Individualisierungskritik bei Adorno und Foucault

Horkheimer/Adorno:

Das Prinzip der Individualität war widerspruchsvoll von Anbeginn. Einmal ist es zur Individuation gar nicht wirklich gekommen. Die klassenmäßige Gestalt der Selbsterhaltung hat alle auf der Stufe bloßer Gattungswesen festgehalten. Jeder bürgerliche Charakter drückte trotz seiner Abweichung und gerade in ihr dasselbe aus: die Härte der Konkurrenzgesellschaft. Der Einzelne, auf den die Gesellschaft sich stützte, trug ihren Makel an sich; in seiner scheinbaren Freiheit war er das Produkt ihrer ökonomischen und sozialen Apparatur. An die je herrschenden Machtverhältnisse appellierte die Macht, wenn sie den Spruch der von ihr Betroffenen einholte. Zugleich hat in ihrem Gang die bürgerliche Gesellschaft das Individuum auch entfaltet. Wider den Willen ihrer Lenker hat die Technik die Menschen aus Kindern zu Personen gemacht. Jeder solche Fortschritt der Individuation aber ist auf Kosten der Individualität gegangen, in deren Namen er erfolgte, und hat von ihm nichts übriggelassen als den Entschluß, nichts als den je eigenen Zweck zu verfolgen. Der Bürger, dessen Leben sich in Geschäft und Privatleben, dessen Privatleben sich in Repräsentation und Intimität, dessen Intimität sich in die mürrische Gemeinschaft der Ehe und den bitteren Trost spaltet, ganz allein zu sein, mit sich und allen zerfallen, ist virtuell schon der Nazi, der zugleich begeistert ist und schimpft, oder der heutige Großstädter, der sich Freundschaft nur noch als „social contact“, als gesellschaftliche Berührung innerlich Unberührter vorstellen kann.

Max Horkheimer ; Theodor W. Adorno, „Kulturindustrie“. In: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente (Fischer: Frankfurt/M., 1989), 164.


Michel Foucault:

Die Disziplinen markieren die Umkehrung der politischen Achse der Individualisierung. In den Gesellschaften, für die das Feudalsystem nur ein Beispiel ist, erreicht die Individualisierung ihren höchsten Grad in den höheren Bereichen der Macht und am Ort der Souveränität. Je mehr Macht oder Vorrechte einer innehat, um so mehr wird er durch Rituale, Diskurse oder bildliche Darstellungen als Individuum ausgeprägt. Der „Name“ und der Stammbaum, die innerhalb der Verwandtschaft einen Platz anweisen; Heldentaten, welche die Überlegenheit der Kräfte dartun und durch Erzählungen unsterblich gemacht werden; Zeremonien, die durch ihre Ordnung Machtverhältnisse ausdrücken; Denkmäler oder Stiftungen, die das Überleben nach dem Tode sichern; der Prunk und das Übermaß der Verausgabung; die vielfältigen und sich überkreuzenden Bande von Untertänigkeit und Oberhoheit — all das sind Verfahren einer „aufsteigenden“ Individualisierung. In einem Disziplinarregime hingegen ist die Individualisierung „absteigend“: je anonymer und funktioneller die Macht wird, um so mehr werden die dieser Macht Unterworfenen individualisiert: und zwar weniger durch Zeremonien als durch Überwachungen; weniger durch Erinnerungsberichte als durch Beobachtungen; nicht durch Genealogien, die auf Ahnen verweisen, sondern durch vergleichende Messungen, die sich auf die „Norm“ beziehen; weniger durch außerordentliche Taten als durch „Abstände“. In einem Disziplinarsystem wird das Kind mehr individualisiert als der Erwachsene, der Kranke mehr als der Gesunde, der Wahnsinnige und der Delinquent mehr als der Normale. Es sind jedenfalls immer die ersteren, auf die unsere Zivilisation alle Individualisierungsmechanismen ansetzt; und wenn man den gesunden, normalen, gesetzestreuen Erwachsenen individualisieren will, so befragt man ihn immer danach, was er noch vom Kind in sich hat, welcher geheime Irrsinn in ihm steckt, welches tiefe Verbrechen er eigentlich begehen wollte. Alle Psychologien, -graphien, -metrien, -analysen, -hygienen, -techniken und -therapien gehen von dieser historischen Wende der Individualisierungsprozeduren aus. Als man von den traditionell-rituellen Mechanismen der Individualisierung zu den wissenschaftlich-disziplinären Mechanismen überging, als das Normale den Platz des Altehrwürdigen einnahm und das Maß den Platz des Standes, als die Individualität des berechenbaren Menschen die Individualität des denkwürdigen Menschen verdrängte und die Wissenschaften vom Menschen möglich wurden — da setzten sich eine neue Technologie der Macht und eine andere politische Anatomie des Körpers durch. Und wenn vom Mittelalter bis heute das „Abenteuer“ die Erzählung von der Individualität kennzeichnet, so verweisen doch die Übergänge vom Epos zum Roman, von der Großtat zur heimlichen Besonderheit, von den langen Irrfahrten zur inneren Suche nach der Kindheit, von den Kämpfen zu den Phantasmen auf die Formierung einer Disziplinargesellschaft. Es sind die Unglücke des kleinen Hans und nicht mehr die von Hänschen klein, die das Abenteuer unserer Kindheit erzählen. Der Rosenroman wird heute von Mary Barnes geschrieben. Den Platz des Ritters Lanzelot nimmt der Gerichtspräsident Schreber ein.

Man sagt oft, das Modell einer Gesellschaft, die wesentlich aus Individuen bestehe, sei den abstrakten Rechtsformen des Vertrags und des Tausches entlehnt. Die Warengesellschaft habe sich als eine vertragliche Vereinigung von isolierten Rechtssubjekten verstanden. Mag sein. Die politische Theorie des 17. und 18. Jahrhunderts scheint diesem Schema tatsächlich häufig zu entsprechen. Doch darf man nicht vergessen, daß es in derselben Epoche eine Technik gab, mit deren Hilfe die Individuen als Macht- und Wissenselemente wirklich hergestellt worden sind. Das Individuum ist zweifellos das fiktive Atom einer „ideologischen“ Vorstellung der Gesellschaft; es ist aber auch eine Realität, die von der spezifischen Machttechnologie der „Disziplin“ produziert worden ist. Man muß aufhören, die Wirkungen der Macht immer negativ zu beschreiben, als ob sie nur „ausschließen“, „unterdrücken“, „verdrängen“, „zensieren“, „abstrahieren“, „maskieren“, „verschleiern“ würde. In Wirklichkeit ist die Macht produktiv; und sie produziert Wirkliches. Sie produziert Gegenstandsbereiche und Wahrheitsrituale: das Individuum und seine Erkenntnis sind Ergebnisse dieser Produktion.

Michel Foucault, Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses (Suhrkamp: Frankfurt/M., 1994), 248-250.

Dazu ganz passend: Kommunismus oder Individuum! Die bürgerliche Revolution emanzipierte das Individuum — für die kommunistische wird es unbrauchbar sein.


3 Antworten auf „Individualisierungskritik bei Adorno und Foucault“


  1. Gravatar Icon 1 clov 25. Juli 2007 um 1:30 Uhr

    *g* Bei den wirklich spannenden Sachen traut sich wieder keiner, was zu sagen, schadeschade …

    @Lysis
    Mit Foucaults Zitat aus ÜS haste sicher die zentralste Stelle treffsicher ausgehoben. Ich denke, Antideutsche und AnarchistInnen affirmieren (bzw. konkreter: hypostasieren) oftmals gleichermaßen das Individuum als „natürliches“ ;o)

    grüsze
    clov

  2. Gravatar Icon 2 che2001 06. August 2007 um 23:31 Uhr

    Danke für diesen Beitrag!

  1. 1 Wie man auch Migrantenkörper erzeugt « Metalust & Subdiskurse Reloaded Pingback am 29. Oktober 2010 um 13:04 Uhr
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