Kultureller Rassismus

In Vorbereitung auf eine mündliche Prüfung musste ich in drei Tagen ein kleines Exposé zum Thema „kultureller Rassismus“ verfassen. Das Thema hat sich jetzt zu „‚Kultur‘ und ‚Rasse‘ im Deutschen Kaiserreich“ verschoben. Aber damit ich das Papier nicht ganz umsonst geschrieben habe, mülle ich jetzt einfach mal meinen Blog damit zu! Vielleicht interessiert’s ja jemanden … ;)

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Pierre- André Taguieffs Essay „Die ideologischen Metamorphosen des Rassismus und die Krise des Antirassismus“1 gilt als einer der wichtigsten Beiträge zur Rassismusforschung der letzten Jahre. Thema ist ihm einerseits die Verschiebung vom biologischen zum kulturellen Rassismus sowie andererseits die Erstarrung des „kommemorativen Antirassismus“, der nicht nur unfähig sei, diese ideologischen Verschiebungen zu registrieren, sondern auch unwillens, die eigene Verstricktheit in die Modernisierung des Rassismus zur Kenntnis zu nehmen. „Kommemorativ“ nennt Taguieff diesen Antirassismus, weil er in sämtlichen Formen des Rassistischen lediglich eine Wiederkehr der nazistischen „Rassenlehre“ erkenne und sich damit blind mache gegen die neuen Formen des Rassismus.

Biologischer und kultureller Rassismus

Der klassischen antirassistischen Theorie gilt Rassismus als ein „zoologischer Materialis­mus“, der auf zwei Annahmen gründe: (1) der Determinierung des Sozialen und Kulturellen durch das Biologische und (2) der Ungleichheit und Hierarchisierbarkeit menschlicher Gruppen. Bereits in den 30er und 40er Jahren sei, wie Taguieff behauptet, das Konzept des Kulturrelativismus die entscheidende Waffe gewesen, um diese beiden Grundannahmen zu widerlegen und in ihr Gegenteil zu verkehren. An die Stelle eines biologischen sei ein environmentaler oder kultureller Determinismus getreten, an die Stelle der Ungleichheit die Unvergleichbarkeit oder Gleichwertigkeit der Kulturen.

Zunächst aber ist festzustellen, dass sich die UNESCO nach 1945 wesentlich darauf konzen­trierte, den diese beiden Annahmen verbindenden Rassenbegriff zu widerlegen, indem sie in verschiedenen Deklarationen erstens darauf hinwies, dass es keine wissenschaftliche Grund­lage gebe, um Menschen in höhere und niedere Rassen einzuteilen, und zweitens seit den 70er Jahren im Einklang mit der anthropologischen Forschung das Konzept der „Menschenrassen“ selbst für wissenschaftlich unbrauchbar, wertlos und falsch erklärte. Von dieser Warte aus galt der „wissenschaftliche Rassismus“ als ein für allemal geschlagen. Aber auch unabhängig davon wurde die Berufung auf eine biologische Ungleichwertigkeit der „Menschenrassen“ aufgrund der Gräuel des Nazi-Rassismus mehr und mehr zur Rarität.

Der Neorassismus, so konstatiert Taguieff mit Verweis auf seine Analyse der französischen „Nouvelle Droite“ und deren Vordenker Alain de Benoist, mache sich nun gerade die Kritik der Linken am Rassismus (scheinbar) zu eigen, indem er an die Stelle „rassischer“ Ungleich­heit die verabsolutierte kulturelle Differenz setzt. Kulturelle Vielfalt werde, wie im multikul­turalistischen Diskurs, als positiv bejaht; aber zugleich stelle man eine Phobie gegen jede Art der „Mischung“ zur Schau. Migrant_innen aus „anderen Kulturen“ gelten als nicht-assimilier­bar, ihre Anwesenheit als „Überfremdung“, Massenzuwanderung als eine Form des „Ethno­zids“.

Trotzdem gibt es etwas Wesentliches, das diesen neuen mit dem alten Rassismus verbindet: hier wie dort wird das Individuum darauf reduziert, eine bestimmte Totalität zu repräsentieren, sei es das „Rassen-Gefängnis“, den „Volks-Organismus“ oder den „Kultur-Kerker“. Mit der Abwertung des Individualismus („Nur das Verhalten des Einzelnen zählt, nicht seine Herkunft, Abstammung oder Hautfarbe“) gehe zugleich eine solche des Universalismus einher: es gebe keine universellen Maßstäbe, die von allen geteilt oder zumindest eingesehen werden könnten; es gebe nur die miteinander inkompatiblen Werte der einzelnen Kulturen.

Im Folgenden soll es mir darum gehen, Taguieffs Darstellung in zwei Punkten zu problema­tisieren: erstens indem ich die Frage aufwerfe, ob der „kulturelle Rassismus“ tatsächlich ein völlig neuartiges Phänomen darstellt, und zweitens indem ich seinen Bezug zum Universalis­mus untersuche: Stützen sich neorassistische Strategien außerhalb der extremen Rechten wirklich notwendig auf eine kulturrelativistische Argumentation? Oder kann man nicht umgekehrt feststellen, dass die Kulturalisierung des „Anderen“ auch und gerade mit der Universalisierung des „Eigenen“ verbunden ist?

Genealogie des deutschen Kulturbegriffs

Gerade in Deutschland ist die Behauptung von der Neuartigkeit eines differenzialistischen Kulturbegriffs relativ abwegig, stellte doch der Bezug auf die eigene „Volkskultur“ im 19. Jahrhundert den zentralen Begründungsmodus für die Herstellung eines deutschen National­bewusstseins dar. In Ermangelung eines präexistierenden politischen Nationalkörpers sollte „Kultur“ die Einheit der Deutschen über verschiedene Landesgrenzen hinweg verbürgen. Der von Johann Gottfried Herder geprägte völkisch-nationalistische „Kultur“-Begriff tauchte dabei etwa gleichzeitig mit dem in Deutschland von Immanuel Kant eingeführten „Rasse“-Begriff auf. Beiden ging es in letzter Instanz um die Herstellung eines spezifisch deutschen „Volksgeistes“ oder „Nationalcharakters“, der von Kant in einem klimatisch-geographisch bestimmten „Naturvermögen“, von Herder in einer hermeneutisch zu rekon­struierenden „Kulturgeschichte“ verortet wurde.

Dass Herder hier einen veritablen deutschen Sonderweg begründete, zeigt sich beispielhaft in der 1915 verfassten Polemik von Louis Dimier, der ausgerechnet für die rechtsextreme Action française eine universalistische Kritik am deutschen Kulturbegriff formulierte:

„Entweder ist die Kultur nichts, oder sie ist etwas, was die Nationen gemeinsam haben. Sie kann daher keine nationalen Kennzeichen aufweisen. Sie kann nur in der Entdeckung und Anwendung, in der Praxis und Gewohnheit der Grundsätze, die für alle Menschen gelten, bestehen. Die lokalen Vorurteile, partikulare Launen, ethnische Determiniertheit gehören nicht dazu. Es gibt also keine deutsche Kultur, es kann und wird sie nicht geben, und ebensowenig eine französische oder englische, italienische, türkische Kultur oder die der Buschmänner.“2

Spätestens mit der deutschen Reichsgründung erhielt der von Dimier kritisierte differenzia­listische Kulturbegriff eine über seine nationalistischen Implikationen weit hinausreichende rassististische Bedeutung. Denn entgegen dem Selbstverständnis nationalistischer Kreise stellte sich das deutsche Kaiserreich nach 1871 keineswegs als ein „ethnisch“ homogener Nationalstaat dar. Vielmehr handelte es sich de facto um ein transnationales Empire.3 So lebten auf preußischem Territorium neben einer großen polnischsprachigen Minderheit auch eine Reihe von hybriden Bevölkerungsgruppen wie den Masuren, Kaschuben und Russisch-Litauern, die in „ethnischen“ Begriffen nicht eindeutig zuzuordnen waren.4 Durch den differenzialisti­schen deutschen Kulturbegriff wurden sie zu „Fremden“ im eigenen Land, denen man schließlich sogar die (gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer bedeutsamer werdende) Staatszugehörigkeit vorzuenthalten suchte.

Spätestens mit dem Reichsansiedlungsgesetz von 1886 nahm die Politik gegenüber den polnischen Bewohnern Preußens zunehmend koloniale Züge an (Diskriminierung, Enteig­nung, Vertreibung). Dies konnte sowohl mit dem Herderschen Kultur- als auch mit dem Kantschen Rassebegriff gerechtfertigt werden. Im Rahmen des Rassebegriffs stellte sich die nationale Ausgrenzungspolitik als partikularistischer Kampf um „Lebensraum“ dar, in dem die „slawische Rasse“ gemäß der sozialdarwinistischen Doktrin einem überlegenen „Deutschtum“ zu weichen hätte. Gleichzeitig reklamierten die deutschen Ostmarken-Vereine aber auch eine universalistische „Kulturmission“ für sich – ähnlich wie die Briten und Franzosen im Hinblick auf ihre Kolonien von einem „Zivilisierungsauftrag“ sprachen. So konnte die deutsche Besiedlung zugleich als für die Polen selbst vorteilhaft dargestellt werden.

Dieselbe wahlweise mit dem Rasse- oder dem Kulturbegriff operierende Rhetorik wurde gegenüber den deutschen „Schutzgebieten“ in Afrika geltend gemacht. So konnte das Verbot von „Rassen­mischehen“ (1905-1912) auch mit der Angst vor dem Verlust der Kultur durch die „Verkafferung“ der deutschen Siedler begründet werden. Die Frauenbünde für die Kolonien sahen ihre Aufgabe entsprechend vor allem als Kulturwahrerinnen, indem sie heiratsfähige deutsche Frauen für ein Leben in Südwestafrika zu gewinnen versuchten.5

Bereits Jahrzehnte vor der Inbesitznahme der Kolonien hatte sich dabei die Unterscheidung zwischen den europäischen „Kulturvölkern“ und den afrikanischen „Naturvölkern“ heraus­gebildet. Es verwundert daher nicht, dass sich die Ethnologie zunächst als eine Naturwissen­schaft begriff.6 Ihre Methode bestand in der Sammlung, Vermessung und Zuordnung von Artefakten und „Negerschädeln“, nicht etwa in dem Versuch, die „geschichtslosen“ Völker zu „verstehen“.

Dies änderte sich allerdings mit der Veröffentlichung des revolutionären Standardwerks Ursprung der afrikanischen Kultur von Leo Frobenius, der mit seinem Begriff der „Kultur­kreise“ nicht nur den Gegensatz zwischen Natur- und Kulturvölkern aufhob, sondern unter Verweis auf orale Traditionen auch den Mythos von der Geschichtslosigkeit der afrikani­schen Völker widerlegte. Dieser egalitäre Kulturbegriff erfuhr durch die Schriften des deutschen Emigranten Franz Boas schließlich auch internationale Anerkennung und Verbreitung. Mit seinem methodologischen Postulat des „Kulturrelativismus“, wonach Kulturen nur aus sich selbst heraus zu verstehen seien und keinen allgemeinen Entwicklungsgesetzen folgten, legte Boas zugleich den Grundstein für eine Ethik des – wie Pierre-André Taguieff es nennt7 – „differenzialistischen Antirassismus“, der „Respekt vor anderen Kulturen“ fordert, ihre Vielfalt preist und jede Bewertung von außen als illegitime Übertragung eigener Werte auf den kulturell „Anderen“ verurteilt.

Differenzialistischer und universalistischer Antirassismus

Für Taguieff stellt der differenzialistische Antirassismus den Gegenpol zum universalistischen Antirassismus dar, der sich das Ziel gesteckt hat, Kategorien wie Hautfarbe, „Rasse“ oder Ethnie zu überwinden bzw. ihrer gesellschaftlichen Relevanz zu entkleiden. So geht es letzte­rem gerade nicht um die Wahrung des Anderen, sondern vielmehr genau umgekehrt: um die Kritik an rassistischen Praktiken der Herstellung von „Anderen“.

Taguieff zufolge reagieren beide Antirassismen auf eine spezifische, ihnen komplementäre Form des Rassismus, während sie sich der jeweils anderen Form gegenüber blind verhielten. Ob dies stimmt – ob etwa ein universalistischer Antirassismus unfähig ist, Praktiken der symbolischen Entwertung „anderer Kulturen“ oder ihrer „ethnophagen Assimilation“ zu kritisieren – wäre noch genauer zu prüfen. Zumindest aber scheint es evident, dass sich beide Antirassismen zunächst in unterschiedlichen historischen Kontexten entwickelt haben: der differenzialistische Antirassismus als implizite oder explizite Kritik an der „Kultur-“ bzw. „Zivilisierungsmission“ des Westens und den daraus abgeleiteten kolonialen Herrschafts­ansprüchen sei es gegenüber den Afrikanern in den deutschen „Schutzgebieten“, wie im Fall von Leo Frobenius, sei es, wie im Falle Franz Boas‘, gegenüber den „Indianern“ und Inuit in Nordamerika. Demgegenüber hat der universalistische Antirassismus seine Wurzeln vor allem in der Kritik an der nationalsozialistischen „Rassenlehre“ und späterhin an den diskriminie­renden Praktiken der „Rassentrennung“ in den USA und Südafrika.

Gleichwohl kann man heute von einer unausgesprochenen Konkurrenz beider Antirassismen etwa bezogen auf Phänomene wie das der „Ausländerfeindlichkeit“ in Deutschland sprechen. So stellte sich der staatlich-zivilgesellschaftliche Multikulturalismus der 1980er Jahre als ein differenziali­stischer Antirassismus dar, der pädagogisch auf Werte wie „Vielfalt“ und „Tole­ranz“ setzte, während er sozialtechnologisch auf die Finanzierung von herkunfts­bezogenen „Community“-Strukturen, islamischen Kulturvereinen und die schulische Förderung von Zweisprachigkeit bedacht war. So galt gerade der Erhalt von „Differenz“ als ein Mittel der Integration, indem abstammungsspezifische Gemeinschaften als intermediäre Schaltstellen zwischen Individuum und Gesellschaft dem Einzel­nen eine kommunitaristische „Verwurze­lung“ und die Herausbildung einer eigenen „kulturellen Identität“ ermöglichen sollten.8

Demgegenüber war in der linken antirassistischen Praxis weiterhin ein universalistischer Antirassis­mus hegemonial, der beispielsweise in der Kritik an den diskriminierenden Praktiken des deutschen „Ausländerrechts“, am entwürdigenden Umgang mit Flüchtlingen in Sammelunterkünften, an der restriktiven Asylrechtspraxis, an der Abschiebung durch deutsche Behörden sowie an rassistischen Übergriffen auf Migrant_innen und Nicht-Weiße mündete. Im großen und ganzen kann man hier von einer Kritik an der Produktion von rassistischen Ausschlüssen qua Hautfarbe und Staatsbürger­schaft reden. Verhandlungen um „Vielfalt“ und „kulturelle Differenz“ spielten in diesem Diskurs dagegen so gut wie gar keine Rolle.

Kulturalisierung als rassistische Praxis

Eine Langzeitwirkung des multikulturalistischen Diskurses kann darin gesehen werden, dass er einen fundamentalen Wandel in der rassistischen Funktionsweise des deutschen Kultur­begriffs mit sich brachte. Es handelte sich jetzt nicht mehr um die Opposition: deutsche Kultur vs. kulturlose Ausländer, sondern vielmehr um die Dichotomisierung zwischen deutscher Gesellschaft und „anderen Kulturen“. Denn von „Kultur“ war nun fast nur noch im Zusam­menhang mit Migrant_in­nen die Rede. Gerade in dem auf „Multikulti“ folgenden Leitwerte- und Integrationsdiskurs reklamierte die deutsche Gesellschaft für sich zunehmend den Besitz universalisierbarer Werte, wie etwa Demokratie, Gleichberechtigung der Frau und Toleranz gegenüber Homosexuellen. Dem standen die „patriarchalischen Kulturen“ der Einwanderer gegenüber, die als vormoderne und tradionelle Gemeinschaften konstruiert wurden. Ange­sichts von Topoi wie „Ehrenmord“ und „Kopftuchzwang“ erwies sich der differenzialistische Antirassismus am Ende als ein unbrauchbares Instrument, konnte man diesen Praktiken gegenüber doch schwerlich so etwas wie ein „Recht auf kulturelle Differenz“ geltend machen.

Mehr noch aber trug der „Multikulti“-Diskurs selbst dazu bei, dass das Verhalten einzelner Migrant_innen kollektiviert wurde, indem man es unter dem Rubrum „Kultur“ verhandelte. Es interessierte nicht, dass nach einer Gallup-Studie beispielsweise nur drei Prozent der Londoner Muslime „Ehrenmorde“ für moralisch legitim hielten; sobald das Phänomen als essentialistischer Ausdruck einer „anderen Kultur“ gedeutet wurde, war das Thema nicht mehr das individuelle Fehlverhalten der Täter; vielmehr wurde das gesamte Verhältnis der deutschen Gesellschaft zu den hier lebenden Muslim_innen problematisiert und auf den Prüfstand gestellt.

Gerade jedoch bei Straftaten, die gleichermaßen von „Deutschen“ und „Nichtdeutschen“ begangen werden (beide Begriffe unterliegen nach wie vor einer überwiegend ethnischen Interpretation!), fällt auf, wie sehr der Kulturbegriff dazu dient, eine rassistische Differenz­produktion anzustoßen. So werden homophobe Gewaltakte, wenn sie von Deutschen ausgehen, individualisiert bzw. als ein „normales“ gesellschaftliches Problem behandelt, während dieselben Vergehen, begangen von „Nichtdeutschen“, auf den „kulturellen Hinter­grund“ der Täter bezogen werden. Entsprechend meint etwa die „Siegessäule“, ihres Zeichens die größte lesbisch-schwule Szenezeitschrift in Deutschland, dass Schwule eine Recht darauf hätten, „dass der kulturelle Background der Täter beim Namen genannt wird“,9 ohne auch nur mit einem Wort begründen zu können, worin sich die durch Migrant_innen verübten Gewalttaten denn nun von denen der deutschen Täter unterschieden.

Die renommierte NZZ geht sogar noch einen Schritt weiter und beklagt „das generelle Verschwei­gen der ethno-religiösen Zugehörigkeit von Straftätern“,10 ganz unabhängig ob es sich um Vergewal­tigung, Raubmord oder Taschendiebstahl handelt. Der Autor rebelliert damit ganz offen gegen einen Grundsatz des Pressekodex, in dem sich die Ethik eines universalisti­schen Antirassismus nieder­geschlagen hat: „In der Berichterstattung über Straftaten wird die Zugehörigkeit der Verdächtigen oder Täter zu religiösen, ethnischen oder anderen Minder­heiten nur dann erwähnt, wenn für das Verständnis des berichteten Vorgangs ein begründbarer Sachbezug besteht. Besonders ist zu beachten, dass die Erwähnung Vorurteile gegenüber Minderheiten schüren könnte.“ Doch mittlerweile ist die „andere Kultur“ des Migranten als omnirelevant gesetzt: nichts entgeht ihr, „sie ist“, um mit Foucault zu sprechen, „überall in ihm präsent: allen seinen Verhaltensweisen unterliegt sie als hinterhältiges und unbegrenzt wirksames Prinzip“.11

Ist der Neorassismus ein Kulturrelativismus?

Vor diesem Hintergrund muss man Taguieffs Behauptung, dass der Neorassismus seiner ganzen Logik nach an eine kulturrelativistische Argumentation geknüpft wäre, grundsätzlich hinterfragen. In der Debatte über „Ausländerkriminalität“ stellt sich der „kulturelle Rassismus“ vielmehr gerade dadurch her, dass das Eigene als unmarkierte, nicht weiter problematisierenswerte Norm erscheint, während das Verhalten von Migrant_innen einem pauschalen kulturellen Othering unterliegt. Wenn die NZZ fordert, die „religiös-ethnische Zugehörigkeit von Straftätern“ nicht länger zu verschwei­gen, sind damit selbstverständlich nicht christliche Schweizer, sondern die als „fremd“ betrachteten Kinder von muslimischen Einwander_innen gemeint. Ihr delinquentes Verhalten wird, wo es nur geht, als Ausdruck einer abweichenden und Probleme aufwerfenden “Fremdkultur” gelesen.

Gerade bei Delikten, die sowohl von „Deutschen“ als auch von „Nichtdeutschen“ begangen werden (z.B. homophobe Übergriffe), drückt sich der „neorassistische Differenzialismus“ (Taguieff) in der Anwendung zweier asymmetrischer Interpretationsfolien aus. Mit der Begrifflichkeit von Ferdinand Tönnies könnte man diese beiden Folien als die Konzepte von Gesellschaft und Gemeinschaft bezeichnen:12 Handlungen von deutschen Tätern werden gemäß dem Gesellschaftsbegriff individualistisch erklärt (sie sind das Resultat einer persönlichen Entscheidung, erlauben keine Rückschlüsse auf einen „kollektiven Wesenswillen“ und unterliegen der Möglichkeit historischer und sozialer Varianz), während Handlungen von Migrant_innen gemäß der Logik des Kulturbegriffs als Wesensausdruck einer partikularisti­schen Gemeinschaft interpretiert werden (individuelles Handeln fügt sich widerspruchslos in einen homogenes Normensystem, kennt keine soziale Variation und steht stellvertretend für die Werte aller anderen Gemeinschaftsmitglieder).

Der zumindest in Deutschland hegemoniale Neorassismus lässt sich daher nicht als ein Kultur­relativismus deuten. Es scheint angemessener, ihn als eine partikularisierende Differenzproduktion zu charakterisieren, der es um die Konstruktion eines homogenen „kulturellen Anderen“ geht. Der Multikulturalismus, eine Praktik des differenzialistischen Antirassismus, lieferte dafür eine histori­sche Steilvorlage, indem er soziale Auseinander­setzungen um Diskriminierung und gesellschaftliche Teilhabe als kulturelle Identitätskonflikte reinterpretierte, die von einem Mangel an kollektivem „Respekt“ zeugten.

Zusammenfassung und Schlussfolgerungen

Auf dieser Basis lässt sich eine grundsätzliche Kritik am differenzialistischen Antirassismus formulieren, den Taguieff zwar relativiert, aber niemals völlig preisgibt: Die Interpretation von Gesellschaften als Kulturen und d.h. partikularistischen Gemeinschaften ist ein Reduktionismus, der sein Objekt sämtlicher sozialer Widersprüche und Herrschaftskategorien entkleidet, um es künstlich zu homogenisieren und als eine undifferenzierte Totalität vorzustellen. Es war dies zunächst eine historische Selbstinterpretation des deutschen Bürgertums, das sich mithilfe des Kulturbegriffs trotz fehlender staatlicher Einheit als eine nationale Gemeinschaft imaginieren konnte. „Kultureller Rassismus“ funktionierte im Kaiserreich wesentlich durch die Ausgrenzung von heterogenen Anderen aus der „deutschen Kulturgemeinschaft“ oder – im kolonialen Kontext – durch das Absprechen von Kultur und die Konstruktion vermeintlich geschichtsloser „Naturvölker“. Seit 1900 reagierte die deutsche Ethnologie darauf, indem sie die kolonisierten Völker als gleichwertige „Kulturen“ zu beschreiben und ihre Dichtung und oralen Traditionen zu rekonstruieren versuchte. „Respekt vor anderen Kulturen“ wurde zum Gründungsethos des differenzialistischen Antirassis­mus. Der Multikulturalismus übertrug diesen Kulturbegriff erstmals auf migrantische Zusammen­hänge in Deutschland, schuf damit aber zugleich eine Interpretationsfolie, um soziale Interessen­kämpfe in Wert- und Identitätskonflikte zu verwandeln, aus denen Migrant_innen mehr und mehr als ein rückständiges, erziehungsbedürftiges und zu disziplinierendes Anderes auftauchen.

Berlin, 26. Juni 2007
  1. Pierre-André Taguieff, „Die Metamorphosen des Rassismus und die Krise des Antirasssismus“. In: Ulrich Bielefeld, Hg., Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus in der Alten Welt? (Hamburg 1998), 221-268. [zurück]
  2. Zit. n. Pierre-André Taguieff, Die Macht des Vorurteils : Der Rassismus und sein Double (Hamburg 2000), 124. [zurück]
  3. Philipp Ther, „Deutsche Geschichte als imperiale Geschichte. Polen, slawophone Minderheiten und das Kaiserreich als kontinentales Empire“. In: Sebastian Conrad und Jürgen Osterhammel, Hg., Das Kaiserreich transnational : Deutschland in der Welt 1871-1914 (Göttingen 2004), 129-148. [zurück]
  4. Birthe Kundrus, „Weiblicher Kulturimperialismus. Die imperialistischen Frauenverbände des Kaiserreichs“. In: Conrad und Osterhammel, Hg., Das Kaiserreich transnational, 213-235. [zurück]
  5. Andrew Zimmerman, „Ethnologie im Kaiserreich. Natur, Kultur und ‚Rasse‘ in Deutschland und seinen Kolonien“. In: Conrad und Osterhammel, Hg., Das Kaiserreich transnational, 191-212. [zurück]
  6. Helmut Waiser Smith, „An Preußens Rändern oder: Die Welt, die dem Nationalismus verloren ging“. In: Conrad und Osterhammel, Hg., Das Kaiserreich transnational, 149-169. [zurück]
  7. Vgl. Taguieff, Die Macht des Vorurteils, 338-355. [zurück]
  8. Vgl. Frank-Olaf Radtke, „Lob der Gleich-Gültigkeit. Die Konstruktion des Fremden im Diskurs des Multikulturalis­mus“. In: Ulrich Bielefeld, Hg., Das Eigene und das Fremde. Neuer Rassismus in der Alten Welt? (Hamburg 1998), 79-96. [zurück]
  9. Martin Reichert, „Augen zu und durch“. Siegessäule 6/2007. [zurück]
  10. Heribert Seifert, „Die Kampf-Blogger. Internet-Tagebücher gegen die ’schleichende Islamisierung Europas‘“. NZZ, 4. 5. 2007. http://www.nzz.ch/2007/05/04/em/articleF4V6O.html. [zurück]
  11. Michel Foucault, Der Wille zum Wissen : Sexualität und Wahrheit 1 (Frankfurt a. M. 1983), 58. [zurück]
  12. Vgl. Ferdinand Tönnies, Gemeinschaft und Gesellschaft : Grundbegriffe der reinen Soziologie (Darmstadt 2005). [zurück]

18 Antworten auf „Kultureller Rassismus“


  1. Gravatar Icon 1 lysis 05. Juli 2007 um 0:51 Uhr

    Als Nachtrag noch eine den Kürzungen zum Opfer gefallene Passage:

    Schon bald klinkte sich die „Deutsche Gesellschaft für Anthropologie“ unter Führung des Arztes Rudolf Virchow auch in den berühmten Methodenstreit ein, indem sie die hermeneutische Vorgehensweise der „Kulturwissenschaften“ als subjektivistisch zurückwies und forderte, die „Kulturvölker“ denselben „objektiven“ rassekundlichen Methoden zu unterwerfen, wie sie bis dahin bei der Erforschung afrikanischer „Naturvölker“ zur Anwendung kamen. In einer großangelegten Schulstudie erhob Virchow so Anfang der 1870er Jahre die Haar- und Augenfarbe von 6 Millionen Schüler_innen, um die rassische Zusammensetzung der Deutschen zu studieren, wobei die Juden, um jeden „Störfaktor“ auszuschließen, getrennt erfasst werden sollte. Die Studie leitete damit mehr oder weniger ungewollt – denn Virchow selbst verstand sich nicht als Judenfeind – die Rassifizierung des Antisemitismus in Deutschland ein.

  2. Gravatar Icon 2 MomoRules 05. Juli 2007 um 8:59 Uhr

    Großartiger Text!

    Sei aber ein wenig vorsichtig mit Kant und Herder. Die haben eher mittelbar in der geschilderten Hinsicht gewirkt, Kant sowieso noch mal ganz anders als Herder, aber egal – na, so egal nun auch nicht.

    Da mußten erst noch Gobineau, Lagarde und andere Wixer hinzutreten, damit’s so richtig völkisch schief ging. Ziemlich gut dargestellt findet sich dieser ideengeschichtliche Hintergrund in Helmut Berdings „Der moderne Antisemtismus“. Wo eben überdeutlich wird, daß ein rassistisch untermauerter, kulturalistisch aufgeladener Nationalismus, der immer im Kontext imperialistischer Bestrebungen stand (ab 1890 ging’s dann richtig rund), die Ursuppe war, aus der das 3. Reich dann hervorkroch. Und die strukturelle Analogie dieser Denke im Kaiserreich zu den „Pro-Westlern“ heute ist in der Tat überdeutlich …

  3. Gravatar Icon 3 lysis 05. Juli 2007 um 11:06 Uhr

    Danke, ich werde mir das mal anschauen. Ergänzende Literaturhinweise kann ich jetzt auch am besten gebrauchen!

  4. Gravatar Icon 4 MomoRules 05. Juli 2007 um 12:48 Uhr

    … kleine Ergänzung noch: Ziemlich geballt fand sich dieses Denken beim „Alldeutschen Verband“, da gibt’s auch einige Literatur drüber. Der war mein mündliches Prüfungsthema ;-)

  5. Gravatar Icon 5 B 05. Juli 2007 um 18:25 Uhr

    Wichtig für den deutschen Kulturbegriff – vor allem der sog. Ostforschung – ab den späten 20er Jahren des 20. Jhds. ist auch der Begriff des Bodens, z.B.:
    W. Kuhn, Zur Abgrenzung des deutschen Volks- und Kulturbodens, in: Deutsche Hefte für Volks- und Kulturbodenforschung 2 (1933), S. 65-71.

    Auch wird in der damaligen Zeit „deutsche Kultur“ fast ausschließlich als durch bäuerliche Lebensformen getragen betrachtet. War dies eigentlich auch in anderen Staaten üblich?

    Das Gerede von den „deutschen Ostsiedlern“ zur Zeit des mittelalterlichen Landesausbaus als Verbreiter einer sog. abendländischen Kultur kommt übrigens spätestens in diesem Text vor:
    H. Aubin, An einem neuen Anfang der Ostforschung, in: Zeitschrift für Ostforschung.Länder und Völker im östlichen Mitteleuropa. Im Auftrage des Johann Gottfried Herder-Forschungsrates E.V. herausgegeben von H. Aubin, E. Keyser, H. Schlanger 1 (1952), S. 1-16.

    Überhaupt ist die Entwicklung der deutschen Erforschung des östlichen Mitteleuropas ein interessantes Thema. Dort fungieren abwechslend Kultur, Volk, Rasse als Abgrenzungskriterien zum „Fremden“ im Osten.

  6. Gravatar Icon 6 lysis 05. Juli 2007 um 20:40 Uhr

    Auch wird in der damaligen Zeit „deutsche Kultur“ fast ausschließlich als durch bäuerliche Lebensformen getragen betrachtet.

    Meinst du mit damaliger Zeit den NS? In Bezug auf das Deutsche Kaiserreich scheint mir das nämlich nicht unbedingt plausibel. Wenn man unter „Kultur“ überhaupt irgendetwas Konkretes verstanden hat — oft wurde der Begriff einfach nur als leerer Signifikant gebraucht, um sich selbst als Volk zu konstruieren (vgl. dazu Birthe Kundrus über den Kulturbegriff der Frauenbünde für die Kolonien) —, dann hat man sich schon eher auf die deutsche „Hochkultur“ aus der Zeit der Aufklärung (Kant, Goethe, Schiller usw.) bezogen.

    Das Klischee vom deutschen Erste-Weltkriegs-Soldaten, der den „Faust“ im Tornister mit sich herumgeschleppt hätte, ist ja kein Zufall, sondern damit sollte symbolisiert werden, dass der deutsche Militarismus nichts anderes als die Verteidigung der deutschen Kultur bezweckte. Ich hatte dazu auch ein passendes Zitat, und zwar das Pamphlet jener deutschen „Kulturschaffenden“, auf welche die Action française in ihrem oben zitierten Papier antwortet. Aber das Buch, in dem das Zitat vorkommt, habe ich gerade heute an einen Freund zurückgegeben und bekomme es wahrscheinlich erst Anfang nächster Woche wieder. :(

    War dies eigentlich auch in anderen Staaten üblich?

    In anderen Staaten (vielleicht mit Ausnahme Italiens) hat man eigentlich nicht mit diesem Kulturbegriff hantiert. Zur Rechtfertigung des Kolonialismus wurde sowohl in Frankreich als auch in England der „Zivilisations“-Begriff gebraucht.

  7. Gravatar Icon 7 lysis 05. Juli 2007 um 21:22 Uhr

    … kleine Ergänzung noch: Ziemlich geballt fand sich dieses Denken beim „Alldeutschen Verband“, da gibt’s auch einige Literatur drüber. Der war mein mündliches Prüfungsthema ;-)

    Ja, ich weiß, aber mir geht es eigentlich eher um den Rassismus des Mainstreams als um den rechtsextremer Gruppierungen.

    Meine Geschichtsprüfungen habe ich glücklicherweise schon hinter mir. Eigentlich sollte das ja eine soziologische Prüfung werden, und das Kaiserreich war anfänglich nur als Exkurs gedacht, um zu demonstrieren, dass „kultureller Rassismus“, anders als von Taguieff behauptet, keine völlig neuartige Erscheinung ist. Der Dozent hat mich wohl vor allem deshalb auf die Vergangenheit abgedrängt, weil er bei mir die Gefahr sah, dass ich das Analytische und das Politische ansonsten „zu sehr vermischen“ würde. ;)

    Dummerweise existiert auch das Problem, dass Rassismus in der Soziologie eher ein neuer und kaum bearbeiteter Gegenstand ist. Klassisch-paradigmatische Ansätze zur Erklärung von Rassismus sind extrem rar gesät, falls sie überhaupt existieren. Gottseidank hab ich heute das Buch Psychologie des Rassismus von Mark Terkessidis entdeckt und ausgeliehen, das mir in diesem Zusammenhang sehr empfehlenswert erscheint. Es endet mit dem Kapitel „Auf dem Weg zu einer Theorie des Rassismus“. Worüber ich mich prüfen lasse, ist also eigentlich ein Desiderat, das man einstweilen noch notdürftig füllen muss. Schön dumm von mir, aber es wird schon schiefgehen, bin ja schließlich nicht auf den Mund gefallen! :D

  8. Gravatar Icon 8 MomoRules 06. Juli 2007 um 8:55 Uhr

    Für mich war ja damals meine „Vorliebe“ für die nationalen Verbände im Kaiserreich eigentlich darin begründet, daß ich die Alldeutschen gar nicht als rechtsextrem, sondern als eine Art „Extremismus des Mainstreams“ selbst verstanden habe, bei allem elitären Getue der Honoratioren. Im Flottenverband, wenn ich mich recht entsinne ja der mitgliederstärkste im Kaiserreich, wurden dann ähnliche Topoi flächendeckend wirksam. Da gibt’s ja sogar Analogien zu „Think Thanks“ heute, Pipes und Konsorten, auch wenn Medien damals anders funktionierten.

    In der ganzen Antisemtismus-Forschung habe ich auch einige Ansätze gefunden gehabt, die das zumindest vorbereitet haben, was Du oben schreibst – das ist jetzt aber tatsächlich 14 Jahre her, da weiß ich schon gar nicht mehr, was ich damals so alles gelesen habe.

    Habe die aber auch schon damals immer durch die Foucault-Brille gelesen. Dieser ganze Quatsch, daß irgendwelche Kapitalismuskritiker den Antisemtismus quasi erfunden hätten, den lese ich ja immer als Tarnversuch, also als Ablenkung von genau diesen Forschungen.

    Mark Terkessidis sagt mir dem Namen nach was; ich meine aber, daß in den US-Cultural-Studies doch sehr viel zu dem Thema geforscht wurde? Bin jetzt so lange raus, frage aber noch mal bei meinen Freunden vom „Braunen Mob“ (eine schwarze Media-Watch-Organisation) nach, die müßten da fit sein, was Literatur betrifft …

  9. Gravatar Icon 9 lysis 06. Juli 2007 um 10:52 Uhr

    Ich bin gerade sooo begeistert von dem Mark-Terkessidis-Buch, auch wenn ich erst einige Kapitel überflogen habe! Ich kann das wirklich nur empfehlen, zumal Terkessidis‘ Leistung gerade darin besteht, Foucault für die Rassismustheorie fruchtbar zu machen.

    Ich kannte das Buch zwar schon vom Namen her, aber hab mich nicht damit beschäftigt, weil es den Titel: Psychologie des Rassismus trug. In Wirklichkeit handelt es sich aber um eine Kritik an psychologischen Rassismustheorien.

    Hier mal ein Ausschnitt:

    Offensichtlich sucht man das „Objekt“ Rassismus in der Welt vergeblich; schließlich ist Rassismus ein Prozeß, in dem selbst „Objekte“ erzeugt werden. Damit wird auch die Position des Wissenschaftlers als epistemologisches „Subjekt“ erschüttert, denn es ist unausweichlich, den Erkenntnisprozeß bzw. den Prozeß der Wissensbildung selbst zu thematisieren.

    Der ganze Apparat der Wissenschaft wird also zum Problem, und es scheint daher kein Zufall, daß die Wissenschaft in die Produktion des rassistischen Wissens entscheidend verwickelt war — also weitaus mehr über die „Objekte“ eines rassistischen Wissens zu sagen hatte, als über den Gegenstand Rassismus. Das gilt nicht nur für die Wissenschaft des 19. Jahrhunderts. Die meisten psychologischen Ansätze des Rassismus schauen am Gegenstand vorbei, da sie implizit die Vorstellung vom „objektiven“ Forscher und vom richtig zu erkennenden „Objekt“ aufrecht erhalten.

    […]

    Wer nun „Subjekt“ und „Objekt“ des Wissens wurde, war augenscheinlich oft ein Ergebnis von Macht. Wie erwähnt haben europäische Soldaten eine Ansammlung von Menschen aufgrund des Kriteriums der Hautfarbe überhaupt erst zu einer Gruppe gemacht, zu einem „Objekt“, über das die „rationale“ Wissenschaft anschließend Wissen bilden konnte. Dieses Wissen war Erkenntnis und Legitimation von Macht gleichermaßen. „Wissenserwerb war noch niemals ein unschuldiges Streben“, betont Aziz Al-Azmeh, „und wird es auch niemals sein; Wissen ist von Grund auf besudelt.“ Die „Objektivität“, sie ist offenbar selbst perspektivisch; in der Konstruktion der Anderen als „Objekte“ des Wissens verkörpert sich die parteiliche Weltsicht der übergeordneten Gruppe. Was bedeutet es nun für die Erkenntnis des Rassismus, wenn die Epistemologie der „Objektivität“ nicht mehr funktioniert? Offenbar muß man, um Rassismus als Gegenstand hervortreten zu lassen, die Perspektive ändern.

    […]

    Eine […] Möglichkeit, die Perspektive zu ändern, ergibt sich aus einer Umkehrung der Blickrichtung. Die Analyse spricht dann vom Ort der „Objekte“ aus. Die Möglichkeit wurde in den siebziger Jahren vielfach unter dem Aspekt einer „Politisierung der Sozialwissenschaft“ diskutiert. „Die Sozialwissenschaften werden Partei“, schrieben Peter Brückner und Alfred Krovoza 1972. Sie wollten die „Objektivität“ aufheben, indem sie etwa den Standpunkt der unterdrückten, „objektivierten“ Arbeiterbewegung übernahmen.

    Ein anderer Autor, der die Parteilichkeit in den Vordergrund rückte, war Michel Foucault. Er entwickelte, wie Hans-Herbert Kögler sagt, „eine Standpunkt-Epistemologie der unterdrückten Wissensarten“. Die Methode der Genealogie, über die bereits gesprochen wurde, verstand Foucault als eine Kritik, die „Gelehrsamkeit“ mit dem „Wissen der Leute“ kombiniert. Mit Hilfe der „Gelehrsamkeit“ wollte Foucault das „Sichtbarwerden von historischen Inhalten“ ermöglichen; er untersuchte, wie bestimmte gesellschaftliche Machttechnologien bestimmte „Objekte“ hervorbringen und wie die Wissenschaft schließlich die „Wahrheit“ über sie spricht. Wie solche „Gelehrsamkeit“ funktionieren kann, das hat Foucault etwa mit seinen Untersuchungen über die Irrenanstalt oder über das Gefängnis gezeigt.

    […]

    Die Umkehrung der Blickrichtung, das Denken vom Ort der „Objekte“ her, stellt die Wissenschaft, wie wir sie kennen, radikal in Frage. „Die Genealogien“, so betont Foucault, „sind also nicht positivistische Rückgriffe auf eine gewissenhaftere und exaktere Form der Wissenschaft; die Genealogien sind gerade Anti-Wissenschaft.“

  10. Gravatar Icon 10 lysis 07. Juli 2007 um 11:25 Uhr

    Hier das Zitat, von dem ich sprach:

    Es ist nicht wahr, daß der Kampf gegen unseren sogenannten Militarismus kein Kampf gegen unsere Kultur ist, wie unsere Feinde heuchlerisch vorgeben. Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt. Zu ihrem Schutze ist er aus ihr hervorgegangen in einem Lande, das jahrhundertelang von Raubzügen heimgesucht wurde wie kein zweites. Deutsches Heer und deutsches Volk sind eins. […]

    Euch, die Ihr uns kennt, die Ihr bisher gemeinsam mit uns den höchsten Besitz der Menschheit gehütet habt, Euch rufen wir zu: Glaubt uns, glaubt, daß wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle.

    Aus: „Aufruf an die Kulturwelt“, 3. Oktober 1914, Punkt 6. Zit. n. Pierre-André Taguieff, Die Macht des Vorurteils, 122 f.

    Punkt 5 übrigens:

    Sich als Verteidiger europäischer Zivilisation zu gebärden, haben die am wenigsten das Recht, die sich mit Russen und Serben verbünden und der Welt das schmachvolle Schauspiel bieten, Mongolen und Neger auf die weiße Rasse zu hetzen.

    … worauf die Action française antwortet:

    Der Vorwurf der Barbarei gegen eine Nation hat nichts mit einem Mehr oder Weniger an Zivilisation ihrer Bündnispartner zu tun, und weniger noch (denn das ist eine andere Sache) mit der Rasse und Hautfarbe, der sie angehören. […] Was eine Nation als barbarisch kennzeichnet, ist ihr Handeln. Dem, der Attentate, Massaker, Plünderungen kritisiert, zu antworten, er habe Verbündete, die Barbaren sind, ist lächerlich. Diese Antwort bezeugt die Barbarei dessen, der sie gibt, denn die Barbarei besteht im wesentlichen in der Unfähigkeit, zu denken und zu begreifen, was gesagt wird.

  11. Gravatar Icon 11 nichtidentisches 09. Juli 2007 um 23:28 Uhr

    Du redest von Migranten als wäre das ein Beruf. Früher hieß das Flüchtling oder Wanderarbeiter. Migrant ist ein Euphemismus.
    Abgesehen davon: es geht dir ja darum, dass Muslime konkret für die Widerwärtigkeiten verantwortlich gemacht werden, die im Namen des Islams mit überwältigender Regelmäßigkeit begangen werden. Um das zu fassen, musst du von realen Umständen absehen, in denen es zu einer zugegeben aktuell widerwärtigen Pauschalisierung und meinetwegen Othering kommt. Dass der Antiziganismus, der auf Schwarze gerichtete Rassismus im Gegensatz dazu keine konkreten Ursachen hat, da es kein „schwarzes“ Weltbild gibt, wohl aber eine starke islamistische Strömung, verharmlost das panaschieren im Begriff „migranten“ und kultureller Rassismus jene grundlosen Varianten ohne Realitätsbezug.
    Ähnlich fraglich wäre es zu behaupten, McCarthy hätte eine Hexenjagd veranstaltet, wie das in schöner Regelmäßigkeit passiert: Die einen richten ihre Aggression gegen Schwache ein. McCarhty und die Antiislamisten jeder Couleur haben ein real feindseliges Subjekt gegenüber, das vor Waffen und Aggression starrt. Ohne Islamismus gäbe es keinen Antiislamismus, wie verkehrt der auch bisweilen stattfinden mag und ohne Sowjets hätte McCarthy kaum Chancen gehabt.
    Aber ohne jeder Ideologie auf Seiten des Objekts gibt es Rassismus, etwa Antiziganismus.

  12. Gravatar Icon 12 nichtidentisches 09. Juli 2007 um 23:30 Uhr

    Es muss also zwangshaft davon abgesehen werden, was Zivilisation ist.

  13. Gravatar Icon 13 lysis 09. Juli 2007 um 23:56 Uhr

    Zivilisation ist ein Begriff aus der Ära des Imperialismus, der die Herrschaft über die Kolonisierten gerechtfertigt hat. So einfach ist das!

    Insofern wundert mich das überhaut nicht, dass du den Begriff wiedereinführen möchtest. Du schaffst dir damit ja sozusagen als Ethnologe dein eigenes Berufsfeld!

    Den Begriff im Singular zu verwenden, bedeutet übrigens nichts anderes, als Gruppen zu konstruieren, die „unzivilisiert“ und das heißt „zivilisationsbedürftig“ seien. Gerade aus dem Munde der Nachkommen der Täter von Auschwitz ist das sehr amüsant, haben die doch eigentlich hinreichend bewiesen, was man unter ihrer Zivilisiertheit zu verstehen hat!

  14. Gravatar Icon 14 lysis 10. Juli 2007 um 0:59 Uhr

    Du redest von Migranten als wäre das ein Beruf. Früher hieß das Flüchtling oder Wanderarbeiter. Migrant ist ein Euphemismus.

    Ein Wanderarbeiter ist ja wohl nun definitiv etwas Anderes, nämlich jemand, der pausenlos umherstreift, um neue Arbeit zu finden. Und Flucht ist ein Sonderfall von Migration. Insofern ist das absoluter Bullshit. Du hast nur insofern recht, als „Migrantischsein“ mehr und mehr zu einer symbolischen Position wird, die durch rassistische Diskurspraktiken hervorgebracht und aufrecht erhalten wird, nämlich durch die Weigerung, die Kinder von Einwander_innen aus den 60er und 70er Jahren als Teil des „Eigenen“ zu akzeptieren.

    Abgesehen davon: es geht dir ja darum, dass Muslime konkret für die Widerwärtigkeiten verantwortlich gemacht werden, die im Namen des Islams mit überwältigender Regelmäßigkeit begangen werden.

    Wo steht das in dem Text?

    Um das zu fassen, musst du von realen Umständen absehen, in denen es zu einer zugegeben aktuell widerwärtigen Pauschalisierung und meinetwegen Othering kommt. Dass der Antiziganismus, der auf Schwarze gerichtete Rassismus im Gegensatz dazu keine konkreten Ursachen hat, da es kein „schwarzes“ Weltbild gibt, wohl aber eine starke islamistische Strömung, verharmlost das panaschieren im Begriff „migranten“ und kultureller Rassismus jene grundlosen Varianten ohne Realitätsbezug.

    Mit demselben Argument könntest du den antizionistischen Brandsetzern, die in den 70er Jahren aus Protest gegen die israelische Politik ein jüdisches Gemeindehaus anzünden wollten, zugute halten, sie hätten ja durchaus einen Realitätsbezug gehabt, schließlich gäbe es den Zionismus ja wirklich! Auch wenn die Juden hierzulande gar nichts mit der israelischen Politik zu tun haben.

    Ähnlich fraglich wäre es zu behaupten, McCarthy hätte eine Hexenjagd veranstaltet, wie das in schöner Regelmäßigkeit passiert: […] ohne Sowjets hätte McCarthy kaum Chancen gehabt.

    Jetzt toppst du aber wirklich alles! Die KPUSA hatte zur Zeit McCarthys überhaupt keine reale Bedeutung, es war eine Splitterpartei. Ebenso irrational war die Jagd McCarthys auf Homosexuelle, ganz nach dem Motto: „One homosexual can pollute a government office“. Die Homosexuellen würden den Staat durch Effeminierung schwächen und somit eine kommunistische Übernahme vorbereiten! Wenn das keine Hexenjagd war, was war es dann?

    Im Übrigen ist das wirklich nichts als der Versuch, Migrant_innen für den Rassismus, der ihnen entgegenschlägt, selbst verantwortlich zu machen. Sozusagen die Strategie Möllemanns, nur auf ein anderes Objekt appliziert.

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