Den „faulen Neger“ zur Arbeit erziehen …

Den Kolonialismus als für die Kolonialisierten selbst vorteilhaft darzustellen, hat in Deutschland Tradition. Bislang war dies allerdings mehr oder weniger auf die extreme Rechte beschränkt. Denn wer wollte schon eine genozidäre Politik rechtfertigen, die in der Ära des Imperialismus einen Bevölkerungsrückgang von etwa 60 Millionen Einwohnern in den europäischen Kolonien verursachte? Doch ausgerechnet ein sozialdemokratischer Historiker macht den deutschen Kolonialrevisionismus jetzt auch in linksliberalen Kreisen wieder hoffähig:

Die „nichtwestlichen Regionen des Globus (hätten) aus Mangel an einem hinreichenden endogenen Entwicklungspotenzial durch den westlichen Imperialismus gewaltsam (…) an die moderne Welt angeschlossen werden müssen. (…) die deutsche Arbeitspolitik in den Kolonien (habe gar nicht anders gekonnt), als die Einheimischen in einem langwierigen Disziplinierungsprozess an regelmäßige Arbeit im europäischen Sinn zu gewöhnen“. Solche kruden modernisierungstheoretischen Argumentationsmuster ins Feld zu führen, die den Kolonialismus als eine frühe Form der Entwicklungshilfe verklären, ja das Bild vom „Müßiggang des Negers“ heraufzubeschwören, das war bisher die Domäne Ewiggestriger. Die Feststellungen stammen aber von einem der führenden bundesdeutschen Historiker: Hans-Ulrich Wehler.

Artikel weiterlesen (Word-Dokument) bei „Deutschland Postkolonial“ …


21 Antworten auf „Den „faulen Neger“ zur Arbeit erziehen …“


  1. Gravatar Icon 1 bigmouth 07. Juli 2007 um 13:33 Uhr

    na ja, marx hat das ja ähnlich gesehen. und die wikipedia zitiert wallerstein mit den worten:

    In the sixteenth century, Europe was like a bucking bronco. The attempt of some groups to establish a world-economy based on a particular division of labor, to create national states in the core areas as politico-economic guarantors of this system, and to get the workers to pay not only the profits but the costs of maintaining the system was not easy. It was to Europe’s credit that it was done, since without the thrust of the sixteenth century the modern world would not have been born and, for all its cruelties, it is better that it was born than that it had not been.

    fortschrittsdenken im weiteren sinn, das über leichen geht, ist ziemlich normal, und hat nichts spezifisch rechtsextremistisches

  2. Gravatar Icon 2 Der Nörgler 07. Juli 2007 um 18:14 Uhr

    Habe irgendwo gelesen dass Marx seine Meinung dazu später geändert hat. In den USA ist kürzlich ein Band über Marx und den Kolonialismus erschienen der dazu ausgewählte Texte präsentiert; den Titel habe ich leider vergessen…

  3. Gravatar Icon 3 andreas 07. Juli 2007 um 18:23 Uhr

    von den „antinationalen“ sind auch immer wieder solche töne zu hören, auch: ausrottung der indianer in amerika sei schon ok gewesen denn „fortschritt“ sei auf seiten der eroberer gewesen.

  4. Gravatar Icon 4 lysis 07. Juli 2007 um 20:15 Uhr

    [quote comment=“28070″] und die wikipedia zitiert wallerstein mit den worten[/quote]
    Komisch, in seinem Buch „Historical Capitalism with Capitalist Civilization“ plädiert er dafür, den Kapitalismus als absoluten Rückschritt zu begreifen. Davon abgesehen kann nichts die begangenen Genozide rechtfertigen. Nächstens geht man her und spricht auch Auschwitz noch einen geschichtsphilosophischen Sinn zu!

  5. Gravatar Icon 5 lysis 07. Juli 2007 um 20:28 Uhr

    [quote comment=“28074″]von den „antinationalen“ sind auch immer wieder solche töne zu hören, auch: ausrottung der indianer in amerika sei schon ok gewesen denn „fortschritt“ sei auf seiten der eroberer gewesen.[/quote]

    Haha, na, das war dieser unzurechnungsfähige Ex-AANO-Chef Ralf Fischer, der heute als Edward E. Nigma den „bad blog“ betreibt.

  6. Gravatar Icon 6 abdel kader 07. Juli 2007 um 21:09 Uhr

    [quote comment=“28070″]na ja, marx hat das ja ähnlich gesehen.[/quote]

    Was meinst du genau?

  7. Gravatar Icon 7 abdel kader 07. Juli 2007 um 21:17 Uhr
  8. Gravatar Icon 8 abdel kader 07. Juli 2007 um 23:22 Uhr

    [quote comment=“28074″]von den „antinationalen“ sind auch immer wieder solche töne zu hören, auch: ausrottung der indianer in amerika sei schon ok gewesen denn „fortschritt“ sei auf seiten der eroberer gewesen.[/quote]

    Das Zitat lautet folgendermaßen:
    Karl Marx hat sich im Fall der Vertreibung der Indianer in Nordamerika positiv geäußert. Der Drang der weißen Siedler nach Westen war notwendig, um die feudalen Strukturen aufzubrechen.
    (Ich hab hier ein bisschen was dazu geschrieben).

    Die Leute, die das vertreten, bezeichnen sich selbst als „antideutsch“ (zumindest damals, heute vielleicht als „liberal“) und würden wohl beanspruchen, dass der Fortschritt im Interesse „der Indianer“ war. Genauso wie es angeblich objektiv ein Fortschritt für die irakische Bevölkerung sei, wenn deren Häuser bombardiert werden und das Land im Bürgerkrieg versinkt.
    Post-Antideutsche und andere Zivilisationskrieger sprechen nämlich stets „im Namen der Anderen“, also „den unterdrückten Frauen, Schwulen usw. usw.“ in der islamischen Welt.
    Aber wehe iranische Feministinnen weigern sich die „westliche Kultur “ zu loben…

  9. Gravatar Icon 9 andreas 08. Juli 2007 um 0:15 Uhr

    da ist was dran,abdelkader. in den „begründungen“ für den irak-krieg wurde auch die unterdrückung der schiiten (die es unter saddam ohne zweifel gab!) immer wieder angeführt. aber sobald es nach dem krieg die ersten schiitischen prozessionen gab (prozessionen, also keine vermischung von religion und politik) und schiiten dann aufgrund ihrer demographischen mehrheit in der politik eine rolle zu spielen begannen (und parteien sind im irak, heute mehr denn je, nach ethnisch-konfessionellen linien getrennt, will sagen, wenn sich eine partei „schitisch“ nennt, heisst das noch nicht daß sie fundamentalisten sind, sondern daß sie den schiitischen bevölkerungsteil vertreten) , hieß es bereits, die schiitischen fundamentalisten greifen nun nach der macht.

  10. Gravatar Icon 10 bigmouth 08. Juli 2007 um 0:35 Uhr

    @abdel: artikel über die britische kolonialherrschaft in indien und das manifest. und auch im kapital gibt es abschnitte, die sich so lesen, dass der sozialismus nur entstehen kann, wenn die arbeiter zusammen in die kontrollgesellschaftn fabrik zusammengepfercht sind. die rationalität des kapitalismus findet marx halt (da noch ganz hegelianer) als notwendigen dialektischen schritt zur überwindung von feudalismus und „asiatischer produktionsweise“. in den briegen zur russischen dorfgemeisncahft der 70er liest sich das dann etwas milder

  11. Gravatar Icon 11 Neoprene 08. Juli 2007 um 11:04 Uhr

    Vor einer Weile bin ich zufällig auf ein blog gestoßen, daß von Engels noch andere traurige Sachen zum Thema aus dem Anti-Dührung zitiert hat:
    http://www.campodecriptana.de/blog/2006/03/18/484.html

  12. Gravatar Icon 12 bigmouth 08. Juli 2007 um 14:54 Uhr

    wie immer ist engels sehr gut darin, die dümmeren apsekte bei marx zu betonen. obiges ist ein beispiel, warum es so wichtig ist, von einer betrachtung von marx und engels (und sonst immer auch!) als autoritäten, bei denen man das „werk“ in seiner „gesamtheit“ anzunehmen habe, abzugehen

  13. Gravatar Icon 13 abdel kader 08. Juli 2007 um 16:30 Uhr

    [quote comment=“28095″]Vor einer Weile bin ich zufällig auf ein blog gestoßen, daß von Engels noch andere traurige Sachen zum Thema aus dem Anti-Dührung zitiert hat:
    http://www.campodecriptana.de/blog/2006/03/18/484.html[/quote]

    Das Engelszitat Ohne antike Sklaverei keinen modernen Sozialismus! wird in diesem Blog auch noch gelobt.

  14. Gravatar Icon 14 abdel kader 08. Juli 2007 um 16:35 Uhr

    [quote comment=“28073″]Habe irgendwo gelesen dass Marx seine Meinung dazu später geändert hat. In den USA ist kürzlich ein Band über Marx und den Kolonialismus erschienen der dazu ausgewählte Texte präsentiert; den Titel habe ich leider vergessen…[/quote]

    Meinst du Marx, Engels 1974 On Colonialism?

    Einen Teil von diesen Artikeln gibt es auch online:
    Marx and Engels On the British Ruling Class and Colonialism.

  15. Gravatar Icon 15 abdel kader 08. Juli 2007 um 16:39 Uhr

    [quote comment=“28091″]@abdel: artikel über die britische kolonialherrschaft in indien und das manifest.
    (…)
    die rationalität des kapitalismus findet marx halt (da noch ganz hegelianer) als notwendigen dialektischen schritt zur überwindung von feudalismus und „asiatischer produktionsweise“. in den briegen zur russischen dorfgemeisncahft der 70er liest sich das dann etwas milder[/quote]

    Es stimmt schon, dass das Marx da sehr problematische Ansichten hat, aber das ist nicht genau die selbe Position wie Wehler.
    Ich poste mal einige Auszüge aus Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien:

    Die indische Gesellschaft hat überhaupt keine Geschichte, zum mindesten keine bekannte Geschichte. Was wir als ihre Geschichte bezeichnen, ist nichts andres als die Geschichte der aufeinanderfolgenden Eindringlinge, die ihre Reiche auf der passiven Grundlage dieser widerstandslosen, sich nicht verändernden Gesellschaft errichteten.

    Hier hat man das Bild der „geschichtslosen Völker“, was natürlich falsch ist.

    Die im Gefolge des Eisenbahnsystems entstehende moderne Industrie wird die überkommene Arbeitsteilung und damit die Grundlage der indischen Kasten aufheben, die Indiens Fortschritt und Indiens Machtentfaltung so entscheidend behindert haben.

    Im Jahr 2007 kann man feststellen, dass es in Indien immer noch Kasten gibt, hier ist Marx wohl dem ökonomischen Determinismus aufgessen.

    England hat in Indien eine doppelte Mission zu erfüllen: eine zerstörende und eine erneuernde – die Zerstörung der alten asiatischen Gesellschaftsordnung und die Schaffung der materiellen Grundlagen einer westlichen Gesellschaftsordnung in Asien.

    Das mit der „historischen Mission“ ist Geschichtsmetaphysik.

    Ich kann die indische Frage nicht verlassen ohne einige abschließende Bemerkungen.
    Die tiefe Heuchelei der bürgerlichen Zivilisation und die von ihr nicht zu trennende Barbarei liegen unverschleiert vor unseren Augen, sobald wir den Blick von ihrer Heimat, in der sie unter respektablen Formen auftreten, nach den Kolonien wenden, wo sie sich in ihrer ganzen Nacktheit zeigen.

    Hier zeigt sich eine gewisse Ambivalenz im Text und Marx kritisiert die Kolonialherrschaft auch, kommt aber zu dem Schluss:

    Erst wenn eine große soziale Revolution die Ergebnisse der bürgerlichen Epoche, den Weltmarkt und die modernen Produktivkräfte, gemeistert und sie der gemeinsamen Kontrolle der am weitesten fortgeschrittenen Völker unterworfen hat, erst dann wird der menschliche Fortschritt nicht mehr jenem scheußlichen heidnischen Götzen gleichen, der den Nektar nur aus den Schädeln Erschlagener trinken wollte.

    Das mit den „fortgeschrittenen Völkern“ ist natürlich auch Unsinn.

  16. Gravatar Icon 16 abdel kader 08. Juli 2007 um 16:48 Uhr

    [quote comment=“28091″] und auch im kapital gibt es abschnitte, die sich so lesen, dass der sozialismus nur entstehen kann, wenn die arbeiter zusammen in die kontrollgesellschaftn fabrik zusammengepfercht sind. [/quote]

    Wo steht das denn genau?

  17. Gravatar Icon 17 abdel kader 08. Juli 2007 um 16:56 Uhr

    [quote comment=“28099″]wie immer ist engels sehr gut darin, die dümmeren apsekte bei marx zu betonen. obiges ist ein beispiel, warum es so wichtig ist, von einer betrachtung von marx und engels (und sonst immer auch!) als autoritäten, bei denen man das „werk“ in seiner „gesamtheit“ anzunehmen habe, abzugehen[/quote]

    Nein, ganz so stimmt das nicht.
    Engels war auch ein eigenständiger Theoretiker, der Marx beeinflusst hat, z.B. durch Schriften wie Der Ursprung der Familie…. Marx war natürlich die prominentere Figur des Duos.

    In einem Brief an Kautsky vertritt Engels jedenfalls nicht dieses geschichtsdeterministische Stadienmodell, sondern ist sich selbst unsicher, wie die Befreiung der Kolonien aussehen wird:

    How this process will develop is difficult to say. India will perhaps, indeed very probably, produce a revolution, and as the proletariat emancipating itself cannot conduct any colonial wars, this would have to be given full scope; it would not pass off without all sorts of destruction, of course, but that sort of thing is inseparable from all revolutions. The same might also take place elsewhere, e.g., in Algiers and Egypt, and would certainly be the best thing for us. We shall have enough to do at home. Once Europe is reorganised, and North America, that will furnish such colossal power and such an example that the semi-civilised countries will follow in their wake of their own accord. Economic needs alone will be responsible for this. But as to what social and political phases these countries will then have to pass through before they likewise arrive at socialist organisation, we to-day can only advance rather idle hypotheses, I think.

  18. Gravatar Icon 18 bigmouth 08. Juli 2007 um 19:18 Uhr

    @abdel: ich muss mir das die nexten 3 wochen eh für ne hausarbeit anschauen, ich schick dir dann, ich weiß nich, ob ich die sachen mri damals schon angestrichen habe

  19. Gravatar Icon 19 sebastianm 20. Mai 2008 um 8:59 Uhr

    es ist auch völlig unlogisch was wehler da herbeifantasiert. woher will der denn wissen, welches „endogene Entwicklungspotenzial“ in Kulturen steckt, von denen es keine Aufzeichnungen gibt außer denen, die die Kolonialisten ab dem Zeitpunkt ihrer Kolonisation angefertigt haben.
    Kann man den Aufzeichnungen trauen, die eroberer über unterworfene geführt haben?
    So viel Methodenreflexion sollte sich inzwischen sogar zu den Historikern rumgesprochen haben.

  20. Gravatar Icon 20 abdel kader 26. Januar 2009 um 20:04 Uhr

    Engels war auch ein eigenständiger Theoretiker, der Marx beeinflusst hat, z.B. durch Schriften wie Der Ursprung der Familie….

    Was ich oben schrieb ist falsch, „Der Ursprung der Familie…“ entstand u.a. anhand eines Konspekts von Marx.
    Richtig ist aber, dass auch Engels Marx inhaltlich beeinflusst hat.

  1. 1 Hänge-Peters oder “die blutige Hand” // Lysis Pingback am 08. Juli 2007 um 13:37 Uhr
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