Heil, wie … Heiligendamm

In einem neuen Text setzen sich Fluchschrift und Café Morgenland vor dem Hintergrund der ostzonalen Jagd auf Flüchtlinge und Migranten, die von der Presse und der deutschen Linken weithin ignoriert wird, sowohl mit der Anti-G8-Mobilisierung als auch mit deren antiislamischen „Kritikern“ auseinander — und entdecken dabei erstaunliche Gemeinsamkeiten…
Aufgrund der erwartbaren Beschimpfungen, jedes Mal wenn es um Café Morgenland geht, habe ich die Kommentarfunktion in diesem Beitrag deaktiviert. Im Folgenden finden sich einige wichtige Ausschnitte. Wer den gesamten Text lesen will, kann das u.a. hier und hier tun.

Im Jahr der Deutschen (1989), als die hiesige Population sich wiedervereinigt, wieder gefunden hatte, als die Brüder und Schwestern — insbesondere in dem ostzonalen Bereich — nach Jahren der zwangsweisen Abstinenz die Früchte der wiedergewonnenen Freiheit genießen durften, fing es an im deutschen Lande für Migranten und Flüchtlinge gefährlich zuzugehen, mit Brandanschlägen auf Flüchtlingsheime (Hoyerswerda, Lichtenhagen, Schönau usw.), mit Auslöschung von ganzen Familien (Solingen, Mölln…), mit Angriffen auf „Undeutsche“, mit Verbrennungen von „Negern“ und „Kanaken“ (Lübeck in der Grevesmühlener Nachbarschaft) oder von libanesischen Kindern (Hünxe), mit volksfestartigen Pogromen gegen Roma und vietnamesische Familien (Lichtenhagen in Rostock). Das deutsche Treiben eskalierte seit dem besagten Jahr über 150.000-mal mit über 140 Toten. Allein im Jahr 2005 waren die „rechtsextremistische Straftaten“ (Polizeijargon) auf 15.000 angestiegen. Letztes Jahr erreichten sie die inflationäre Zahl von 18.000.

Und mitten drin, im Eldorado der teutonischen Gewohnheitstriebe, das Land Mecklenburg-Vorpommern, eine küstenreiche, landschaftlich reizvolle und idyllische Gegend: „Gruselige Ostseeküste: Wenn die rechtsextremen „Jungs und Mädels“ sich „austoben“ auf der Insel Usedom und an Mecklenburg-Vorpommerns schöner Ostseeküste, dann kleben sie nicht nur rechtsextreme Plakate und Aufkleber, singen „Landser“-Songs am Strand-Lagerfeuer, treffen sich zu Aufmärschen und Demonstrationen, schreiben rechtsextreme Schülerzeitungen, Internetseiten oder die Postille „Der Inselbote“ mit rassistischen, nationalistischen und revisionistischen Hetzparolen voll. Wenn sie sich richtig „austoben“, gehen sie Asylbewerber aufschlagen oder alternative Jugendliche. Im schlimmsten Fall traten sie einen Obdachlosen tot, weil sie fanden: „Asoziale Landstreicher passen nicht in die Gesellschaft“ (passiert im Juli 2000 in der als ‚Kaiserbad’ berühmten Touristenhochburg Ahlbeck).“(aus: „Mut gegen rechte Gewalt“)
Misstraue der Idylle, sie ist ein Mörderstück (André Heller).

Die kulturelle Hegemonie von rechts ist gesetzt. Längst hat sich das spontane jugendliche „Austoben“ und die einst ungelenke Form des Bürgerzusammenschlusses vor Ort eine rechte ideologische und organisatorische Infrastruktur geschaffen. Die national befreite Zonenideologie ist Praxis in großen Teilen Ostdeutschlands, „wo sich kaum noch jemand hintrauen kann, der auch nur ansatzweise ausländisch, oder was man dafür hält, aussieht“, schreibt Forums-User „Pacific“. Sein Onkel, ein eingebürgerter Deutscher, habe bei einem Auftrag seiner Firma im Osten das Hotel nach 18 Uhr nicht ohne Begleitung verlassen dürfen. „Auch seine japanischen und amerikanischen, genauso wie dunkelhäutige holländische und britische Kollegen mussten sich an diese Sicherheitsanweisung halten, da die Firma das freie Herumlaufen ihrer ausländischen Mitarbeiter für lebensgefährlich hielt. Internationale Großkonzerne haben schon seit Jahren diese hausinterne policy.“ (aus Spiegel-Online). Wenn Flüchtlinge dorthin gebracht werden, wird drohend auf die Hauswände die jüngste Erfahrung gesprüht: »Lichtenhagen! Solingen! Mölln! Wolgast?«

Wir sprechen von den Aufständischen in Grevesmühlen und Lichtenhagen, in Goldberg und Wismar, in Ahlbeck und Usedom, in Freiberg und Neubrandenburg, in Ueckermünde und Rügen und in vielen, sehr vielen anderen kleinen und großen Ortschaften, wo das Deutschsein wächst und eskaliert, wo der rassistische und antisemitische Angriff gedacht, gefördert, vollzogen und gewählt wird. Die NPD erreichte bei den letzten Landtagswahlen manchenorts traumhafte 12%, 13% oder 18% der Stimmen und zog mit 7 Komma paar Skinheads Prozent ins Schweriner Landesparlament ein.

[…]

Dort mobilisieren jetzt sowohl die Neo-Nazis als auch die linken Gegner des G8-Gipfels. Somit entsteht eine bilderbuchmäßige Situation, wo die begehrte Braut (rassistischer Mob) von beiden Lager für Heiligendamm (neben Bad Doberan) umworben wird. „Die Gemeinde Bad Doberan in Mecklenburg-Vorpommern hat Adolf Hitler nach 75 Jahren die Ehrenbürgerschaft aberkannt. Der Bürgermeister hofft nun auf ein Ende der Diskussionen vor dem G-8-Gipfel in Heiligendamm“. Nun können die Linksdeutschen auch dort bedenkenlos mit den regionalen Neo-Führern mobilisieren bzw. ihren Gottesdienst am 3.6. abhalten.

Die Linke trommelt mit rührseligen Parolen, die bis vor einigen Jahren jeden Linksradikalen den Kopf schütteln ließen (heute wird mitgemacht): „Für einen schnellen und radikalen Wechsel zu den erneuerbaren Energien. Zusammen mit einer deutlichen Erhöhung der Energieeffizienz und der Umstellung auf ein nachhaltiges Wirtschaften können nur so ein gefährlicher Klimawandel und weitere Kriege um Öl- und Gasreserven verhindert werden“. (aus: Zentraler Aufruf, 26.2.2007)

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Sie wollen die Statistiken der antisemitischen und rassistischen Angriffe nicht kennen, aber die apokalyptischen Reiter der Biologie-Statistik beten sie herunter:

„Wir alle kennen die erschreckenden Statistiken: eine Million Arten werden bis 2050 ausgestorben sein, seit 1980 wurden 19 der 20 wärmsten Jahre registriert, Grönland und die Antarktis schmelzen, Dürre, Überschwemmungen, Hungersnöte.“ (aus: dissent!). Bekanntlich schmelzen bei solchen Botschaften die Gefühle der deutschen Arten- und Naturliebhaber schneller als Antarktis und Grönland zusammen. Dabei wird das starke, mobilisierende Gefühl vermittelt, eine Schicksalsgemeinschaft anzugehören, die umzingelt wird — und zwar global (wie immer) — von Industrie-Abgasen, Jahrhundertflut und Ozonloch, die die heimische Artenvielfalt und die deutsche Wälder zerstören. exakt bis zum Nostradamus-light-Jahr 2050. Eine krude Endzeitstimmung (Klimawandel, Hühnerwahn und Rindergrippe oder Busverspätungen).

[…]

Das Schicksal der Flüchtlinge bleibt für sie eine Fußnote im globalen Kampf gegen staatliche Standortfragen, damit sie kein einziges Wort über die unmittelbare Lebensbedrohung der Flüchtlinge, dem Objekt der Begierde (deutsche Bevölkerung) verlieren müssen […]

Diese Dialogangebote wirken: Während man früher die Nazis gesucht und gejagt hatte, ist man heute froh, wenn sie einem nicht direkt in die Arme fallen: „Wie können wir praktisch verhindern, dass die Neonazis sich an den Protesten beteiligen?“ (aus red side, Veranstalterinnen: Autonome Jugendantifa, organisierte autonomie (OA), [’solid] Nürnberg) oder „Die Neonazis müssen dort, wo sie versuchen sich Protesten gegen den G8-Gipfel anzuschließen, ausgeschlossen werden“ (aus: Gemeinsame Erklärung gegen Nazis, www-heiligendamm2007.de)

[…]

Es ist die Wiedererweckung der Begegnungslinken, eine Mischung aus Friedens- und Ökologie-Innerlichkeiten, eine Paarung aus Esoterik und Weltuntergangsstimmung, eine Synergie aus nationalem Sumpf und deutsch-revolutionärer Romantik. Zusammengeschweißt durch Antisemitismus, Antizionismus und Antiamerikanismus.

Das ganze stramm organisierte Spektakel der Gefühlsduselei ist die WM der Linksdeutschen, manches abgeguckt, manches selber kreiert. Ob sie dabei auch organisatorische Maßnahmen ergriffen haben wie ihre Vorbilder, die zum Schutz der ausländischen Mannschaften diese im Westen (mit einer Ausnahme) einquartieren ließen, wissen wir nicht, empfehlen wir aber unbedingt.

Sie wittern ihre große Chance, der Welt ihre ganzen Fähigkeiten und ihre avantgardistische Rolle zu zeigen: Beste Organisation, beste Vorbereitung, beste… alles vom Feinsten (made in germany).

Und weil bekanntlich am deutschen Wesen die Welt genesen soll, reisen zahlreiche linksdeutsche Delegationen aller Couleur ins Ausland, um für die Antiglob-Mobilisierung zu werben. Ohne nur ein Wort über die Zustände, in denen sich ihre Gäste bewegen werden zu verlieren. Ohne auch nur die allseits bekannten Fakten über die Taten der mitdemonstrierenden Masse anzudeuten, weil wohl ähnliche Reaktionen zu befürchten sind, wie die „imageschädigende“ Diskussion, die kurz vor dem WM-Start über die „national befreiten Zonen“ stattgefunden hatte. Ohne sich ein Dreck darum zu kümmern, dass in den meisten Ländern, wo sie ihre Mobilisierungsveranstaltungen abhalten, Mobilmachungen von ihren Vorfahren stattgefunden haben — mit heute noch unvergesslichen Spuren.

Es handelt sich eben um die linke Variante der Globalisierer, die die regionalen, besonderen politischen Gegebenheiten ignorieren, ob Genua, Petersburg oder Heiligendamm — ganz egal. Im Ausland vollziehen sie den internationalen Akt, damit sie zu hause umso mehr ihrem nationalen Alltag nachgehen können. Deswegen interessiert es sie nicht, dass sie hier mitten im Mörderstück stehen und einen weiteren Akt mit inszenieren.

Und die „Kritiker“? Ein Blick auf manche Verlautbarungen (z.B. aus dem antiislamischen Lager), zeigt das Ausmaß der Abstumpfung dieses Milieus: Die antiislamische Linke spart in ihrer Kritik an dem Anti-G8-Protest die rassistischen Verhältnisse komplett aus. Ganze Texte und Aufrufe kommen ohne das Wort Rassismus aus (Bahamas und Co.). Die Verharmlosung feiert fröhliche Urstände: „.und auch eine wirkliche Stärkung der Massenbasis von NPD und Kameradschaften steht nicht zu befürchten“ (aus: Diskussions-Veranstaltung in Halle, am 29.05.2007).

Für sie sind 18.000 „rechtsextreme Straftaten“ keine Befürchtung. Das alltägliche Grauen soll nicht zur Sprache kommen, damit ihre Weisheiten darüber, dass die Deutschen Antirassisten seien, aufrecht erhalten bleibt. Dafür haben sie Verbündete: Die Selbstzensur der deutschen Gazetten im Lande, die beschlossen haben, nichts mehr über solchen exportschädigenden Ereignisse zu berichten.

Sie kritisieren bei den Antiglobs deren antiamerikanische und antisemitische Inhalte, ohne ein Wort über die herrschenden und mordswirksamen rassistische Exzesse zu verlieren. (Zugegeben, immerhin besser als für das Abfackeln von Moscheen aufzurufen, wie anlässlich des Neubaus der Moschee in Kreuzberg). Ausnahmsweise können wir die Gründe einmal nachvollziehen: Die Fans von Pro Köln und Fallaci und ihre Brut (siehe www.gruene-pest.de), haben zwar mit allem und allen ein „Problem“ (wobei das Größte immer noch ist, dass — trotz allerlei Liebesbekundungen — weder Mob noch Linke bei ihrem Verein mitmachen wollen), nur nicht mit den herrschenden Zuständen im Lande, da sie selber in diesem rassistischen Sumpf Kraft und Kreativität tanken.

Sie stellen sich an die Seite der Meute, da die Opfer von rassistischen Angriffen nicht die sog. „Mindeststandards der Zivilisation“ aufweisen können. Sie treten für Abschiebungen ein, (z.B. Horst P. aus der Konkret-Tonne), weil die potentiellen Opfer nicht die richtige Religionszugehörigkeit besitzen.

Die Aussparung des Rassismus in ihrer Kritik ist kein Zufall, sind sie doch selbst zutiefst rassistisch. Nach dem Überfall auf einen Mann aus dem Irak in Bad Doberan am 6.8.2006, ist davon auszugehen, dass sie zuallererst hinterfragt hätten, ob seine Freundin Kopftuch trägt.

Das Taktieren und Ignorieren (anti-g), die Verharmlosung (anti-d) des Treibens der deutschen Population, ist ein unerschütterliches Fundament dieser Gesellschaft, auf dem das, was zusammengehört zusammenwächst und -hält, Pech wie Schwefel, links wie rechts. Eben, ein Volk auf Biegen und (Er)brechen.

Die mörderische Jagd in MeckPom und anderswo auf alles „Undeutsche“ geht den Linksdeutschen am Arsch vorbei. Denn sie haben sich entschlossen mit der NPD um die Gunst dieser Massen zu konkurrieren. Im trüben Wasser mitzufischen.

[…]

Und sie werden Erfolg haben: sie werden bereits im Halbfinale, am 2. Juni, bei ihrer großen Demo, gemeinsam mit den Grevesmühlener Mördern der 13 Flüchtlinge (sie wurden in Lübeck verbrannt), gemeinsam mit den 3.000 Mobis aus Lichtenhagen (und vielleicht auch mit dem Rostocker Piss-Exemplar,) Hand in Hand gegen das Übel dieser Welt demonstrieren. Ob sie sich dabei die organisierten Nazis vom Hals halten oder nicht ist dann nicht mehr relevant.

Und wer weiß, vielleicht werden die Blockaden eine Bereicherung durch die Bürgerinnen und Bürger aus Goldberg erfahren, da diese in jener Protestform sehr, sehr erfahren sind: Sie haben schon mal die Strassen erfolgreich blockiert, um den Einzug der aus Lichtenhagen gejagten Roma-Familien in das Flüchtlingsheim vor Ort zu verhindern.

Und wenn der ganze Rummel vorbei ist und die Kämpferinnen und Kämpfer sich nach getaner Arbeit in Glückseligkeit schwelgend auf den Rückweg machen (bekanntlich hat auch ein Weltuntergang seine Grenzen), wenn die Rampenlichter ausgeschaltet und sich die Weltpresse zurückgezogen hat, wenn der — von den Weltmeistern im Selektieren — ordentlich getrennte Müll aus den Camps abtransportiert sein wird, wenn also der beschauliche Alltag wieder eingekehrt, wird sich herausstellen, wer der Gewinner dieses Protestes ist:

Die NPD und ihr Anhang bewegen sich im Osten wie die Fische im Wasser. Gemeinsam werden sie um politische und organisatorische Kampferfahrung reicher sein. Das Klein-Klein der spontanen Überfälle wird gebündelt zu einem Angriff auch auf die staatlichen Strukturen und in einer Größenordnung, die für die NPD bisher unbekannt ist.
Auch die Linke hat ihnen dafür Komparsendienste geleistet, die Kulisse abgegeben und zieht wieder ab. Die NPD und der Mob bleiben vor Ort.

Die Folgen der Mobilisierung, ihre gemeinsam gewonnenen neuen Kampferfahrungen werden diesem Mörderstück eine neue Qualität gegeben haben.