Rassismus in der Soziologie

Als Ergänzung zu diesem Exposé noch ein kleines, schnell hingeschmiertes Thesenpapier, das auf meiner Lektüre von Mark Terkessidis‘ Psychologie des Rassismus beruht. (Und damit endlich die vierte von sieben Prüfungen erfolgreich hinter mich gebracht …)

  • Rassismus ist kein klassischer Gegenstand der Soziologie. Erste Ansätze zum Thema finden sich nicht vor den 60er Jahren, und eine etwas breitere Aufnahme des Gegenstands lässt sich gar erst in den 80er Jahren verzeichnen. Das liegt unter anderem daran, dass Rassismus kein Objekt ist, das in derselben Weise gegeben wäre wie andere soziologische Gegenstände — etwa Familie, Organisation, Schicht, Klasse oder Stand. Rassismus ist vielmehr ein Prozess, in dem Gegenstände geschaffen werden: die „weiße Rasse“, der „Neger“, die „fremde Kultur“. Es bedurfte daher eines theoretischen Perspektivwechsels, um nicht diese Objekte selbst zu studieren, sondern stattdessen die ihnen zugrundeliegenden Konstruktionsprozesse sichtbar zu machen.

  • Dass es bereits vor den 60er Jahren ein Interesse an der Auseinandersetzung mit Rassismus gab, zeigt die wesentlich in der Psychologie angesiedelte Vorurteilsforschung der 40er und 50er Jahre (etwa die von Theodor W. Adorno mitverfassten „Studien zum autoritären Charakter“). Rassis­mus wurde hier als defekte Wahrnehmung konzipiert, die auf psychodynamische Prozesse im Individuum selbst zurückverweise, etwa auf die Mechanismen von Verdrängung und „pathischer Projektion“ (Horkheimer/Adorno). Diese Forschung ist in doppelter Weise problematisch, erstens indem sie etwas pathologisiert, was Umfragen zufolge nicht die Einstellung einer devianten Minderheit, sondern die der Bevölkerungsmehrheit ist; zweitens indem sie den kranken, vorurteilsbehafteten Individuen die „gesunde“ Wissenschaft entgegenstellt. Dass aber die Wissenschaft selbst in die Konstruktion von „Rassenvorurteilen“ verwickelt gewesen sein könnte; dass die Vorurteile von heute nicht selten die wissenschaftlichen Theorien von gestern sind, gerät dabei vollständig aus dem Blick.
  • Die ersten genuin soziologischen Überlegungen zum Thema Rassismus stammen von Herbert Blumer, dem Begründer des Symbolischen Interaktionismus. Für Blumer ist „race“ keine biologische Gegebenheit, sondern eine in der Alltagspraxis wirksame soziale Konstruktion. Damit überhaupt von Rassismus die Rede sein könne, müssten Menschen sich und andere erst einmal als Mitglieder von „racial groups“ identifizieren, was weder spontan noch unvermeidlich sei. Dieser Prozess der kollektiven Definition bestehe in der Generierung eines abstrakten Bilds der untergeordneten Gruppe und verleihe der dominanten Gruppe zugleich ihren „sense of group position“, der die Basis für rassistische Vorurteile bereitstelle. Der Ort, an dem in diesem Prozess sowohl Individuen als auch Gruppen durch reale Kämpfe geformt würden, wird von Blumer als „public arena“ bezeichnet (gesetzgebende Versammlungen, öffentliche Treffen, Presse, Literatur, Wissenschaft usw.).
  • Anfang der 80er Jahre systematisiert Robert Miles, Leiter der Forschungsgruppe „Migration und Rassismus“ an der Universität von Glasgow, diese Analyse, indem er den Rassismus in drei Elemente zerlegt: den Prozess der „Rassenkonstruktion“ (racialisation), in dem bestimmte Merkmale (etwa die Hautfarbe) zu sozialen Bedeutungsträgern werden; die „Ausgrenzungs­praxis“ (exclusionary practice), durch die eine näher bezeichnete Gruppe von sozialen Ressour­cen ausgeschlossen oder bei ihrer Zuteilung ungleich behandelt wird; und schließlich der Rassismus als Ideologie, d.h. die Zuschreibung negativer (biologischer oder kultureller) Attribute an eine scheinbar naturgegebene Gruppe.
  • Eine ähnliche Perspektive ergibt sich, wenn man mit Foucault Rassismus als einen Macht-Wissen-Komplex betrachtet, der in seinem Ergebnis rassifizierte Subjekte erzeugt. So spricht etwa Mark Terkessidis (1998) von der Notwendigkeit, den Rassismus nicht bloß als Ideologie, sondern als praktische Einheit von Wissen und „institutionaler Ordnung“ zu begreifen. Statt von „Vorurteilen“ (d.h. Irrtümern, pathologischen Mechanismen oder Relikten der Unaufgeklärtheit) sei es besser, von „rassistischem Wissen“ zu sprechen, das im Kontext einer Machtsituation (etwa als Teil eines kolonialen Machtapparats) die Objektivierung des „Anderen“ gewährleiste.

9 Antworten auf „Rassismus in der Soziologie“


  1. Gravatar Icon 1 sm 12. Juli 2007 um 17:34 Uhr

    kennste stuart hall?

  2. Gravatar Icon 2 lysis 12. Juli 2007 um 18:01 Uhr

    Ja, ich hab dazu euch extra noch eine Einführung in die Cultural Studies gelesen, ;) aber letztlich finde ich Blumer und Foucault doch die wichtigeren Marksteine. Ausgelassen sind natürlich auch die ganzen marxistischen Rassismustheorien: Rassismus als Manipulations-, Spaltungs- und Bestechungsinstrument (diverse Traditionsmarxisten), Rassismus als aus der Wertform abgeleitete Denkform (Schmitt-Egner/Wertkritik), Rassismus als Mittel zur ethnischen Segmentierung von Arbeitsmärkten (Wallerstein u.a.). Persönlich wollte ich den Schwerpunkt allerdings lieber auf konstruktionistische Ansätze legen, da ich die für am produktivsten halte.

  3. Gravatar Icon 3 suqong 12. Juli 2007 um 19:37 Uhr

    Zu Adorno/Horkheimer ließe sich noch sagen, dass sich ihre Kritik des Rassismus nicht auf die „Studien z. autoritären Ch.“ beschränkt. Wenn sie auch explizit kaum weiteres fabrizierten, zieht sich die Kritik implizit durch das gesamte Werk.
    Gerade in einer Spiegellektüre mit Foucault zu empfehlen.

  4. Gravatar Icon 4 th 13. Juli 2007 um 11:09 Uhr

    @ lysis:
    [quote comment=“28328″]…lieber auf konstruktionistische Ansätze legen…[/quote]
    Konstruktionismus? Ist das was eigenständiges oder nur ein anderes Wort für Konstruktivismus?

  5. Gravatar Icon 5 lysis 13. Juli 2007 um 11:20 Uhr

    Ja, im Englischen unterscheidet man häufig zwischen (social) constructionism und constructivism, um soziologische Ansätze wie etwa den Herbert Blumers, der übrigens schon in den 30er Jahren in Chicago entwickelt wurde und also überhaupt nichts mit „Postmoderne“ und dergleichen zu tun hat, von psychologisch-hirnphilosophischen Ansätzen wie dem von Maturana und Varela zu unterscheiden. Beides hat nicht nur nichts miteinander zu tun, sondern ist auch logisch völlig unverträglich. In Deutschland wird das leider oft vermischt bzw. verwechselt.

  6. Gravatar Icon 6 th 13. Juli 2007 um 14:11 Uhr

    Ahh, danke.

  7. Gravatar Icon 7 clov 19. Juli 2007 um 12:38 Uhr

    Grüsze.

    Jo, ich würde allerdings noch weiter präzisieren:

    Der Konstruktivismus ist ein erkenntnistheoretisches Paradigma, also eine Leitvorstellung davon, wie wir Wahrnehmung und Reflexion organisieren, um etwas über unsere Welt zu wissen. Die Traditionslinie reicht mindestens bis Immanuel Kant zurück, der mit seiner sogenannten „Kopernikanischen Wende“ ja die Abhängigkeit der Objekte unseres Wissens von der Perspektive, die wir auf eine Sache haben, herausstellt. Im Grunde enthält jeder moderne Rationalismus konstruktivistische Elemente. Husserls Phänomenologie ebenso, wie etwa Adornos „negative Dialektik“, bei der schließlich auch nur aus einer objektiv falschen Kategorie und einer subjektiv „geistigen Erfahrung“ ein widerstreitender Standpunkt, ein Widerstand konstruiert wird. Ganz gerade abstrakt versteht sich.^^ Neuerdings Furore macht der Konstruktivismus tatsächlich in der Neurophysiologie und Hirnforschung. Durch die offensichtliche Parallel-Verarbeitung unseres Gehirns gehen Forscher wie Glasersfeld oder Roth davon aus, dass die Botenstoffe von unseren Sinnesrezeptoren relativ neutral sein müssen, um eine parallele und ortsunspezifische Verarbeitung der Informationen im Gehirn zu gewährleisten. Was natürlich bedeutet, dass wir ziemlich viel „konstruieren“ müssen, etwa in Rücksicht auf Erinnerungen und frühere Erfahrungen, um uns adäquat über die Situation zu informieren, in der wir uns gerade befinden.
    Was hier aber letztlich immer unterstellt wird, ist eine eigentlich ganz klassische Korrespondenztheorie. Denn unsere „bloßen“ Sinne sollen „bloß“ natürliche Objekte affizieren. Das mag ja bei einer Mediation auf einen Stein noch ganz realistisch sein. Schlechterdings ist unsere Welt aber gar keine mehr, die von „nur“ natürlichen Objekten geprägt ist. Vielmehr sind die uns umgebenden Gegenstände und Sachverhalte bereits Konstruktionen, und zwar nicht nur rein ideellen (Das Ding bleibt was es ist, egal wie es erscheint), sondern durch vollzogene Arbeit höchst realen Ursprungs. Das hat gerade SoziologInnen aller Strömungen immer wieder dazu verführt, diese doch wieder zu hypostasieren, also als bloß natürliche auszugeben (naiver Konstruktionismus). Hiergegen ist nicht nur die vom Marxismus ausgehende Ideologiekrtik aufgestellt, sondern gerade auch Foucaults theoretisches Bemühen, die Objekte unseres Wissens als eben jene Konstruktionen bzw. konkreter als Praktiken aufzufassen, denen bereits ein Verhältnis von Macht und Wissen, von Idee und Arbeit zugrunde liegt (kritischer Konstruktionismus). In diesem Sinne kann man auch die programmatische „Dekonstruktion“ al la Derrida durchaus ganz praktisch verstehen. Denn die objektive Welt ist in dieser Perspektive gerade nicht das Unveränderliche und Ewige, wie es die antiken Denker noch begriffen, sondern in höchstem Maße brüchig, flüchtig und veränderbar. Und es ist eben eine Frage des „Willens zur Macht“, inwieweit wir die uns vorausgesetzten Objektivierungen von Praktiken performieren bzw. aneignen und ablehnen. Deshalb ist die Geschichte für Foucault in Modifikation Marxens nicht nur ein EINZIGER Kampf des ewig Guten gegen das ewig Schlechte, Befriedigung vs. Gier, Arbeit vs. Kapital, Arbeiter vs. Profiteur, sondern ein Schlachtfeld unzähliger und letztlich auch unstillbarer Kämpfe um die richtigen Objektivierungen unserer Welt.

    Zu Foucaults Verständnis von „Praktik“ sei der heiter-ironische Aufsatz seines engen Freundes Paul Verne: „Der Eisberg der Geschichte“, Merve, Berlin, 1981 empfohlen.

    Allgemein zum Konstruktionismus in der Soziologie immer wieder lesenswert ist: Berger/Luckmann, „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“, Fischer, Frankfurt (M.), 1980 [1969]

    clov

  8. Gravatar Icon 8 laubwolf 07. September 2007 um 11:00 Uhr

    ich schreibe zur zeit gerade eine arbeit zum thema „rassismus ohne rassen“ (siehe balibar, taguieff, hall etc.) und bin auf der suche nach griffigen konzepten bezüglich der funktion von rassismus. kann mir da jemand weiterhelfen?
    - man könnte ja einerseits sagen, dass mit dem rassismus „der andere“ quasi „objektisiert“ wird und man so dessen macht entzieht, was die eigene herrschaft stärkt.
    - es gibt auch die idee der verschiebung und verdrängung. dies läuft auf eine art sündenbocktheorie hinaus, bei welcher zur problemlösung widersprüche und krisen auf andere abgeschoben werden.

    kann mir da jemand helfen?

  9. Gravatar Icon 9 ak 26. September 2007 um 16:45 Uhr

    Ich habe gerade einen sehr interessanten Aufsatz von Angelika Magiros gelesen. Sie zeigt auf, dass postmoderne Ansätze wie beispielsweise Foucaults Konzept von Biomacht bei der Analyse von differentialistischem Rassismus ins Leere laufen, da Neorassismus die Kategorie „Kultur“ betont und diese nicht inhaltlich füllt, vielmehr auf deren Konstruktion selbst hinweist und insofern die Angriffsfläche für Antirassisten entscheidend reduziert. Sie zeigt zudem anhand der dialektik der aufklärung von horkheimer und adorno eine interessante parallele zwischen elementen der herrschaftspraxis zu zeiten der europäischen aufklärung und eben dem phänomen des neorassismus. lesetipp also: Magiros, Angelika: „Dialektik der aufklärung oder foucaults biomacht“? In: jour fixe initiative berlin (Hg.), wie wird man fremd? 2001 (S.119-152)

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