Warum gerade die Juden?

Auch ich lern dazu. Vor zwei Jahren hab ich mir gegen den nachfolgenden Text noch den Mund fusselig geredet. Heute erscheint mir die These, dass der Begriff des Antisemitismus nur von mäßiger Erklärungsrelevanz ist, weil im Grunde jede von einer entsprechenden Fahndungsmoral als „normabweichend“ bestimmte Gruppe unter gewissen Voraussetzungen in die Position des „feindlichen Volks im Volke“ hineinbugsiert werden kann, auf einmal ziemlich plausibel. Denn ich sehe ja schließlich, welche Anstrengungen manche unternehmen, die deutschen Moslems in eine Rolle zu manövrieren, wie sie früher einmal den als Parallelgesellschaft imaginierten Juden zugewachsen war. Der Weg dahin mag noch weit sein, aber dass einige begonnen haben, ihn zu beschreiten, steht für mich außer Zweifel.

Kleiner Exkurs zum „Antisemitismus“

Im Nachhinein kann natürlich kein Mensch verstehen, weshalb Hitler ausgerechnet gegen die Juden so gewütet hat, wo die doch in Wirklichkeit lauter normale bis hochanständige Zeitgenossen gewesen sind, zumindest nicht schlechter als ihre von Hitler bevorzugten Nachbarn. Man sollte bei der richtigen Seite dieser Verwunderung bleiben und festhalten, daß an den Juden selber wirklich nichts dran war oder ist, was sie zu Opfern der faschistischen Sortierungs- und Säuberungswut prädestiniert hätte. Hitlers Judenhaß hatte seinen Grund definitiv nicht in ihnen, sondern in seiner Idee des Bösen, das er ihnen nachgesagt hat: Er hat die Existenz eines inneren Feindes im eigenen Volk postuliert; unter dieser Prämisse hat er sein Volk ideell durchgemustert; dabei sind ihm die paar Besonderheiten, die leicht abweichenden Sitten und Spinnereien, die die jüdische Gemeinde in Deutschland teils gepflegt, teils sogar eher abgelehnt hat und um deren Differenz zu anderen, etwa christlichen Kulten der Auserwähltheit man wirklich kein Aufhebens machen sollte, zu Indizien geraten: zu Hinweisen auf eine „fremdvölkische“ Eigenart, die ihm für die Ermittlung des feindlichen „Volkes im Volke“ enorm passend erschienen. Weshalb er mit dieser Ermittlungsmethode soviele Gesinnungsgenossen und Anhänger fand, ist damit auch geklärt: Der vom eindeutigen Fahndungsauftrag gelenkte völkische Blick war so populär wie der patriotische Wunsch nach einem starken Deutschland.

Leider macht sich der fassungslose Rückblick in der Regel den eigenen Befund zum Rätsel. Statt sich klarzumachen, was Hitler den Juden Böses nachgesagt hat und was daraus logischerweise alles folgt, fragt man sich, warum er es ausgerechnet denen — lauter „unschuldigen Menschen“ — nachgesagt hat; als hätte er bei anderen „Volksfeinden“ möglicherweise richtiger gelegen und als wollte man ihm bloß den Vorwurf machen, er hätte die Falschen erwischt; tatsächlich erspart sich diese Fragestellung jede Kritik an der Rolle, die die Nazis den Juden angedichtet haben. Die Gründe für Hitlers Judenhass werden stattdessen in den paar jüdischen Abweichungen vom abendländischen Durchschnitt vermutet, die fürs normale bürgerliche Leben eigentlich völlig unerheblich sind; die deswegen einem normalen Menschen auch erst überhaupt auffallen, wenn er unter ganz anderen, höheren Gesichtspunkten darauf aufmerksam gemacht wird, nämlich unter dem Aspekt, dass sich unter „scheinbar“ harmlosen Abweichungen vom Normalen eine Absage an die Norm verbergen dürfte. Tatsächlich haben solche „Extravaganzen“ nie und nimmer auch nur das Geringste von jener staatsmoralischen Qualität an sich, die der Judenhass ihnen beilegt; dessen Gründe sind dort also ein für allemal nicht zu entdecken.

Doch leider ficht das die methodische Vorentscheidung, sie genau dort zu suchen, nicht an. Die verkehrte Recherche verfügt sogar über ein Beweismittel: Schon in alten Zeiten und fernen Gegenden waren Juden unbeliebt; die verschiedensten Bevölkerungsgruppen und Instanzen, von den mittelalterlichen Fürsten bis zu den galizischen Kleinstädtern, von der spanischen Inquisition über Luther bis zu den „Untertanen“ des preußischen Kaiserreichs, sind über sie hergefallen; muss dann nicht am Verhältnis der Verfolger zu diesen Opfern etwas Spezielles dran sein? Lassen wir beiseite, dass diese antirassistisch gemeinte „Schlussfolgerung“ die Logik des Rassismus genau reproduziert: Sie ist verkehrt. Die Judenfeinde aus den verschiedenen Jahrhunderten werden schon jeweils ihre Gründe gehabt haben, mit sittlich-moralischem Ingrimm nach Abweichlern Ausschau zu halten und dem fremden Dialekt, der seltsamen Tracht und der andersartigen Gottesdienstordnung die Bedeutung von Symptomen einer grundsätzlich widrigen Gesinnung zuzuschreiben — insoweit hat der Juden- und überhaupt jeder Minderheitenhass noch nie anders funktioniert als bei Hitler. Man muss schon immer wieder denselben Fehler machen und in der langen Geschichte der antijüdischen Pogrome und Autodáfes, statt die wildgewordene Moral und deren Militanz zu erklären, alles auf den Befund zuspitzen, dass es dauernd die Juden getroffen hat: Erst dann belegt die ewige „Leidensgeschichte des jüdischen Volkes“ nicht mehr die brutalen Ausgrenzungsleistungen einer Moral, die auf bedingungsloser Geschlossenheit der „Gemeinschaft“ besteht, sondern ein sich durchhaltendes Spezialverhältnis der Verfolger zu ausgerechnet diesen Opfern. Erst dieser Fehlschluss setzt das Rätsel des „Antisemitismus“ in die Welt.

Bitte, jetzt nicht gleich innerlich aufschreien: „Ja wollt ihr denn leugnen, dass immerzu Nicht-Juden Juden abgeschlachtet haben?“ Hier wird gar nichts geleugnet, sondern erklärt, welcher Fahndungsstandpunkt die Juden so häufig zu Opfern gemacht hat. Es wird auch nicht rückblickend „empfohlen“, die Juden hätten sich besser rechtzeitig vollständig anpassen sollen — an was denn schon, was irgendwie besser gewesen wäre als ihr eigener Spleen mit der Auserwähltheit; und wozu denn: um selber öfter auf der richtigen Seite gewesen zu sein? —, sondern es wird auf den Wahn der Verfolgermannschaften aufmerksam gemacht, der sich über Unterschiede der denkbar belanglosesten Art mit der denkbar schärfsten moralischen Unterscheidungswut hermacht. Diese ist der ganze Fehler. Das Stichwort „Antisemitismus“ taugt bestenfalls als Rubrik für eine Statistik, die nachzählt, wie oft der abendländische Volkszorn mit seinem furchtbaren Ideal einer eingeschworenen Volksgemeinschaft die Juden in die Rolle des auszugrenzenden Fremdvolks bugsiert hat.

Dass diese Rubrik so enorm lang ist und bis in die Gegenwart reicht, belegt zusätzlich nur, wie stereotyp der Gemeinschaftsgeist zu Werke geht, wie gebetsmühlenartig ihm die Wahnsinnstaten früherer Generationen als ganz guter Ratschlag für die Konstruktion gegenwärtiger Feindbilder einfallen, wieviel Borniertheit also unterwegs ist, wenn ein kollektiver Fehler sich seine Tradition schafft. Dass irgendetwas früher auch schon so war: Diese großartige Entdeckung beweist nur einem nach sittlicher Orientierung suchenden Kopf, dass es so auch bleiben sollte; der übernimmt freilich gern die Geschmacksverirrungen, Übersetzungsfehler, Feindbilder und sonstigen Geistesblitze seiner Vorfahren als weltanschaulichen Besitzstand. Man sollte sich hüten, diesen Akt geistiger Unterwerfung theoretisch zu reproduzieren und für eine gelungene Erklärung der Tatsache zu halten, dass den gesitteten Abendländern immer und immer wieder die Notwendigkeit eingeleuchtet hat, ihr — sei es christliches, sei es völkisches — Gemeinwesen von inneren Feinden zu säubern, und dass ihnen zu deren Identifizierung die Unterschiede beim Tischgebet schon ganz gute Dienste geleistet haben.

Aus: Konrad Hecker, Der Faschismus und seine demokratische Bewältigung (München 1996), 138-140.


38 Antworten auf „Warum gerade die Juden?“


  1. Gravatar Icon 1 bigmouth 30. September 2007 um 14:06 Uhr

    da betonst du jetzt aber gemeinsamkeiten, und streichst die besonderheiten glatt durch. damit wirst du dem gegenstand gerade nicht gerecht

  2. Gravatar Icon 2 Juli 30. September 2007 um 15:52 Uhr

    find ich auch.

    denn schließlich wird der islam zwar als „gefahr“ aufgebaut, aber eben als eine, der es an zivilisation mangeln würde. und der vorwurf von antisemitInnen an das judentum ist ja immer andersherum gewesen: das es nämlich über ein zuviel an zivilisation verfügen würde, sozusagen als eine art superverschwörung die fäden hinter dem rücken der hart arbeitenden deutschen zieht. hier werden sich die „anderen“ als die wahren herrschenden eingebildet. während der anti-islamische diskurs ja nicht sagen würde, das moslems die deutschen „beherrschen“ würden.

  3. Gravatar Icon 3 che2001 30. September 2007 um 18:21 Uhr

    Na ja, gerade die Elemente des Antisemitismus in der Dialektik der Aufklärung betonen ja, dass im antisdemitischen ressentiment der Jude austauschbar ist und ebenso Katholik oder Vagabund sein könnte. Und einer der Vordenker der Rassenhygiene, nämlich Eugen Fischer, forderte am 20. Juni 1939 das „Ausmerzen der Juden, obwohl das Judentum nicht insgesamt minderwertig sei, wie etwa Neger“. Noch vor der Reichspogromnacht, nämlich im Frühjahr 1937 hatte die illegale Sterilisierung aller farbigen deutschen Kinder im Rheinland („Rheinlandbastarde“) stattgefunden.

  4. Gravatar Icon 4 lysis 30. September 2007 um 18:25 Uhr

    Der Begriff der Zivilisation hat in Deutschland nie eine Rolle gespielt. Dafür gab es als Äquivalent den „Kultur“-Begriff. Und wenn ich mal raten darf, war es doch wohl eher so, dass den Juden abgesprochen wurde, ein kulturbildendes Volk zu sein.

  5. Gravatar Icon 5 Schatten.kontrastieren 30. September 2007 um 20:31 Uhr

    Interessant finde ich ja im Gegensatz zu den Psychoanalytikern (und v.a. Freudomarxisten) nicht bei der Irrationalität am Ende der Analyse zu sein, sondern mal nach den Sinnkonstruktionen der Individuen zu fragen anstatt einen merkwürdigen Rationalitätsbegriff von außen einfliegen zu lassen.

    Schade nur das der Text sich für die Deutung von Antisemitismus als Herrschaftstechnik (gab´s ja ooch schon bei den Altvorderen der Frankfurter Schule) entscheidet.

    „Statt sich klarzumachen, was Hitler den Juden Böses nachgesagt hat und was daraus logischerweise alles folgt…“

  6. Gravatar Icon 6 abdel kader 30. September 2007 um 20:36 Uhr

    Stimmt, die Deutschen haben sich selber als „Kultur“ definiert (so wie sich Briten und Franzosen als „Zivilisation“ beschrieben), während „den Afrikanern“ abgesprochen wurde, eine solche zu besitzen.
    Gleichzeitig grenzte sich die deutsche „Kulturnation“ aber von den angeblich künstlichen Nationenn wie Frankreich ab, wobei Zivilisation ein negativer Begriff für (proto-)völkische Kreise war.
    Auch Juden wurde ein Übermaß an Zivilisation zugesprochen und sie wurden beispielsweise für Frz. Revolution und Demokratie verantwortlich gemacht. Die Antisemitische Ideologie hat natürlich gewisse Ambivalenzen, so erscheinen „die Juden“ als „übermächtig“, sind gleichzeitig aber auch „Untermenschen“.

  7. Gravatar Icon 7 abdel kader 30. September 2007 um 20:38 Uhr

    wenn ich mal raten darf, war es doch wohl eher so, dass den Juden abgesprochen wurde, ein kulturbildendes Volk zu sein.

    Das stimmt, Juden galten nur als „parasitäres Scheinvolk“, das „zuviel an Zivilisation“ von Juli ist aber kein Widerspruch dazu.

  8. Gravatar Icon 8 andreas 30. September 2007 um 21:46 Uhr

    „während der anti-islamische diskurs ja nicht sagen würde, das moslems die deutschen “beherrschen” würden. “

    es wird dort aber mit „eurabien“ u. ä. „argumentiert“, demzufolge diese (gewissermaßen „kuturelle“) machtergreifung bevorstünde.

  9. Gravatar Icon 9 lysis 30. September 2007 um 23:46 Uhr

    es kommt doch auf die einzelnen bilder überhaupt nicht an. der „volksfeind“ repräsentiert immer genau das gegenteil dessen, worauf das eigene selbstverständnis gründet. solange der westen sich als „züchtig“ definierte, waren juden eben geile böcke und die moslems polygam pervers. dagegen wird seit der „sexuellen befreiung“ am islam nur noch sittenstrenge und geschlechtliche repression wahrgenommen.

    kein wunder also, dass den juden, als man sich zivilisationskritisch gab, ein übermaß an zivilisation zugeschrieben wurde. heute würde das kein einziger antisemit mehr tun; eher noch die philosemiten, die dieses vorurteil positiv gewendet haben, indem sie israel als einen besonders zivilisierten, besonders demokratischen und den menschenrechten ganz besonders verpflichteten musterstaat präsentieren. dass dieses kompliment ausgerechnet an eine obrigkeit ergeht, die die folter zeitweise offiziell legalisiert hatte, zeigt, dass es auf die realität weder beim anti- noch beim philosemitismus irgend ankommt. es ist völlig wurscht, welche eigenschaften juden (oder in diesem fall der jüdische staat) tatsächlich haben, weil das ganze ohnehin eine rein projektive geschichte ist, die allein auf das bedürfnis der verfolger (oder bewunderer) verweist.

  10. Gravatar Icon 10 double f 01. Oktober 2007 um 11:24 Uhr

    Antisemitismus gibt sich heute nicht Zivilisations“kritisch“?
    Was ist denn mit dem antisemitischen Stereotyp, dass über die „parasitären“ Finanzmärkte die angeblich „natürlichen“ Nationalökonomien aussaugen würden. Da wird doch ganz klar der Gegensatz von „moralisch intakter“ und „übermäßig kapitalistischer (= modern)“ Ökonomie aufgemacht.

  11. Gravatar Icon 11 lysis 01. Oktober 2007 um 11:40 Uhr

    a) Was hat das mit Zivilisation zu tun, und b) wer vertritt solche Stereotypen noch?

  12. Gravatar Icon 12 che2001 01. Oktober 2007 um 13:12 Uhr

    „kein wunder also, dass den juden, als man sich zivilisationskritisch gab, ein übermaß an zivilisation zugeschrieben wurde. heute würde das kein einziger antisemit mehr tun; eher noch die philosemiten, die dieses vorurteil positiv gewendet haben, indem sie israel als einen besonders zivilisierten, besonders demokratischen und den menschenrechten ganz besonders verpflichteten musterstaat präsentieren. dass dieses kompliment ausgerechnet an eine obrigkeit ergeht, die die folter zeitweise offiziell legalisiert hatte, zeigt, dass es auf die realität weder beim anti- noch beim philosemitismus irgend ankommt. es ist völlig wurscht, welche eigenschaften juden (oder in diesem fall der jüdische staat) tatsächlich haben, weil das ganze ohnehin eine rein projektive geschichte ist, die allein auf das bedürfnis der verfolger (oder bewunderer) verweist.“ – ein paar ebenso wahre wie treffende Sätze. Fast möchte ich sagen: Mehr als das braucht zu dem Thema eigentlich nicht gesagt zu werden. Chapeau!

  13. Gravatar Icon 13 redax 01. Oktober 2007 um 14:12 Uhr

    „a) Was hat das mit Zivilisation zu tun“

    Das wird nicht logisch sondern per Assoziation verknüpft, gehört doch alles irgendwie zur positiven Wortkette Demokratie – Freiheit – Zivilisation – usw.

  14. Gravatar Icon 14 B 01. Oktober 2007 um 19:07 Uhr

    Es kann ja gar nicht darum gehen Hass gegen Juden mit dem gegen Moslems gleichzusetzen. Es gibt da zwar Parallelen: beide werden nicht als loyale Staatsbürger angsehen, beide werden mit Stereotypen über Orientale belegt (z.B. Hinterhältigkeit aber auch physische Merkmale), bei beiden Gruppen wird gegen religiöse Gebräuche gewettert. Aber es gibt auch wichtige Unterschiede: es wird nicht phantasiert, die Moslems hätten schon den Staat übernommen oder es gäbe eine gezielte Weltverschwörung. Man muss letztendlich zwischen den verschiedenen Arten von Hass unterscheiden: Hass auf Juden, Hass auf Moslems, Hass auf Homosexulelle, Hass auf „Zigeuner“, Hass auf „Sozialschmarozer, Hass auf Menschen wegen ihrer Hautfarbe etc.
    Was allerdings stimmt, ist, dass im Moment der Hass auf Moslems die (Volks-)Gemeinschaft am besten festigt. (Das ist jetzt nicht als Herrschaftstechnik zu verstehen, anscheinend wollen ja die Autochthonen hierzulande solch eine Gemeinschaft.) Nachdem der Hass auf Juden nach der Shoa bald (nicht sofort) nicht mehr gesellschaftlich akzeptiert war, wurden halt die 68er gehasst. Heute sind es die Moslems die das große Andere zur deutschen (Volks-)Gemeinschaft bilden.
    Was mich an dem Text stört, ist, dass der Antisemitismus auf Hitler und die Nazis begrenzt wird. Außerdem wird nicht versucht zu ergründen, warum sich in verschiedenen geschichtlichen Epochen überhaupt immer wieder Gemeinschaften bilden, die dieses Andere als Gegenüber brauchen – egal ob in der Antike, im Mittelalter oder in der Neuzeit. Das ist ja auch wichtig, um irgendwann mal eine bessere Verfassung der Menschheit einzurichten.

  15. Gravatar Icon 15 lysis 01. Oktober 2007 um 19:27 Uhr

    Naja, ob es Judenhass in der Antike gab … dafür hab ich noch keine guten Belege gesehen.

  16. Gravatar Icon 16 MPunkt 01. Oktober 2007 um 21:33 Uhr

    @ B: Das ist jetzt aber schon reichlich albern, wenn Du einen Ausschnitt aus einem Buch, welches den NS und dessen demokratische Bewältigung zum Thema hat, vorwirfst, dass es nicht zu irgend welchen anderen Themen auch etwas sagt. Die sind für seinen Gegenstand halt schlicht schnurz.

  17. Gravatar Icon 17 B 01. Oktober 2007 um 21:50 Uhr

    Da gibt es schon judenfeindliche Schriften in der Antike. Z.B. bei Tacitus. Ist, glaube ich, aber eher etwas, das in der (heidnischen) Oberschicht verbreitet war. Im „Neuen Pauly“ steht unter dem Lemma „Antijudaismus“ etwas dazu.

  18. Gravatar Icon 18 maloXP 02. Oktober 2007 um 4:00 Uhr

    @ B

    Aber es gibt auch wichtige Unterschiede: es wird nicht phantasiert, die Moslems hätten schon den Staat übernommen oder es gäbe eine gezielte Weltverschwörung.

    Doch, durchaus. Ich verweise an der Stelle mal auf den Spiegel-Titel „Mekka Deutschland“, der – natürlich überspitzt – darstellt, was tatsächlich einige Leute zu denken scheinen. Da ist auf der einen Seite eine idealtypische(!) Politikvorstellung von Dialog und Emphatie, die von jener Seite als überbordende „Political Correctness“, „Steigbügelhalten“ oder „Appeasement“ tituliert wird, auf der anderen Seite aber durchaus und ganz real ebenjenes verschwörungstheoretische Geseiher, deren Existenz Du oben verneinst. Man möge mir den Verweis auf ein ultrarechtes Spackoforum verzeihen, aber hier spricht’s einer recht deutlich aus:

    Die sogenannte jüdische Weltverschwörung ist genau so eine Musellüge! Wer will denn den theokratischen Staat in aller Welt und mit allen Mitteln etablieren?

    Der Musel!

    Alle Schandtaten, die er selber plant oder schon verübt hat projeziert er auf Juden und Christen. Die wahre Weltverschwörung ist die muslimische und der wahre „Blutsauger“ der Musel.

    Unterschätze nie die Phantasie eines wirren Geistes. ;)

  19. Gravatar Icon 19 che2001 02. Oktober 2007 um 9:08 Uhr

    Sorry, aber der Antisemitismus hat eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich, zu der zum Beispiel die Kreuzzüge und die Kammerknechtschaft der Juden im Deutschen Kaiserreich als konstitutive Elemente gehören, da kann man nicht einfach auf Tacitus zurückgreifen. Es gibt auch keine Pythagoreer oder Neuplatoniker mehr.

    Und das Eurabia-Modell, das überhaupt die Grundlage der Existenz von Blogs wie PI, Kewil usw. ist, das ist nun wirklich eine ganz klassische Verschwörungstheorie, die sich qualitativ von der Weltjudentumsmär gar nicht unterscheidet.

  20. Gravatar Icon 20 B 02. Oktober 2007 um 10:40 Uhr

    Es ging ja hier um die gemeinschaftsstiftende Funktion von Feindschaft gegenüber Juden und Moslems. Und Tacitus will ja sicherlich seine Gemeinschaft von den Juden abgrenzen, wenn er sich judenfeindlich äußert:
    http://www2.tu-berlin.de/fb1/AGiW/Auditorium/LaVoSprA/SO6/TacHist.htm
    Wenn man die Feindschaft einer Gemeinschaft gegen das „Andere“ beenden will, muss man ja sicherlich diese Gemeinschaft auseinander nehmen. Und Religion wird gern als Legitimation für solche Feindschaft genutzt. Und ist dann vielleicht auch ein Blick in die Geschichte nützlich – auch in die Antike.
    Ist ja nur eine Überlegung.

  21. Gravatar Icon 21 che2001 02. Oktober 2007 um 14:12 Uhr

    Heißa, Tacitus verflucht die Juden und verherrlicht die Germanen, das ist ja eine heiße Kombination. Und war nicht das Imperium Romanum nicht sowieso so eine Art Faschismus? :-)

  22. Gravatar Icon 22 double f 03. Oktober 2007 um 11:52 Uhr

    Ich hatte die letzten Tage keine Zeit, deshalb antworte ich erst jetzt.
    „a) Was hat das mit Zivilisation zu tun,“
    Es geht um die Identifizierung (seitens des Antisemiten) der Finanzmärkte mit der Moderne/Zivilisation bzw. einem Teil davon, auf den sich die Projektionen richten.
    „Zivilisation“ würde die angeblich natürlichen/ursprünglichen Gesellschaften, die als Gegenpart gesetzt werden, bedrohen.
    „b) und wer vertritt solche Stereotypen noch?“
    In dieser Form vermutlich nur Nazis und anderen offenen Antisemiten . Allerdings gibt es abgeschwächte und verklausulierte Formulierungen (die haben übrigens auch Nazis drauf), die auf dasselbe hinauslaufen: Die bösen Finanzkapitalisten/ „raffgierige Konzerne“/ „Heuschrecken“/ etc. würden die guten Volkswirtschaften aussaugen/ über sie herfallen/ etc. Es wird eine Erscheinung des Kapitalismus (Finanzmärkte) der anderen (Nationalökonomien) gegenübergestellt und eine politisch aufgeladen. Solche Argumentationen finden sich z.B. in der Antiglobalisierungsbewegung (siehe: hier ) und z.B. in den Reden von Franz Müntefering.
    D.h. nicht, dass alle, die diese Argumentationsfigur verwenden selber überzeugten Antisemiten sind, allerdings argumentieren sie tendenziell antisemitisch.

  23. Gravatar Icon 23 lysis 03. Oktober 2007 um 23:26 Uhr

    Allerdings gibt es abgeschwächte und verklausulierte Formulierungen (die haben übrigens auch Nazis drauf), die auf dasselbe hinauslaufen: Die bösen Finanzkapitalisten/ „raffgierige Konzerne“/ „Heuschrecken“/ etc. würden die guten Volkswirtschaften aussaugen/ über sie herfallen/ etc. Es wird eine Erscheinung des Kapitalismus (Finanzmärkte) der anderen (Nationalökonomien) gegenübergestellt und eine politisch aufgeladen. Solche Argumentationen finden sich z.B. in der Antiglobalisierungsbewegung (siehe: hier ) und z.B. in den Reden von Franz Müntefering.

    Das hat absolut nichts mit Antisemitismus zu tun, nicht mal tendenziell. Das sollte man daher auch inhaltlich kritisieren und nicht mit dem Argument, dass die Nazis diese Argumentation personalisierend auf die Juden umgebogen haben. Denn der Müntefering tut das ja gerade nicht, weswegen es schwachsinnig ist, ihm das vorzurechnen. Und damit hast du ja auch noch gar nicht gezeigt, was an dieser Argumentation falsch ist! Darauf käme es doch aber an.

  24. Gravatar Icon 24 nichtidentisches 05. Oktober 2007 um 20:03 Uhr

    „früher einmal den als Parallelgesellschaft imaginierten Juden zugewachsen war“

    Lysis du Chronozentrist: Erklärst geradeweg die islamischen Staaten (nebst europäischen Vororten) zu historisch rückständigen Teilen der Welt, als wären sie nicht „jetzt“.

  25. Gravatar Icon 25 double f 06. Oktober 2007 um 11:42 Uhr

    „Das hat absolut nichts mit Antisemitismus zu tun, nicht mal tendenziell. Das sollte man daher auch inhaltlich kritisieren und nicht mit dem Argument, dass die Nazis diese Argumentation personalisierend auf die Juden umgebogen haben. Denn der Müntefering tut das ja gerade nicht, weswegen es schwachsinnig ist, ihm das vorzurechnen. Und damit hast du ja auch noch gar nicht gezeigt, was an dieser Argumentation falsch ist! Darauf käme es doch aber an.“

    Die Verwendung eines Bildes (Aussauger des Volkes), das historisch beständig „dem Juden“ zugeordnet wurde und sich zu einem kulturellen Code entwickelt hat, hat also „absolut nichts mit «Juden» zu tun“? Dann solltest Du dich am besten mal mit Antisemitismustheorie beschäftigen. Hierbei handelt es sich um ein klassisches antisemitisches (oder früher auch antijudaistisches) Stereotyp. Darauf haben Nazis absolut kein Monopol und haben es auch nicht erfunden. Die Wirkungsmächtigkeit eines solchen kulturellen Codes liegt genau darin, dass das Wort „Jude“ gar nicht mehr extra ausgesprochen werden muss um die entsprechenden Assoziationen zu wecken.
    Wobei, das nicht heißt, dass jedeR der/die dieses Bild benutz ein/e Antisemit/-in ist; deshalb auch das Adjektiv „tendenziell“, „sekundär“ oder „strukturell“. Solche Stereotype anders zu erfassen macht m.E. wenig Sinn. Oder denkst Du, dass das Bild eines Strippenziehers, der im Hintergrund die Finanzmärkte oder wahlweise die amerikanische Ostküste kontrolliert oder eines blutsaugenden Bänkers, als erstes Assoziationen mit Moslems weckt?
    Was Müntefring und co. angeht kommen natürlich auch noch andere Aspekte hinzu, z.B. die Gegenüberstellung von angelsächsischen und rheinischen Kapitalismus. Das verwendete Bild
    der Heuschrecke ist allerdings eindeutig besetzt.

  26. Gravatar Icon 26 lysis 08. Oktober 2007 um 4:00 Uhr

    Es ist einfach Quatsch, verkürzte Kapitalismuskritik nicht daran blamieren zu wollen, was an ihr falsch ist, sondern daran, dass die Nazis Elemente daraus zur Bebilderung ihres Antisemitismus verwendet haben. Das sagt einmal über die Pläne von Attac, eine Tobin-Steuer auf Börsenspekulation einzuführen, rein gar nichts aus. Mehr noch aber hast du den Leuten damit noch immer nicht erklärt, was an ihrer Argumentation sachlich falsch ist; du hast lediglich ein moralisches Verbot ausgesprochen, solche Forderungen in den Raum zu stellen, weil ja die Nazis die Juden mal mit der internationalen Finanzsphäre in Verbindung gebracht haben (auch wenn sich da heute kaum mehr einer dran erinnert). Lernen tut aus so einer billigen Skandalisierung verkürzter Kapitalismuskritik jedenfalls niemand was. Deswegen ist der Begriff des „strukturellen Antisemitismus“ einfach scheiße, um das zu kritisieren, was Müntefering und Attac treiben. Das hat mit Antisemitismus nichts zu tun und geht an der Sache völlig vorbei.

  27. Gravatar Icon 27 bigmouth 08. Oktober 2007 um 15:41 Uhr

    das hat mich vor jahren auch an diskussionen über gesell aufgeregt, dass sein altersruhesitz bei irgendwelchen nazis als argument gegen seine ökonomische theorie herhalten sollte. die kann man recht einsichtig widerlegen, ohne auf solche anekdoten zurück greifen zu müssen

  28. Gravatar Icon 28 double f 09. Oktober 2007 um 16:54 Uhr

    Es geht weder um eine „billige Skandalisierung“, noch um einen moralischen Vorwurf (genauso gut könnte man übrigens Kritik an Rassismus als moralischen Vorwurf abtun) sondern um eine Kritik an diesen Stereotypen und den ihnen zugrunde liegenden Vorstellungen von der Welt.
    Nicht weil Nazis Juden als Herren der Finanzmärkte darstellen ist dieses Bild antisemitisch, sondern Nazis stellen Juden so dar, aufgrund ihres Antisemitismus. Die Verbindung von Juden und Geldhandel (heute Finanzkapitalismus) im Antisemitismus ist viel älter. Deswegen braucht es auch gar keine Kenntnis von Nazipositionen und -symbolik um solche Bilder zu verwenden.
    Um bei dem attac-Beispiel zu bleiben: Das eigene Weltbild, in dem eine kleine Zahl von bösen Ausbeutern den Rest der Welt kontrollieren (siehe z.B. die Parole zu G8: „gegen 800.000.000“), reicht völlig aus um die komplexen und apersonalen Herrschaftsverhältnissen im globalen Kapitalismus auf den bewussten Willen „der“ Herrschenden etc. runter zu brechen. Genau das ist der Fehler großer Teile der Antiglobbewegung, sie können keine nicht personalen Herrschaftsverhältnisse denken, deshalb genießen stark vereinfachende, bzw. verflachende Erklärungsansätze hier eine große Popularität. Solche „Erklärungen“ enthalten dann auch Stereotype, die denen des Antisemitismus sehr ähnlich, bzw. in Struktur ihrer Argumentation– qua historischer Entwicklung der Stereotype– gleich sind, z.B. das antisemitische Stereotyp vom „Geldjuden“ und das strukturell antisemitische Stereotyp vom „hässlichen Finanzinvestor“ (R. Kurz), der wie eine „gefräßige Heuschrecke“ über die armen deutschen Unternehmen herfällt.
    btw. Ständige inhaltsleere Wiederholungen a la „das hat nichts mit Antisemitismus“ oder „das ist Quatsch“ widerlegen übrigens gar nichts. Wenn du eine fundierte Kritik an dem Begriff „struktureller
    Antisemitismus“ hast dann bring sie.

  29. Gravatar Icon 29 bigmouth 10. Oktober 2007 um 1:36 Uhr

    wenn ich wasser trinke, ist das dann auch „strukturelles biertrinken“?

  30. Gravatar Icon 30 difficultiseasy 10. Oktober 2007 um 12:38 Uhr

    wenn dus dir im schnappsglasglas servieren lässt und danach lallst und torkelst…

  31. Gravatar Icon 31 steppenmaus 10. Oktober 2007 um 19:21 Uhr

    warum kümmert sich niemand um strucks „rattenfänger“ bei der linken ?
    um giordanos
    „Tentakeln von Zentral- und Vorderasien bis in die Mitte Europas ausgeworfen “ (s. goebbels, versteppung europas) ?
    „bodensatz“ spd-erneuerer-sprech, laut spiegel zum untersten drittel der gesellschaft ?

    bin ich jetzt eine sekundäre schuld-abwehr-steppen-maus, struckturell ?

  32. Gravatar Icon 32 Jan 11. Oktober 2007 um 19:45 Uhr

    Die Kritik ist im Grunde ganz einfach. Antisemitismus bezeichnet rassistische Positionen gegenüber Juden. Wenn einer behauptet „die Juden“ würden mit ihrer Finanzmacht heimlich die Welt kontrollieren ist das antisemitisch. Wenn einer behauptet irgendwelche Finanzkapitalisten kontrollierten die Welt, ohne sie sich als jüdisch vorzustellen, ist das lediglich falsch. Das speziell Juden mit Stereotypen belegt werden macht den Antisemitismus aus, nicht das beliebige Gruppen mit ähnlichen Stereotypen bedacht werden.
    „Struktureller Antisemitismus“ ist daher ein sinnloser Begriff, weil er Antisemitismus ohne das Juden gemeint sind (Antisemitismus ohne Antisemitismus) unterstellt.

  33. Gravatar Icon 33 double f 12. Oktober 2007 um 22:28 Uhr

    @ Jan
    Antisemitismus ist nicht einfach eine „rassistische Projektion gegenüber Juden“. Rassismus
    setzt den rassistisch stigmatisierten als inferior. „Der Neger“ sei qua seiner Rasse/Natur
    unterschiedlich von „Weißen“; er sei z.B. dümmer oder fauler als die Weißen. Deshalb müssten „Neger“ eine niedrige gesellschaftliche Stellung einnehmen, d.h. unterdrückt werden.
    Der Antisemitismus schreibt „dem Juden“ eine bestimmte Macht mit teilweise phantastischen Ausmaßen (auch dem rassistisch stigmatisierten wird die Macht zugeschrieben etwa die Weiße Rasse zu bedrohen, allerdings ist diese Macht immer relativ konkret, z.B. die Vermischung der Rassen durch sexuellen Verkehr) zu, obgleich er auch rassistische Stereotype enthalten kann. „Juden“ hätten die Macht Brunnen zu vergiften Jesus zu töten, die Gesellschaft zu zersetzen oder eben die Finanzmärkte zu kontrollieren und die Weltherrschaft anzustreben. So etwas gibt es im Rassismus nicht.
    Aber vermutlich fangen bei dir Rassismus und Antisemitismus erst an wenn von „dreckigen Negern“ und „Judenschweinen“ die Rede ist. Gleichzeitig Demokrat und Rassist, bzw. Antisemit zu sein schließen sich dann für dich aus.

  34. Gravatar Icon 34 katjusha 17. Oktober 2007 um 16:04 Uhr

    BERLIN – Der EKD-Ratsvorsitzende und Berliner Bischof Wolfgang Huber sieht in den zunehmenden Neubauten von Moscheen in Deutschland „offenbar eine groß angelegte Moscheebau-Initiative in den muslimischen Gemeinden“ im Land. „Die Frage muss erlaubt sein, inwieweit es sich dabei um die legitime Befriedigung religiöser Bedürfnisse handelt oder ob weitergehende Machtansprüche damit verbunden sind“, sagte Huber gestern vor Journalisten in Berlin.

    Quelle

    Hervorhebungen von mir damit’s auch den dümmsten Kartoffeln auffällt…

  35. Gravatar Icon 35 crull 23. Oktober 2007 um 13:56 Uhr

    „Ungemein viele Menschen fühlen sich heute in bedauerlichem Gegensatz stehen zu ungemein viel anderen Menschen. Es ist ein Grundzug der Kultur, daß der Mensch dem außerhalb seines eigenen Kreises lebenden Menschen aufs tiefste mißtraut, also daß nicht nur ein Germane einen Juden, sondern auch ein Fußballspieler einen Klavierspieler für ein unbegreifliches und minderwertiges Wesen hält. Schließlich besteht ja das Ding nur durch seine Grenzen und damit durch einen gewissermaßen feindseligen Akt gegen seine Umgebung; ohne den Papst hätte es keinen Luther gegeben und ohne die Heiden keinen Papst, darum ist es nicht von de Hand zu weisen, daß die tiefste Anlehnung des Menschen an seinen Mitmenschen in dessen Ablehnung besteht.“ – Robert Musil – Der Mann ohne Eigenschaften 1

  36. Gravatar Icon 36 DWP 31. Oktober 2007 um 10:25 Uhr

    Ein paar ungeordnete Randbemerkungen:

    1. Ich weiss nicht, wie oft ich es erlebt habe, dass Menschen mit der Assoziationskette „verkürzte Kapitalismuskritik -> struktureller Antisemismus“ gelabelt wurden.

    2. Wenn der grösste Fehler, den Linke begehen können, eine „verkürzte Kapitalismuskritik“ ist, oder gar, dass sie sich mit „verkürzter Kapitalismuskritik“ gemein machen; denn gehe ich davon aus, dass jene, die auf dieses „Missverständniss“, diese „fehlgeleitete Kapitalismuskritik“ so allergisch reagieren, 90% ihrer Zeit, ihrer Analyse und ihrer politischen Arbeit mit der UNVERKÜRZTEN Kapitalismuskritik verbringen. Ich bin, bis auf vage Verweise auf Marx oder Adorno, bislang nicht fündig geworden. Und mir erscheint die unverkürzte Kapitalismuskritik der sogenannten Antideutschen bislang recht dürftig, sofern überhaupt vorhanden.

    Oder um es mal ganz unakademisch zu formulieren: die geht ihnen am Arsch vorbei und interessiert sie nicht, sondern dient lediglich als Vorwand. Wenn es irgendeine politische Bewegung in Deutschland gibt, die den K-Gruppen in den 70ern ähnelt, dannn sind es die sogenannten Antideutschen.

    3. Wenn man oder frau auf die Anfänge der sogenannten „Antideutschen“ zurückblickt, sah das noch anders aus. Ich finde Moishe Postone bis heute lesenswert und der Zusammenenhang, den er aufgeschlossen hat, zwischen Warenfetischismus, abstrakter Arbeit und Antisemitismus finde ich bis heute mehr als wichtig. Marx hatte ja schon geschildert, wie sich das Ressentiment der Opfer des Kapitalismus auf die „Sphäre der Vermittlung“ konzentriert.

    4. Wie blind und verbohrt muss man sein, um nicht wahrzunehmen, dass sich aufgrund der bislang dramatischsten Krise der Akkumulation des Kaptitals, die Rolle all dessen, was „Finanzkapital“ genannt wird, beginnend etwa Anfang/Mitte der 70er Jahre, dramatisch verändert hat? Was heute an Finanzderivaten unterwegs ist, als Folge dieser Krise, beträgt ein Vielfaches des Weltbruttosozialprodukts.

    Aber lasst uns nicht darüber reden, nachdenken oder schreiben: die Antisemiten und die Antideutschen, negativ verklammert in ihrer Besessenheit und Blindheit, hören nichts, lesen nichts und verstehen nichts. Die empfangen nur, negativ verklammert auf ihrer riesigen Dachantenne: Juden.

    5.a) Ich möchte auf ein weiteres Paradox aufmerksam machen:
    Die sogenannten Antideutschen haben den Begriff des „strukturellen Antisemitismus“ eingeführt. Gleichzeitig den der „verkürzten Kapitalismuskritik“ (die halt nichts anderes sei als „struktureller Antisemitismus“). Und ganz vage im Hintergrund steht ihre Behauptung, dass „wahre“ Kapitalismuskritik halt den Strukturen, dem System gilt, und nicht einzelnen Exponenten des Systems.

    Zurück geht das wohl auf die Stelle im Vorwort zum ersten Band des Kapitals von Marx, wo Marx ausdrücklich darauf hinweist, dass von „Kapitalisten“ usw. nicht als empirischen Individuen mit jeweis besseren oder schlechteren menschlichen Eigenschaften die Rede sei, sondern von ihrer Funktion innerhalb eines Systems, dass sie weder durchschauen, noch beherrschen.

    5.b) Einmal angenommen, den sogenannten Antideutschen sei es Ernst damit. Und einmal abgesehen davon, dass auch der Feudalismus eine Struktur war; aber die 1500 Royalisten, die während der französchen Revolution einen Kopf kürzer gemacht wurden, durchaus auch empirische Individuen waren, also einmal abgesehen davon:

    Wenn unsere Antideutschen so versessen auf „Strukturen“ sind. Und die Verkürzung auf empirische vermeintlich böswillige Individuen so sehr ablehen: warum beschäftigt ihr euch eigentlich fast ausschliesslich mit fast ausschliesslich „linken“ empirischen Individuen, denen ihr unterstellt, dass ihr Hass und ihre Wut auf die Welt, wie sie ist, einzig ihren „latenten“ Antisemitismus beweise?

    Warum fordert ihr eigentlich nicht, so wie viele Linke in den 60ern, alle Gefängnisse abzuschaffen und alle Mörder und Straftäter freizulassen? Die sind doch nur Opfer von „Strukturen“. Und das System will doch nur von den Strukturen ablenken, indem es Grausamkeit und Mord personalisiert?

    Um nicht missverstanden zu werden: ich möchte wahrscheinlich mehr Gefängnisse abschaffen, als die meisten sogennannten Antideutschen…

    Und wenn mir, als Opfer von anonymen Strukturen, über die ich nichts vermag, noch eine Gemeinheit erlaubt ist:
    Nichts ist so deutsch wie die „linken“ Antideutschen, die sind so deutsch und gründlich und rein wie ein KZ.

    Dirk

  1. 1 Warum die Juden… « Watchblog Islamophobie Pingback am 30. September 2007 um 16:14 Uhr
  2. 2 girlsetsfire Trackback am 03. Oktober 2007 um 19:23 Uhr
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