Deshalb, aus diesem Grunde wollte ich die Organisation dessen untersuchen, was man das deutsche Modell und seine Verbreitung nennen könnte, wobei es natürlich klar ist, daß dieses deutsche Modell, wie ich es zu beschreiben versucht habe und wovon ich Ihnen nun einige Verbreitungsformen zeigen möchte, nicht das so oft herabgewürdigte, verbannte, öffentlich bloßgestellte und beschimpfte Modell des Bismarckschen Staates ist, der sich zum Hitler-Staat entwickelt. Das deutsche Modell, das sich ausbreitet und das in Frage steht, das deutsche Modell, das zu unserer Gegenwart gehört, das ihr unter seinem wirklichen Zuschnitt eine Struktur und ein Profil gibt, dieses deutsche Modell ist die Möglichkeit einer neoliberalen Gouvernementalität.
Michel Foucault, Vorlesung am 7. März 1979, in: Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II (Suhrkamp : Ffm., 2006), 269.
23 Antworten auf „Neoliberalismus als „deutsche Ideologie““
- 1 Pingback am 06. Februar 2008 um 15:46 Uhr
- 2 Pingback am 07. Februar 2008 um 13:18 Uhr

„Was man bei Foucault über „Neoliberalismus“ liest, darf mit dem, was heute so genannt wird, nicht gleichgesetzt werden. Foucault behandelt fast ausschließlich die Theorien der Berater Ludwig Erhards. Für sie ist der Name passender, den sie sich seinerzeit selbst gaben – die Ordoliberalen. Dass Foucault sie „Neoliberale“ nennt, ist nicht einmal erstaunlich. Der Ausdruck will an ihr Selbstverständnis erinnern: Sie seien keine Liberalen à la Adam Smith, sondern in einem ganz anderen Sinn. Neoliberalismus ist heute ein Begriff, der für Deregulierung fast aller ökonomischen Zusammenhänge steht. Diese Art Politik gab es auch damals, als die Vorlesung gehalten wurde, aber es gab sie nur in den USA, und Foucault nennt sie die „wilde“ Schwester dessen, was in seiner Terminologie der europäische Neoliberalismus ist. Mit der Schwester beschäftigt er sich nur kurz. “
Michael Jäger (2007), Ohne Staat leben
http://www.freitag.de/2008/05/08051901.php
Ja, ich hab grad erst angefangen, das Buch zu lesen. Aber es geht in Foucaults Begriff des Neoliberalismus schon recht klar um Tendenzen zum Rückbau des Staates und die Ökonomisierung der Gesellschaft:
Diskursanalytisch bezieht sich Foucault dabei übrigens keineswegs nur auf die Erhardschen „Ordoliberalen“, die sich, ganz nebenbei gesagt, mit den Neoliberalen der „Österreichischen Schule“ um v. Hayek tatsächlich im engsten ideologischen Austausch befanden, sondern auch auf diese selbst.
Den amerikanischen Neoliberalismus scheint er dagegen, soweit ich nach meiner bisherigen Lektüre sagen kann, weniger als die „Schwester“ denn als die uneheliche Tochter des „deutschen Modells“ anzusehen:
Aber mal sehen, wohin mich die Lektüre noch führt!
Vielleicht interessiert dich das hier ja:
http://www.linksnet.de/textsicht.php?id=1795
Der Text ist interessant, liest sich aber wie ein Palimpsest, bei dem man gezwungen wird, hinter den unaufhörlichen Abschabungen und Hinzufügungen des Rezensenten — seinen dauernden Verweisen auf Gramsci, Poulantzas und Haug — den von ihm referierten Foucault nicht aus dem Auge zu verlieren. Es ist halt immer ärgerlich, wenn eine Rezension dafür benutzt wird, auch noch das eigene theoretische Programm anzupreisen. Ab einer gewissen Stelle bin ich mir vorgekommen wie in einer Dauerwerbesendung für das Haugsche „Projekt Ideologie-Theorie“ (PIT).
Ja, stimmt schon. Wobei einem der Rehmann das wenigstens überzeugender verkauft als der Haug.
wenn ich mir so die amerikan. libertären angucke, betonen diese in ihren liberalismus-thesen aber viel mehr die angelsächsische tradition, auf die sich auch Hayek nach meienn kenntnissen immer viel stärker bezogen hat als zb auf die kontemporären freiburger.
noch eine kleine ns-anekdote:
fragt sich nur, was du mit dieser anekdote sagen willst.
vielleicht liegt dein problem ja darin, zu viel BAHAMAS gelesen zu haben, so dass du unter „deutscher ideologie“ notgedrungen den NS verstehst?
ich habe tatsächlich noch nie die bahamas gelesen bis auf wenige artikel online. aber ich weiß trotzdem nicht, was deutsche ideologie bedeuten soll – mit linkshegelianern ham die freiburger ja nichts zu tun. wenn das jede ideologie bezeichnen kann, die aus deutschland gekommen ist – ist der marxismus dann auch deutsche ideologie?
ich wollte eigentlich nur zu foucaults satz
bekärftigen. ausserdem ist die diskussion über das verhältnis von liberalismus und faschismus ja auch eine, die in unserer linken internetsubszene schon einige jahre läuft. deswegen fand ich das interessant für eine differenziertere betrachtung des verhältnisFoucault räumt dem „zeitgenössischen amerikanischen Liberalismus oder, wenn Sie so wollen, de[m] Anarcho-Kapitalismus“ keine so große Bedeutung ein, weil ihm der deutsche Neoliberalismus „für das Problem der Gouvernementalität, das ich behandeln möchte, wichtiger als die anderen zu sein scheint“. Davon abgesehen hat es „zwischen diesen beiden Formen des Neoliberalismus eine ganze Reihe von Personen, Persönlichkeiten, Theorien, Büchern usw. [gegeben], die in Umlauf waren und von denen die wichtigsten im großen Ganzen aus der österreichischen Schule, aus dem österreichischen Neoliberalismus kommen, Leute wie von Mises, Hayek usw.“
Und wenn du fragst, ob für Foucault „deutsch“ mehr als eine Herkunftsbezeichnung war, kann man darauf nur sagen: jein. Es war insofern mehr, als dieser Neoliberalismus, Foucaults Ansicht nach, unter Ludwig Erhard zu einem praktischen Gesellschaftsmodell wurde.
und ich dachte immer, marx hätte sein hauptwerk in der bibliothek des britischen museums in london geschrieben und später hätte sich die erste große, vom marxismus inspirierte revolution in russland ereignet!
wie man sich täuschen kann …
Hayek und Mises sind aber auch früh emigriert, und die Austrians sind in den USA einflußreicher als in Deutschland. und der deutsche Neoliberalismus ist in deutschland nie so umgesetzt worden, wie in der theorie gefordert, s ein ganz guter artikel eines dgb-experten hier
was mich deswegen verwirrt: was meint foucault mit dem deutschen modell der gouvermentalität – die real existierende bundesrepublik nach 48, oder die freiburger theorie?
Hayeks einfluss auf Reagan und Thatcher beruht auch deutlich auf der Tatsache seiner emigration, und dass „the road to serfdom“ innerhalb des angelsächsischen akademiebetriebs stark rezipiert wurde. ich habe es übrigens tatsächlich v einigen jahren gelesen – ziemlich schrecklich
vielleichtb habe ich jetzt zumindest einen der Gründe f meine Verwirrung gefunden: Hayek war natürlich Österreicher, und kein Deutscher. seine einflüsse gibt die englische wikipedia mit
ganz gut wieder. ich frage mich, welche deutschen auswanderer Foucault meint, ich habe bisher keinen in die USA ausgewanderten Freiburger gefundenich würde sagen, dass der amerikansiche und britische neoliberalismus sich aus der österreichischen schule entwickelte, die aber die 1930er aus naheliegenden gründen nicht überstand, sondern ins exil ging, und deren personal nach dem krieg mit den freiburgern diskutierte
die ordoliberalen waren zum teil auch laissez-faire-kapitalismus gegenüber viel kritischer als die österreicher: http://www.metropolis-verlag.de/Das-Versagen-des-Wirtschaftsliberalismus/349/book.do
wecleh staaten meint foucault, auf die sich das „deutsche modell“ ausbreiten würde? Frankreich?
trotzdem glaube ich, dass Foucault da schon das richtige Fass aufmacht:
das dürfte die diskrepanz zwischen antistaatlicher rhetorik vieler liberaler und der tatsächlich erfolgenden Ausweitung des Staates usw. gut vor augen führen. der liberalismus ist da in einem zwiespalt gefangen
Ich durchdringe die Zusammenhänge ja auch nicht, bigmouth. Ich fand das Zitat nur verdammt lustig, weil der Neoliberalismus hierzulande immer als eine Art „Amerikanisierung“ imaginiert wird — sowas wie ein eingeschleppter Virus, der das schöne Modell des „Rheinischen Kapitalismus“ zersetzt.
Foucault scheint zu dieser Zeit übrigens starke Abneigungen gegen Deutschland gehegt zu haben, was vermutlich einiges damit zu tun hat, dass er sich noch anderthalb Jahre vorher dafür eingesetzt hatte, dem RAF-Anwalt Klaus Croissant in Frankreich Asyl zu gewähren — allerdings ohne Erfolg. Die französische Linke glaubte damals, dass der deutsche Staat Bader und Ensslin in ihren Gefängniszellen ermordet hätte und in der „Sicherheitspolitik“ nunmehr zu allem bereit sei.
Gleichzeitig grenzte er sich aber von denjenigen ab, die „im Deutschland unter Helmut Schmidt“ bereits „einen faschistoiden Staat sahen“ (Anm. d. Hrsg., 292 Fn. 11). Die Kritik an der Inflationierung des Faschismusvorwurfs — in der Linken genauso wie durch Neoliberale à la Röpke („einem der wichtigsten geistigen Väter der Sozialen Marktwirtschaft“), die 1943 die Beveridge-Pläne für ein britisches Sozialversicherungssystem als Ankunft des autoritären Staats auf der Insel denunzierten — nimmt in seinen Vorlesungen einen äußerst breiten Raum ein (S. 262-269) und ist ein wirkliches Highlight meiner bisherigen Lektüre. „Sie erklärt auch seine Ablehnung des Terrorismus als Handlungsmöglichkeit, die ihre Legitimität aus dem antifaschistischen Kampf bezieht. […] Eine Position, die zweifellos Ursache seines Zerwürfnisses mit Gilles Deleuze war, den er anschließend nicht mehr wiedersehen sollte.“ (Zusammenf. d. Hrsg., 452).
@Lysis: Woraus zitierst du eigentlich? Aus der Einleitung zu den Gouvernementalitätsvorlesungen?
Das müßte dann also eher umgekehrt heißen, dass der dt. Sozialstaat eher ein eingeschleppter ‚New Deal‘ ist? Stimmt wohl auch nicht so ganz (auch wenn die Alliierten eine maßgebliche Rolle in der Umsetzung dieser Formation spielten), in der ’sozialen Marktwirtschaft‘ adenauerscher Prägung war der Ordoliberalismus ja auch von Anfang an dabei, deswegen spricht ja zumindest die Regulationstheorie in Bezug auf Deutschland auch vom ‚flexiblen Fordismus‘ (Boyer), siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Soziale_Marktwirtschaft
Ich habe gerade aus den Fußnoten-Anmerkungen des Herausgebers (Michel Sennelart) und seiner Zusammenfassung am Schluss zitiert. Davor aus dem Vorlesungstext von Foucault selbst.
Naja, nun, das deutsche Sozialversicherungssystem stammt bekanntlich von Bismarck und nicht von Ludwig Erhard. Das „Ordo“ im „Ordoliberalismus“ bezog sich hauptsächlich auf die Verabschiedung von Anti-Kartell-Gesetzen: „Mit dem Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkung, das am 1. Januar 1958 in Kraft trat, wurde in Deutschland eine zentrale Forderung der Sozialen Marktwirtschaft umgesetzt. Wichtige Schritte in Österreich waren beispielsweise Kartellverbote und Gesetze gegen unlauteren Wettbewerb.“ (Wikipedia)
Ich wüsste nicht, dass es nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland eine Expansion des Sozialstaats gegeben hätte. Das entspricht auch gar nicht der Bedeutung, die die Ordoliberalen dem Begriff der Sozialen Marktwirtschaft gaben. Eher wollten sie damit ausdrücken, dass der Wettbewerb und seine Gewährleistung durch eine staatliche Ordnungspolitik, die die Entstehung von Monopolen verhindert, ganz von selbst zum sozialen Ausgleich führe: „Der Begriff Soziale Marktwirtschaft bezeichnet aus der Sicht Erhards daher eine Marktwirtschaft mit implementierten Systemregeln, die das Handeln des Einzelnen in solche Bahnen lenkt, dass das Gesamtsystem bei maximal möglicher Freiheit automatisch soziale Resultate hervorbringt.“ (ebd.)
Es stimmt, dass die Ordoliberalen sich mit dem Bismarckschen Sozialversicherungssystem arrangiert haben. Aber sie haben es nicht geschaffen, und ich glaube auch nicht, dass die Beseitigung dieses Systems damals eine realpolitische Option gewesen wäre. Die Ordoliberalen konnten froh sein, der CDU ihre sozialistischen Flausen auszutreiben und der im Ahlener Programm geforderten „Vergesellschaftung der Großindustrie“ einen Riegel vorzuschieben. Denn damals hieß es in der CDU noch: „Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden. (…) Inhalt und Ziel (einer) sozialen und wirtschaftlichen Neuordnung kann nicht mehr das kapitalistische Gewinn- und Machtstreben, sondern nur das Wohlergehen unseres Volkes sein.“
Ich meine vor der großen Koalition, ja. Aber wo siehst du eigentlich die große Expansion des Sozialstaats? Die quantitative Ausdehnung des Sozialbudgets hatte doch eher was mit der beginnenden Massenarbeitslosigkeit in den 70er Jahren zu tun als mit der Ausweitung der gesetzlichen Vorschriften.
ok, eine quantitaitve ausdehnung (und damit einhergehend ein größerer anteil am staatshaushalt) ist ja in dem sinne keine expansion… du hast wohl auch recht damit, dass die sozialgesetzgebung in den letzten 35 jahren nicht ausgedehnt wurde, im gegenteil. in den 60ern und 70ern lässt sich das aber festhalten, analog zu ähnlich bestrebungen anderswo (great society in den USA zB).
man muss dem sozialdemokratismus dieser zeit schon abnehmen, dass die armut usw durch sozialstaat beseitigen wollten.
und schon die adenauer-rentenreform von 1957 ist mit neo/ordoliberalismus nicht zu vereinbaren
Sozialstaatliche Eingriffe in die Wirtschaft haben aber nichts mit der Ideologie des Ordoliberalismus zu tun.
Der Ordoliberalismus ist eine Antwort auf Schumpeters Diagnose, dass die kapitalistische Gesellschaft sich durch zunehmende Monopolisierung, Kartellbildung und Zentralisation auszeichne und sich so allmählich auf den Sozialismus zubewege. Die Ordoliberalen wollen den Kapitalismus vor diesem Schicksal bewahren, ihn vor seiner eigenen Selbsthaufhebung schützen, indem sie den Wettbewerb durch gesetzliche Eingriffe erzwingen und gegen die historische Tendenz der bürgerlichen Gesellschaft immer wieder reinstallieren.
Gegenüber den spinnerten Anhängern des Anarcho-Kapitalismus haben die Ordoliberalen zumindest so viel begriffen, dass es einen Staat braucht, der die kapitalistische Konkurrenz einsetzt, gewährleistet und durch gesetzliche Regularien am Laufen hält. Mehr als ein Ordnungsstaat, der die Kategorien kapitalistischen Wirtschaftens durchsetzt, sollte das aber — zumindest der ursprünglichen Theorie nach — nie sein.
Dass einige Ordoliberale später einsahen, dass zur Erhaltung der bürgerlichen Gesellschaft auch sowas wie eine rudimentäre Sozialversicherung gehört, mag sein, fügt sich aber in ihr Programm, den Staat nur in dem Maße zu akzeptieren, wie er zur Durchsetzung des kapitalistischen Konkurrenzprinzips beiträgt. Ein sozialer Ausgleich war nicht erwünscht und wurde als totalitärer Übergang zum Versorgungsstaat denunziert.
Ich mache zu dem Thema gerade eine Sendereihe für FSK. Den ersten Teil gibts bereits, auch hier zum Download:
http://www.freie-radios.net/portal/content.php?id=20424
(Zum Thema heisst Neoliberalismus und Staat, nicht Foucaults Deutung, das wäre nochmal eine ganz andere Baustelle.)