„mir falle iwwerall uff“ — Gruppenbildung unter stigmatisierten Jugendlichen

Gerade muss ich mich mit Gruppenforschung, genauer: mit der sprachlichen Interaktion jugendlicher Peer-Groups beschäftigen. Am Anfang fand ich das nur mäßig interessant, aber ein paar Aspekte haben dann doch meine Aufmerksamkeit geweckt. Spannend ist es vor allem, wie sich Klassen- und andere soziale Ausgrenzungs- und Diskriminierungsverhältnisse in der inneren Konstitution von Jugendgruppen niederschlagen, sei es in der von „Tätern“ (klassen/rassistische Jugendliche aus dem bürgerlichen Milieu) oder in der von „Opfern“ („Asi“-Jugendliche, Schwule, „Ausländer“). Axel Schmidt gibt eine kurze Zusammenfassung über die typische Form, in der sich Gruppen stigmatisierter Jugendlicher zusammenfinden (denkbar wären als Beispiel die „Rütli-Schüler“) und ihre gesellschaftliche Diskriminierungserfahrung kollektiv verarbeiten. In einem nächsten Beitrag geht es dann um (klassen)rassistische Jugendgruppen und ihre Abgrenzung von „asis“ und „kanaken“.

Eine Gruppe, die allen möglichen anderen unterstellt, sie abzuwerten, bleibt unter sich, ohne eine solche Unterstellung mit einer Interaktionsrealität konfrontieren zu müssen. Eine solche Abschottung sozialer Gruppen ist jedoch häufig primär erfahrungsbasiert, d.h. nimmt erst in einem fortgeschrittenen Stadium die Form eines Rückzugs in die Exklusivität der eigenen Gruppe an. Explizit außenorientierte, negative Selbstdefinitionen stützen sich nämlich häufig auf durch die Mehrheitsgesellschaft gebrauchte Ausgrenzungskategorien, die als Selbstzuschreibungen angeeignet und umgewertet werden. Auch im vorliegenden Fall lässt sich die Selbstdefinition ‚mir falle iwwerall uff‘ als Kategorie begreifen, die ursprünglich von Mitgliedern der Mehrheitsgesellschaft (also Repräsentanten der Erwachsenenwelt, insbesondere wohl solchen, die mit der Erziehung und der damit einhergehenden sozialen Kontrolle professionell betraut sind) gebraucht wurde, um die betreffenden Jugendlichen zu kennzeichnen. Gelingt es Personen, die regelmäßig als Vertreter solcher Kategorien identifiziert werden, nicht, einer solchen Diskriminierung auf Dauer zu entgehen, entsteht eine stigmatisierte Sozialkategorie, welche aufgrund der durch die Mehrheitsgesellschaft betriebenen Diskreditierung der Vertreter solcher Kategorien zur Gruppenbildung disponiert — und zwar eben genau auf der Basis des durch den ‚Rest der Gesellschaft‘ abgelehnten Merkmals. Die Übernahme mehrheitsgesellschaftlich hervorgebrachter und regelmäßig in Anschlag gebrachter Stigmatisierungen bedeutet für den diskriminierten Einzelnen zunächst, sich einer Gruppe Gleichgesinnter (einer Minderheit von ‚Leidensgenossen‘) anschließen zu können, wodurch sich die Mitglieder der Gruppe „der Diskriminierung dadurch widersetzen, dass sie sich durch die Übernahme der Kategorie als Kollektiv setzen, als Minderheit, d.h. den Status, der ihnen als Einzelnen immer schon zugewiesen wurde, kollektiv affirmieren“. Des Weiteren bedeutet die affirmative Übernahme einer Fremdzuschreibung häufig, sich mit der Stigmatisierung in positiver Weise zu identifizieren, d.h. sie als Identitätsmerkmal nicht zu verbergen, sondern sich offensiv dazu zu bekennen, und damit die ‚Herrschaft‘ über die Fremdzuschreibung zu übernehmen, und damit zu entscheiden, wie die Kategorie inhaltlich konkret zu füllen ist, wer dazu gehört und wer nicht etc. Solche Aneignungsprozesse bzw. Prozesse der Umwandlung einer Fremd- in eine Selbstzuschreibung werden häufig begleitet von Modifikationen, so dass die betreffende Gruppe schließlich „die Verwaltung der Kategorie [übernimmt]“. Auch die Selbstbeschreibung ‚mir falle iwwerall uff‘ bzw. das sich dadurch manifestierende Selbstbild der untersuchten Peer-Gruppe ist durch einen solchen Prozess der Kollektivierung, Affirmierung, Aneignung, Umwertung und Selbstverwaltung eines Stigmas (mit-)geprägt. Die Konstitution eines ‚Wir‘ erfolgt also, „indem es zu sich selbst die Perspektive der Anderen einnimmt“. Die Kennzeichnung weist darauf hin, dass die Jugendlichen als gesellschaftliche Outsider stigmatisiert wurden resp. die Reaktionen ihrer Umwelt typischerweise als Stigmatisierungen wahrnehmen. Durch den Aneignungsprozess jedoch findet eine Umwertung statt: ‚mir falle iwwerall uff‘ wird zu ‚wir wollen überall auffallen‘. Das Verhältnis zwischen der eigenen Gruppe und anderen wird auf diese Weise reorganisiert: Nicht andere stigmatisieren uns als auffällig, sondern wir tun das selbst und begreifen es zudem als etwas Positives. Die normale Wertordnung wird ‚auf den Kopf‘ gestellt, indem offizielle Normen in ihr Gegenteil verkehrt werden.

Ein auf diese Weise den Antizipationen von Fremdwahrnehmungen entspringendes Gruppenbewusstsein ist einerseit ein erster Schritt in Richtung eines elaborierteren Selbstbildes, andererseits in dieser ausschließlichen Form eine rudimentäre Konstruktion, da Zusammenhalt vornehmlich über ein Nicht-Sein statt eines So-Seins (ex negativo) hergestellt und aufrechterhalten wird. Dass Gruppen sich hauptsächlich ex negativo definieren, kann ein Indiz für die gegen- oder subkulturelle Ausrichtung und/oder für die Stigmatisierung durch die Mehrheitsgesellschaft sein.

Aus: Axel Schmidt, Doing peer-group : Die interaktive Konstitution jugendlicher Gruppenpraxis. Frankfurt/M. 2004, 237--239.


19 Antworten auf „„mir falle iwwerall uff“ — Gruppenbildung unter stigmatisierten Jugendlichen“


  1. Gravatar Icon 1 bigmouth 16. Juni 2007 um 12:33 Uhr

    genau diese sachen lassen sich in vielen us-amerikansichen gangsta-rap-stücken finden, wo rassistische zuschreibungen ins positive gewendet werden (der protagonist ist dann der potente wilde schwarze bewaffnete drogenhändler/zuhälter, vor dem die weissen angst haben sollen)

    ich glaube, das ist es, was rassismus in den bürgerlichen gesellschaft so besonders heftig macht: bei vielen der diskriminierten wird das zu einer art selbsterfüllenden prophezieung, wo rasssistische vorurteile verhaltensweisen hervorbringen, die rassistische vorurteile wiederum bestätigen und verstärken

  2. Gravatar Icon 2 interessiert 16. Juni 2007 um 13:23 Uhr

    Ich wünschte, der Autor über mir würde icht so offensichtlich versuchen sich durch seine Sprache als Teil der Gruppe „Weisse Mittelstandskids“ hochzustiliseren.
    Oder mit anderen Worten: „the ‚a‘ in ‚gangsta‘ is for amateurs“.

  3. Gravatar Icon 3 falafel 16. Juni 2007 um 14:30 Uhr

    Für den Rassisten ist es gleich, wie sich die Objekte seines Hasses verhalten – die Erfahrung wird immer im Sinne des rassitischen Vorurteils eingeordnet. Wenn der migrantische Jugendliche am Straßenrand ihn nicht anmault und zur Einhaltung der Scharia zwingt (welch wahnhafte Vorstellung…), hatte der Rassist halt „Glück“, der Kanacke Angst oder hat sich verstellt.

    Trotzdem gibt es das Phänomen der Selbststigmatisierung. Das Fremdstereotyp wird übernommen und positiv gewendet. Das gibts in allen Minderheiten, auch in der Linken – man denke z.B. an sog. „Antideutsche“. Da wurde einfach das Nazi- und Bildzeitungsstereotyp vom „Linken“ affirmativ übernommen.

  4. Gravatar Icon 4 bigmouth 16. Juni 2007 um 14:53 Uhr

    nur um missverständnissen vorzubeugen: rasssitische deutungsmuster müssen auf jeden fall schon vorhanden sein. wenn ich von nem türkischen jugendlichen abgezogen werde, und das dann zuallererst auf seinen „migrantischen hintergrund“ beziehe, anstatt zb seinen ökonomischen (der mir bei nem deutschen eventuell auffiele), dann bin ich schon mitten drin im alltagsrassismus

  5. Gravatar Icon 5 difficultiseasy 16. Juni 2007 um 16:20 Uhr

    „man denke z.B. an sog. “Antideutsche”. Da wurde einfach das Nazi- und Bildzeitungsstereotyp vom “Linken” affirmativ übernommen.“

    ungewaschen? gewalttätig? wursthaare?

  6. Gravatar Icon 6 lysis 16. Juni 2007 um 16:21 Uhr

    Ich wünschte, der Autor über mir würde icht so offensichtlich versuchen sich durch seine Sprache als Teil der Gruppe „Weisse Mittelstandskids“ hochzustiliseren.

    Na, ich sag dir, ey, die Sprache in dem Buch macht mich fertig!

  7. Gravatar Icon 7 lysis 16. Juni 2007 um 16:48 Uhr

    Für den Rassisten ist es gleich, wie sich die Objekte seines Hasses verhalten – die Erfahrung wird immer im Sinne des rassitischen Vorurteils eingeordnet. Wenn der migrantische Jugendliche am Straßenrand ihn nicht anmault und zur Einhaltung der Scharia zwingt (welch wahnhafte Vorstellung…), hatte der Rassist halt „Glück“, der Kanacke Angst oder hat sich verstellt.

    Ja, das ist genau das, was der Autor auch feststellt. Ich zitiere mal:

    Dabei zeigt sich jedoch die kategoriengebundene Erwartung trotz der Abweichung bzw. gerade wegen ihr als stabil und erfahrungsresistent: Die diskrepante Erfahrung wird (v.a. im Falle der „kanaken“) nicht als Anlass zur Revision kategoriengebundener Erwartungen gemacht, sondern sie wird selbst als abnorm, da der Kategorie nicht angemessen, stigmatisiert. Die erwartungsdiskrepanten Erlebnisse führen somit nicht zur Unterminierung, sondern zur Immunisierung von kategoriengebundenen Erwartungen, und auch erwartungsdiskrepante Erlebnisse können somit so interpretiert werden, dass sie die negative Beurteilung der Kategorie stützen, obwohl sie gerade nicht die mit ihr assoziierten Erwartungen erfüllen.

    […]

    Unter Hinzuziehung ethnographischen Wissens lässt sich zeigen, dass gerade die Kategorie „kanaken“ für die soziale Verortung der Gruppe ubiquitär relevant ist und häufig als Anlass für Lästerkommunikation benutzt wird. Da „kanaken“, egal wie sie sich verhalten, per se ‚interessant‘ sind, birgt jede noch so triviale Beobachtung mitteilenswertes, unterhaltsames und komisches Potential.

    […]

    Die Abwertung der Kategorie(nmitglieder) kann sich dabei entweder darauf beziehen, dass sich Kategorienmitglieder kategorientypisch verhalten, wobei das kategorientypische Handeln abgewertet wird, weil es von den normativen oder moralischen Erwartungen abweicht, die von der Gruppe situativ als gültig veranschlagt werden (Typ-Abweichung). Oder aber das einzelne Kategorienmitglied weicht von den für die Kategorie als solche veranschlagten Normalitätserwartungen ab, was dann seinerseits eine Abwertung nach sich ziehen kann (Token-Abweichung). Der gemeinsame Nenner besteht darin, dass der phänomenologische Befund der faktischen Andersartigkeit gegenüber einer ethnozentrischen Erwartung normativ-moralisch als abnorm interpretiert wird.

  8. Gravatar Icon 8 falafel 16. Juni 2007 um 19:35 Uhr

    „ungewaschen? gewalttätig? wursthaare?“

    Ne, ich dachte nicht an das aktuelle „Globalisierungsgegner“-Stereotyp, sondern an die Vorstellungen Anfang der 90er, wo sich die entsprechenden Gruppen gebildet und die Anführer in die Diskurse eingeschaltet haben.

    Dazu gehört dann etwa folgendes:
    Als Rechter kann man sich nicht vorstellen, dass es Leute gibt, die nicht in nationalen Kategorien denken und die sogar abschaffen wollen. Deshalb z.B. der Gedanke:
    - Linke sind in Wirklichkeit „antideutsch“, wollen doch nur das Deutsche Volk knechten und fertig machen, stehen einfach auf der Seite anderer Nationalismen

    Die soziale Komponente wird bei der rechten / Bild-Berichterstattung über linke Vorstellungen immer ausgeblendet. (Das könnte ja symphatisch wirken). Statt dessen gibts folgendes:
    - Linke sind doch nur irgendwelche Rich-Kids, die Soziologie studieren, sich über weniger Belesene lustig machen, auf den Arbeiter scheißen und dekadent vor sich hinleben.

    Sowas zu übernehmen und positiv zu wenden, ist doch ziemlich bescheuert.

  9. Gravatar Icon 9 Cannon fodder 17. Juni 2007 um 2:38 Uhr

    „…und auch erwartungsdiskrepante Erlebnisse können somit so interpretiert werden, dass sie die negative Beurteilung der Kategorie stützen…“

    Beispiel: Vier „Weiße“ fahren mit dem Auto am Wochenende zum Schachspielen in eine andere Stadt (in Tschechien), finden dort das Spiellokal nicht und fragen deshalb Fußgänger um Rat. Der erste Versuch – junge „weiße“ Frau – geht voll in die Hose, die Dame will mit den Fragestellern offenbar nichts zu tun haben. Der zweite Versuch – älterer „schwarzer“ Herr (Roma) – wird dagegen ein voller Erfolg. Man wird höflich und nett gegrüßt, bekommt die gewünschte Information (präzise Beschreibung) und wird genauso freundlich verabschiedet. Das Fenster wird geschlossen und sofort der Kontakt mit dem „Zigeuner“ besprochen.

    Hier das „weiße“ Fazit: Das ist typisch. Die kennen sich eben aus. Die müssen sich ja auskennen. Sonst würden sie ja nicht wissen, wo es was zum Klauen gibt.

    Also ich finde, das ist klassisch.

    PS.: Aber natürlich hat man IM PRINZIP nichts gegen „Zigeuner“. Aber wenn DIE sich nicht zu benehmen wissen.

  10. Gravatar Icon 10 lysis 17. Juni 2007 um 3:26 Uhr

    Das Gesprächsbeispiel in dem Buch ist ein bisschen trivialer und weniger Aufsehen erregend. Aber so ist das ja meistens in der Empirie.

    Ein Gruppe von Jungs fährt auf einen Skiausflug. Einer fragt:

    HE::, (.) kuckt mal ob irgend einer jemand <<lachend> en bAffelo sieht>

    (Mit Bafellos sind „kanaken“ gemeint, da sie nach Ansicht der Gruppe typischerweise Schuhe der Marke Buffalo tragen.)

    Ein zweites Gruppenmitglied antwortet:

    isch hab AUch kanaken gesehn

    Ein dritter schließlich:

    ja da oben die zwo, (.) die da gestanden haben. a, (.) a, (.) am, (.) lift mit schIschuh, ich dacht so <<konstant fallende Intonation, aspiriert> NÄ::::.>

    Das „NÄ::::“ bezeichnet dabei sowas wie Fassungslosigkeit; Unglaube, dass die „kanaken“ jetzt auch schon auf Skiurlaub gehen. Dass sich ein Kanake so „untypisch“ verhält, ist nicht etwa Anlass, das eigene Vorurteil zu hinterfragen, sondern man regt sich gerade über die Abweichung vom Stereotyp auf, wonach „kanaken“ kein Ski fahren (sei es weil das nicht zu ihrer „Kultur“ gehört, ihrem „Stand“ nicht entspricht oder sie zu arm dafür sind).

    Anders bei der Bewertung von Österreichern (in der Sprache der Jugendlichen: „schluchtenscheißer“). Bei denen wird erwartungsdiskrepantes Verhalten zumindest anerkennend registriert und mildernd auf das eigene Stereotyp angerechnet:

    aber wEnigstens, (.) ham die hier auch (.) normale klamotten, (.) <<allegro> die bif ä:h, (.) die biffkes.> (.) die schluchtenscheißer, (---)

    Bei der Abwertung von Österreichern handelt es sich eben nur um ein nationalgeographisches Klischee (ähnlich den Ossis), nicht um ein rassistisches Vorurteil. Letzteres fällt bei den Jugendlichen nicht nur viel „extremer und expressiver“ (Schmidt) aus als das gelegentliche Lästern über „schluchtenscheißer“ bezogen auf einen Skiurlaub in Österreich, sondern ist noch dazu gegen jede abweichende Erfahrung immun. „Aufklärungsresistent“, wie Horki und Adorno sagen würden.

  11. Gravatar Icon 11 Cannon fodder 17. Juni 2007 um 20:45 Uhr

    „….sondern ist noch dazu gegen jede abweichende Erfahrung immun. “Aufklärungsresistent”….“

    Das Absurde ist ja, dass sich der Rassist andauernd auf seine „Erfahrung“ beruft. Fast immer, wenn ich Leute mit einer verfestigten rassistischen Einstellung kritisierte, wurde mir gesagt, dass man so seine Erfahrungen hat. Und ich „Erfahrungsloser“ solle doch bitte stille sein. Die Kritik der „Erfahrungslosen“ wird von oben herab toleriert oder als nervig oder peinlich empfunden. Auf jeden Fall läuft sie aber ins Leere.

  12. Gravatar Icon 12 lysis 17. Juni 2007 um 23:21 Uhr

    Ich würd‘ schon sagen, dass Erfahrungen bei der Konstruktion von rassistischen Vorurteilen eine gewisse Rolle spielen, aber Rassisten tun so, als ob a) Erfahrungen nicht interpretationsbedürftig seien, sondern für sich allein stünden und b) als ob gegenteilige bzw. abweichende Erfahrungen bei der Kategorienbildung einfach außen vor gelassen werden könnten.

    Ein Beispiel: Ich möchte nicht bestreiten, dass einige Schwule die „Erfahrung“ gemacht haben, von Migrantenjugendlichen des Öfteren angemacht worden zu sein. Trotzdem lässt sich, wie ich hier gezeigt habe, daraus keinerlei verlässlicher Schluss ziehen, ob homophobe Gewalt unter Migrant_innen nun statistisch über- oder unterrepräsentiert ist und ob sie auch nur irgendeine nachvollziehbare „ethnische“ Komponente hat. Die Leute meinen, „Erfahrungen“ sprächen für sich, aber das tun sie nicht.

    Tatsächlich steckt hinter der Verarbeitung von Erfahrung durch den Rassisten eine höchst selektive Form der Theorie, nämlich ein Weltbild, wonach das, was Deutsche tun, „normal“, d.h. nicht weiter thematisierenswert sei, während das, was „Kanaken“ tun, als Ausdruck einer abweichenden und in sich problematischen „Fremdkultur“ gelesen werden müsse. Handlungen von Deutschen werden gesellschaftlich erklärt (d.h. mit der Möglichkeit sozialer Widersprüche und milieuspezifischer Varianz), während Handlungen von Migrant_innen kulturell interpretiert werden (d.h. widerspruchslos, ohne soziale Variation und von allen kollektiv geteilt).

    Ein gutes Beispiel gibt der aktuelle Siegessäule-Leitartikel zur Kussaktion am „Tag gegen Homophobie“. Darin werden verschiedene homophobe Vorfälle geschildert. Einer streng ethnisierenden Logik folgend, hat man die erste Hälfte des Artikels den Eingeborenen, die zweite Hälfte den „Kanaken“ gewidmet.

    Vorfall Nr. 1:

    Doch nun nähert sich gleich ein ganzes Ausflugsschiff mit besoffenen Fußball-Hooligans der unweit vom Rathaus gelegenen Schiffsanlegestelle „Köpenick Luisenhain“. Hooligans machen laut Studie 2 Prozent der Täter aus. Gegröle ist zu hören, einige der Polizeibeamten steigen aus ihren Bussen, ziehen schon mal die Barette auf. Jetzt geht’s los — die Kussaktion ist in vollem Gange. Was wird passieren? Das Schiff legt wieder ab. Die besoffenen Herren, Hertha-BSC-Fans, grölen zum Abschied im Chor „Schwuuule, Kinderficker von der Wuhle!“ Doch das gilt nicht der Demo, sondern dem hier beheimateten 1. FC Union. Die Demo haben sie gar nicht bemerkt, und den Gegner als „schwul“ zu diffamieren ist normal. Eine Meldung in der Tagesschau springt hier nicht raus.

    Ein ganzer Haufen Männer verhält sich kollektiv homophob, aber das ist „normal“, d.h. es wird einfach so hingenommen. Die Homophobie wird nicht als Ausdruck der „deutschen Kultur“ gelesen, sondern als Zeremoniell innerhalb einer bestimmten Szene, die sich eben durch Vulgärität und rituelle Beschimpfungen auszeichnet. Aber warum beschimpfen sie ihre Gegner gerade als Schwule? Wie kommt denn diese Homophobie in die Hooligan-Szene, wenn sie nichts mit der Verfasstheit der deutschen Gesellschaft zu tun hat? Solche Fragen werden nicht aufgeworfen, eben vor dem Hintergrund, dass Homophobie unter Deutschen „normal“, d.h. nicht problematisierenswert sei.

    Aber gehen wir weiter:

    Um die Ecke biegt ein älteres Ehepaar und schaut interessiert auf unser küssendes Männerpaar, das gerade neben der bronzenen Figur des Hauptmanns von Köpenick abgelichtet wird. „Wussten Sie, dass heute der Internationale Tag gegen Homophobie ist?“ – „Nein, ich dachte, heute ist Herrentag?“, antwortet die Dame. […] „Na ja, früher war das ja eine Straftat, nicht?”, plaudert der Herr. „Ein bisschen komisch ist das ja schon, wenn man selbst anders veranlagt ist. Aber wenn es sein muss und die das schön finden: Warum nicht?“ Die Gemahlin will das so nicht stehen lassen: „Also schön finden wir das nun auch nicht, das müssen wir schon sagen.“ Daraufhin der Gatte keckernd: „Also ehrlich gesagt: Bei den Frauen finde ich das schon eher schön.“ Was wiederum nun die Gattin gar nicht schön findet, aber heute ist schließlich Herrentag.
    Oldschool-Homophobie, nicht mehr, nicht weniger.

    Wieder wird Homophobie renormalisiert. „Oldschool-Homophobie, nicht mehr, nicht weniger“ — d.h. es muss nicht weiter überraschen, braucht nicht skandalisiert zu werden und verlangt keine Konsequenzen. Schwule „zu diffamieren ist normal“ (s.o.), jedenfalls dann, wenn Deutsche es tun. Kein Grund, daraus pauschalisierende Kategorien abzuleiten à la „der homophobe Teutone“ usw.

  13. Gravatar Icon 13 lysis 17. Juni 2007 um 23:52 Uhr

    Als nächstes sucht man nun gezielt Migrant_innenkieze auf, ist doch damit zu rechnen, dass die Homophoben dort endlich auch mal „Kanaken“ und nicht immer nur Deutsche sind! Der Wunsch, erstere als Täter auszumachen, ist geradezu überwältigend:

    Die Maneo-Studie liefert den üblichen politisch korrekten Eiertanz: Die Gewaltopfer wurden zwar explizit gefragt, ob die Täter „rechtsradikale Deutsche“ (7 %) , „Fußballhooligans“ (2%) oder „nicht weiter auffällig“ (49 %) waren, nicht jedoch, ob es sich womöglich um „Migranten“ gehandelt hat. Für diesen Fall gab es lediglich ein „offenes Feld“, in dem schließlich auch ohne konkrete Ermutigung 16 Prozent „Migranten“ genannt wurden. Bastian Finke windet sich bei diesem Thema: „Hätten wir gezielt danach gefragt, hätten wir noch mehr Nennungen bekommen, aber das Thema ,Migranten als Täter’ ist angstbesetzt. Wir waren uns nicht sicher, ob es innerhalb der Homo-Szene genug Kräfte gibt, die das Standing haben, mit diesen Ergebnissen umzugehen.“ Übersetzt bedeutet dies, dass er und Michael Bochow – der verantwortliche Soziologe der Maneo-Studie – nicht das Risiko eines Rassismus-Vorwurfs eingehen wollten. […] Doch dieses Merkmal einer Haupttätergruppe einfach wegzulassen, ist auch keine Lösung. In der Community sinkt die Bereitschaft, auf solche Scheuklappen und Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen: Wer nachts im Tiergarten von Jugendlichen, die „türkisch miteinander gesprochen haben“ (Maneo-Pressemitteilung), mit Fahrradketten halbtot geschlagen wird, der will, dass der kulturelle Background der Täter beim Namen genannt wird. 16 Prozent? Der restliche Anteil versteckt sich erst mal unauffällig hinter der Rubrik „nicht weiter auffällig“.

    Doch man wird am Hermannplatz zunächst enttäuscht:

    Der ursprünglich aus dem Libanon stammende Hassan (17) gehört jedenfalls nicht zur Tätergruppe: „Das ist doch deren Privatsache“, sagt er angesichts der Küssenden auf dem Hermannplatz. Hassan wohnt hier um die Ecke in der Sonnenallee und hat schon des Öfteren Schwule und Lesben im Kiez gesehen, „aber noch nie so viele auf einmal!“ Der junge Mann stört sich nicht daran. „Es hat doch jeder ein Recht auf Respekt“, sagt er und geht.

    Boah, jetzt ist man aber furchtbar geknickt!

    Doch führt das etwa zu einer Infragestellung der Kategorie „homophober Ausländer“? Iwo, man muss nur weiter suchen!

    „Das ist eklig“, sagt schließlich eine Endzwanzigerin mit weit aufgerissenen, ungläubigen Augen. „Das ist nicht gut, das ist überhaupt nicht gut“, wiederholt sie – und muss lachen. Sie ist beschämt, verwirrt: „Ich habe so etwas hier noch nie gesehen, das ist nicht normal. Normal sind Mann und Frau. Ich weiß, dass viele von diesen Leuten hier wohnen, aber das ist nicht gut. Eigentlich muss man doch etwas dagegen tun. Ich bin aus dem Irak, dort gibt es das auch, aber die Gesellschaft akzeptiert das nicht, das wird bestraft.“

    Jawohl, und diese Frau liefert die kulturalistische Deutung gleich selbst mit! Wer wollte das noch in Frage stellen? Und was ist auf einmal mit dem Libanesen? Aus dem Auge, aus dem Sinn! Der „kulturell bedingt“ homophobe Ausländer ist als Topos etabliert. Statt sich aber mal zu fragen, ob das mit der „andersartigen Kultur“ denn wirklich stimmt — denn schließlich ist man kurz vorher auf eine ganze Horde homophober deutscher Männer gestoßen, die offenbar nicht sehr viel anders dachten —, wird die kulturalistische Selbstdeutung der Frau umstandslos sanktioniert. Und jetzt setzt man statt mit: „ist doch normal“, wie bei den Deutschen, mit einem kulturellen Erziehungsauftrag an:

    Sie sagt das ohne Hass, wirkt offen und liebenswürdig — bereit zu reden. Vielleicht sogar über sexuelle Selbstbestimmung, über traditionelle Geschlechterbilder. Es fragt sie nur niemand. Rassismus bedeutet eben auch, Menschen mit einer anderen kulturellen Identität zu unterstellen, dass sie von Natur aus nicht in der Lage seien, ihre Einstellungen zu überprüfen oder gar zu ändern.

    Komisch, dass man dieses Bedürfnis, jemanden aufzuklären, bei den deutschen Homophoben nicht verspürt hat. Aber hier, gegenüber „Menschen mit einer anderen kulturellen Identität“ fühlt man sich plötzlich zum Missionar berufen. Da ist die Homophobie nicht „normal“, sondern abartig! Eben kanakisch, fremd, andersartig.

    Aber irgendwie ist das noch nicht befriedigend. Eins zu eins am Hermannplatz, da muss noch ein anderer Migrantenkiez her, um das Verhältnis zu Lasten der aufgrund ihrer „Kultur“ kollektiv als homophob beschuldigten Kanaken auszugleichen:

    Es geht weiter zum Kottbusser Tor, Kreuzberg-Kulisse. Die Polizei ist schon da, einige der Aktivisten vom Hermannplatz auch. Auch auf die homophobe Klientel, eine türkischstämmige Jungs-Clique, ist hier Verlass: „Ich ekel mich, Mann!“, ruft der Anführer hasserfüllt und führt seinen breitbeinig schreitenden Tross weiter in Richtung Adalbertstraße. Berlin ohne Filter, am Kottbusser Tor ist immer Bambule, aber lauter Schwule und Lesben, die sich am helllichten Tag abknutschen – ohne Techno-Musik, Trucks und schrille Kostüme? Es ist, als ob ein Ufo gelandet wäre. An der Kreuzung hält ein Reisebus mit Polen, die es nicht fassen können. Sie drücken sich die Nasen an der Scheibe platt.

    Endlich, Polen, Türken und das ganze Gesocks! Jetzt hat man’s also mit der eigenen Erfahrung bewiesen: Türkenbengels entsprechen den Erwartungen, „auf sie ist Verlass“. Und wenn sich einer anders verhält, dann doch nur, weil er mangels Beherrschung der deutschen Sprache nicht weiß, worum’s geht:

    Zum Abschied winkt ein mittelalter Herr türkischer Herkunft. Er ist betrunken und hat einen „Protect every kiss“-Aufkleber von Maneo an der Jacke kleben. Worum es hier überhaupt ging, hat er nicht verstanden, denn er spricht kein Deutsch. Für Leute wie ihn müsste man auch mal eine Demo veranstalten, er wirkte nicht so, als ob er sich in diesem Land besonders aufgehoben fühlt. Eher „desintegriert“, wie es der Soziologe Wilhelm Heitmeyer ausdrücken würde, und das ist gefährlich: „Bei der Gewalt gegen Schwule geht es um die Aufwertung der Eigengruppe, um sich selbst nicht am unteren Rand der Gesellschaft verorten zu müssen.“

    Es ist echt unfassbar. Da verhält sich einer nicht homophob, und gerade an ihm soll demonstriert werden, dass „Kanaken“ für Schwule eine manifeste Gefahr wären! Und dann die Ableitung von Homophobie aus „Desintegration“ — ja, was ist denn mit den homophoben Deutschen? Waren die auch alle desintegriert, als sie „Schwuuule, Kinderficker von der Wuhle!“ grölten?

  14. Gravatar Icon 14 lysis 18. Juni 2007 um 0:10 Uhr

    Fazit

    So schaut also rassistische „Erfahrung“ aus: Homophobie (oder auch umgekehrt: die Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Liebe) wird sowohl unter Deutschen als auch unter Nichtdeutschen erlebt (wobei diese Kategorien natürlich ethnisch interpretiert werden und keine Staatsbürgerschaft bezeichnen). Aber der Rassist leitet daraus nicht etwa ab, dass Homophobie gar nichts mit „Ethnie“ zu tun hätte. Er bleibt trotz seiner abweichenden Erfahrungen bei einer kategoriengeleiteten Interpretation, wonach Homophobie unter Migrant_innen als etwas Besonderes zu interpretieren sei, während sie bei Deutschen eine normale gesellschaftliche Erscheinung darstellt, die als solche nicht problematisiert werden muss. Zu problematisieren ist allein die „Ausländer“-Homophobie. Sie verlangt nach der Einleitung von Gegenmaßnahmen: Integrationskurse, Aufklärung, Missionierung etc. Sie ist etwas Andersartiges, nicht etwa weil man nachweisen könnte, dass „Kanaken“ bei homophober Gewalt überrepräsentiert wären, sondern weil „Kanaken“ kulturelle Fremde sind und ihr Verhalten deshalb abnorm.

    Das ist die Interpretationsfolie des Rassisten, und sie zeigt, dass seine Erfahrung schon immer kategoriengeleitet ist und nicht erst a posterio zu irgendwelchen Urteilen kommt. Sie hat überhaupt nichts damit zu tun, wie häufig Homophobie von welcher Seite erlebt wird; sie hat etwas damit zu tun, dass Homophobie von Seiten Deutscher als normal empfunden wird, während sie, sobald sie von Migrant_innen ausgeht, einem kulturellen Othering unterliegt!

  15. Gravatar Icon 15 bigmouth 18. Juni 2007 um 21:35 Uhr

    lysis, das ist ewigentlich viel zu gut für die comments, mach irgendwann ne storys draus

  16. Gravatar Icon 16 lysis 18. Juni 2007 um 21:40 Uhr

    Jaja, hatte ich schon vor, und zwar bei f*queer, aber ich bin gerade ein bisschen in Zeitnot.

  17. Gravatar Icon 17 che2001 19. Juni 2007 um 16:41 Uhr

    Köstlich fand ich mal, wie eine Frau aus dem Spektrum Sielwall-Punx, stark LSD konsimierend und phasenweise auf der Straße lebend ihre Gesinnung artikulierte: „Wir Asos stehen Seite an Seite mit den Kanaken gegen Bonzen und Faschos!“

  18. Gravatar Icon 18 lysis 20. Juni 2007 um 12:05 Uhr

    Über „Asos“ und Klassenrassismus sollte eigentlich mein nächster Beitrag gehen …

  1. 1 Über die Produktion rassistischer Erfahrung | f*cking queers Pingback am 18. Juni 2007 um 22:52 Uhr
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