorneherein Elemente des Antisemitismus in sich trägt, als da wären: Affekt gegen Kosmopolitismus, Hass auf Dekadenz und Verschwendung, Interpretation des Weltgeschehens als Wirken weniger Mächtiger die im Verborgenen wirken, Appell an den Staat wie an die Besinnung auf die eigene Gemeinschaft und Kultur, Benennung des Geldes und der Börse als Verursacher und Quell alles Bösen, absolutes Ausbleiben einer Kritik der Produktionssphäre und damit deren Verewigung. Statt von „verkürzter Kapitalismuskritik“ wäre darum von strukturellem Antisemitismus zu sprechen, der im Glauben an die gute Herrschaft einer alternativen Politik, die den kapitalproduzierten Reichtum nur besser verteilt die Widersprüche des Kapitalismus externalisiert.
    Aus historischen Gründen liegt es nahe, die Juden als Verursacher zu sehen, und wenn der Schritt zum offenen Judenhass auch nicht allzu oft gegangen wird, so ist doch die oben benannte Häufung anti-israelischer Anklagen kein Zufall, sondern Indiz für die Stärke, mit der das Ressentiment zur Aktion am konkreten Objekt drängt.

    @ rencontre:
    Kannst du deine Kritik am Aufruf zum 30.4. bitte ausführen? (Ernstgemeinte Frage)

  17. Gravatar Icon 17 lysis 18. April 2007 um 4:46 Uhr

    @w: Das ist doch mal blanker Unsinn. Du zählst eine Reihe von Beispielen für antisemitisch gefärbten Antizionismus auf und stellst dann eine Assoziation — und mehr ist es nicht! — zur verkürzten Kapitalismuskritik her, die das Übel in den internationalen Finanzmärkten verortet und über den Souveränitätsverlust nationalstaatlicher Institutionen lamentiert. Beides wäre zu kritisieren: der primitive Antizionismus und die verkürzte Kapitalismuskritik; aber es hat nicht die Bohne miteinander zu tun.

    Der für den NS einst so zentrale Wahn vom „jüdischen Finanzkapital“ ist in der Antiglobalisierungsbewegung praktisch nicht mehr zu finden. Die verkürzte Kapitalismuskritik, welche das Problem in der Börse, dem Zins und den bösen Spekulanten sieht, während das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital nicht angetastet und die Kategorien von Staat und Nation sogar offen affirmiert werden — all dies ist zwar tatsächlich eine Schnittmenge zur kleinbürgerlichen „Kapitalismuskritik“ der NS-Ideologie (die in Wirklichkeit natürlich nie eine war). Nur wird sie bei den Globalisierungskritikern nicht mehr gegen die Juden gewendet. Und das ist ja wohl eine Differenz ums Ganze!

    Was du dagegen an antisemitischen Übergriffen in der Antiglobalisierungsbewegung aufgezählt hast (dafür bin ich dir übrigens sehr dankbar, denn das war mir so überhaupt nicht präsent), ist gerade nicht die Konsequenz ihrer verkürzten Kapitalismuskritik, sondern vielmehr das Erbe eines, man könnte beinahe sagen: verkürzten Antiimperialismus, der „die Völker“ als naturalisierte Einheiten gegen das „amerikanische Imperium“ und seinen „zionistischen Statthalter“ in Stellung zu bringen versucht. Mit dem Herumhacken auf Spekulanten und gierigen Couponabschneidern hat das überhaupt nichts zu tun. Solche Bilder gibt es in der globalisierungskritischen Bewegung zwar immer noch, aber nicht mehr in Verbindung mit „den“ Juden.

  18. Gravatar Icon 18 rencontre 18. April 2007 um 8:11 Uhr

    @w: bevor ich vielleicht etwas Längeres dafür schreibe, nenne ich dir mal die witzigstens Absätze:

    - „Wer außer seiner Arbeitskraft kein relevantes Eigentum besitzt, für den bedeutet dies, seine Arbeitskraft verkaufen zu müssen um sein Überleben zu sichern. Arbeit, als notwendiges Mittel des Stoffwechsels zwischen Mensch und außermenschlichen Natur, verkehrt sich in der Form kapitalistischer Mehrwertproduktion zum Selbstzweck.“ --> Erst heißt es, Verkauf der Arbeitskraft sei MITTEL zum „Überleben“. Im Satz darauf ist „Arbeit“ aber als SelbstZWECK begriffen. Es kann nur eins von beidem sein.

    - „Die erfreuliche Tatsache, dass immer weniger Arbeitszeit benötigt wird, um immer mehr Güter zu produzieren, muss gerade aus kommunistischer Perspektive als reale Möglichkeit begriffen werden, das Leben sinnvoll und weitgehend befreit von materiellen Zwängen einzurichten.“ --> Stichwort: Produktion des relativen Mehrwerts. Dass eine Masse von Menschen disponibel wird, dass sich dabei sogar der durchschnittliche Lebensstandard aufrecht erhält, ist gar kein Widerspruch zum Kapitalismus allgemein oder zur Existenz von Lohnarbeit insbesondere. Was daraus aber gerade nicht folgt, ist die „reale Möglichkeit […] das Leben […] weitgehend befreit von materiellen Zwängen einzurichten.“ Man unterliegt dann nämlich einer staatlichen Armutsverwaltung, ist also genauso beherrscht und eingeschränkt.

    - „Unter den Vorzeichen der Alternativlosigkeit hat der Prolet sehr wohl ein Interesse daran, ausgebeutet zu werden – denn er hat ja sonst nichts, was ihm die Existenz sichert.“ --> Der Prolet hat ein Interesse am Arbeitslohn als Resultat seiner „Ausbeutung“ (die ihm, das ist der Witz am Arbeitslohn, dann garnicht als Ausbeutung erscheinen mag), aber nicht an der Ausbeutung selbst.

    - „Reduce to the maxx: Das muss heißen, die Frage nach der Objektivität des Glücks bis auf die Struktur der gesellschaftlichen Organisation voranzutreiben.“ --> Das ist mal wieder der Versuch, den Kapitalismus an seinen Idealen (Glücksversprechen) zu blamieren, anstatt ihn anhand der materiellen Realität, seinen Zumutungen und Schädigungen zu kritisieren.

    - „Betrachtet man Staat und Kapital materialistisch, ist weniger die Frage entscheidend, wer von beiden »Arsch-« und wer »–Loch« ist. Wichtiger ist die Einsicht, dass der kapitalistische Gesamtzusammenhang auch in Zukunft als Garant für das Hervorbringen von Scheiße zu gelten hat. Das Ganze ist das Falsche.“ --> Noch im Teil 1 des Aufrufs war von „infantiler Regression“ die Rede. Hier ist man an dem Punkt angelangt…

  19. Gravatar Icon 19 double F 18. April 2007 um 17:50 Uhr

    @recontre:

    „Erst heißt es, Verkauf der Arbeitskraft sei MITTEL zum “Überleben”. Im Satz darauf ist “Arbeit” aber als SelbstZWECK begriffen. Es kann nur eins von beidem sein.“
    Nein, kein Widerspruch: Der Verkauf der Arbeitskraft ist für denjenigen der das tut das Mittel um zu überleben. Die Verausgabung von Arbeit unter kapitalistischen Bedingungen dient der Verwertung des Werts, also einem selbstzwecktaften Prozess.

    „Man unterliegt dann nämlich einer staatlichen Armutsverwaltung, ist also genauso beherrscht und eingeschränkt.“
    Das Zitat zielt auf die immer höhere Arbeitsproduktivität. Nur im Kapitalismus dient diese der relativen Mehrwertproduktion. Antizipiert man gedanklich eine nichtkapitalistische Form von gesellschaftlicher Produktion– Stichwort: kommunistische Perspektive– so ist bloße Steigerung der Arbeitsproduktivität als Ersparung von Mühsal die zur gesellschaftlichen (Re-) Produktion zu begrüßen.

    “Der Prolet hat ein Interesse am Arbeitslohn als Resultat seiner “Ausbeutung” (die ihm, das ist der Witz am Arbeitslohn, dann garnicht als Ausbeutung erscheinen mag), aber nicht an der Ausbeutung selbst.“
    Er hat ein Interesse daran seinen Arbeitslohn weiterhin zu erhalten, weil er sich reproduzieren möchte. Im gesellschaftlichen Bewusstsein– und natürlich seinem eigenen– ist das für ihn aber nur durch Lohnarbeit möglich. Lohn und damit Reproduktion, setzt Ausbeutung scheinbar als naturnotwendig voraus. Im Kapitalismus trifft das sogar zu. Darin steckt der rationale Kern des kapitalismusimmanenten Geschreis nach Arbeit.

    Bei den letzten beiden Absätzen ist kein Argument mehr zu erkennen, außer reiner Nichtzustimmung, der Beleidigungen wie „infantil“ oder „völlig bekloppt“ die Argumente ersetzen. Den Vorwurf des ökonomischen Halbwissens belegst du jedenfalls nirgends ansatzweise.

  20. Gravatar Icon 20 w 18. April 2007 um 20:42 Uhr

    „Was du dagegen an antisemitischen Übergriffen in der Antiglobalisierungsbewegung aufgezählt hast (…), ist gerade nicht die Konsequenz ihrer verkürzten Kapitalismuskritik, sondern vielmehr das Erbe eines, man könnte beinahe sagen: verkürzten Antiimperialismus, der “die Völker” als naturalisierte Einheiten gegen das “amerikanische Imperium” und seinen “zionistischen Statthalter” in Stellung zu bringen versucht. Mit dem Herumhacken auf Spekulanten und gierigen Couponabschneidern hat das überhaupt nichts zu tun. Solche Bilder gibt es in der globalisierungskritischen Bewegung zwar immer noch, aber nicht mehr in Verbindung mit “den” Juden.“

    Der Kapitalismus produziert andauernd aus sich selbst heraus das Ressentiment gegen das Kosmopolitische, die Nicht-Arbeit, die Ausschweifung – eben alles, was die Subjekte sich untersagen müssen, um zu funktionieren – und beschwört zugleich andauernd den Schein, die Welt werde von einer Handvoll Souveräne geführt, von deren Wille und Gewalt ihr gesamtes Schicksal abhänge. Die wenigen urban-internationalen Inselns und die Etats für Bildungsarbeit und Zivilgesellschaftsprogramme können nichts daran ändern, dass die Subjekte in solchen anti-aufklärerischen Denkformen unterwegs sind, da das auch nur annähernde Verständnis des Kapitalismus eine Reflektionsleistung erfordert, die beinahe niemand aufzubringen vermag angesichts der Anforderungen von Produktionssphäre, Konsumtion und Freizeitterror. Das Alltagsbewusstsein ist zwar abgedichtet gegen Einspruch, weil es gar nicht an Wahrheit interessiert ist, aber noch relativ fragmentiert. Die No-Globals hingegen synthetisieren es zu einer politischen Weltanschauung, in der die Rollen von Gut/Böse klar verteilt sind und handlungsleitende Direktiven (Tobin-Tax…) ausgegeben werden. Sie formen einen strukturellen Antisemitismus, der sich der Elemente des bekannten Antisemitismus wie der Unterscheidung von Raffendem und Schaffendem bedient, aber im Gegensatz zu den Nazis biologisieren/kulturalisieren sie ihren Wahn in der Regel (noch) nicht in den Juden. Sie gehen also den Schritt zur erneuten Fetischisierung (=Verortung des Gehassten in den Juden) des Fetischs nicht. Aber da die Juden aus historischen Gründen mit Assoziationen wie Geld, Finanzkapital, grenzenloser Mobilität belehnt werden, tritt der subkutane Link doch desöfteren zutage, vgl hier:
    http://www.heise.de/tp/r4/artikel/14/14065/1.html und
    junge welt 17.4.07: Jürgen Elsässer, “Pate Rothschild”:
    >>Zum zweiten zieht im Hintergrund ein Gigant die Fäden – wie auch schon 2005 beim Kampf um die Deutsche Börse: Das Haus Rothschild, eine der ganz großen Nummern im weltweiten Geldgeschäft… Für das Proletariat ist es Mittel, für den Kapitalismus aber Selbstzweck. So gelesen, macht es durchaus Sinn.

    „Was daraus aber gerade nicht folgt, ist die “reale Möglichkeit […] das Leben […] weitgehend befreit von materiellen Zwängen einzurichten.” Man unterliegt dann nämlich einer staatlichen Armutsverwaltung, ist also genauso beherrscht und eingeschränkt.“
    -> Im Original heißt es ja auch: „aus kommunist. Perspektive“, dh natürlich nicht im jetzigen Zustand, aber theoretisch ergibt sich (laut TOP) aus der ungeheuren Produktivkraftsteigerung die Möglichkeit, ohne großartigen Arbeitszwang sein Leben zu gestalten

    „Das ist mal wieder der Versuch, den Kapitalismus an seinen Idealen (Glücksversprechen) zu blamieren, anstatt ihn anhand der materiellen Realität, seinen Zumutungen und Schädigungen zu kritisieren.“
    -> Und was ist der Maßstab der Kritik? „Schädigung“ entgegenzutreten setzt doch auch bereits ein normatives Urteil voraus: eben eine Welt ohne Schädigung anzustreben. Wieso sollte man sich dabei nicht vom Glücksversprechen leiten lassen?

    „Noch im Teil 1 des Aufrufs war von “infantiler Regression” die Rede. Hier ist man an dem Punkt angelangt…“
    -> Wieso? Wortspiel = Regression?

  21. Gravatar Icon 21 abdel kader 18. April 2007 um 22:49 Uhr

    [quote comment=“16810″]
    Der Kapitalismus produziert andauernd aus sich selbst heraus das Ressentiment gegen das Kosmopolitische, die Nicht-Arbeit, die Ausschweifung – eben alles, was die Subjekte sich untersagen müssen, um zu funktionieren – und beschwört zugleich andauernd den Schein, die Welt werde von einer Handvoll Souveräne geführt, von deren Wille und Gewalt ihr gesamtes Schicksal abhänge.[/quote]

    Hier kommst du aber doch selbst zu einer fetischistischen Vorstellung von „dem Kapitalismus“. Das ist doch keine Person.

    Klar wenn man hart arbeiten muss und sich nur wenig von der gigantischen Warenansammlung im Kapitalismus leisten kann, dann entsteht nun mal Neid und Groll über die, die nicht arbeiten und/oder im Luxus zu schwelgen.
    Das ist aber was anderes als davon auszugehen, dass jedes (unterdrückte?)Subjekt im Kapitalismus quasi-natürlich (strukturell) antisemitisch sein muss.
    Das erinnert mich sehr an ML-Determinismus oder eine umgedrehte Verelendungstheorie. Warum sind dann Eliten ebenfalls antisemitisch und warum haben diese oft die gleichen Welterklärungsmodelle wie die breite Masse der Bevölkerung?

    Und befördert das, was „kapitalistische Globalisierung“ genannt wird, nicht gerade den Kosmopolitismus?
    (Was nicht heißt, dass Nationalismus verschwindet)

  22. Gravatar Icon 22 lysis 18. April 2007 um 22:50 Uhr

    @w: Ich seh die Differenz nicht so ganz. Dass in großen Teilen der Antiglobalisierungsbewegung ein verkürzter Antikapitalismus gepflegt wird, ist doch überhaupt kein Streitpunkt. Die Frage ist aber, ob man darauf mit Kritik oder mit Denunziation reagieren soll. Angesichts der Tatsache, dass dieser halbierte Antikapitalismus, wie du selbst konzedierst, fast nie antisemitisch gefüllt wird, weil die Assoziation von Juden mit Handel, Banken und Börse ein nahezu ausgestorbener Topos ist, halte ich es für unverständlich, dass man auf die analytischen Fehler in der globalisierungskritischen Bewegung mit moralischer Dämonisierung und haltlosen Antisemitismus-Unterstellungen reagiert statt mit profunder Kritik, wie das z.B. Michael Heinrich versucht hat. Darüber hinaus sind zahlreiche Themen der Antiglobalisierungsbewegung — wie etwa die Auseinandersetzung mit Patentrechten und ihren Folgen für den Trikont — inhaltlich korrekt, politisch unterstützenswert und über den Generalverdacht eines „strukturellen Antisemitismus“ völlig erhaben. Das unter demselben Schema abzuhandeln wie den Nationalpopulismus eines Jürgen Elsässer, der nicht umsonst einmal Vorreiter der antideutschen Bewegung gewesen ist (und eigentlich noch immer mit denselben dreckigen Methoden arbeitet), halte ich für fast schon unverschämt. Es gibt da einfach Differenzierungen, die du nicht wahrhaben willst.

    Der Kapitalismus produziert andauernd aus sich selbst heraus das Ressentiment gegen das Kosmopolitische, die Nicht-Arbeit, die Ausschweifung

    Also gegen Globalisierungskritiker? Eine kosmopolitischere Bewegung gibt es doch überhaupt nicht …

  23. Gravatar Icon 23 bigmouth 18. April 2007 um 23:03 Uhr

    wie lange soll eigentlich noch dieser bekloppte ausdruck des „strukturellen antisemitismus“ weiterbenutzt werden? der erklärt nix, ja ist sogar ein widerspruch, und beschreibt das phänomen gar nicht. der einzige nutzen scheint mir da in der moralischen aufladung zu liegen, und weil man da wunderbar kurzschlüsse wie oben produzieren kann

  24. Gravatar Icon 24 bigmouth 18. April 2007 um 23:06 Uhr

    ach ja: in dem tp-artikel hat hammerschmitt n ganz dicken bock geschossen: wer nicht ganz blind ist, erkennt in dem angeblichen juden- einen sheriffstern – das steht auch drauf. damit wird der artikel zu 50% gegenstandslos

  25. Gravatar Icon 25 w 19. April 2007 um 0:34 Uhr

    @ bigmouth:
    was ist daran widersprüchlich? natürlich beschreibt der begriff das phänomen, diverse elemente habe ich doch oben benannt. geh doch mal auf den text ein statt rumzupöbeln.
    und zudem: mag ja sein, dass es ein sheriffstern sein sollte, die ähnlichkeit zum „judenstern“ des ns ist aber unübersehbar, zudem noch ausgerechnet ein tanz um das goldene kalb (http://lexikon.meyers.de/meyers/Goldenes_Kalb, als jüdisch assoziierte s symbol für macht und reichtum) aufgeführt wird und sharon (wieso bloß?) daran mit rumsfeld teil hat.

    @ abdel:
    „Klar wenn man hart arbeiten muss und sich nur wenig von der gigantischen Warenansammlung im Kapitalismus leisten kann, dann entsteht nun mal Neid und Groll über die, die nicht arbeiten und/oder im Luxus zu schwelgen.“

    Jetzt unterstellst du aber eine Art Naturgesetz. Zumindest müsstest du doch den „Neid und Groll“ historisieren, oder war der im Mittelalter von der selben Qualität und featurete die selben Motive wie heute?

    „Das erinnert mich sehr an ML-Determinismus oder eine umgedrehte Verelendungstheorie. Warum sind dann Eliten ebenfalls antisemitisch und warum haben diese oft die gleichen Welterklärungsmodelle wie die breite Masse der Bevölkerung?“

    Die Spaltung Eliten/Masse hast du doch aufgebracht. Ich würde erstmal sagen, dass grundsätzlich auch der große Teil der Elite ähnlichen Anforderungen ausgesetzt ist wie der Rest – vgl. Managerkrankheiten und diverse andere Phänomene. Wenn Blair aufhört, an Englands Wohl zu denken, ist er recht schnell weg vom Fenster. Natürlich gibt es einen Unterschied was soziale Absicherung angeht, und auch die Nähe zur institutionalisierten Macht unterscheidet sich natürlich, aber ich sehe das in diesem Punkt nicht als wesentlich an.

    „Und befördert das, was “kapitalistische Globalisierung” genannt wird, nicht gerade den Kosmopolitismus?“

    1) Globalisierung ist Unsinnskategorie
    2) Nur weil jemand aus Frankreich Internet hat, mag sie/er noch lange keine Afrikaner, die ebenfalls online gehen können

  26. Gravatar Icon 26 w 19. April 2007 um 0:43 Uhr

    „Angesichts der Tatsache, dass dieser halbierte Antikapitalismus, wie du selbst konzedierst, fast nie antisemitisch gefüllt wird, weil die Assoziation von Juden mit Handel, Banken und Börse ein nahezu ausgestorbener Topos ist, halte ich es für unverständlich, dass man auf die analytischen Fehler in der globalisierungskritischen Bewegung mit moralischer Dämonisierung und haltlosen Antisemitismus-Unterstellungen reagiert statt mit profunder Kritik, wie das z.B. Michael Heinrich versucht hat.“

    Unsinn, die Assoziation ist immer noch quicklebendig, da musst du dir nur anschauen wie schnell sie wieder hochkochen kann, wenn „die“ Juden „frech“ werden, wie es dann heißt, und Reparationen verlangen (kann gerne Zitate oder Lit-Tips zu Entschädigungsdebatten geben). In der Regel ist die explizite Herstellung dieser Verbindung in der Öffentlichkeit allerdings tabu, latent ist sie aber sehr präsent, was du schnell zu hören bekommst wenn du dein Ohr an den Mund des Volkes legst, etwa am Stammtisch. Ich arbeitete in einer Ausstellung zum NS, und gerade von Jugendlichen kamen andauernd Sprüche bzw. Nachfragen a la „Die Juden sind doch auch alle reich“ – das kam und kommt in aller Unschuld, und irgendwoher muss der Nachwuchs diese Weisheiten ja beziehen.

    „Darüber hinaus sind zahlreiche Themen der Antiglobalisierungsbewegung — wie etwa die Auseinandersetzung mit Patentrechten und ihren Folgen für den Trikont — inhaltlich korrekt, politisch unterstützenswert und über den Generalverdacht eines “strukturellen Antisemitismus” völlig erhaben.“

    Nope, denn es geht nicht um verkürzte Kapitalismuskritik, sondern um eine umgreifen Welterklärung, die sich einerseits einen bösen Anti-Staat voller Kommerz, Korruption und Volksvergessenheit (USA, Israel ….) kreiert, und andererseits andauernd den eigenen Souverän anbettelt, ja lieb und nett, gut und gerecht zu walten und „soziale, kulturelle Rechte“ (sämtliche G8-Bündnisse) zu gewähren. D.h. nicht dass die Realisierung einiger Forderungen dieser Bewegung nicht manchen Menschen zugute kämen und sinnvoll wären, aber in dem Gesamtzusammenhang in dem sie erscheinen werden sie zur Lüge und bestärken den Glauben an die wohlmeinende Herrschaft.

  27. Gravatar Icon 27 bikepunk 089 19. April 2007 um 1:56 Uhr

    „Nope, denn es geht nicht um verkürzte Kapitalismuskritik, sondern um eine umgreifen Welterklärung, die sich einerseits einen bösen Anti-Staat voller Kommerz, Korruption und Volksvergessenheit (USA, Israel ….) kreiert, und andererseits andauernd den eigenen Souverän anbettelt, ja lieb und nett, gut und gerecht zu walten und “soziale, kulturelle Rechte” (sämtliche G8-Bündnisse) zu gewähren.“

    Appellieren alle No Globals an den Staat? Wenn du dir anguckst, wie z.T mit dem Begriff des Rechts umgegangen wird, dann siehst du schnell dass das eine Unterstellung ist, bestenfalls die halbe Wahrheit: viele Kampagnen arbeiten da mehrgleisig, etwa wenn durch militante Aneignungsaktionen (Wasserzähler zerstören, und nix zahlen) Forderungen (im Beispiel: Wasser weiterhin für lau – das Beispiel kommt aus Südafrika) flankiert und schon mal umgesetzt werden.

    „D.h. nicht dass die Realisierung einiger Forderungen dieser Bewegung nicht manchen Menschen zugute kämen und sinnvoll wären, aber in dem Gesamtzusammenhang in dem sie erscheinen werden sie zur Lüge und bestärken den Glauben an die wohlmeinende Herrschaft.“

    Je nachdem wie die Forderungen gestellt werden, wie dafür gekämpft wird, entsteht genau darüber das Bewustsein dass mensch von der Herrschafft nix zu erwarten hat, dafür aber mit anderen zusammen was gebacken kriegt.

  28. Gravatar Icon 28 lysis 19. April 2007 um 3:09 Uhr

    [quote comment=“16830″]1) Globalisierung ist Unsinnskategorie[/quote]

    Ich kann mit dem Begriff der Globalisierung auch nicht so viel anfangen, weil die kapitalistische Gesellschaft sich von Anfang an als Weltmarkt konstituierte. Sie war schon im 17. Jahrhundert so global wie heute. Siehe dazu die Analysen von Immanuel Wallerstein oder Peter Kriedte. Nur: es ist ein Fortschritt, Gesellschaft nicht mehr als Nationalgesellschaft zu denken, sondern antikapitalistischen Widerstand transnational zu organisieren, egal ob der angegebene Grund, es hätte in den letzten Jahrzehnten sowas wie eine „Globalisierung“ gegeben, nun stimmt oder nicht. Die einzelnen Initiativen in diesem Spektrum muss man sich differenziert anschauen. Das pauschale Bashing, das du betreibst, find ich einfach nur absurd. Es unterstellt, dass in dieser Bewegung ein einheitliches Weltbild unterwegs wäre. Das halte ich für ein Gerücht. Große Protestbewegungen wie die Friedensbewegung und die Anti-Atomkraft-Bewegung oder, noch weiter zurückblickend: die Frauenbewegung, die Schwulenbewegung und die Studentenbewegung — all diese „Neuen Sozialen Bewegungen“, ohne die die radikale Linke ein bloßes Schattendasein geführt hätte, so wie sie es heute tut, waren durch eine komplexe Gemengelage gekennzeichnet, in der linksradikale Ansätze nur eine Fraktion unter anderen bildeten. Nicht eine dieser Bewegungen war von ihrem Grundsatz her unproblematisch. Jede von ihnen hätte eine Kritik verdient, die so ins Mark geht, wie das hier am Beispiel der Antiglobalisierungsbewegung vorgeführt wird. Aber man muss schon so extrem sektiererisch und dumm sein wie die Antideutschen, um daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, dass solche Bewegungen zugunsten des Status quo zerstört gehörten. Na, dann spielt doch weiter die Jubelperser der Weltpolizei!

  29. Gravatar Icon 29 Kenneth Star 19. April 2007 um 4:29 Uhr

    @ w:

    „Mentalitätsgeschichte“ darf bei Materialisten nicht sein, das Sein verstimmt bei ihnen das Bewusstsein. Das Bewusstsein der Deutschen soll ein Produkt ihrer Wirtschaft und nicht ihres Wirtshauses (Stammtisches) sein.
    Die Deutschen sind also eigentlich nicht antisemitische Täter sondern Opfer: Opfer ihrer antisemitischen Ökonomie!
    Es bleibt dabei: in Deutschland bestimmt das verbrecherische Bewusstsein das mörderische Sein ( für die Anderen).

    Warum zur Hölle, soll Antisemitismus nicht einfach Antisemitismus sein, sondern irgendwie aus der kapitalistischen Verfasstheit der globalen Ökonomie resultieren?

  30. Gravatar Icon 30 Argumentprüfstelle 19. April 2007 um 10:36 Uhr

    wie lange soll eigentlich noch dieser bekloppte ausdruck des “strukturellen antisemitismus” weiterbenutzt werden? der erklärt nix, ja ist sogar ein widerspruch, und beschreibt das phänomen gar nicht. der einzige nutzen scheint mir da in der moralischen aufladung zu liegen, und weil man da wunderbar kurzschlüsse wie oben produzieren kann

    Das stimmt, vielleicht werde ich mal ein paar Thesen dazu formulieren. Der Witz ist, dass die Freunde dieses Begriffs, einen postulierten notwendigen Übergang von der falschen Kritik des Finanzkapitals, des Geldes, der Arbeit usw. zum Judenhass nicht erklären können. Nur weils Leute gibt, die beides tun, also Finanzkapital und Juden hassen, heißt es nicht, dass beides was miteinander zu tun hätte.

  31. Gravatar Icon 31 w 19. April 2007 um 13:56 Uhr

    „Warum zur Hölle, soll Antisemitismus nicht einfach Antisemitismus sein, sondern irgendwie aus der kapitalistischen Verfasstheit der globalen Ökonomie resultieren?“

    Antisemitismus ist Antisemitismus.
    Soweit sind wir uns einig.
    Aber haben wir es da nicht mit einer klitzekleinen Tautologie zu tun? Muss man nicht fragen, wo er her kommt, der Antisemitismus? Ist ja wohl nicht vom Himmel gefallen. Außerdem natürlich die Differenzen zwischen ressentimentbeladenem Alltagsbewusstsein und explizitem Antisemitismus beachten. Und bitte: Cafe Morgenland nicht immer nur dann aus dem Hut zaubern, wenn es gegen ADs geht – das nennt man wohl Instrumentalisierung.

    P.S.
    Da gerade Arbeit nicht mehr Zeit für Antwort zu lysis` Posting.

  32. Gravatar Icon 32 bikepunk 089 19. April 2007 um 14:03 Uhr

    @w
    ich finds ein bisschen widersprüchlich,einerseits zu die Forderung nach Rechten zu dissen „und andererseits andauernd den eigenen Souverän anbettelt, ja lieb und nett, gut und gerecht zu walten und “soziale, kulturelle Rechte” (sämtliche G8-Bündnisse) zu gewähren.“ und andererseits das bürgerliche Glücksversprechen hochzuhalten „Wieso sollte man sich dabei nicht vom Glücksversprechen leiten lassen?“– vom emanzipatorischen potential her schätze ich soziale und politische Rechte höher ein als das bürgerliche Glücksversprechen. Dazu, was jetzt eigentlich am Rechte haben und fordern so toll ist habe ich bei mir was längeres geschrieben:
    http://bkpnk089.blogsport.de/2007/04/19/globale-rechte-erbetteln/

  33. Gravatar Icon 33 bigmouth 19. April 2007 um 16:01 Uhr

    sheriffsterne sind aber nu ma auch sechseckig (wie zb weihnachtssterne auch), nie lucky luke gelesen?

  34. Gravatar Icon 34 Kenneth Star 19. April 2007 um 16:07 Uhr

    „Antisemitismus ist Antisemitismus.
    Soweit sind wir uns einig.
    Aber haben wir es da nicht mit einer klitzekleinen Tautologie zu tun? Muss man nicht fragen, wo er her kommt, der Antisemitismus? Ist ja wohl nicht vom Himmel gefallen. Außerdem natürlich die Differenzen zwischen ressentimentbeladenem Alltagsbewusstsein und explizitem Antisemitismus beachten.“

    Also, erstmal ist „Tautologie“ keine Kritik an der Feststellung. Ich hab ja gar nicht behauptet das es mir damit um eine
    Erklärung des Antisemitismus ging. Die Feststellung das Antisemitismus eben Antisemitismus ist, fasst den Gegenstand aber erstmal besser als Antisemitismus-Begriffe die bei ein bisschen Fetischkapitel psychoanalytisch gelesen rumkommen. Was mit „Antisemitismus ist Antisemitismus“ gemeint war, war eben, das Antisemitismus erstmal nichts weiter ist, als die Feindschaft gegenüber Juden.
    Natürlich fällt der Antisemitismus nicht vom Himmel – notwendiges Beiprodukt kapitalistischer Vergesellschaftung ist er aber wohl auch nicht. Soll eben durchaus Regionen auf der Welt geben wo Antisemitismus nicht eben gerade weit bzw. überhaupt nicht verbreitet ist.
    Auf der anderen Seite ist es natürlich so, dass viele antisemitische Texte aus dem 19./20. Jahrhundert, Texte sind, der fast überall auf der Welt verstanden werden. Ich denke schon, dass das mit materiellen Verhältnissen, die nun mal global herrschen zu tun hat (Kapitalismus, imperialistische Staatenkonkurrenz usw.). Aber deswegen kommt die Feindschaft der Autoren gegenüber Juden doch nicht aus dem Kapital oder gar daher, dass sie es nicht verstehen (dann wäre ja Joachim Bruhn der größte aller Antisemiten). Als ob dem Kapital „eingeschrieben“ wäre, dass es die Feindschaft gegenüber einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, nämlich Juden, hervorrufen würde, also Antisemitismus. Ich denke das Verhältnis zwischen Kapitalismus und Antisemitismus ist da doch sehr viel komplexer als es z.B. von Leuten wie Postone dargestellt (zugegeben, er selbst schreibt über den Aufsatz er wäre nur ein Versuch, den Ableitungswahnsinn haben da andere verbockt).

    „Und bitte: Cafe Morgenland nicht immer nur dann aus dem Hut zaubern, wenn es gegen ADs geht – das nennt man wohl Instrumentalisierung.“

    Netter Versuch, aber du weißt gar nicht zu welchen Gelegenheiten ich CM ansonsten „aus dem Hut zaubere“ und Instrumentalisierung wäre es wohl nur dann, wenn ich nicht einige Positionen dieser Gruppe teilen würde. Davon abgesehen geht es hier auch um linksdeutsche Entlastungsstrategien und nicht um „ADs“.

  35. Gravatar Icon 35 Percival Jenkins 13. Mai 2007 um 17:44 Uhr

    [quote comment=“16794″]Die verkürzte Kapitalismuskritik, welche das Problem in der Börse, dem Zins und den bösen Spekulanten sieht, während das Verhältnis von Lohnarbeit und Kapital nicht angetastet und die Kategorien von Staat und Nation sogar offen affirmiert werden — all dies ist zwar tatsächlich eine Schnittmenge zur kleinbürgerlichen „Kapitalismuskritik“ der NS-Ideologie (die in Wirklichkeit natürlich nie eine war). Nur wird sie bei den Globalisierungskritikern nicht mehr gegen die Juden gewendet. Und das ist ja wohl eine Differenz ums Ganze!
    [/quote]

    Ich fand die Konstruktion auch immer etwas holprig, trotzdem verfolgenswert. Ich dachte auch lange, dass Globalisierungskritik nicht so viel mit Antisemitismus zu tun hat. Verdutzt hat mich dann aber eine Graphik/Diagramm im „Adbuster“ magazin. Da wurden mal die ganzen Übel der Welt augelistet, und da wurde tatsächlich der Cluster „IWF/Weltbank/Israel“ gezogen. Mir ist das zuerst aufgefallen, weil ich dachte, da passt doch was nicht zusammen, zu blöd um Kategorien zu suchen und sie richtig zu füllen. Unter dem Gesichtspunkt Antisemitismus/Verschwörungstheorie hat es dann leider schon Sinn gemacht.

    Das ist jetzt nur ein Beispiel, und ich bin sicher nicht so bescheuert, zu sagen „Da hast du DEN Beweis“. Ich will auch nicht die Debatte um den Ein Sheriffstern mit sechs Zacken aufmachen, dass ist zu lange her.

    Ich will nur sagen: Manchmal ist die Verbindung schon da, und gerade weil sie so unglaublich bescheuert ist, wundert es mich so sehr und macht mir ein bisschen Angst

  36. Gravatar Icon 36 che2001 04. Juni 2007 um 12:27 Uhr

    Ich würde schon sagen, dass etwa die Materialien für einen neuen Antiimperialismus oder Fels/Arranca eine Kapitalismuskritik haben. Ansonsten lese ich hier immer Antiimps. Gibt´s die noch? Nach meinem Kenntnisstand haben sich die Antiimps als politische Szene nach Bad Kleinen (das war 1993) aufgelöst, die letzten Reste schließlich 1998.

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