Ein Araber entdeckt Paris (II): Prüfungen — wtf?

Puh, die sechste von sieben Prüfungen hinter mir! Und wegen Urlaub und Semesterferien wird die siebte leider erst in anderthalb Monaten stattfinden. Zeit, meine Reihe „Ein Araber entdeckt Paris“ fortzusetzen. Es geht — dies kurz zur Wiederholung — um Rifaʿa al-Tahtawi, der zwischen 1826 und 1831 im Auftrag seines Paschas eine Studienmission in der französischen Hauptstadt absolvierte mit dem Ziel, sein eigenes Land wirtschaftlich und technisch zu modernisieren. In seinem 1834 abgefassten Reisebericht schreibt er, neben anderen Dingen, über die wunderlichen Eigenarten der Franzosen, so z.B. ihren Rassismus und ihre Homophobie, die er sich allerdings meist recht naiv erklärt (den Rassismus etwa, indem er ihn als ästhetisches Missfallen an der schwarzen Hautfarbe deutet).

In der folgenden Passage geht es um das System der kontinuierlichen Prüfungen, denen er während seines Aufenthalts auch selbst unterworfen wird und die er seinen Lesern, welche damit offenbar nicht vertraut sind, erst umständlich erklären muss:

Man muß wissen, daß sich die Franzosen auf dem Gebiete des Wissens üblicherweise nicht damit begnügen, daß jemand im Rufe guter Auffassungsgabe oder des Fleißes steht oder daß ein Lehrer einen Schüler lobt, sondern es müssen nach ihrer Ansicht eindeutige und greifbare Beweise erbracht werden, die den bei der Prüfung Anwesenden die Fähigkeit des Betreffenden vor Augen führen und aufzeigen, inwieweit er sich von anderen seinesgleichen unterscheidet. Dies erfolgt vermittels allgemeiner Prüfungen (Leistungswettbewerben, concours généraux), welchen jedermann auf Grund einer Einladung — gewöhnlich nach Art der Einladung zum Essen — beiwohnen kann. Daneben gibt es besondere Prüfungen; das sind solche, wo der Lehrer wöchentlich oder monatlich seine Schüler prüft, um ihren Fortschritt während der betreffenden Woche oder des betreffenden Monats festzustellen, damit er ihren Eltern einen entsprechenden Bericht schreiben kann.

So wurde es auch gehandhabt, während wir in den einzelnen Pensionaten wohnten: alljährlich wurde mit uns ein allgemeiner Leistungswettbewerb in Anwesenheit prominenter Franzosen veranstaltet.

Rifaʿa al-Tahtawi, Ein Muslim entdeckt Europa. Bericht über seinen Aufenthalt in Paris 1826-1831 (C. H. Beck: München, 1989), 194.

Was al-Tahtawi nicht verstand, ist, dass es sich bei dem lückenlosen Prüfungssystem nicht bloß um eine Schrulle der französischen „Kultur“, sondern um den Bestandteil einer modernen Machttechnik handelte, die Menschen zu gelehrigen Individuen dressiert:

Die Prüfung kombiniert die Techniken der überwachenden Hierarchie mit denjenigen der normierenden Sanktion. Sie ist ein normierender Blick, eine qualifizierende, klassifizierende und bestrafende Überwachung. Sie errichtet über den Individuen eine Sichtbarkeit, in der man sie differenzierend behandelt. Darum ist in allen Disziplinaranstalten die Prüfung so stark ritualisiert. In ihr verknüpfen sich das Zeremoniell der Macht und die Formalität des Experiments, die Entfaltung der Stärke und die Ermittlung der Wahrheit. Im Herzen der Disziplinarprozeduren manifestiert sie die subjektivierende Unterwerfung jener, die als Objekte wahrgenommen werden, und die objektivierende Vergegenständlichung jener, die zu Subjekten unterworfen werden. Die Überlagerung der Machtverhältnisse und der Wissensbeziehungen erreicht in der Prüfung ihren sichtbarsten Ausdruck. Auch hier handelt es sich um eine Errungenschaft des klassischen Zeitalters, die von den Wissenschaftshistorikern im Dunkeln gelassen worden ist. Man schreibt die Geschichte der Experimente an den Blindgeborenen, an den Wolfskindern oder mit der Hypnose. Wer jedoch wird die allgemeinere, unschärfere, aber entscheidendere Geschichte der Prüfung schreiben — der Prüfung mit ihren Ritualen, ihren Methoden, ihren Rollen, ihren Frage- und Antwortspielen, ihren Notierungs- und Klassifizierungssystemen? In dieser winzigen Technik steckt nämlich ein ganzer Wissensraum und ebenso ein ganzer Machttyp. Man spricht oft von der Ideologie, welche die Human-“Wissenschaften“ verschwiegen oder gesch[w]ätzig mit sich herumtragen. Aber die Technologie dieser Wissenschaften, jenes kleine Verfahrensschema, das eine solche Verbreitung hat (von der Psychiatrie bis zur Pädagogik, von der Diagnose der Krankheiten bis zur Überprüfung von Arbeitskräften), jenes so vertraute Verfahren der Prüfung — bringt es nicht innerhalb eines einzigen Mechanismus Machtbeziehungen zum Einsatz, mit denen Wissen erhoben und gebildet wird? Die politische Besetzung des Wissens erfolgt ja nicht bloß auf der Ebene des Bewußtseins und der Vorstellungen und in dem, was man zu wissen glaubt, sondern auf der Ebene dessen, was ein Wissen ermöglicht.

Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (Suhrkamp: Frankfurt a.M., 1994), 238 f.