Der Krieg als Vater aller Dinge

Da Che, der Sympathie mit „Anti“deutschen ansonsten unverdächtig, seinen Leser_innen die neue Phase 2 empfohlen hat, ging ich mir die gleich mal kaufen. Angetan hat’s ihm besonders eine Passage aus einem Artikel, der vom Ressortleiter „Ausland“ der linksbellizistischen Wochenzeitung Jungle World besorgt wurde: Jörn Schulz.

Vordergründig (und im Einklang mit der objektiven Entwicklung in den USA) zum außenpolitischen „Realismus“ zurückfindend, vertritt der Mann in Wirklichkeit eine krude Histomat-Weltanschauung, wonach das Ziel in den peripheren Ausbeutungszonen des Weltsystems erstmal eine „nachholende kapitalistische Entwicklung“ sowie die „Durchsetzung von Lohnarbeit und Warenproduktion als gesellschaftliche Prinzipien“ sein müssten — gerade so, als hätte er noch nie davon gehört, dass die „Unterentwicklung“ der sog. Dritten Welt Effekt ihrer abhängigen Entwicklung vom kapitalistischen Weltmarkt ist und nicht etwa der Tatsache zu verdanken, dass ihre Integration in den Kapitalismus noch nicht hinreichend bewerkstelligt wäre.

Doch aus der Sicht „anti“deutscher Ideologen geht es bei den von ihnen befürworteten Militäreinsätzen seit jeher darum, diese Länder erst noch, „mit allen brutalen Konsequenzen, dem kapitalistischen Warenfetisch direkt zu unterwerfen“ (Redaktion BAHAMAS). Dass das schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts geschah — einer Zeit, in der die imperialistischen Nationen mit ihrer skrupellosen Mischung aus Marktliberalismus und unmittelbarer Gewalt dafür sorgten, dass 60 Millionen Menschen in den von ihnen unterworfenen Regionen erbärmlich verhungerten und Länder wie der Kongo die Hälfte ihrer Einwohner verloren — was soll’s! Denn für „Anti“deutsche ist der imperialistische Krieg nach wie vor der Vater aller Dinge.

Und so wie die Bahamas auf die schlechteren Schriften von Marx zu verweisen pflegt, in denen er der englischen Kolonialpolitik in Indien (die wenige Jahrzehnte später den Tod von 30 Millionen Menschen verschuldete) das weltgeistige Gütesiegel ausstellt, geht Jörn Schulz noch einen Schritt voran und beruft sich seit Neuestem auf einen weiteren Klassiker des HISTOMAT, um nun sogar die Massenschlächterei des Ersten Weltkriegs als eine im Grunde doch recht fortschrittliche Angelegenheit zu preisen:

Die Frage, ob ein Krieg die Stagnation beenden und die gesellschaftliche Emanzipation vorantreiben kann, mag manchen zynisch erscheinen. Lenin jedoch bedankte sich bei den Imperialisten für den Ersten Weltkrieg, weil sie damit die Chance zur revolutionären Beseitigung des Kapitalismus eröffnet hatten. Wo diese Chance nicht genutzt wurde, brachte der Krieg immerhin das Frauenwahlrecht und den Acht-Stunden-Arbeitstag.

Na bitte, habt euch nicht so, als ob das Frauenwahlrecht keine 40 Millionen Kriegsopfer wert gewesen wäre!

Che, ich denke, du hast da was überlesen.


44 Antworten auf „Der Krieg als Vater aller Dinge“


  1. Gravatar Icon 1 sebastian 13. Januar 2008 um 14:03 Uhr

    gibt es für die behauptung, dass das Frauenwahlrecht durch den krieg ermöglicht wurde auch einen Beleg?
    Ich seh da zunächst mal keinen Zusammenhang.

  2. Gravatar Icon 2 Juli 13. Januar 2008 um 14:42 Uhr

    ja, ich hätte auch eher gedacht, dass das frauenwahlrecht erkämpft worden wäre – so kann mensch sich täuschen ,-)

  3. Gravatar Icon 3 lysis 13. Januar 2008 um 16:54 Uhr

    Naja, das Zitat geht so weiter: „Der Krieg spitzt die Widersprüche in der Klassengesellschaft zu, der Entlegitimierung der herrschenden Verhältnisse folgt ein Aufschwung emanzipatorischer Kämpfe.“

  4. Gravatar Icon 4 bigmouth 13. Januar 2008 um 17:38 Uhr

    gerade so, als hätte er noch nie davon gehört, dass die “Unterentwicklung” der sog. Dritten Welt Effekt ihrer abhängigen Entwicklung vom kapitalistischen Weltmarkt ist und nicht etwa der Tatsache zu verdanken, dass ihre Integration in den Kapitalismus noch nicht hinreichend bewerkstelligt wäre.

    wie siehst du die entwicklung asiens?

  5. Gravatar Icon 5 lysis 13. Januar 2008 um 17:51 Uhr

    welchen asiens?

  6. Gravatar Icon 6 narodnik 13. Januar 2008 um 18:19 Uhr

    Die ADs tun so als wäre die Entzivilisierung im Trikont irgendwie ein Ausdruck des Unwillens gegen die kapitalistische Modernisierung. In Wirklichkeit ist aber die Krise dort zum Dauerzustand geworden weil die kapitalistische Modernsierung an diesen Ländern vorübergegangen ist. Es ist also ein Ergebnis der kapitalistisch vermittelten Ausbeutung über den Weltmarkt selbst.

    Deterministisch wie die ADs nunmal sind wollen sie die bürgerliche Revolution über sich selbst hinaustreiben. Erst ne‘ bürgerliche Revolution, d.h. Eintritt in die Moderne mit allen kapitalistischen Übeln – anschließend dann Kommunismus; hergeleitet durch das projektiv verlängerte Ideal des bürgerlichen Glücks.

    Gut legitimieren läßt sich das dann noch mit dem Gedankenexperiment: Lieber einen liberalen Kapitalismus, als ne Nazi-Diktatur!. …als wenn das zwei verschiedene Welten wären.

  7. Gravatar Icon 7 lysis 13. Januar 2008 um 18:36 Uhr

    Also „entzivilisiert“ finde ich gerade eher Deutschland — mit seiner beispiellosen Hass-Kampagne gegen „Ausländer“, zu der die Linksdeutschen (und allen voran natürlich die „Anti“deutschen) konsequent schweigen. Wo Wohnheime brennen, weil die Bewohner nicht zur blutlich tradierten „Volksgemeinschaft“ gehören — dort kann man ja wohl kaum von „Zivilisation“ sprechen! Oder vielleicht doch. Schließlich waren die Leute, die dieses Wort im 19. Jahrhundert für sich reklamiert haben, die größten Barbaren überhaupt.

  8. Gravatar Icon 8 antiblogwart 13. Januar 2008 um 21:00 Uhr

    „Da ché, der Sympathie mit “Anti”deutschen ansonsten unverdächtig“
    Ist das jetzt der Freispruch der antiantideutschen inquisition?

  9. Gravatar Icon 9 lysis 13. Januar 2008 um 21:36 Uhr

    wohl eher der anti“anti“deutschen.

  10. Gravatar Icon 10 andreas 14. Januar 2008 um 0:28 Uhr

    von welcher seite hier wohl inquisition betrieben wird,,,

  11. Gravatar Icon 11 zapperlott 14. Januar 2008 um 15:37 Uhr
  12. Gravatar Icon 12 lysis 15. Januar 2008 um 2:48 Uhr

    ja, die gehören zu den besten artikeln, die in der zeitschrift je erschienen sind! :)>-

  13. Gravatar Icon 13 nichtidentisches 16. Januar 2008 um 11:01 Uhr

    „…die “Unterentwicklung” der sog. Dritten Welt Effekt ihrer abhängigen Entwicklung vom kapitalistischen Weltmarkt ist und nicht etwa der Tatsache zu verdanken, dass ihre Integration in den Kapitalismus noch nicht hinreichend bewerkstelligt wäre.“

    Man fragt sich jetzt dann doch, was die Tatsache zu bedeuten hat, dass die asiatischen Tigerstaaten von einem ähnlichen Standpunkt nach der Kolonialisierung starteten wie die afrikanischen Elendsgürtel.
    In der identitären Kategorie der „imperialistischen“ Staaten geht natürlich auch jede Differenzierung zwischen dem paternalistischen Rassismus der Briten, die bei dem Ganzen noch draufzahlten und dem exterminatorischen Rassismus der deutschen Kolonialisten auf, die wenigstens ihre exotistischen und aggressiven Gelüste befriedigt sehen durften.

  14. Gravatar Icon 14 lysis 16. Januar 2008 um 11:15 Uhr

    Man fragt sich jetzt dann doch, was die Tatsache zu bedeuten hat, dass die asiatischen Tigerstaaten von einem ähnlichen Standpunkt nach der Kolonialisierung starteten wie die afrikanischen Elendsgürtel.

    Länder wie Südkorea oder jetzt China haben ihr Wachstum durch ein doppeltes Angebot an den Westen erreicht: a) eine autoritäre Diktatur, die jeden sozialen Widerstand brutal niederknüppelt, b) billige Arbeitsplätze, die jeglicher Sicherheit und Menschenwürde spotten.

    Als Belohnung dürfen diese Länder von der Peripherie zur Semiperipherie aufsteigen. An der prinzipiellen Einteilung in Zentrum, Peripherie und Semiperipherie ändert sich dadurch aber genauso wenig, wie die berühmten „Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär“-Geschichten an der basalen Tatsache der Klassenspaltung rühren. Während China aufsteigt, werden andere Länder wieder zurückgeworfen. Am Ende bleibt es ein Nullsummenspiel, nicht anders als in den letzten 500 Jahren kapitalistischer „Entwicklung“, welche die globale Armut auch nicht im Mindesten reduziert haben.

    Und das möchte ich dann doch noch mal zu bedenken geben: Die Mehrheit der Leute profitiert von diesem Wachstum keineswegs! China ist nach wie vor ein riesiges Elendsrevier. Und diese Armut ist kein Überbleibsel, sondern grundlegende Voraussetzung für seinen Erfolg — ganz ähnlich wie der nationale Aufschwung in der BRD nicht ohne die Massenverelendung durch Hartz IV zu denken ist.

  15. Gravatar Icon 15 lysis 16. Januar 2008 um 13:18 Uhr

    In der identitären Kategorie der “imperialistischen” Staaten geht natürlich auch jede Differenzierung zwischen dem paternalistischen Rassismus der Briten, die bei dem Ganzen noch draufzahlten und dem exterminatorischen Rassismus der deutschen Kolonialisten auf, die wenigstens ihre exotistischen und aggressiven Gelüste befriedigt sehen durften.

    Ähem, draufgezahlt haben auch die Deutschen. Im Gegenteil lässt sich eher noch bei den Briten sagen, dass ihre Kolonialherrschaft eine wesentliche ökonomische Bedeutung hatte (z.B. der Baumwollhandel mit Indien, um den europäischen Schutzzöllen auszuweichen). Das mag einer der Gründe sein, warum der britische Kolonialismus weniger auf Vernichtung als auf Ausbeutung ausgelegt war. In Südwestafrika, das als „Neudeutschland“ geplant wurde, sollte die nomadische Bevölkerung dagegen einfach verschwinden, um den weißen Siedlern Platz zu machen. Deswegen ging es hier um Extermination. Das hat mit dem unterschiedlichen „Wesen“ der Deutschen und Engländer wohl eher weniger zu tun. Obwohl ich das nicht mal ganz ausschließen möchte.

    Trotzdem gehört der britische Rassismus zum krassesten, was man sich vorstellen kann. Die Engländer bestritten nämlich, dass „Neger“, „Braune“ und „Weiße“ denselben Schöpfungsursprung haben. Deswegen kamen Mischehen und geschlechtliche Vergnügungen mit „Eingeborenen“ für sie auch niemals in Betracht. (Kann man alles schön bei Hannah Arendt nachlesen …!)

  16. Gravatar Icon 16 bigmouth 16. Januar 2008 um 23:47 Uhr

    Am Ende bleibt es ein Nullsummenspiel

    hm. nein. wäre wirtschaft ein nullsummenspiel, könnte der kapitalismus nicht funktionieren. kann man auch bei marx nachlesen

    ich glaube, hier liegt eine verwechslung zwischen absoluten und relativen anteilen vor.

    ich will ja Wallerstein lesen, seitdem ich das erste mal über dich was über ihn gehört habe (ich verfluche meine lust an ablenkender unterhaltung ab und zu), aber irgednwo liegt da ein denkfehler vor.

    an welche länder denkst du, die jetzt absteigen wegen chinas aufstieg? 1. welt? südamerika?

    dass süd-korea nur „Semiperipherie“ darstellt, halte ich nicht für überzeugend. die kommen jetzt schon nahe an länder wie Portugal, Griechenland usw dran, haben allgemeine krankenversicherung usw. posterboy für kapitalismus in entwicklungsländern. ob das notwendig so bleiben muss, werden wir sehen. ich bin sehr gespannt, wie sich in den nächsen 40 jahren die weltwritschaft entwickeln wird

  17. Gravatar Icon 17 bigmouth 17. Januar 2008 um 0:22 Uhr

    interessant: Gunder, den du oben verlinkst, hielt v Wallersteins these am ende nichts mehr:

    Gunder later came to see Western hegemony as weak and fleeting and already giving way to the trend of the historic centrality of Asia in the world economy. But unlike earlier observers of this, such as Paul Kennedy, who placed its emergence in Japan, Gunder rightly saw it in China. He began publishing articles on this topic and began a new book centered on the 19th-century turn, which he would have taken to the present. He only finished half of the 19th-century book, which will be left to his friends and colleagues to finish.

    http://worldhistoryconnected.press.uiuc.edu/2.2/sommers.html

  18. Gravatar Icon 18 lysis 17. Januar 2008 um 1:11 Uhr

    Andre Gunder Frank hat am Schluss totalen Unfug geschrieben, u.a. dass der Kapitalismus gar nicht existieren würde, sondern dies nur eine eurozentrische Betrachtungsweise wäre. In Wirklichkeit lebten wir in einem Welthandelssystem, das in dieser Form bereits seit 5.000 Jahren bestehe, nur dass sich sein ökonomischer Schwerpunkt vor 500 Jahren nach Europa verlagert hätte. Doch jetzt kehre er allmählich wieder nach China, seinem traditionellen Lokus, zurück.

    Ich brauche wahrscheinlich nicht zu sagen, dass diese Perspektive eine von jeder Gesellschaftskritik bereinigte Form der Weltsystemtheorie ist, die mit Antikapitalismus überhaupt nichts mehr am Hut hat. Warum jetzt aber diese Art der Theoretisierung die richtige oder bessere sein soll und allein schon aufgrund ihrer Existenz Wallerstein ins schlechte Licht rückt, verrätst du uns mit deinem Zitat kein Stück!

  19. Gravatar Icon 19 lysis 17. Januar 2008 um 2:02 Uhr

    an welche länder denkst du, die jetzt absteigen wegen chinas aufstieg? 1. welt? südamerika?

    „Wegen Chinas Aufstieg“ — ich denke nicht, dass man solche direkten kausalen Verbindungen zwischen dem Schicksal zweier Weltregionen aufmachen kann. Aber ohne Zweifel vollzieht sich dieses chinesische Wirtschaftswunder gleichzeitig mit dem „dramatischen sozialen und ökonomischen Niedergang des größten Teils der arabischen Welt während der postfordistischen Umstrukturierung“ (Moishe Postone). Die Zahlen kannst du dir selber raussuchen. Du findest sie u.a. bei Dan Diner.

    Wie’s in Südamerika aussieht, weiß ich nicht. Kommt vermutlich darauf an, wie man die Tequila-Krise in Mexiko oder, besonders drastisch, die Krise in Argentinien mit ihrem temporären Wirtschaftsschwund von 21% bewertet: als kurzfristige Währungskrisen oder strukturelle Abstiegsphänomene. Vielleicht fragst du da mal Robert Kurz. ;)

    Wallerstein selbst konzentriert sich in seinen Schriften wesentlich auf den zunehmenden Hegemonieverlust der USA, die er als „Adler auf Crash-Landung“ sieht.

    Mir ist das ehrlich gesagt humpe, an welchen Ländern man das nun empirisch festnagelt. Tatsache ist, dass es diese Abstiegsprozesse gibt.

  20. Gravatar Icon 20 lysis 17. Januar 2008 um 9:58 Uhr

    hm. nein. wäre wirtschaft ein nullsummenspiel, könnte der kapitalismus nicht funktionieren. kann man auch bei marx nachlesen

    damit ist nicht gemeint, dass es unterm strich kein kapitalwachstum gäbe (wie blöd wär‘ das denn?). gemeint ist, dass der aufstieg einzelner regionen wie südkorea oder teilen chinas aus der verlagerung von kapital und produktionskapazitäten in länder resultiert, die hohen (billige arbeitskräfte!) und sicheren (autoritäre diktatur!) profit versprechen. damit ist zugleich gesagt, dass es sich primär um eine transnationale verschiebung und weniger um eine endogene „entwicklung“ handelt. und es ist gesagt, dass nicht alle regionen der welt dieses modell einfach mit dem gleichen erfolg kopieren könnten. es ist wenigen ländern vorbehalten, ihre positionalität im weltsystem zu einem gegebenen zeitpunkt zu verändern. und sie tun das auf kosten anderer länder, die im gleichen maße an attraktivität für das kapital einbüßen.

    davon einmal abgesehen ist globales kapitalwachstum kein wohlstandsversprechen. schließlich steht auch bei marx (und du könntest es dort nachlesen), dass die überwältigende mehrheit der menschen nicht aus kapitalerträgen, sondern vom preis ihrer arbeitskraft (und maximal noch von staatlichen transferleistungen) lebt. und angesichts des schrumpfenden quantums arbeit, dass der produktionsprozess erheischt, je mehr er sich entwickelt, steht es um die minderung von massenarmut durch kapitalwachstum nicht besonders gut. arbeitslosenraten von 40% oder 50% sind in der peripherie überhaupt keine seltenheit. und diese leute sind aus der sicht des kapitals nicht mehr „industrielle reservearmee“, die man irgendwann einmal gebrauchen könnte, sondern „absolute überbevölkerung“ (marx), für die es niemals mehr verwendung hat.

  21. Gravatar Icon 21 bigmouth 17. Januar 2008 um 12:47 Uhr

    das mit frank tut mir leid, wenn das so ein unsinn ist.

    angesichts des schrumpfenden quantums arbeit, dass der produktionsprozess erheischt, je mehr er sich entwickelt

    für jede bestehende produktion stimmt das mit sicherheit. gleichzeitig ist es aber so, dass gleichzeitig immer neue produktionsprozeße, industriezweige usw entstehen – oder auch der ganze tertiäre sektor. ich habe mal vor jahren gelesen, dass ein großer anteil der heute vorhandenen arbeitsplätze vor 40 jahren noch gar nicht existiert hat. damit einhergegangen ist natürlich ein dramatischer anstieg der sockelarbeitslosigkeit im westen.

    entscheidend wird werden, ob sich in ländern wie china oder indien jemals eine breite binnennachfrage entwickeln werden kann

    nichts davon ändert natürlich etwas am grundlegenden problem kapitalistischen wirtschaftens. ich halte aber die frage, wie sich der lebensstandard der menschen in den schwellenländern und in der ersten welt in den nächsten 20-40 jahren ändern wird, trotzdem für nicht so von vornmherein klärbar

  22. Gravatar Icon 22 Schatten.kontrastieren 17. Januar 2008 um 13:57 Uhr

    „angesichts des schrumpfenden quantums arbeit, dass der produktionsprozess erheischt, je mehr er sich entwickelt“

    Mal ganz davon abgesehen, dass heute mehr Leute als jemals vorher in den globalen Produktionsprozess eingebunden sind (Tendenz steigend) und das das was man „strukturelle Arbeitslosigkeit“ nennen könnte wirklich nur das Problem einiger weniger Länder ist und z.B. in den USA auch gar kein Problem ist. Wenn die Löhne niedrig genug sind, scheint das also mit der Arbeitslosigkeit (zumindest aktuell) kein Problem zu sein (außer natrülich für die einzelnen): third-world me! Ende der Arbeit: so‘n Quatsch.

  23. Gravatar Icon 23 lysis 17. Januar 2008 um 14:16 Uhr

    Lies mal Marx, Band 3: steigende organische Zusammensetzung des Kapitals.

    Von den Verhältnissen an der Peripherie hast du offenbar nicht sehr viel Ahnung, sonst würdest du nicht behaupten, dass „strukturelle Arbeitslosigkeit“ das „Problem einiger weniger Länder“ wäre. Lass dir doch bitte mal einen Weltsozialatlas schenken!

  24. Gravatar Icon 24 lysis 17. Januar 2008 um 14:29 Uhr

    Vielleicht lässt du dich auch einfach mal von der UN überzeugen:
    Global unemployment remains at historic high despite strong economic growth
    Oder von einem Artikel aus der Business Times:
    Rising global unemployment figures defy economic logic

    Letzterer beginnt übrigens mit dem Satz:

    ONE-billion people, 30 % of the world’s workforce, are either jobless or unemployed, according to the Geneva-based International Labour Organisation.

    Hört sich nicht danach an, als ob Arbeitslosigkeit nur ein Problem bei dir daheim wäre.

  25. Gravatar Icon 25 Schatten.kontrastieren 17. Januar 2008 um 16:02 Uhr

    Ja na und, das bleibt immer noch ein zweifacher Prozess:
    »Die eine Tendenz schmeißt die Arbeiter aufs Pflaster und macht population redundant [Bevölkerung überzählig], die andere absorbiert sie wieder und erweitert die wages-slavery [Lohnsklaverei] absolut, so daß der Arbeiter stets schwankt in seinem Los und doch nie davon loskommt. Daher der Arbeiter die Entwicklung der Produktivkräfte seiner eigenen Arbeit als ihm feindlich, und mit Recht, betrachtet; anderseits der Kapitalist ihn als ein beständig aus der Produktion zu entfernendes Element behandelt.« (Marx, MEW 26.2: 575f.)

    „Die Veränderungen und Entwicklungstendenzen der globalen Konkurrenz, der Organisationsstrukturen, der Informations- und Kommunikationstechnologien und der Produktivität wachsen zusammen. Weltweit läßt sich dieser Prozeß als enorme Welle der Industrialisierung fassen, die mit einer erheblichen Ausweitung der beschäftigten Arbeitskräfte und des Arbeitsvolumens – auch im konventionellen produzierenden Gewerbe (manufacturing) – einhergeht. […]
    Das Beschäftigungsvolumen ist – wie schon erwähnt – in den letzten zwei Jahrzehnten weltweit erheblich angestiegen; der bedeutsamste einzelne Erklärungsfaktor dafür ist die stetig weiter fortschreitende Eingliederung der Frauen in Lohnarbeit. Die Durchindustrialisierung der Welt, die mit der Globalisierung
    einhergeht, findet darin ihren arbeitsbezogenen Ausdruck. Die hohe und dauerhafte Arbeitslosigkeit ist vor allem ein europäisches Problem; erst in jüngster Zeit ist sie im Zuge der ostasiatischen Wirtschaftskrise auch dort zum Thema geworden“ (Rudi Schmiede, Virtuelle Arbeitswelten, flexible Arbeit und Arbeitsmärkte)

    Was denn nun 200 Mio. oder 1 Mrd. Arbeitslose? Nee, ich lass mich ja auch überzeugen (…durch Rumpöbeln schwerer), aber wie wird bei diesen Erhebungen denn mit Regionen umgegangen in denen es noch andere bedeutende Produktionsweisen neben der kapitalistischen gibt? Und wie mit informeller Arbeit?

  26. Gravatar Icon 26 Schatten.kontrastieren 17. Januar 2008 um 16:15 Uhr

    http://img166.imageshack.us/my.php?image=mozscreenshot34ll1.jpg

    Demzufolge scheinen sowohl die Arbeitsverhältnisse als auch die Arbeitslosigkeit zuzunehmen, die Arbeitslosigkeit im Verhältnis allerdings etwas schneller (wobei das in den letzten Jahren auch gekippt ist).

  27. Gravatar Icon 27 Schatten.kontrastieren 17. Januar 2008 um 16:23 Uhr

    Aber es spricht ja nicht gerade für die ILO einerseits von 30% und andererseits von 6,3% zu reden.

  28. Gravatar Icon 28 lysis 17. Januar 2008 um 17:41 Uhr

    Wieder einmal verallgemeinerst du von deinen Kenntnissen der BRD-Ökonomie auf globale Verhältnisse: Hier ist es tatsächlich so, dass die Arbeitslosenrate gleichzeitig mit der Beschäftigungsrate steigt, weil Frauen zunehmend ihre Rolle am Herd aufgeben. Weltweit gesehen sinkt die Beschäftigungsrate aber und steigt nicht, wie man dem von dir verlinkten Diagramm („employment-to-population-ratio“) eindeutig entnehmen kann.

    Mit der absoluten Zahl der Arbeitsverhältnisse zu argumentieren, ist dagegen völliger Unsinn, da mit der Bevölkerungszahl notwendigerweise auch die globale Nachfrage steigt — das Quantum dessen, was hergestellt werden muss, um diese Leute mit Kleidung und Nahrung zu versorgen. Aber es ist eben, relativ betrachtet, immer weniger Arbeit dazu erforderlich.

    PS: Wie die von dir genannten Widersprüche in den Zahlen der ILO zustandekommen, kannste ja mal selber recherchieren. Oder hast du da gar kein objektives Erkenntnisinteresse und willst nur mal eben recht behalten?

  29. Gravatar Icon 29 lysis 17. Januar 2008 um 19:26 Uhr

    Am folgenden Bericht wird offenbar etwas deutlicher, wie diese Zahlendifferenz (30% vs. 6,3%) zustande kommt:

    Nearly one billion people around the world, approximately 30% of the entire global workforce, are unemployed or underemployed in industrialized and developing countries alike, says a new ILO report.

    Krass auch dieses Ergebnis:

    In addition, in 2005, of the more than 2.8 billion workers in the world, 1.4 billion still did not earn enough to lift themselves and their families above the US$2 a day poverty line – just as many as 10 years ago, the ILO said.

  30. Gravatar Icon 30 lysis 17. Januar 2008 um 19:40 Uhr

    Die These, dass das Kapital immer mehr Leute „überflüssig“ macht, stammt übrigens nicht von Wallerstein, sondern von Kurz und Lohoff. Also nicht dass ihr hier auf den falschen einprügelt. Robert Kurz hat das, wenn ich mich recht erinnere, sogar mal in irgendeiner „Zeitschrift für Kritische Theorie“ gegen Wallerstein in Stellung bringen wollen. Ist aber schon über zehn Jahre her.

  31. Gravatar Icon 31 nichtidentisches 23. Januar 2008 um 14:53 Uhr

    „Länder wie Südkorea oder jetzt China haben ihr Wachstum durch ein doppeltes Angebot an den Westen erreicht: a) eine autoritäre Diktatur, die jeden sozialen Widerstand brutal niederknüppelt, b) billige Arbeitsplätze, die jeglicher Sicherheit und Menschenwürde spotten.“

    Während die afrikanischen Staaten a) friedliche, utopische Demokratien aufbauten und b) von Staats wegen Lohngarantie und soziale Absicherung hatten, und deshalb zur Strafe von den imperialistischen Staaten, bzw. der Verschwörung, die in Wahrheit die Weltgeschicke lenkt, in die Armut kommandiert wurden.

    „die hohen (billige arbeitskräfte!) und sicheren (autoritäre diktatur!) profit versprechen“

    Diese Sicherheit der autoritären Diktaturen hat ja bekanntlich das Kapital auf Kuba vor Wonne schmatzen lassen, als Castro an die Macht kam, und ganz Südamerika lebte unter den geschätzten 400 Diktaturen der letzten 80 JAhre in Saus‘ und Braus‘.

    Nein, in der Tat, Kapitalwachstum weltweit verspricht nicht per se Reichtum und Wonne. Allerdings den Abbau von Schranken und die Möglichkeit der Auflösung von direkter Herrschaft , ist also mithin die Grundbedingung für das, was Marx als Kommunismus gilt. Dazu: MEW 3: Deutsche Ideologie, Feuerbach.

  32. Gravatar Icon 32 Neoprene 23. Januar 2008 um 16:27 Uhr

    „Kapitalwachstum weltweit verspricht nicht per se Reichtum und Wonne. Allerdings den Abbau von Schranken und die Möglichkeit der Auflösung von direkter Herrschaft“

    Erstens verspricht Kapitalwachstum sehr wohl Reichtum, nämlich denjenigen, denen das Kapital gehört. Und dieses Versprechen wird auch regelmäßig eingehalten. Den anderen wird zunehmend weniger versprochen und zunehmend weniger gegönnt. Sonst gäbe es das schöne Wachstum ja gar nicht in dem Maße.

    Zweitens beruht Kapitalwachstum doch gerade auf den Schranken, deren „Abbaumöglichkeit“ du dir ersinnst. Ohne den Ausschluß derjenigen, die das Pech/Glück haben, den Reichtum für diejenigen, denen er gehört, produzieren zu müssen/dürfen, von diesem Reichtum, von den Produktionsmitteln zu seiner Produktion, geht doch deine Möglichkeit des Kommunismus gar nicht.

  33. Gravatar Icon 33 nichtidentisches 23. Januar 2008 um 18:08 Uhr

    Ja, da könnte man Marx nochmal lesen und ihn fragen, ob die absolute Armut des Pauperismus notwendige Folge des Kapitalismus oder eine der mangelnden Organisation der Arbeiter ist. Im Prinzip sagt er nämlich auch, dass der relative Reichtum ansteigt, dafür jedoch die Bedürfnisse der Arbeiter wachsen.
    Und aus ebendem Grunde bringt der Kapitalismus nicht das Massenelend der afrikanischen Staaten hervor. Von Ursachen vor Ort zu sprechen ist allerdings bei Antirassisten, die gerne alles auf eine griffige Synthese wie „das Imperium“ zusammenschmelzen möchten, verpönt, daher gab es für diese auch nie afrikanische Diktaturen, Hexenglauben, Familienwahn oder eben den Tribalismus, den Marx als kapitalhemmend und reaktionär geiselte. Für sie kommt alles als Verhängnis von außen, dass Kapital auch vor Ort Bedingungen vorfindet und diese zwar beeinflusst, aber auch von diesen beeinflusst wird, kann nicht gedacht werden, weil es ja irgendwie uncool wäre, zu den Ärmsten noch zu sagen: Jetzt hört aber mal auf mit Scheiße bauen.

  34. Gravatar Icon 34 Neoprene 23. Januar 2008 um 19:00 Uhr

    Wie schön, daß z.B. in den USA, dem Musterland der (kommunistischen) Möglichkeiten, kein Hexenglauben, sondern Born-Again-Klerikale was zu sagen haben, und — wie man sieht — alles andere als „kapitalhemmend“ sind.

  35. Gravatar Icon 35 andreas 23. Januar 2008 um 19:21 Uhr

    für rassisten wie „nichtidentisches“, der es besonders auf afrika abgesehen hat, sind dagegen alle dortigen probleme hausgemacht und er führt den „tribalismus“ an, der impliziert, dass etwa 20 mio. ibos ein „stamm“ sind (nicht aber schotten oder basken, von denen es viel weniger gibt; dort ist dasselbe phänomen dann „regionalismus“ oder „nationalismus“) und ausser acht lässt, dass grenzen in afrika in aller regel von europäischen kolonialmächten festgelegt wurden. dass marx in seinen analysen im hinblick auf ausser-europäische regionen zu den grössten blödheiten fähig war, sollte sich schon herumgesprochen haben. dem afrika-“experten“ dürfte wieder mal langweilig geworden sein, in seinem blog gleichgesinnten zuzunicken.

  36. Gravatar Icon 36 Helden Karl 23. Januar 2008 um 19:33 Uhr

    „Ja, da könnte man Marx nochmal lesen und ihn fragen, ob die absolute Armut des Pauperismus notwendige Folge des Kapitalismus oder eine der mangelnden Organisation der Arbeiter ist. Im Prinzip sagt er nämlich auch, dass der relative Reichtum ansteigt, dafür jedoch die Bedürfnisse der Arbeiter wachsen.
    Und aus ebendem Grunde bringt der Kapitalismus nicht das Massenelend der afrikanischen Staaten hervor“

    Die Bedürfnisse von Afrikanern sind hoch?…

  37. Gravatar Icon 37 afafaf 23. Januar 2008 um 21:48 Uhr

    Könnte man nicht auch mal was anderes lesen als Marx? Jared Diamond vielleicht?

  38. Gravatar Icon 38 bigmouth 24. Januar 2008 um 1:04 Uhr

    Und aus ebendem Grunde bringt der Kapitalismus nicht das Massenelend der afrikanischen Staaten hervor.

    der grund ist welcher? dass das dem „kapital“ widerspricht? tut es aber nicht! das kapital beschäftigt sich nirgendwo großartig mit dem internationalen handel und warenaustausch, mit staatenkonkurrenz unter den bedingungen eines entwickelten kapitalismus hier und eines unterentwickelten dort. marx‘ kommt auf der ebene noch gar nicht an.

    marx betont ja auch eben immer wieder, dass eine andere tendenz des kapitalismus (die der anderen tendenz im gegensatzzur steigerung der materiellen lebensumstände ist) dafür sorgt, die proletarier aufs pflaster zu werfen und die reservearmee aufzufüllen. das wird nur dadurch aufgefangen, dass neue indsutrien und gewerbe entstehen. ob das aber immer so weiter gehen kann, darüber ist nichts gesagt.

    wirklich, eine merkwürdige marx-lesart, die sie da haben, NI. auf welche stellen bezieht sich das vorrangig?

  39. Gravatar Icon 39 Ware 24. Januar 2008 um 12:00 Uhr

    das wird nur dadurch aufgefangen, dass neue industrien und gewerbe entstehen.

    Karl Marx begründet die Entstehung „neuer Industrien und Gewerbe“ im Wesentlichen mit dem Entwicklungsstand der Kapitalakkumulation und dem Fall der Profitrate. Im Verlauf der Akkumulation entwickelt sich der Weltmarkt, der Einzel- und Großhandel, das Dienstleistungsgewerbe und die Finanzindustrie . Sowas wie Einzelhandel oder Bankenwesen dürfte es in einer vernünftig geplanten Wirtschftsweise gar nicht geben, insofern gehören diese „neuen Industrien“, die gar nicht mehr so neu sind, notwendig zum Kapitalismus dazu. Wie diese Entwicklung der „neuen Industrien und Gewerbe“ mit der Entwicklung der klassischen Industriezweige zusammengeht, sprich im Bereich der Entwicklung des Erwerbspersonenpotentials insgesamt, darüber läßt sich spekulieren, aber durchaus vernünftig auf Gundlage der Akkumulationstheorie. Letzten Endes ist in sehr langfristiger Sicht der Fall der Profitrate des Gesamtkapitals der entscheidende Faktor wie sich die internen industriellen Strukturen im Kapitalismus weiter entwicklen werden.

    Zu bemerken wäre noch dass die Akkumulation des Gesamtkapitals wesentlich auch über die Steigerung der Produktivkraft stattfinden wird. Insofern sind schwer zu rationalisierende Dienstleistungsgewerbe, auf dem ersten Blick ein Rettungsanker der Akkumulation, auf den zweiten Blick jedoch ein Hemmschuh, im weiteren Fortgang der Akkumulation.

  40. Gravatar Icon 40 che2001 24. Januar 2008 um 13:52 Uhr

    Ähem,Lysis,meine Lesempfehlung bezog sich ja nicht hierauf, und ich teile auch Deine Kritik. Ich kann, wenn ich das Heft zur Hand habe, gerne noch einmal näher darauf eingegehen.Chedenfalls habe ich den Historiker und den Neuen Antiimperialismus nicht an der Garderobe abgegeben :-?

  41. Gravatar Icon 41 lysis 24. Januar 2008 um 15:19 Uhr

    Hehe, naja, deine Leseempfehlung war ja, ehrlich gesagt, auch nur mein Aufhänger, weil ich das tatsächlich zum Anlass genommen habe, mir die Zeitschrift mal wieder zu kaufen. Mir ging’s aber beim besten Willen nicht darum, dir eine reinzusemmeln.

  42. Gravatar Icon 42 lysis 26. Januar 2008 um 3:18 Uhr

    Schau mal, nichtidentisches, dein Beitrag ist so, als stelltest du dich hin und sagtest: die Schwarzen in den USA sind doch selber schuld, wenn sie arm sind und arm bleiben. Schließlich ist der Schulerfolg und die Aufwärtsmobilität von Kindern asiatischer Einwanderer viel höher, was doch zeigt, dass der Pauperismus in den Vereinigten Staaten gar nichts mit dem Kapitalismus zu tun hat, sondern mit der Faulheit der „Neger“.

    Nach solchen Ausführungen würde dich wahrscheinlich jeder (und das zurecht!) als Rassist abkanzeln. Wer gutmütig ist und über die rassistische Abscheulichkeit deiner Ausführungen hinwegsieht, würde dir vielleicht trotzdem zu erklären versuchen, dass die Existenz von Klassen und die Herausbildung eines deklassierten Subproletariats nichts mit der mangelnden Leistungsbereitschaft bestimmter Leute zu tun hat, sondern die systemnotwendige Folge kapitalistischen Produzierens ist. Mit Bourdieu würde man dir ohne Mühe zeigen, dass der Schulerfolg in hohem Maße von den Bildungsvoraussetzungen der Eltern und ihrem schichtspezifischen Habitus abhängt, und dir so verdeutlichen, weshalb sich die Klassenzugehörigkeit von Schwarzen sozial vererbt. Und um dir dein letztes Argument zu rauben, würde man dich schlussendlich darauf stoßen, dass die Kinder koreanischer Einwanderer nicht etwa deshalb einen im Durchschnitt höheren Schulerfolg haben, weil „Asiaten“ als solche intelligenter oder fleißiger wären, wie Rassisten behaupten, sondern weil sie aus Familien stammen, die erst durch die Migration in die Unterschicht abgedrängt wurden, in Korea aber oft sogar einem gehobenen Akademikermilieu angehörten.

    So, und jetzt die Fleißaufgabe in Form einer gedanklichen Transferleistung: Vergleiche mal die unterschiedlichen Startvoraussetzungen ehemaliger afrikanischer Kolonien, deren Einwohner größtenteils Nomaden oder Jäger und Sammler waren, mit einem Reich wie China, das bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts das reichste und technologisch am weitesten entwickelte Land der Erde war und noch im 18. Jahrhundert etwa 50% der Weltproduktion stellte, bis es sich unter der englischen Freihandelspolitik, die China im Rahmen der Opiumkriege aufgezwungen wurde, allmählich in ein Armenhaus verwandelte. Kommt dir da irgendein Verdacht? China war nie „fünfte Welt“; selbst im 19. und 20. Jahrhundert war es noch immer ein relativ entwickeltes Schwellenland mit großen Städten, Manufakturen und ausgebauten Handelswegen, das anders als Afrika die besten Voraussetzungen dafür bot, dass es irgendwann einmal vom Kapital wiederentdeckt und für die periodisch erfolgende Auslagerung veralteter, arbeitsintensiver Industrien in ausgesuchte Staaten der Halbperipherie genutzt werden würde.

    Wer aber ganz unten ist, der kommt im Kapitalismus nicht mehr hoch, ob es sich um einen schwarzen Subproletarier in der Bronx oder um einen fast komplett abgeschriebenen Kontinent wie Afrika handelt. Und nur Rassisten erklären das mit inhärenten Wesenseigenschaften der „Neger“, die es qua „Erziehung zur Arbeit“ erst noch an deutsche Sekundärtugenden heranzuführen gelte, wie das die protestantischen Missionsvereine in den deutschen Kolonien tatsächlich unternommen haben und wie sie es im Deutschen Reich schon vorher mit den per Gesetz kriminalisierten Landstreichern praktizierten.

  43. Gravatar Icon 43 Ware 26. Januar 2008 um 13:05 Uhr

    Zu bemerken wäre noch dass Afrika ein Kontinent ist dass, nach Angaben einiger verfügbarer Quellenangaben, vor Kolonolianismus und Industrialisierung, in Bezug auf ökonomischen Lebensstandard, besser dran war als heute. Selbstverständlich vor dem Hintergund eines immer noch niedrigen Niveaus, früher und heute.

  1. 1 So sieht’s aus. | blackone Pingback am 22. Februar 2008 um 1:33 Uhr
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