„Linker Antisemitismus“ & andere Schimären (III)

Angesichts des Buches Der neue Antisemitismus von Philipp Gessler, in dem ausgerechnet dem zu seinen Lebzeiten dezidiert anti-antizionistischen Internet-Portal X-berg.de „linker Antisemitismus“ vorgeworfen wird (die Revolution frisst ihre Kinder!), lohnt es sich vielleicht einmal, die etwas verrückte und überaus hysterische Begriffsgeschichte des „neuen Antisemitismus“ zu beleuchten. (Im Übrigen ist das keine Solidarisierung mit den politischen Positionen, die der Autor des folgenden Textes vertritt.)

Nun ist es allerdings so, daß die Warnung vor einem neuen Antisemitismus weder neu ist noch aus Sorge vor Antisemitismus ausgegeben wird. Schon vor dreißig Jahren veröffentlichten die ADL-Chefs Arnold Forster und Benjamin R. Epstein unter großem Tamtam ein Buch über den neuen Antisemitismus (The New Anti-Semitism, 1974). Und es vergingen keine zehn Jahre, da veröffentlichte auch ADL-Chef Nathan Perlmutter gemeinsam mit seiner Frau Ruth Ann Perlmutter ein Buch über den neuen Antisemitismus, der, so behaupteten sie, damals in Amerika grassierte (The Real Anti-Semitism in America, 1982).

Diese in so schöner Regelmäßigkeit neu inszenierte, bis ins kleinste Detail durchkomponierte Oper, die den Zuschauern medienwirksam die erschrecklichen Ausmaße des weltweiten Antisemitismus vor Augen führen soll, verfolgt nicht den Zweck, Antisemitismus zu bekämpfen. Vielmehr dient die Aufführung dieser Oper immer wieder und in erster Linie dazu, das historische Leid der Juden auszubeuten, um Israel gegen jedwede Kritik immun zu machen. Immer wenn Israel durch verstärkten internationalen Druck dazu gebracht werden soll, sich als Gegenleistung für die Anerkennung durch die arabischen Nachbarstaaten aus besetzten Gebieten zurückzuziehen, ist es höchste Zeit für eine Neuinszenierung des „neuen Antisemitismus“. […]

Der klassische Antisemitismus, der die Juden angriff, weil sie eben Juden waren, stelle, so die Perlmutters, in den Vereinigten Staaten keine große Bedrohung mehr dar […]. Dieser klassische Antisemitismus sei durch eine neue Form von Antisemitismus ersetzt worden. Und diesen neuen, „wahren“ Antisemitismus definierten die Perlmutters als jedweden Angriff auf jüdische Interessen. Dieser Antisemitismus müsse sich nicht einmal subjektiv gegen Juden richten — es reiche, daß er ihnen objektiv schade […]. Zu den „wahren Antisemiten“ zählten sie nicht allein die üblichen Verdächtigen wie den National Council of Churches, der „Israel dazu aufforderte, die PLO in die Nahostfriedens­verhandlungen einzubeziehen“, und die Vereinten Nationen, die (man denke nur an ihre Befürwortung einer Zwei-Staaten-Lösung) „zu einem Schauplatz für hinterhältige Angriffe auf jüdische Interessen geworden sind“. Nein, laut Perlmutter-Lexikon traf die Bezeichnung „Antisemit“ auf all jene zu, die Israel, wie indirekt auch immer, Schaden zufügen könnten. Darunter fielen auch diejenigen, die im Namen der Demokratie „an der Institution der Wahlmänner-Gremien rüttelten“ — schließlich würde der Verlust dieser Einrichtung die (zum Großteil in Swing States lebenden) amerikanischen Juden empfindlich treffen und im selben Moment den jüdischen Einfluß auf die Nahostpolitik verringern. Antisemiten waren in den Augen der Perlmutters auch diejenigen, die sich generell für friedliche Konfliktlösungen aussprachen und nach Einschnitten im Verteidigungshaushalt verlangten, denn ihretwegen „reden die Leute allmählich nur noch schlecht vom Krieg, während der Frieden in der Presse viel zu positiv dargestellt wird“ — was für Israel natürlich eine Katastrophe ist. Nach Ansicht der Perlmutters waren auch die Atomkraftgegner dem Antisemitenlager zuzurechnen, vergrößerten sie doch „die Abhängigkeit des Westens vom OPEC-Öl“ und sorgten dafür, daß „unsere Wirtschaft auf den Rückfluß der Petrodollars angewiesen ist“. […]

Die Perlmutters fanden, man solle die religiöse Rechte nicht länger als antisemitisch einstufen, hatte sie doch geschworen, den Heiligen Staat zu unterstützen: „Die Intoleranz der Fundamentalisten wirkt sich derzeit nicht allzu schlimm aus. Was zählt, ist ihre freundschaftliche Haltung gegenüber Israel.“ Wie wenig dieser angeblich „wahre“ Antisemitismus mit Antisemitismus und wieviel er mit Kritik an der israelischen Politik zu tun hatte, ließ sich daran ablesen, daß die Perlmutters der christlichen Rechten — die sich zwar in antijüdischer Bigotterie gefiel, aber „pro“-israelisch war — gegenüber dem liberalen Protestantismus den Vorzug gaben. […]

Deshalb waren auch Jerry Falwell von der „Moral Majority“ und Pat Robertson vom „Christian Broadcasting Network“ akzeptabel. Mochte ihre fundamentalistische Theologie auch vor Antisemitismus triefen — solange sie sich für ein militarisiertes Israel stark machten, tat das überhaupt nichts zur Sache. „Lasset uns den Herrn preisen — und die Munition rüberreichen“, rieten die Perlmutters in Anlehnung an einen Hit aus dem Zweiten Weltkrieg. Sie priesen die christliche Rechte nicht nur, sie sprachen sie auch von Schuld frei: „Selten ist eine Glaubensrichtung derart verunglimpft worden wie die Fundamentalisten. So wie die vernichtende Kritik am Zionismus dazu dient, ungeschminkten Antisemitismus zu verdecken, so werden übertriebene Äußerungen zur Moral Majority und zum Religious Roundtable dazu benutzt, Fundamentalisten in einem ganz falschen Licht darzustellen.“ […]

Im ersten Werk zum „neuen Antisemitismus“ (Forster/Epstein) waren es noch Organisationen vom linken Rand gewesen, die das Herz der antisemitischen Finsternis verkörperten, etwa die Kommunistische Partei und die Sozialistische Arbeiterpartei. Inzwischen haben Israels Apologeten den Sprung an den rechten Rand des politischen Spektrums vollzogen. Beim gegenwärtigen Revival wird die Rolle, die früher der radikalen Linken zugedacht war, daher mit Organisationen aus der politischen Mitte, etwa Amnesty International und Human Rights Watch, neu besetzt. […]

In ihrem Buch Der neue Antisemitismus verschwendet Phyllis Chesler wenig Mühe darauf zu verbergen, daß die Behauptung, es gebe einen neuen Antisemitismus, lediglich ein Vorwand für die Verteidigung Israels ist. […] Wenn praktisch jede Kritik an Israel als Antisemitismus ausgelegt wird, ist es kein Wunder, daß das Ausmaß des neuen Antisemitismus die Vorstellungskraft übersteigt. Phyllis Cheslers Schurkengalerie umfaßt nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Araber, Muslime, die gesamte Dritte Welt sowie Europa und die Vereinten Nationen, sondern auch „die internationalen Menschenrechtsorganisationen, die ihren Sitz im Westen haben, … Akademiker [und] Intellektuelle“; „die westlichen Kapitalismuskritiker, Globalisierungsgegner, Umweltschützer und Antirassismus-Aktivisten“; „Antikriegs-“Aktivisten; „progressive Feministinnen“; „jüdische Feministinnen“ („an einem gewissen Punkt hörten eine ganze Reihe amerikanisch-jüdischer Feministinnen … auf, sich für die Rechte der Frauen in Amerika einzusetzen, und begannen für die Rechte der PLO zu kämpfen“); die „europäischen und linken bzw. liberalen amerikanischen Medien“ wie Time, Associated Press, Reuters, die Washington Post, die Los Angeles Times, die New York Times, der britische Guardian, der Toronto Star, die BBC, NPR, CNN und ABC; und schließlich viele Israelis, darunter auch der verstorbene Yeshayahu Leibowitz von der Hebräischen Universität, ein orthodoxer Jude und Intellektueller, der in Israel höchstes Ansehen genoß. Sie alle schüren also Antisemitismus, und „jeder, der diese Tatsache leugnet“, ist, das fügt Chesler sicherheitshalber noch hinzu, ebenfalls „ein Antisemit“.

Kein Wunder, daß es in der Welt, wie Chesler sie sieht, vor Antisemiten nur so wimmelt: Es ist „wie bei den Nazis“. „Es ist, als ob Hitlers Braunhemden von den Toten auferstanden wären — und, in größerer Anzahl, immer und überall ihre schmutzige Kristallnachtsarbeit verrichten würden.“ Selbst in den Vereinigten Staaten hat der Antisemitismus so stark an Boden gewonnen, daß diejenigen, die ihn zu kritisieren wagen, „den gelben Stern tragen“. Inmitten dieser absurden Bemerkungen hält Chesler dem Orient mit seinem Hang zur „extremen Übertreibung“ ihren eigenen „westlichen Wahrheits- und Objektivitätsstandard“ entgegen. […]

Verglichen mit Commentary-Chefredakteur Gabriel Schoenfeld kommt Chesler einem allerdings vor wie die Vernunft in Person. So, wie Schoenfeld die Sache sieht, liegt die „Kristallnacht“ in Amerika bereits hinter uns. Wir befinden uns nunmehr mitten in der „Endlösung“. „Tatsache ist, daß wir derzeit mit einer völlig neuen Situation konfrontiert sind: Juden in den Vereinigten Staaten sind sich ihres Lebens nicht mehr sicher.“ Schoenfelds Schwarzbuch der Antisemiten enthält nicht nur Altbekannte wie „Umweltschützer, Pazifisten, Anarchisten, Globalisierungsgegner und Sozialisten“, die „großen britischen und europäischen Zeitungen“ (Le Monde, The Economist), die „französischen Fernsehnachrichten“ und die BBC, „liberal bis links eingestellte Organisationen wie Human Rights Watch und Amnesty International“, die New York Times-Kolumnistin Maureen Dowd und Hardball-Talkmaster Chris Matthews, um nur einige zu nennen. Nein, laut Schoenfeld erkennt man einen Antisemiten auch daran, daß er „den Begriff ‚Neokonservativer‘“ benutzt, weil das „ein kaum verhülltes Synonym für ‚Jude‘ ist“. […]

Bemerkenswert und unerreicht ist das außerordentlich breite Spektrum von Juden, das Schoenfeld in der Rubrik „Antisemiten“ unterzubringen versteht. Nach Schoenfelds Analyse geht der neue Antisemitismus vor allem von der Linken aus, und innerhalb dieser antisemitischen Linken sind die Juden, wie Schoenfeld ausführt, tonangebend. In seinen Augen handelt es sich bei dem Angst und Schrecken verbreitenden Heer neuer Antisemiten um „ein überwiegend jüdisches Kontingent“; „linke Juden“ bilden eindeutig die „Speerspitze“ des neuen Antisemitismus. Daß für Schoenfeld demnach auch Noam Chomsky ein Antisemit ist, wird bei aller Absurdität niemanden überraschen; schließlich ist Chomsky, der sich als der prinzipienfesteste und wirkungsvollste jüdische Kritiker israelischer Politik erwiesen hat, der leibhaftige Apologetenschreck. Wenn man aber sieht, daß Schoenfeld Leute wie Rabbi Michael Lerner von der Zeitschrift Tikkun und Daniel Boyarin, einen (laut Schoenfeld) „führenden Experten der Jewish Studies in den Vereinigten Staaten“, mit Chomsky zusammen in einen Topf wirft, wird man doch stutzig. Und wenn man dann auch noch feststellen muß, daß Schoenfeld sogar Leon Wieseltier, den fanatisch „pro“-israelischen Literaturredakteur der fanatisch „pro“-israelischen Zeitschrift New Republic verdächtigt, vom rechten Glauben abgefallen zu sein, fängt man an, sich ernsthaft um Schoenfelds geistiges Wohlbefinden zu sorgen. Wieseltier hat sich insofern ketzerisch verhalten, als er zu bezweifeln wagte, daß eine zweite „Endlösung“ unmittelbar bevorstünde. Das macht ihn zwar noch nicht direkt zum Antisemitenleugner, aber er hat doch immerhin die Sünde begangen, sich als Antisemitismus­verharmloser zu betätigen. Es scheint, die Revolution frißt ihre Kinder.

Norman G. Finkelstein, Antisemitismus als politische Waffe : Israel, Amerika und der Mißbrauch der Geschichte. München 2007.


5 Antworten auf „„Linker Antisemitismus“ & andere Schimären (III)“


  1. Gravatar Icon 1 der Klassensprecher von 1984 09. August 2007 um 12:17 Uhr

    In diesem Zusammenhang interessant ist auch das Video, das Max Blumenthal während einer Konferenz der „Christians United for Israel (CUFI)“ gedreht hat:

    http://matthewyglesias.theatlantic.com/archives/2007/07/christians_united_for_israel.php

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