Falsche Beschuldigungen

Bernhard Schmid berichtet im AIB über eine neue Mode ungerechtfertigter Pauschalanschuldigungen gegenüber arabischen Franzosen:

Eine eindeutig schädliche Einwirkung übten allerdings jüngere Ereignisse aus, bei denen öffentlich angeprangerte antisemitische Aggressionen sich als vorgetäuscht erwiesen und schon früh eine Denunziation angeblicher »arabischer/migrantischer Tätergruppen« erfolgte. Das bekannteste Ereignis in dieser Hinsicht bildet die angeblich antisemitisch motivierte Attacke, die die 24jährige (Nichtjüdin) Marie L. im Juli 2004 im Pariser Vorortzug RER erlitten haben wollte. Dabei gab sie vor den Fernsehkameras zu Protokoll, sie und ihr Baby seien am 9. Juli in der Vorort-Schnellbahn angegriffen worden, nachdem die angeblichen Täter maghrebinischer Herkunft den Ausweis bei ihr entdeckt hätten und anschließend festgestellt haben sollen, dass sie im 16. Pariser Bezirk wohne: »Da wohnen doch nur Juden.« Auf diese Weise sollte die angebliche Aggression gegen Marie L. als antisemitisch motiviert erscheinen. Doch schnell stellte sich heraus: Bereits früher war Marie L. wegen der Erstattung fingierter Anzeigen aufgrund erfundener Straftaten, deren Opfer sie angeblich sei, aufgefallen. Sie wurde Ende Juli 2004 von einem Pariser Gericht zu einer Bewährungsstrafe verurteilt und zu psychiatrischer Behandlung verpflichtet. Doch da war es bereits zu spät: Die Affäre um die »Barbaren im Vorortzug« hatte bereits eine riesige öffentliche Aufmerksamkeit erregt. Öffentliche Demonstrationen hatten für das vermeintliche Opfer stattgefunden, die beispielsweise die französische KP organisiert hatte. Weiterhin hatten die Medien die Nachricht über die angeblichen Merkmale der »afrikanischen und arabischen« Täter in alle Haushalte getragen, und Phänomene von Antisemitismus in Teilen der Öffentlichkeit deutlich mit dieser Identitätszuschreibung belegt (die konservative Tageszeitung Le Figaro: »Ein Import von der anderen Seite des Mittelmeers«). Das wiederum sorgte für heftige Abwehrreaktionen in Teilen der Migrantenjugend, die sich selbst als »wahre Opfer« betrachteten und beklagten, erneut werde zu Unrecht mit Fingern auf ihre Gruppe gezeigt. Zahlreiche Berichte belegen die schädliche Auswirkung dieser Konstellation. Die Kleinpartei EuroPalestine, die bei Wahlen im Juni 2004 in einzelnen Banlieues rund um Paris bis zu zehn Prozent (aber deutlich unter zwei Prozent in der gesamten Hauptstadtregion) einfuhr, bemühte sich vor diesem Hintergrund, öffentlich den Eindruck zu erwecken, Antisemitismus und Gewalt gegen Juden insgesamt seien reine Propaganda, die sich gegen die Migranten richte. Die Selbstgerechtigkeit ist seit den Ereignissen vom Juli 2004 zweifellos sowohl bei manchen Angehörigen der Mehrheitsgesellschaft (»Antisemitismus ist ein fremder Import, sofern es ihn gibt«) als auch bei manchen Mitgliedern migrantischer Gruppen (»Wir werden zu Unrecht angeprangert.«) gewachsen.

Was aber „selbstgerecht“ daran sein soll, sich zu wehren, wenn man mit fingierten rassistischen Kollektivanschuldigen überzogen wird, bleibt das Geheimnis von Bernhard Schmid. Offenbar sollen es Migrant_innen klaglos erdulden, wenn sie als die „neuen Barbaren“ hingestellt werden, obwohl ihr Antisemitismus im Durchschnitt geringer ausgeprägt ist als der der eingeborenen weißen Franzosen, von denen 2002 jeder fünfte für den Antisemiten und Rassisten Jean-Marie Le Pen stimmte. Über entsprechende Untersuchungen berichtet Norman Finkelstein (126):

Die Studie [Manifestations of Antisemitism in the EU 2002--2003] stellte im Gegenteil fest, daß, “wie Umfragen zeigen, antisemitische Ansichten in der französischen Bevölkerung rückläufig sind”. So wurde zum Beispiel die Frage „Ist eine französische Person jüdischer Herkunft ’so französisch wie andere Franzosen auch‘?“ von 89 Prozent der Befragten mit Ja beantwortet. Und obwohl die meisten antisemitischen Vorfälle in Frankreich tatsächlich auf das Konto junger Muslime gingen, lehnten „junge Leute nordafrikanischer Herkunft den Antisemitismus“, wie eine Umfrage ergab, im allgemeinen „sogar noch stärker ab als der Durchschnitt“.


5 Antworten auf „Falsche Beschuldigungen“


  1. Gravatar Icon 1 nachdenklich 25. April 2007 um 22:54 Uhr

    Ich bin etwas überrascht, dass Dir noch keiner vorgeworfen hat, dass Du Norman Finkelstein als Quelle heranziehst. In Bezug auf Bernhard hast Du wohl Recht. Ich vermute, solche Aussagen haben bei ihm immer den Hintergrund, zwar auf der einen Seite als Kritiker der reaktionärsten Teile der Antideutschen aufzutreten, aber weiter für gemäßigtere Teile (z.B. Jungle World) schreiben zu wollen.

    Wie auch immer, Bernhard schreibt und redet ja recht viel und das meiste ist schon ganz ok.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 25. April 2007 um 23:19 Uhr

    Es handelt sich bei der Passage aus dem Finkelstein-Buch durchweg um Zitate aus der Studie „Manifestations of Antisemitism in the EU 2002–2003″. Ich hab mir nicht die Mühe gemacht, das Original rauszusuchen, und wüsste auch nicht, was es zur Sache tut, wo ich darauf gestoßen bin. An der Richtigkeit der Information ändert das jedenfalls überhaupt nichts. Finkelstein ist eine hochproblematische Figur, was seine Auslassungen zu diversen Themen angeht, aber seine Dämonisierung zum Antisemiten ist einfach albern, selbst wenn man ihm berechtigterweise vorwerfen kann, Antisemitismus zu verharmlosen und die Singularität des Holocaust zu leugnen. Politisch ist er für eine Zwei-Staaten-Lösung, also alles andere als der radikale Antizionist, zu dem man ihn gerne stempeln möchte, wenngleich seine Schuldzuweisungen einseitig und ausschließlich an die Adresse Israels gerichtet sind. Das Buch ist als komprimierte Faktensammlung über die Menschenrechtslage in den besetzten Gebieten, aber auch aufgrund seines Humors und seiner polemischen Seitenhiebe gegenüber Leuten wie Alan Dershowitz und Phyllis Chesler sowie Organisationen wie der ADL, die immer wieder ausgerechnet rechte Antisemiten mit ihren Auszeichnungen überhäuft, durchaus lesenswert. Einige Passagen treiben einem vielleicht die Galle hoch. Aber es ist mir sehr wichtig gewesen, auch mal andere Informationen einzuholen als das, was ich regelmäßig in der Jungle World oder der KONKRET vorgesetzt bekomme — und in Sachen Nahost kaum noch etwas mit der Realität zu tun hat.

  3. Gravatar Icon 3 lysis 26. April 2007 um 9:15 Uhr

    Hier der originale Wortlaut der EUMC-Studie:

    On the whole the ‘Sofres’ director concluded that there is “no massive antisemitism among the youth of North African origin (…) It is thus essential not to stigmatize a community (…) which, in its great majority, rejects antisemitism”. Compared with the whole group of people between 15 and 24, the survey shows that the young people of North African origin are in fact even more intolerant of antisemitism than the average. This might be explained by the fact that antisemitic acts or attitudes remind them that they have themselves suffered from of racial or cultural discrimination, as Muslims or as children of North African parents.

  4. Gravatar Icon 4 10minuteman 27. April 2007 um 15:15 Uhr

    Die zitierte Umfrage ist aber nichts wert, wie ich schon anmerkte:

    […]

  5. Gravatar Icon 5 lysis 28. April 2007 um 19:30 Uhr

    Wollen wir doch die Diskussion im andern Thread belassen. Deine Ausführungen sind nämlich auch nichts wert, wie ich schon anmerkte.

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