„Revolte gegen die Moderne“

Ein relativ spannendes Interview mit Detlev Claussen — einem Soziologen in der etwas altbackenen Tradition von Horkheimer/Adorno — über Fundamentalisierungsprozesse, Identitätspolitik und Xenophobie:

(via IdrawESCAPEplans)


17 Antworten auf „„Revolte gegen die Moderne““


  1. Gravatar Icon 1 Tioum 08. Juli 2007 um 23:58 Uhr

    Der Zusatz «altbacken» ist neben seiner verdoppelnden Funktion doch wirklich überflüssig, da müsste man dem Kapital glatt nen Bart ankleben.

  2. Gravatar Icon 2 lysis 09. Juli 2007 um 1:04 Uhr

    Naja, ich finde nicht, dass das verdoppelnd ist. Traditionen können veralten. Das passiert in der Wissenschaft und im kritischen Denken dann, wenn es bessere Erklärungen gibt. Bei Marx würd‘ ich nun bestreiten, dass es irgendeine Theorie gäbe, die seine Analyse des Kapitalismus jemals überflügeln konnte.

    Bei Horkheimer und Adorno ist mir das aber gerade wieder aufgefallen, als ich Mark Terkessidis‘ Buch Psychologie des Rassismus gelesen habe, das die psychodynamische Vorurteilsforschung der 40er und 50er Jahre einmal gründlich auseinandergenommen hat — und damit letztlich auch die Methodologie der „Studien zum autoritären Charakter“. Mich hat das jedenfalls sehr überzeugt.

    Es ist einfach Quatsch, Rassismus und Antisemitismus als Defekt einzelner Subjekte darzustellen und in Begriffen einer freudschen Psychopathologie zu rahmen. Schon allein deshalb, weil die ganze Vorurteilsforschung dieser Zeit die Wissenschaft als objektive, gesunde und aufgeklärte Institution darstellt und sie mit subjektiven, kranken und vorurteilsbehafteten Individuen konfrontiert. Dabei hat keine Instanz den Rassismus so stark vorangetrieben wie die Wissenschaft selbst. Die Vorurteile von heute sind die wissenschaftlichen Theorien von gestern. Insofern ist dieses ganze Modell auch einfach antikritisch und positivistisch.

    Man überlege sich nur, welche Rolle die Psychoanalyse dabei gespielt hat, Homosexuelle zu konstruieren, zu pathologisieren und als deviante Subjekte darzustellen. Aber wer diese ins Alltagsbewusstsein eingesickerten Theorien heute noch vertritt, gilt auf einmal als behandlungsbedürftig! Früher beschäftigte sich das Journal for Abnormal Psychology mit Homosexualität, heute erscheinen dort Aufsätze über Homophobie. Ja, da hätten wohl die ganzen früheren Autoren auch gleich auf die Couch gehört!

    Ich mein, ich war früher auch Horkheimer/Adorno-Fan. Aber ich seh immer mehr Elemente dessen, was ich daran mal für gut befunden habe, wegbrechen. Und vor allem beobachte ich, was für ein himmelschreiender Unsinn heute im Namen der Kritischen Theorie verbrochen wird — vielleicht nicht so sehr von Detlev Clausen (obwohl der mir eindeutig zu sozialdemokratisch ist), aber doch von Du-weißt-schon-wem. Deswegen erlaube ich es mir, hin und wieder dezente Kritik auszustreuen, denn die Leute sollen gefälligst auch mal was anderes lesen!

  3. Gravatar Icon 3 narodnik 09. Juli 2007 um 1:11 Uhr

    Sehr cool. Solche Leute bräuchte man mehr. Bei der Stelle mit „mein Lehrer Adorno“ mußte ich auch schmunzeln ;-) Wenigstens ist er ehrlich.

  4. Gravatar Icon 4 Tioum 09. Juli 2007 um 1:59 Uhr

    Da gehen wir ja einig, was die Beurteilung der Kritischen Theorie anbelangt. Ich wollte bloss anmerken, dass „altbacken“ in Bezug auf Theorien halt kein Argument für gar nichts ist. Das erinnert mich eben an diesen komischen Gestus, mit dem Leute jeweils marxistische Kritik abkanzeln (was ich dir natürlich in keinster Weise unterstellen will).

  5. Gravatar Icon 5 IdrawESCAPEplan 10. Juli 2007 um 8:44 Uhr

    @lysis
    ich würde mal unterstellen das es adorno weniger darum ging „Rassismus und Antisemitismus als Defekt einzelner Subjekte darzustellen“, sondern eher nach einem „motor“ für diese falschen projektionsleistungen und die „gewalt“ zu finden.

    ansonsten würde ich zustimmen. auch mal was anderes lesen! :)

  6. Gravatar Icon 6 lysis 10. Juli 2007 um 9:58 Uhr

    IdEp: Man braucht keinen „Motor“, um Rassist zu sein, da rassistisches Wissen ubiquitär ist. In Umfragen kann man feststellen, dass 75% der Bevölkerung in der ein oder anderen Weise „fremdenfeindliche“ Einstellungen pflegen. Rassismus ist also „normal“, und daher könnte man sich eher fragen, welchen „Motor“ Leute in sich haben, die die große Mühe auf sich nehmen, sich aus dem rassistischem Wissen ihrer Gesellschaft herauszuarbeiten. Seit ich 17 oder 18 Jahre alt bin, überlege ich mir Argumente gegen Rassismus. Es ist ein permanenter Kampf, in dieser Gesellschaft nicht rassistisch zu sein und den Leuten um einen herum, die spontan und mühelos rassistisches Wissen reproduzieren können, die Stirn zu bieten! So herum macht das Ganze doch Sinn.

  7. Gravatar Icon 7 lysis 10. Juli 2007 um 10:13 Uhr

    Um diese These zu verdeutlichen schildern sie [Earl Raab und Seymour Martin Lipset] die Situation eines weißen Kindes im US-Süden der sechziger Jahre. Dieses Kind kommt lediglich mit Schwarzen in Kontakt, die sich in untergeordneten Positionen befinden. Diese Schwarzen sind weder so gut gebildet noch so gut angezogen wie die Weißen. Auch ihre Wohnsituation ist schlechter. Schwarze sitzen nicht mit dem weißen Kind an einem Tisch oder zusammen mit ihm in einem Restaurant. Während Weiße sich gegenseitig mit „Mr“ und „Mrs“ ansprechen, wenden sie sich an die Schwarzen mit ihrem Vornamen. Schwarze und weiße Kinder gehen nicht gemeinsam zur Schule. Im Bus sitzen sie in getrennten Abteilen.

    Nach der Beschreibung der sozialen Situationen bzw. der „overt sets of relationships“, mit denen das Kind umgeben ist, kommen die beiden Autoren zu dem Ergebnis: „He does not have to be told that Negroes are ‚inferior‘, or what his relationship to them are supposed to be. These are apparent. (…) It isn‘t necessary to inculcate him specific attitudes about the social inferiority of Negroes. More likely, it is necessary for him to develop attitudes that do not conflict with his behavior.“

    Mark Terkessidis, Psychologie des Rassismus (Opladen/Wiesbaden, 1998), 117.

  8. Gravatar Icon 8 Serdar 10. Juli 2007 um 11:48 Uhr

    Auch schon das Folgeband „Banalität des Rassismus“ von Terkessidis gelesen?

  9. Gravatar Icon 9 lysis 10. Juli 2007 um 22:52 Uhr

    Nee, kenn ich noch nicht.

  10. Gravatar Icon 10 Serdar 11. Juli 2007 um 4:53 Uhr

    Hier kannst du mehr darüber erfahren:

    Mark Terkessidis
    Die Banalität des Rassismus
    Migranten zweiter Generation entwickeln eine neue Perspektive

    http://www.transcript-verlag.de/ts263/ts263.htm

  11. Gravatar Icon 11 jadga 11. Juli 2007 um 10:51 Uhr

    Der Genosse heißt übrigens Detlev Claussen, mit 2 s.

  12. Gravatar Icon 12 abdel kader 11. Juli 2007 um 23:45 Uhr

    [quote comment=“28120″]
    Bei Horkheimer und Adorno ist mir das aber gerade wieder aufgefallen, als ich Mark Terkessidis‘ Buch Psychologie des Rassismus gelesen habe, das die psychodynamische Vorurteilsforschung der 40er und 50er Jahre einmal gründlich auseinandergenommen hat — und damit letztlich auch die Methodologie der „Studien zum autoritären Charakter“. Mich hat das jedenfalls sehr überzeugt.

    Es ist einfach Quatsch, Rassismus und Antisemitismus als Defekt einzelner Subjekte darzustellen und in Begriffen einer freudschen Psychopathologie zu rahmen.[/quote]

    In seinem Buch Grenzen der Aufklärung widerspricht auch Claussen der These, dass der Antisemitismus eine individuelle Pathologie sei.
    Das Buch basiert vor allem auf Marx, Freud und Horkheimer/Adorno, die „Studien zum autoritären Charakter“ werden entweder gar nicht erwähnt oder spielen so gut wie keine Rolle, trotzdem ist es sehr psychoanalytisch.

  13. Gravatar Icon 13 miau 16. Juli 2007 um 2:23 Uhr

    Tja, der Autor dieser Seite hält es wohl (zum wiederholten Male) nicht für nötig, auf solche Einwürfe zu reagieren. Dabei könnte er sie doch so leicht ausräumen.

  14. Gravatar Icon 14 lysis 16. Juli 2007 um 7:04 Uhr

    Äh, warum sollte ich auf eine Ergänzung „reagieren“, wenn ich gar nichts daran auszusetzen habe? Meine Kritik richtete sich an Horkheimer und Adornos psychologisierenden Ansatz, und wenn sich Detlev Claussen in Grenzen der Aufklärung kaum darauf bezieht (ich hab das Buch leider nicht gelesen, werde es aber beizeiten nachholen), fällt das auch nicht unter meine Kritik. So einfach.

    PS: Ich muss außerdem nicht immer das letzte Wort haben!

  15. Gravatar Icon 15 che2001 20. Juli 2007 um 22:27 Uhr

    Oh je, ich weiß noch, wie wir Detlev Claussen nach acht Tequila aus der Sonderbar getragen haben…

  16. Gravatar Icon 16 Thommen 22. Juni 2008 um 12:56 Uhr

    Als Schwuler beschäftige ich mich schon lange mit „Andersartigkeiten“ und „Abnormem“ – aber immer im Verhältnis zu den Normen. Zuerst waren immer Normen, die die Abnormitäten „konstruierten“, welche sich dann – Beispiel Homosexuelle – unbedingt zu einer „erweiterten Norm“ anfügen wollen (e. Partnerschaft). So werden hetero-systematisch immer weitere Normen und Abnormitäten geschaffen, ohne Ende…

    Ich möchte noch interessante Literatur ergänzend anfügen:

    von Braun, Christina: Versuch über den Schwindel. Religion, Schrift, Bild, Geschlecht. Pendo 2001, 670 S.
    Die Autorin hat u.a. auch ein Buch geschrieben, „wie die Hysterie in den Kopf kam“. Also über die Situation von Frauen. Sie waren nämlich die allerersten „Abnormen der Menschheitsgeschichte“.

  1. 1 subwave - exakt neutral :: anhören. :: Juli :: 2007 Pingback am 09. Juli 2007 um 13:54 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.