Ein relativ spannendes Interview mit Detlev Claussen — einem Soziologen in der etwas altbackenen Tradition von Horkheimer/Adorno — über Fundamentalisierungsprozesse, Identitätspolitik und Xenophobie:
(via IdrawESCAPEplans)
Greek for Dissolution
Ein relativ spannendes Interview mit Detlev Claussen — einem Soziologen in der etwas altbackenen Tradition von Horkheimer/Adorno — über Fundamentalisierungsprozesse, Identitätspolitik und Xenophobie:
(via IdrawESCAPEplans)
Der Zusatz «altbacken» ist neben seiner verdoppelnden Funktion doch wirklich überflüssig, da müsste man dem Kapital glatt nen Bart ankleben.
Naja, ich finde nicht, dass das verdoppelnd ist. Traditionen können veralten. Das passiert in der Wissenschaft und im kritischen Denken dann, wenn es bessere Erklärungen gibt. Bei Marx würd‘ ich nun bestreiten, dass es irgendeine Theorie gäbe, die seine Analyse des Kapitalismus jemals überflügeln konnte.
Bei Horkheimer und Adorno ist mir das aber gerade wieder aufgefallen, als ich Mark Terkessidis‘ Buch Psychologie des Rassismus gelesen habe, das die psychodynamische Vorurteilsforschung der 40er und 50er Jahre einmal gründlich auseinandergenommen hat — und damit letztlich auch die Methodologie der „Studien zum autoritären Charakter“. Mich hat das jedenfalls sehr überzeugt.
Es ist einfach Quatsch, Rassismus und Antisemitismus als Defekt einzelner Subjekte darzustellen und in Begriffen einer freudschen Psychopathologie zu rahmen. Schon allein deshalb, weil die ganze Vorurteilsforschung dieser Zeit die Wissenschaft als objektive, gesunde und aufgeklärte Institution darstellt und sie mit subjektiven, kranken und vorurteilsbehafteten Individuen konfrontiert. Dabei hat keine Instanz den Rassismus so stark vorangetrieben wie die Wissenschaft selbst. Die Vorurteile von heute sind die wissenschaftlichen Theorien von gestern. Insofern ist dieses ganze Modell auch einfach antikritisch und positivistisch.
Man überlege sich nur, welche Rolle die Psychoanalyse dabei gespielt hat, Homosexuelle zu konstruieren, zu pathologisieren und als deviante Subjekte darzustellen. Aber wer diese ins Alltagsbewusstsein eingesickerten Theorien heute noch vertritt, gilt auf einmal als behandlungsbedürftig! Früher beschäftigte sich das Journal for Abnormal Psychology mit Homosexualität, heute erscheinen dort Aufsätze über Homophobie. Ja, da hätten wohl die ganzen früheren Autoren auch gleich auf die Couch gehört!
Ich mein, ich war früher auch Horkheimer/Adorno-Fan. Aber ich seh immer mehr Elemente dessen, was ich daran mal für gut befunden habe, wegbrechen. Und vor allem beobachte ich, was für ein himmelschreiender Unsinn heute im Namen der Kritischen Theorie verbrochen wird — vielleicht nicht so sehr von Detlev Clausen (obwohl der mir eindeutig zu sozialdemokratisch ist), aber doch von Du-weißt-schon-wem. Deswegen erlaube ich es mir, hin und wieder dezente Kritik auszustreuen, denn die Leute sollen gefälligst auch mal was anderes lesen!
Sehr cool. Solche Leute bräuchte man mehr. Bei der Stelle mit „mein Lehrer Adorno“ mußte ich auch schmunzeln
Wenigstens ist er ehrlich.
Da gehen wir ja einig, was die Beurteilung der Kritischen Theorie anbelangt. Ich wollte bloss anmerken, dass „altbacken“ in Bezug auf Theorien halt kein Argument für gar nichts ist. Das erinnert mich eben an diesen komischen Gestus, mit dem Leute jeweils marxistische Kritik abkanzeln (was ich dir natürlich in keinster Weise unterstellen will).
@lysis
ich würde mal unterstellen das es adorno weniger darum ging „Rassismus und Antisemitismus als Defekt einzelner Subjekte darzustellen“, sondern eher nach einem „motor“ für diese falschen projektionsleistungen und die „gewalt“ zu finden.
ansonsten würde ich zustimmen. auch mal was anderes lesen!
IdEp: Man braucht keinen „Motor“, um Rassist zu sein, da rassistisches Wissen ubiquitär ist. In Umfragen kann man feststellen, dass 75% der Bevölkerung in der ein oder anderen Weise „fremdenfeindliche“ Einstellungen pflegen. Rassismus ist also „normal“, und daher könnte man sich eher fragen, welchen „Motor“ Leute in sich haben, die die große Mühe auf sich nehmen, sich aus dem rassistischem Wissen ihrer Gesellschaft herauszuarbeiten. Seit ich 17 oder 18 Jahre alt bin, überlege ich mir Argumente gegen Rassismus. Es ist ein permanenter Kampf, in dieser Gesellschaft nicht rassistisch zu sein und den Leuten um einen herum, die spontan und mühelos rassistisches Wissen reproduzieren können, die Stirn zu bieten! So herum macht das Ganze doch Sinn.
Mark Terkessidis, Psychologie des Rassismus (Opladen/Wiesbaden, 1998), 117.
Auch schon das Folgeband „Banalität des Rassismus“ von Terkessidis gelesen?
Nee, kenn ich noch nicht.
Hier kannst du mehr darüber erfahren:
Mark Terkessidis
Die Banalität des Rassismus
Migranten zweiter Generation entwickeln eine neue Perspektive
http://www.transcript-verlag.de/ts263/ts263.htm
Der Genosse heißt übrigens Detlev Claussen, mit 2 s.
[quote comment=“28120″]
Bei Horkheimer und Adorno ist mir das aber gerade wieder aufgefallen, als ich Mark Terkessidis‘ Buch Psychologie des Rassismus gelesen habe, das die psychodynamische Vorurteilsforschung der 40er und 50er Jahre einmal gründlich auseinandergenommen hat — und damit letztlich auch die Methodologie der „Studien zum autoritären Charakter“. Mich hat das jedenfalls sehr überzeugt.
Es ist einfach Quatsch, Rassismus und Antisemitismus als Defekt einzelner Subjekte darzustellen und in Begriffen einer freudschen Psychopathologie zu rahmen.[/quote]
In seinem Buch Grenzen der Aufklärung widerspricht auch Claussen der These, dass der Antisemitismus eine individuelle Pathologie sei.
Das Buch basiert vor allem auf Marx, Freud und Horkheimer/Adorno, die „Studien zum autoritären Charakter“ werden entweder gar nicht erwähnt oder spielen so gut wie keine Rolle, trotzdem ist es sehr psychoanalytisch.
Tja, der Autor dieser Seite hält es wohl (zum wiederholten Male) nicht für nötig, auf solche Einwürfe zu reagieren. Dabei könnte er sie doch so leicht ausräumen.
Äh, warum sollte ich auf eine Ergänzung „reagieren“, wenn ich gar nichts daran auszusetzen habe? Meine Kritik richtete sich an Horkheimer und Adornos psychologisierenden Ansatz, und wenn sich Detlev Claussen in Grenzen der Aufklärung kaum darauf bezieht (ich hab das Buch leider nicht gelesen, werde es aber beizeiten nachholen), fällt das auch nicht unter meine Kritik. So einfach.
PS: Ich muss außerdem nicht immer das letzte Wort haben!
Oh je, ich weiß noch, wie wir Detlev Claussen nach acht Tequila aus der Sonderbar getragen haben…
Als Schwuler beschäftige ich mich schon lange mit „Andersartigkeiten“ und „Abnormem“ – aber immer im Verhältnis zu den Normen. Zuerst waren immer Normen, die die Abnormitäten „konstruierten“, welche sich dann – Beispiel Homosexuelle – unbedingt zu einer „erweiterten Norm“ anfügen wollen (e. Partnerschaft). So werden hetero-systematisch immer weitere Normen und Abnormitäten geschaffen, ohne Ende…
Ich möchte noch interessante Literatur ergänzend anfügen:
von Braun, Christina: Versuch über den Schwindel. Religion, Schrift, Bild, Geschlecht. Pendo 2001, 670 S.
Die Autorin hat u.a. auch ein Buch geschrieben, „wie die Hysterie in den Kopf kam“. Also über die Situation von Frauen. Sie waren nämlich die allerersten „Abnormen der Menschheitsgeschichte“.