„Der Junge aus dem Türken-Knast“

Ich lach mich wirklich schlapp. Die BILD, die noch vor zwei Jahren über die Hinrichtung der beiden Teenager Ayaz Marhoni und Mahmud Asgari titelte: „Hier werden zwei Kinderschänder gehängt“, bricht über das Schicksal des Marco W. („der Junge aus dem Türken-Knast“) jetzt fast in Tränen aus. Was macht eigentlich Ayaz und Mahmud zu „Kinderschändern“, Marco W. dagegen zum Mitleid und Solidarität erheischenden Justizopfer? Kommt diese neue Einfühlung in die Seele von jugendlichen „Missbrauchern“ daher, dass Marcos mutmaßliches Verbrechen heterosexueller Natur war? Oder hat es einfach nur mit dem aus der Sicht der BILD-Zeitung beklagenswerten Umstand zu tun, dass ein teutscher Volksgenosse in die Hände von Türken gefallen ist?

Richter Frank jedenfalls fällt es von Berufs wegen etwas schwer, die geballte nationale Empörung ob der „ungerechten Behandlung“ von Marco W. zu verstehen, würden deutsche Behörden in einem solchen Fall doch recht ähnlich handeln:

SPIEGEL ONLINE: Unionsfraktionschef Volker Kauder hat in Richtung Türkei gesagt: „Wenn ihr den jungen Mann nicht freilasst, dann ist der Weg der Türkei nach Europa noch meilenweit.“

Frank: Ich will das politisch nicht kommentieren. Man sollte aber die Kirche im Dorf lassen. Mir scheint, dass dieser Fall in Deutschland zunächst falsch bewertet worden ist.

SPIEGEL ONLINE: In der deutschen Öffentlichkeit besteht der Eindruck, der Schüler würde in der Türkei völlig zu Unrecht verfolgt und inhaftiert.

Frank: Diesen Eindruck halte ich für falsch. Auch wenn ich die türkischen Vorschriften im Detail nicht kenne: Ich kann das schon deshalb nicht teilen, weil bei uns im Prinzip nichts anderes gelten würde.

[…]

SPIEGEL ONLINE: Aber wäre das, was da vorgefallen ist, bei uns wirklich strafbar?

Frank: Natürlich. Wer mit einem Kind unter 14 Jahren sexuellen Kontakt hat, macht sich wegen sexuellen Missbrauchs strafbar.

SPIEGEL ONLINE: Auch wenn das Mädchen mitmacht, und es nicht zum Geschlechtsverkehr kommt?

Frank: Mit Geschlechtsverkehr hätte man einen schweren Fall des sexuellen Missbrauchs, bei Zwang sogar eine Vergewaltigung oder, ohne Geschlechtsverkehr, eine sexuelle Nötigung — und das sind alles schwere Straftaten, mit Mindeststrafen von einem Jahr und mehr.

[…]

SPIEGEL ONLINE: Dem Jungen drohen in der Türkei nun angeblich acht Jahre Haft.

Frank: Das mag dort der Strafrahmen sein. Bei uns drohen einem Erwachsenen in einem solchen Fall bis zu zehn Jahre, und mindestens sechs Monate. Für Jugendliche gilt dieser Strafrahmen bei uns zwar nicht, aber er dient dennoch als Orientierung bei der Frage, ob Jugendstrafe verhängt werden kann.

[…]

SPIEGEL ONLINE: Aber kann man dem Jungen überhaupt einen Vorwurf machen? Dass Sexualkontakt mit einem Mädchen auch ohne Zwang und ohne Geschlechtsverkehr strafbar ist, scheint nicht allgemein bekannt zu sein.

Frank: Das kann ich aus meiner beruflichen Erfahrung bestätigen — wobei meistens die Jugendlichen selbst besser Bescheid wissen als manche Erwachsenen. Aber hier gilt der Satz: „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht.“ Auch in der Berichterstattung zu diesem Fall wurden immer wieder die Aspekte Zwang und Geschlechtsverkehr zu sehr betont. Die Botschaft des Gesetzes — „unter 14 gar nicht“ — sollte hier jedenfalls rüberkommen.

SPIEGEL ONLINE: In den Niederlanden liegt die Altersgrenze bei 12, in der Türkei bei 15. Ist das gerechtfertigt?

Frank: Solche Unterschiede gibt es nunmal, die zugrunde liegenden Wertungen sind aber hier wie dort völlig identisch: Kinder sollen in ihrer psychischen und damit natürlich auch sexuellen Entwicklung absolut geschützt sein, vor Erwachsenen aber auch vor älteren Jugendlichen. Auch im konkreten Fall war das Mädchen nach dem Sexualkontakt ja offenbar verstört und ist nun in psychologischer Behandlung, das sollte man nicht ignorieren.

SPIEGEL ONLINE: Heikler wäre der Fall aber, wenn das Mädchen tatsächlich schon 14 wäre — dann wäre die Fummelei in der Türkei strafbar, in Deutschland nicht?

Frank: Wenn es wirklich keinen Zwang gab, dann nicht, weil das Mädchen mit 14 hier als Jugendliche gelten würde. Dann würde der Junge dort tatsächlich mit einer anderen Rechtslage konfrontiert, als er sie hier kennen müsste. Aber im Ausland hat man sich eben an die dortigen Gesetze zu halten. Wir erwarten das umgekehrt von Ausländern bei uns ja auch.


11 Antworten auf „„Der Junge aus dem Türken-Knast““


  1. Gravatar Icon 1 Steve Bug 02. Juli 2007 um 13:35 Uhr

    Ja, das dachte ich mir auch schon. In Deutschland sitzen türkische Jugendliche wegen Geringerem im Knast bzw. werden abgeschoben.
    Interessant ist jedenfalls, dass die Kritik an einer gewaltvollen Einrichtung wie dem Knast nur unter bestimmten Umständen artikuliert werden darf: die Türken sperren Deutsche ein oder die Amis Islamisten. Ansonsten gibt es am Gefängnis und dem Sexualstrafrecht nix auszusetzen. Und in der Tat: in Deutschland drohten bis zu zehn Jahre Haft.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 02. Juli 2007 um 16:07 Uhr

    Lesenswert der Kommentar in der taz!

  3. Gravatar Icon 3 Steve Bug 02. Juli 2007 um 18:33 Uhr

    Naja, lesenswert ist der Kommentar nur zum Teil. Denn „zu Recht“ sitzt er noch nicht deswegen im Knast, weil die Deutschen wieder mal projektiv unterwegs sind. Hier wären also die Ebenen auseinander zu halten und darauf hinzuweisen, dass das Strafrecht, insbes. der hier wohl einschlägige § 176 StGB, ein sehr zweifelhaftes Mittel ist, um „Schutz“ zu bieten: als abstraktes Gefährdungsdelikt bestraft er bspw. eine sexuelle Handlung zwischen einem 13-jährigen und einer 15-jährigen, auch wenn diese im Einverständnis beider erfolgt.

    Es geht also nicht um den „Schutz“ vor dem Bruch des Willens sexueller Handlung, sondern darum, ganz abstrakt eine „gesunde sexuelle Entwicklung“ der Jugendlichen zu gewährleisten. Der/dem 13-jähirgeN wird durch das StGB der Status als sexuelles Subjekt kategorisch abgesprochen, sein/ihr Wille ist vielmehr gerade unbeachtlich.

    Insoweit übertreibt es der taz-Kommentar mit der zivilisatorischen Errungenschaft „Verschärfung des Sexualstrafrechts“.

  4. Gravatar Icon 4 Wendy 03. Juli 2007 um 0:46 Uhr

    Haste gelesen, was Elsässer dazu schreibt? Da kommts dir echt hoch.

    Scheiß auf Quicktags: http://www.jungewelt.de/2007/06-30/004.php .

  5. Gravatar Icon 5 lysis 05. Juli 2007 um 1:45 Uhr

    Ich fand den taz-Artikel nicht wegen seiner Position zu „sexuellem Missbrauch“ interessant, sondern weil er die kulturalistische Deutung dieses Falles auf die Schippe genommen hat. Dass das Gesetz, nach dem Marco jetzt vielleicht verurteilt wird und das die CDU als Zeichen der „kulturellen Andersartigkeit“ der Türkei darstellen wollte, ausgerechnet auf Druck der EU zustande kam, finde ich fast schon wieder amüsant! :d

    Die Wiederkehr der eigenen, in die Türkei exportierten sexuellen Repressionsmaschine versehentlich als Ausdruck „religiös-kultureller Rückständigkeit“ zu lesen, weil das nunmal die Standard-Interpretationsfolie im Umgang mit dem muslimischen „Anderen“ ist — ob so einer rassistischen Fehlleistung kann man doch eigentlich nur noch lachen, oder?

  6. Gravatar Icon 6 illith 07. Juli 2007 um 14:42 Uhr

    was hat es denn mit der „exportierten sexuellen Repressionsmaschine“ auf sich?

  7. Gravatar Icon 7 lysis 07. Juli 2007 um 18:52 Uhr

    Jemand ins Gefängnis zu stecken ist Repression, auch wenn du das gutheißt!

    Davon abgesehen habe ich keine Lust, mich über „sexuellen Missbrauch“, und wo er beginnt, zu unterhalten. Deswegen hab ich das alles bisher auch bewusst neutral formuliert. Mir geht es allein um die Heuchelei gegen die Türkei und nichts anderes.

    Und ob du nun für diese grässliche Unmenschlichkeit bist, den Jungen acht Jahre im Gefängnis zu behalten, oder nicht, geht mir da herzlich am Arsch vorbei. Es ändert ja eh nichts am abscheulichen Knast-System, das grundsätzlich weg gehört, auch wenn einige Feminist_innen am liebsten neue Knäste bauen würden statt sie abzuschaffen.

  8. Gravatar Icon 8 illith 07. Juli 2007 um 20:14 Uhr

    öh — meinst du mich?

    wenn ja, mutmaße ich, dass du meine verständnis-frage irgendwie missinterpretiert hast?!

  9. Gravatar Icon 9 lysis 07. Juli 2007 um 20:30 Uhr

    Ja, sorry, dann tut es mir leid.

  10. Gravatar Icon 10 illith 07. Juli 2007 um 20:33 Uhr

    *bisswunden verarzte* na da bin ich erleichtert^^

  11. Gravatar Icon 11 lysis 07. Juli 2007 um 20:36 Uhr

    Im Übrigen habe ich mich kürzlich mit einem Juristen unterhalten. Der Typ würde in Deutschland ein paar Wochen Jugendarrest bekommen. Die absolute Höchststrafe für Jugendliche beträgt in Deutschland zwei Jahre.

    Aber es ist schon auffällig, dass man sich gerade an der Türkei so hochzieht, während die wesentlich grässlicheren Urteile in den USA nur ein Schulternzucken auslösen.

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