Oublier Adorno

ché beschwert sich in einem Blogeintrag über die angebliche Feindschaft linker Schwuler gegen die Kritische Theorie. Nun, ich weiß nicht, wie breit die empirische Basis ist, auf der ché seine Aussagen tätigt ;) … aber ich beantworte den Beitrag wenigstens mal für mich selbst.

Speziell bei bei schwulen Linken und solchen, die in Bereich Antipsychiatrie engagiert sind taucht häufiger ein distanziertes Verhältnis zur KT auf, das mit Freuds Neurosenlehre begründet wird, in der männliche Homosexualität als Krankheit bzw. „Devianz“ (tendenziell pathologische Abweichung von einem als gegeben angenommenen biologischen Normalzustand) bewertet wird. Da der olle Sigi also abwertend über Schwule dachte, distanziert man sich von der politisch-philosophischen Umsetzung eines Teils seiner Überlegungen durch eine spätere Generation von Theoretikern und sucht sich als Theoriegebäude eher die Werke Foucaults, der als Selbst-Schwuler und Kritiker der psychopathologischen Denkschemata auch ganz gut als Identifikationsfigur taugt.

Nun, ich glaube, dass Identifikation ein ziemlich blödsinniges Denkverhältnis ist, und im Unterschied zu Adorno-Fans habe ich hier nirgendwo Foucault-Fotos auf dem Blog kleben. Auch die sexuelle Orientierung von Monsieur Foucault ist mir ziemlich egal; selbst seine politischen Positionierungen (pro Israel und pro islamische Revolution) interessieren mich nicht. Seine späten Schriften über „Selbstsorge“ finde ich sogar richtig ärgerlich. Aber all das ist einfach nicht der Grund, warum sich fast die gesamten angelsächsischen gay & lesbian studies heute auf ihn und nicht auf Adorno beziehen. Der Grund ist, dass Adornos Schriften, abgesehen davon, dass sie in mehreren Passagen offen antihomosexuell sind — was man ihm ja trotzdem nachsehen könnte, so wie man Foucault sein anfängliches Engagement für Khomeini nachgesehen hat —, keinerlei Nutzwert für die „Geschichte der Homosexualität“ besitzen.

Und genau hier wird es problematisch: Einer Theorie wird der Nutzwert abgesprochen oder dieser nicht in Anspruch genommen, weil einer der Großväter ihrer Urheber der eigenen Identität feindliches Gedankengut vertreten hat und ein anderer Theoretiker gut ins eigene Identitätskonzept passt. Wunderbar das Territorium mit der Landkarte verwechselt, sage ich jetzt mal dreist als vom betreffenden Konzept unbetroffener Hetero. Und so unnötig.

Nun, Landkarten sind meistens Landkarten eines ganz bestimmten Territoriums. Und ich werde mit einer Landkarte von Bayern nicht schlau, wenn ich in Schweden wandern gehe. Will sagen: Adorno bietet keine Ansatzpunkte für eine Kritik heteronormativer Formverhältnisse, und zwar nicht einmal per Analogieschluss. Auch Foucault hat kaum über „Homosexualität“ geschrieben (selbst wenn sich diese wenigen Passagen als extrem bedeutsam erwiesen), aber seine Analyse der Produktion von Delinquenz durch das Gefängnissystem in Überwachen und Strafen bietet darüber hinaus ein theoretisch gehaltvolles Modell, mit dem sich ähnlich auch die Erzeugung eines von der Gesellschaft abgesonderten „Homosexuellenmilieus“ verstehen lässt.

Der „Nutzwert“ Adornos für diese Fragestellung ist mir dagegen nicht ganz ersichtlich. Und vielleicht ist es gerade die Fixierung linker Schwuler auf die Kritische Theorie, die dafür verantwortlich zeichnet, dass die paar schwulen Intellektuellen in Allemannia (wie z.B. Dannecker) während der 80er Jahre den Anschluss an die internationale Diskussion vollends verloren haben und heute als komplette Hinterwäldler gelten.

Man muss Theorien auch mal aufeinanderkrachen lassen. Nicht alles ist mit allem beliebig kombinierbar. Mag sein, dass Adorno für andere Fragestellungen einen gewissen inspirativen Nutzen hat; für die Kritik von Homophobie hat er jedenfalls keinen.


5 Antworten auf „Oublier Adorno“


  1. Gravatar Icon 1 Jochen Hoff 07. August 2007 um 17:33 Uhr

    Natürlich kann ich mit der Motorsäge schnitzen. Aber dann unterliege ich immer den Beschränkungen der Motorsäge. Wir haben doch gerade deshalb eine solche Vielfalt an Werkzeugen und gedanklichen Werkzeugen geschaffen, damit wir das richtige Werkzeug für die anliegenden Thematik haben.

  2. Gravatar Icon 2 che2001 07. August 2007 um 19:50 Uhr

    Danke, Lysis, für diese Antwort, damit kann ich nun wieder sehr viel anfangen, zumal „Überwachen und Strafen“ für mich selber ja einer der Ausgangspunkte der Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang Eugenik – „Euthanasie“ – Bevölkerungspolitik – Neue Kriege gewesen ist, die Anknüpfungspunkte also da sind. Sehr erhellend!

  3. Gravatar Icon 3 Fraktale 08. August 2007 um 1:38 Uhr

    [quote post=“464″]Der Grund ist, dass Adornos Schriften, abgesehen davon, dass sie in mehreren Passagen offen antihomosexuell sind — was man ihm ja trotzdem nachsehen könnte, so wie man Foucault sein anfängliches Engagement für Khomeini nachgesehen hat —, keinerlei Nutzwert für die “Geschichte der Homosexualität” besitzen.[/quote]

    Könntest du das evtl. ausführen? Ich kenne nur noch den (auch nicht sehr ergiebigen) Thread im KF.

  4. Gravatar Icon 4 lysis 08. August 2007 um 2:00 Uhr

    Ach nee, muss nicht sein. Wenn du die Zitate aus dem KF bereits kennst, weiß ich nicht, was für einen Aufklärungsbedarf du noch hast.

    Naja, einen Textausschnitt zum Thema gibt’s hier.

    Weiterführende Literatur:

    • Randall Hall, „Zwischen Marxismus und Psychoanalyse. Antifaschismus und Antihomosexualität in der Frankfurter Schule“, in: Zeitschrift für Sexualforschung, 9 (1996), S. 343-357.
  5. Gravatar Icon 5 che2001 10. August 2007 um 10:54 Uhr

    Das date ich gleich mal up, wobei ich dieses Buch selber noch nicht gelesen habe:

    http://www.deutschesfachbuch.de/info/detail.php?isbn=3531150871

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