Vergewaltigung als Missverständnis?

Seit einigen Jahren wird in der autonomen Linken wieder verstärkt über Vergewaltigung und Sexismus diskutiert. Reader werden gedruckt, Blogs zum Thema angelegt, und auch die Schlammschlachten der Ekel-Atzen fangen wieder an. Ich möchte mich an dieser Debatte nicht beteiligen, da ich Ähnliches bereits Ende der 90er Jahre miterleben durfte und nicht die geringste Lust verspüre, diese Erfahrung zehn Jahre später zu wiederholen. Trotzdem habe ich mir gedacht, dass es sinnvoll sein könnte, ein paar Texte aus der damaligen Zeit wieder verfügbar zu machen, um bestimmte Einsichten nicht einfach verloren gehen zu lassen. Anfangen möchte ich mit einem bislang unveröffentlichen Auszug aus einer linguistischen Hausarbeit, in der das damals immer wieder auftauchende Konstrukt einer Vergewaltigung aus „missverständlicher Kommunikation“ einmal gründlich demontiert wird. Zugleich zeigt es an einem konkreten Beispiel, wie Vergewaltigungstribunale dazu benutzt werden können, aus der Klägerin die Angeklagte zu machen und ihr die moralische Verantwortung für die Tat zu unterschieben. Ich hoffe, einige können mit diesem (eher akademischen) Text was anfangen.


13 Antworten auf „Vergewaltigung als Missverständnis?“


  1. Gravatar Icon 1 che2001 26. August 2007 um 11:24 Uhr

    *Staun* Ähnliches Ende der 90er miterleben? In meiner Wahrnehmung tobte die Vergewaltiger- Schlammschlacht so 1987-90. Ende der 90er habe ich davon überhaupt nichts mitbekommen, von zwei isolierten Sexismus-Geschichten abgesehen drehten sich da die von mir wahrgenommenen linken Debatten um den Jugoslawien-Krieg, Antiabschiebung, klassische Antifa und Sozialabbau, und dazwischen gab es ein paar vegane Spinner mit „Kampf dem Speziezismus.“

  2. Gravatar Icon 2 lysis 26. August 2007 um 15:39 Uhr

    Davon nichts mitbekommen zu haben, ist aber eine Kunst!

  3. Gravatar Icon 3 che2001 26. August 2007 um 16:25 Uhr

    Es kommt immer darauf an, wo Du lebst. Berlin war für uns, vom Kreuzberger Mai abgesehen, eine andere Welt, die Berliner Szene für uns weiter weg als Kurdistan. Mein Horizont der linken Szene in Deutschland endet im Osten an der Elbe und im Süden bei Kassel, plus Frankfurt, Gießen und Freiburg als Exklaven.

    Bei uns gab es einen Rauswurf eines Mannes aus einer gemischten Gruppe, der zu einem früheren Zeitpunkt eine Vergewaltigung versucht hatte, diese Aktion haben wir aber aus gutem Grund nicht öffentlich gemacht.Und dann zeitgleich eine öffentlich ausgetragene Vergewaltigungsdebatte, bei der der „Täter“ in seinem Leben noch keinen Geschlechtsverkehr gehabt hatte, sondern ein kompliziertes psychisches Abhängigkeitsverhältnis als Vergewaltigung bezeichnet wurde, weil das Opfer ja die Definitionsmacht darüber hat, was als Vergewaltigung bezeichnet wird. Haarsträubende Geschichte. Die Vergewaltigungsdebatten Ende der 80er hatten da eine etwas andere Substanz gehabt.

  4. Gravatar Icon 4 che2001 26. August 2007 um 18:10 Uhr

    Bis zur Wiedervereinigung war Berlin, namentlich S=36, für uns sehr wichtig gewesen und hatte es enge Drähte zur dortigen Szene gegeben. Das änderte sich mit dem Golfkrieg von 1991 und dem kurz darauf einsetzenden Jugoslawienkrieg.Flüchtlinge schützen, Flüchtlinge verstecken, Illegale unterstützen, Kirchenasyl organisieren, Hilfsgüter nach Kurdistan schaffen, GenossInnen aus türkischen Knästen rausholen, das alles band derart viele Kräfte, dass wir überhaupt keine Zeit hatten, das Geschehen innerhalb der Szene weiter entfernter deutscher Städte zu beobachten. Das Letzte, was ich noch intensiv mitbekam, waren die brennenden Barrikaden in Friedrichshan, das muss Herbst 91 gewesen sein.

  5. Gravatar Icon 5 lysis 26. August 2007 um 18:42 Uhr

    Aber diese Debatte wurde wirklich nicht nur in Berlin geführt, auch wenn sie dort ihr Epizentrum hatte. Aber man muss das nicht mitbekommen habe. Es war sowieso ganz schrecklich.

  6. Gravatar Icon 6 che2001 26. August 2007 um 19:24 Uhr

    Das war die Debatte 10 Jahre vorher auch.So weitgehend, dass in meinen späteren Politzusammenhängen die Position die war, über sexistische Übergriffe gruppenintern zu diskutieren, aber eine szeneöffentliche Auseinandersetzung nicht mehr führen zu wollen.

  7. Gravatar Icon 7 bikepunk 089 09. September 2007 um 18:06 Uhr

    Ich find den Text gut. „eher akademischen“ heisst hier nicht, dass du es mit einem unverständlichem Fremdwortwust zu tun hast, sondern dass einigermassen akribisch vorgegangen wurde. Lesenswert.

  8. Gravatar Icon 8 morpheus 12. September 2007 um 21:06 Uhr

    Danke für die links, ich stecke gerade wieder mitten in der Thematik, hatte seit Ende der 90er eigentlich auch genug davon und kann sehr gut verstehen, dass dich das gerade nicht reizt. Ich war zu dem Zeitpunkt zwar nicht in Berlin, sondern in der Provinz, aber das ist ja tatsächlich überall hin geschwappt…
    Da ist es dann gut, wenn ich auf diesem Wege wieder das ein oder andere argumentative Futter mehr gegen die Ekel Atzen bekomme, auf deren Aussterben kann ich wohl eher nicht hoffen….
    Vom gesellschaftlichen Mainstream mal ganz zu schweigen, siehe „Post von Wagner“ zum Vergewaltigungsvorwurf gegen „Marco aus Uelzen“

  9. Gravatar Icon 9 egal 26. April 2008 um 4:11 Uhr

    das asbb hat ne neue seite, weshalb dein link zu der broschüre nicht mehr funktioniert. die broschüre findet mensch nun auf: http://asbb.blogsport.de/

  10. Gravatar Icon 10 Nichtidentisches 23. Oktober 2008 um 13:30 Uhr

    Wie genau hat man jetzt das Schimpfwort „Ekel-Atzen“ zu verstehen?

  11. Gravatar Icon 11 Nichtidentisches 23. Oktober 2008 um 13:40 Uhr

    „Konstrukt einer Vergewaltigung aus “missverständlicher Kommunikation” einmal gründlich demontiert wird“

    Tscha, abseits deiner linguistischen Arbeit, die so einiges rationalisiert und dem ersten Augenschein nach von Sexualität genauso wenig weiß wie von Unterdrückung oder Psychoanalyse, ist dir wohl nicht aufgefallen, dass mein Text genau diese These unterstützt – dass es eben nicht um missverständliche Kommunikation geht, wie das Plakat „Nein heißt Nein“ suggeriert, sondern um Vergewaltigung, die unabhängig von irgendwelchen Kommunikationen als gewalttätiger Akt stattfindet. Komplizierte Tatbestände wie das Einflößen von Drogen auf der einen Seite (und damit das Beeinflussen der Kommunikation, bzw. der Willenskraft) und tatsächliche Instrumentalisierungen des Vergewaltigungsvorwurfes auf der anderen zu berücksichtigen kann man natürlich nicht erwarten bei einer bewegungsorientierten Ideologie.

  12. Gravatar Icon 12 lysis 23. Oktober 2008 um 20:56 Uhr

    Also bitte: Psychoanalyse in einer wissenschaftlichen Arbeit — glaubst du, ich hab überhaupt keine Schamgrenzen mehr? Was willst du mir noch vorwerfen? Dass ich Rudolf Steiner und Madame Blavatsky nicht berücksichtigt habe?

  1. 1 Montagmorgen // yeahpope Pingback am 03. September 2007 um 12:15 Uhr
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