Gerade muss ich mich mit Gruppenforschung, genauer: mit der sprachlichen Interaktion jugendlicher Peer-Groups beschäftigen. Am Anfang fand ich das nur mäßig interessant, aber ein paar Aspekte haben dann doch meine Aufmerksamkeit geweckt. Spannend ist es vor allem, wie sich Klassen- und andere soziale Ausgrenzungs- und Diskriminierungsverhältnisse in der inneren Konstitution von Jugendgruppen niederschlagen, sei es in der von „Tätern“ (klassen/rassistische Jugendliche aus dem bürgerlichen Milieu) oder in der von „Opfern“ („Asi“-Jugendliche, Schwule, „Ausländer“). Axel Schmidt gibt eine kurze Zusammenfassung über die typische Form, in der sich Gruppen stigmatisierter Jugendlicher zusammenfinden (denkbar wären als Beispiel die „Rütli-Schüler“) und ihre gesellschaftliche Diskriminierungserfahrung kollektiv verarbeiten. In einem nächsten Beitrag geht es dann um (klassen)rassistische Jugendgruppen und ihre Abgrenzung von „asis“ und „kanaken“.
Eine Gruppe, die allen möglichen anderen unterstellt, sie abzuwerten, bleibt unter sich, ohne eine solche Unterstellung mit einer Interaktionsrealität konfrontieren zu müssen. Eine solche Abschottung sozialer Gruppen ist jedoch häufig primär erfahrungsbasiert, d.h. nimmt erst in einem fortgeschrittenen Stadium die Form eines Rückzugs in die Exklusivität der eigenen Gruppe an. Explizit außenorientierte, negative Selbstdefinitionen stützen sich nämlich häufig auf durch die Mehrheitsgesellschaft gebrauchte Ausgrenzungskategorien, die als Selbstzuschreibungen angeeignet und umgewertet werden. Auch im vorliegenden Fall lässt sich die Selbstdefinition ‚mir falle iwwerall uff‘ als Kategorie begreifen, die ursprünglich von Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft (also Repräsentanten der Erwachsenenwelt, insbesondere wohl solchen, die mit der Erziehung und der damit einhergehenden sozialen Kontrolle professionell betraut sind) gebraucht wurde, um die betreffenden Jugendlichen zu kennzeichnen. Gelingt es Personen, die regelmäßig als Vertreter solcher Kategorien identifiziert werden, nicht, einer solchen Diskriminierung auf Dauer zu entgehen, entsteht eine stigmatisierte Sozialkategorie, welche aufgrund der durch die Mehrheitsgesellschaft betriebenen Diskreditierung der Vertreter solcher Kategorien zur Gruppenbildung disponiert — und zwar eben genau auf der Basis des durch den ‚Rest der Gesellschaft‘ abgelehnten Merkmals. Die Übernahme mehrheitsgesellschaftlich hervorgebrachter und regelmäßig in Anschlag gebrachter Stigmatisierungen bedeutet für den diskriminierten Einzelnen zunächst, sich einer Gruppe Gleichgesinnter (einer Minderheit von ‚Leidensgenossen‘) anschließen zu können, wodurch sich die Mitglieder der Gruppe „der Diskriminierung dadurch widersetzen, dass sie sich durch die Übernahme der Kategorie als Kollektiv setzen, als Minderheit, d.h. den Status, der ihnen als Einzelnen immer schon zugewiesen wurde, kollektiv affirmieren“. Des Weiteren bedeutet die affirmative Übernahme einer Fremdzuschreibung häufig, sich mit der Stigmatisierung in positiver Weise zu identifizieren, d.h. sie als Identitätsmerkmal nicht zu verbergen, sondern sich offensiv dazu zu bekennen, und damit die ‚Herrschaft‘ über die Fremdzuschreibung zu übernehmen, und damit zu entscheiden, wie die Kategorie inhaltlich konkret zu füllen ist, wer dazu gehört und wer nicht etc. Solche Aneignungsprozesse bzw. Prozesse der Umwandlung einer Fremd- in eine Selbstzuschreibung werden häufig begleitet von Modifikationen, so dass die betreffende Gruppe schließlich „die Verwaltung der Kategorie [übernimmt]“. Auch die Selbstbeschreibung ‚mir falle iwwerall uff‘ bzw. das sich dadurch manifestierende Selbstbild der untersuchten Peer-Gruppe ist durch einen solchen Prozess der Kollektivierung, Affirmierung, Aneignung, Umwertung und Selbstverwaltung eines Stigmas (mit-)geprägt. Die Konstitution eines ‚Wir‘ erfolgt also, „indem es zu sich selbst die Perspektive der Anderen einnimmt“. Die Kennzeichnung weist darauf hin, dass die Jugendlichen als gesellschaftliche Outsider stigmatisiert wurden resp. die Reaktionen ihrer Umwelt typischerweise als Stigmatisierungen wahrnehmen. Durch den Aneignungsprozess jedoch findet eine Umwertung statt: ‚mir falle iwwerall uff‘ wird zu ‚wir wollen überall auffallen‘. Das Verhältnis zwischen der eigenen Gruppe und anderen wird auf diese Weise reorganisiert: Nicht andere stigmatisieren uns als auffällig, sondern wir tun das selbst und begreifen es zudem als etwas Positives. Die normale Wertordnung wird ‚auf den Kopf‘ gestellt, indem offizielle Normen in ihr Gegenteil verkehrt werden.
Ein auf diese Weise den Antizipationen von Fremdwahrnehmungen entspringendes Gruppenbewusstsein ist einerseit ein erster Schritt in Richtung eines elaborierteren Selbstbildes, andererseits in dieser ausschließlichen Form eine rudimentäre Konstruktion, da Zusammenhalt vornehmlich über ein Nicht-Sein statt eines So-Seins (ex negativo) hergestellt und aufrechterhalten wird. Dass Gruppen sich hauptsächlich ex negativo definieren, kann ein Indiz für die gegen- oder subkulturelle Ausrichtung und/oder für die Stigmatisierung durch die Mehrheitsgesellschaft sein.
Aus: Axel Schmidt, Doing peer-group : Die interaktive Konstitution jugendlicher Gruppenpraxis. Frankfurt/M. 2004, 237--239.

genau diese sachen lassen sich in vielen us-amerikansichen gangsta-rap-stücken finden, wo rassistische zuschreibungen ins positive gewendet werden (der protagonist ist dann der potente wilde schwarze bewaffnete drogenhändler/zuhälter, vor dem die weissen angst haben sollen)
ich glaube, das ist es, was rassismus in den bürgerlichen gesellschaft so besonders heftig macht: bei vielen der diskriminierten wird das zu einer art selbsterfüllenden prophezieung, wo rasssistische vorurteile verhaltensweisen hervorbringen, die rassistische vorurteile wiederum bestätigen und verstärken
Ich wünschte, der Autor über mir würde icht so offensichtlich versuchen sich durch seine Sprache als Teil der Gruppe „Weisse Mittelstandskids“ hochzustiliseren.
Oder mit anderen Worten: „the ‚a‘ in ‚gangsta‘ is for amateurs“.
Für den Rassisten ist es gleich, wie sich die Objekte seines Hasses verhalten – die Erfahrung wird immer im Sinne des rassitischen Vorurteils eingeordnet. Wenn der migrantische Jugendliche am Straßenrand ihn nicht anmault und zur Einhaltung der Scharia zwingt (welch wahnhafte Vorstellung…), hatte der Rassist halt „Glück“, der Kanacke Angst oder hat sich verstellt.
Trotzdem gibt es das Phänomen der Selbststigmatisierung. Das Fremdstereotyp wird übernommen und positiv gewendet. Das gibts in allen Minderheiten, auch in der Linken – man denke z.B. an sog. „Antideutsche“. Da wurde einfach das Nazi- und Bildzeitungsstereotyp vom „Linken“ affirmativ übernommen.
nur um missverständnissen vorzubeugen: rasssitische deutungsmuster müssen auf jeden fall schon vorhanden sein. wenn ich von nem türkischen jugendlichen abgezogen werde, und das dann zuallererst auf seinen „migrantischen hintergrund“ beziehe, anstatt zb seinen ökonomischen (der mir bei nem deutschen eventuell auffiele), dann bin ich schon mitten drin im alltagsrassismus
„man denke z.B. an sog. “Antideutsche”. Da wurde einfach das Nazi- und Bildzeitungsstereotyp vom “Linken” affirmativ übernommen.“
ungewaschen? gewalttätig? wursthaare?
Na, ich sag dir, ey, die Sprache in dem Buch macht mich fertig!
Ja, das ist genau das, was der Autor auch feststellt. Ich zitiere mal:
„ungewaschen? gewalttätig? wursthaare?“
Ne, ich dachte nicht an das aktuelle „Globalisierungsgegner“-Stereotyp, sondern an die Vorstellungen Anfang der 90er, wo sich die entsprechenden Gruppen gebildet und die Anführer in die Diskurse eingeschaltet haben.
Dazu gehört dann etwa folgendes:
Als Rechter kann man sich nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die nicht in nationalen Kategorien denken und die sogar abschaffen wollen. Deshalb z.B. der Gedanke:
- Linke sind in Wirklichkeit „antideutsch“, wollen doch nur das Deutsche Volk knechten und fertig machen, stehen einfach auf der Seite anderer Nationalismen
Die soziale Komponente wird bei der rechten / Bild-Berichterstattung über linke Vorstellungen immer ausgeblendet. (Das könnte ja symphatisch wirken). Statt dessen gibts folgendes:
- Linke sind doch nur irgendwelche Rich-Kids, die Soziologie studieren, sich über weniger Belesene lustig machen, auf den Arbeiter scheißen und dekadent vor sich hinleben.
Sowas zu übernehmen und positiv zu wenden, ist doch ziemlich bescheuert.
„…und auch erwartungsdiskrepante Erlebnisse können somit so interpretiert werden, dass sie die negative Beurteilung der Kategorie stützen…“
Beispiel: Vier „Weiße“ fahren mit dem Auto am Wochenende zum Schachspielen in eine andere Stadt (in Tschechien), finden dort das Spiellokal nicht und fragen deshalb Fußgänger um Rat. Der erste Versuch – junge „weiße“ Frau – geht voll in die Hose, die Dame will mit den Fragestellern offenbar nichts zu tun haben. Der zweite Versuch – älterer „schwarzer“ Herr (Roma) – wird dagegen ein voller Erfolg. Man wird höflich und nett gegrüßt, bekommt die gewünschte Information (präzise Beschreibung) und wird genauso freundlich verabschiedet. Das Fenster wird geschlossen und sofort der Kontakt mit dem „Zigeuner“ besprochen.
Hier das „weiße“ Fazit: Das ist typisch. Die kennen sich eben aus. Die müssen sich ja auskennen. Sonst würden sie ja nicht wissen, wo es was zum Klauen gibt.
Also ich finde, das ist klassisch.
PS.: Aber natürlich hat man IM PRINZIP nichts gegen „Zigeuner“. Aber wenn DIE sich nicht zu benehmen wissen.
Das Gesprächsbeispiel in dem Buch ist ein bisschen trivialer und weniger Aufsehen erregend. Aber so ist das ja meistens in der Empirie.
Ein Gruppe von Jungs fährt auf einen Skiausflug. Einer fragt:
(Mit Bafellos sind „kanaken“ gemeint, da sie nach Ansicht der Gruppe typischerweise Schuhe der Marke Buffalo tragen.)
Ein zweites Gruppenmitglied antwortet:
Ein dritter schließlich:
Das „NÄ::::“ bezeichnet dabei sowas wie Fassungslosigkeit; Unglaube, dass die „kanaken“ jetzt auch schon auf Skiurlaub gehen. Dass sich ein Kanake so „untypisch“ verhält, ist nicht etwa Anlass, das eigene Vorurteil zu hinterfragen, sondern man regt sich gerade über die Abweichung vom Stereotyp auf, wonach „kanaken“ kein Ski fahren (sei es weil das nicht zu ihrer „Kultur“ gehört, ihrem „Stand“ nicht entspricht oder sie zu arm dafür sind).
Anders bei der Bewertung von Österreichern (in der Sprache der Jugendlichen: „schluchtenscheißer“). Bei denen wird erwartungsdiskrepantes Verhalten zumindest anerkennend registriert und mildernd auf das eigene Stereotyp angerechnet:
Bei der Abwertung von Österreichern handelt es sich eben nur um ein nationalgeographisches Klischee (ähnlich den Ossis), nicht um ein rassistisches Vorurteil. Letzteres fällt bei den Jugendlichen nicht nur viel „extremer und expressiver“ (Schmidt) aus als das gelegentliche Lästern über „schluchtenscheißer“ bezogen auf einen Skiurlaub in Österreich, sondern ist noch dazu gegen jede abweichende Erfahrung immun. „Aufklärungsresistent“, wie Horki und Adorno sagen würden.
„….sondern ist noch dazu gegen jede abweichende Erfahrung immun. “Aufklärungsresistent”….“
Das Absurde ist ja, dass sich der Rassist andauernd auf seine „Erfahrung“ beruft. Fast immer, wenn ich Leute mit einer verfestigten rassistischen Einstellung kritisierte, wurde mir gesagt, dass man so seine Erfahrungen hat. Und ich „Erfahrungsloser“ solle doch bitte stille sein. Die Kritik der „Erfahrungslosen“ wird von oben herab toleriert oder als nervig oder peinlich empfunden. Auf jeden Fall läuft sie aber ins Leere.
Ich würd‘ schon sagen, dass Erfahrungen bei der Konstruktion von rassistischen Vorurteilen eine gewisse Rolle spielen, aber Rassisten tun so, als ob a) Erfahrungen nicht interpretationsbedürftig seien, sondern für sich allein stünden und b) als ob gegenteilige bzw. abweichende Erfahrungen bei der Kategorienbildung einfach außen vor gelassen werden könnten.
Ein Beispiel: Ich möchte nicht bestreiten, dass einige Schwule die „Erfahrung“ gemacht haben, von Migrantenjugendlichen des Öfteren angemacht worden zu sein. Trotzdem lässt sich, wie ich hier gezeigt habe, daraus keinerlei verlässlicher Schluss ziehen, ob homophobe Gewalt unter Migrant_innen nun statistisch über- oder unterrepräsentiert ist und ob sie auch nur irgendeine nachvollziehbare „ethnische“ Komponente hat. Die Leute meinen, „Erfahrungen“ sprächen für sich, aber das tun sie nicht.
Tatsächlich steckt hinter der Verarbeitung von Erfahrung durch den Rassisten eine höchst selektive Form der Theorie, nämlich ein Weltbild, wonach das, was Deutsche tun, „normal“, d.h. nicht weiter thematisierenswert sei, während das, was „Kanaken“ tun, als Ausdruck einer abweichenden und in sich problematischen „Fremdkultur“ gelesen werden müsse. Handlungen von Deutschen werden gesellschaftlich erklärt (d.h. mit der Möglichkeit sozialer Widersprüche und milieuspezifischer Varianz), während Handlungen von Migrant_innen kulturell interpretiert werden (d.h. widerspruchslos, ohne soziale Variation und von allen kollektiv geteilt).
Ein gutes Beispiel gibt der aktuelle Siegessäule-Leitartikel zur Kussaktion am „Tag gegen Homophobie“. Darin werden verschiedene homophobe Vorfälle geschildert. Einer streng ethnisierenden Logik folgend, hat man die erste Hälfte des Artikels den Eingeborenen, die zweite Hälfte den „Kanaken“ gewidmet.
Vorfall Nr. 1:
Ein ganzer Haufen Männer verhält sich kollektiv homophob, aber das ist „normal“, d.h. es wird einfach so hingenommen. Die Homophobie wird nicht als Ausdruck der „deutschen Kultur“ gelesen, sondern als Zeremoniell innerhalb einer bestimmten Szene, die sich eben durch Vulgärität und rituelle Beschimpfungen auszeichnet. Aber warum beschimpfen sie ihre Gegner gerade als Schwule? Wie kommt denn diese Homophobie in die Hooligan-Szene, wenn sie nichts mit der Verfasstheit der deutschen Gesellschaft zu tun hat? Solche Fragen werden nicht aufgeworfen, eben vor dem Hintergrund, dass Homophobie unter Deutschen „normal“, d.h. nicht problematisierenswert sei.
Aber gehen wir weiter:
Wieder wird Homophobie renormalisiert. „Oldschool-Homophobie, nicht mehr, nicht weniger“ — d.h. es muss nicht weiter überraschen, braucht nicht skandalisiert zu werden und verlangt keine Konsequenzen. Schwule „zu diffamieren ist normal“ (s.o.), jedenfalls dann, wenn Deutsche es tun. Kein Grund, daraus pauschalisierende Kategorien abzuleiten à la „der homophobe Teutone“ usw.
Als nächstes sucht man nun gezielt Migrant_innenkieze auf, ist doch damit zu rechnen, dass die Homophoben dort endlich auch mal „Kanaken“ und nicht immer nur Deutsche sind! Der Wunsch, erstere als Täter auszumachen, ist geradezu überwältigend:
Doch man wird am Hermannplatz zunächst enttäuscht:
Boah, jetzt ist man aber furchtbar geknickt!
Doch führt das etwa zu einer Infragestellung der Kategorie „homophober Ausländer“? Iwo, man muss nur weiter suchen!
Jawohl, und diese Frau liefert die kulturalistische Deutung gleich selbst mit! Wer wollte das noch in Frage stellen? Und was ist auf einmal mit dem Libanesen? Aus dem Auge, aus dem Sinn! Der „kulturell bedingt“ homophobe Ausländer ist als Topos etabliert. Statt sich aber mal zu fragen, ob das mit der „andersartigen Kultur“ denn wirklich stimmt — denn schließlich ist man kurz vorher auf eine ganze Horde homophober deutscher Männer gestoßen, die offenbar nicht sehr viel anders dachten —, wird die kulturalistische Selbstdeutung der Frau umstandslos sanktioniert. Und jetzt setzt man statt mit: „ist doch normal“, wie bei den Deutschen, mit einem kulturellen Erziehungsauftrag an:
Komisch, dass man dieses Bedürfnis, jemanden aufzuklären, bei den deutschen Homophoben nicht verspürt hat. Aber hier, gegenüber „Menschen mit einer anderen kulturellen Identität“ fühlt man sich plötzlich zum Missionar berufen. Da ist die Homophobie nicht „normal“, sondern abartig! Eben kanakisch, fremd, andersartig.
Aber irgendwie ist das noch nicht befriedigend. Eins zu eins am Hermannplatz, da muss noch ein anderer Migrantenkiez her, um das Verhältnis zu Lasten der aufgrund ihrer „Kultur“ kollektiv als homophob beschuldigten Kanaken auszugleichen:
Endlich, Polen, Türken und das ganze Gesocks! Jetzt hat man’s also mit der eigenen Erfahrung bewiesen: Türkenbengels entsprechen den Erwartungen, „auf sie ist Verlass“. Und wenn sich einer anders verhält, dann doch nur, weil er mangels Beherrschung der deutschen Sprache nicht weiß, worum’s geht:
Es ist echt unfassbar. Da verhält sich einer nicht homophob, und gerade an ihm soll demonstriert werden, dass „Kanaken“ für Schwule eine manifeste Gefahr wären! Und dann die Ableitung von Homophobie aus „Desintegration“ — ja, was ist denn mit den homophoben Deutschen? Waren die auch alle desintegriert, als sie „Schwuuule, Kinderficker von der Wuhle!“ grölten?
Fazit
So schaut also rassistische „Erfahrung“ aus: Homophobie (oder auch umgekehrt: die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Liebe) wird sowohl unter Deutschen als auch unter Nichtdeutschen erlebt (wobei diese Kategorien natürlich ethnisch interpretiert werden und keine Staatsbürgerschaft bezeichnen). Aber der Rassist leitet daraus nicht etwa ab, dass Homophobie gar nichts mit „Ethnie“ zu tun hätte. Er bleibt trotz seiner abweichenden Erfahrungen bei einer kategoriengeleiteten Interpretation, wonach Homophobie unter Migrant_innen als etwas Besonderes zu interpretieren sei, während sie bei Deutschen eine normale gesellschaftliche Erscheinung darstellt, die als solche nicht problematisiert werden muss. Zu problematisieren ist allein die „Ausländer“-Homophobie. Sie verlangt nach der Einleitung von Gegenmaßnahmen: Integrationskurse, Aufklärung, Missionierung etc. Sie ist etwas Andersartiges, nicht etwa weil man nachweisen könnte, dass „Kanaken“ bei homophober Gewalt überrepräsentiert wären, sondern weil „Kanaken“ kulturelle Fremde sind und ihr Verhalten deshalb abnorm.
Das ist die Interpretationsfolie des Rassisten, und sie zeigt, dass seine Erfahrung schon immer kategoriengeleitet ist und nicht erst a posterio zu irgendwelchen Urteilen kommt. Sie hat überhaupt nichts damit zu tun, wie häufig Homophobie von welcher Seite erlebt wird; sie hat etwas damit zu tun, dass Homophobie von Seiten Deutscher als normal empfunden wird, während sie, sobald sie von Migrant_innen ausgeht, einem kulturellen Othering unterliegt!
lysis, das ist ewigentlich viel zu gut für die comments, mach irgendwann ne storys draus
Jaja, hatte ich schon vor, und zwar bei f*queer, aber ich bin gerade ein bisschen in Zeitnot.
Köstlich fand ich mal, wie eine Frau aus dem Spektrum Sielwall-Punx, stark LSD konsimierend und phasenweise auf der Straße lebend ihre Gesinnung artikulierte: „Wir Asos stehen Seite an Seite mit den Kanaken gegen Bonzen und Faschos!“
Über „Asos“ und Klassenrassismus sollte eigentlich mein nächster Beitrag gehen …