Unverstandene Binsenweisheit

So, das vorläufig letzte Zitat in meiner Žižek-Reihe ist natürlich nichts als ein Seitenhieb auf „anti“deutsche Žižek-Fans, die mich in den letzten Tagen so genervt haben:

Wenn man die israelische Besetzung der Westbank bedingungslos ablehnt, sollte man die antisemitischen Übergriffe in Westeuropa, die sich selbst als „exportierte Intifadah“, d.h. als Solidaritätsbekundung mit den unterdrückten Palästinensern rechtfertigen, genauso bedingungslos ablehnen (von Angriffen auf Synagogen in Deutschland bis zu Hunderten von antisemitischen Vorfällen in Frankreich im Herbst 2001). Man darf hier kein „Verständnis“ zeigen. Es darf keinen Platz geben für die Logik des „Aber man muß die Angriffe auf die Juden in Frankreich als eine Reaktion auf das brutale Vorgehen der israelischen Armee verstehen!“, genauso wenig wie für die Logik des „Aber man kann die militärische Reaktion ja verstehen; wer hätte keine Angst nach dem Holocaust und zweitausend Jahren Antisemitismus!“ Auch hier sollte man sich der doppelten Erpressung widersetzen: Wenn man für die Palästinenser ist, ist man eo ipso antisemitisch, und wenn man gegen den Antisemitismus ist, muß man eo ipso pro Israel sein. Die Lösung ist nicht ein Kompromiß, das „rechte Maß“ zwischen den beiden Extremen, sondern man muß beide Projekte radikal bis zum Schluß verfolgen, die Verteidigung der Rechte der Palästinenser und die Bekämpfung des Antisemitismus.

Slavoj Žižek, Die Revolution steht bevor. Dreizehn Versuche über Lenin (Suhrkamp: Ffm., 2002), 67 Fn. 8.

Mehr über Žižeks aktuelle Positionen zum Nahostkonflikt und die neuesten Antisemitismusvorwürfe gegen den slowenischen Philosophen…


3 Antworten auf „Unverstandene Binsenweisheit“


  1. Gravatar Icon 1 Atta Troll 21. Februar 2008 um 4:07 Uhr

    Ich bin Hegelianer genug, um Žižek darin recht zu geben, dass eine Lösung des Widerspruchs nur als Vermittlung durch die Extreme hindurch zu erlangen ist. Vorläufig würde ich mich auf den Standpunkt stellen, dass jede Aktion, die die Interessen der Gegenseite als nicht existent leugnet, nicht meine Zustimmung findet, egal wie inkonsequent meine Haltung auch sein mag (Attas Minima Moralia).

    Was mir an Žižek zusagt, ist seine Taubheit gegenüber den Sirenengesängen des demokratischen Mainstream-Diskurses und die kühle Verachtung von dessen „idées reçues“.

  2. Gravatar Icon 2 beauty 21. Februar 2008 um 22:46 Uhr

    sehr schoen. vielleicht kommen wir jetzt ja auch mal dahin zurueck, was, so dachte ich zumindest fuer einen moment, der ausgangspunkt der ganzen debatte zu „neoleninismus“ war. Was mich naemlich an Zizeks „dreizehn versuchen“ stoert, ist das er nach, wie ich finde, ziemlich fruchtbaren ueberlegungen zu therorie, praxis und terror lenin auf eine blosse „obszoene provokation“ reduziert. muesste man nicht viel eher sagen „ja, und es wird wieder terror geben, wir haben eine mauer gebaut und wir wuerden es wieder tun wenn es notwendig ist“ und darauf beharren dass das mehr als provo ist? grade der etwas „sprunghafte“ stil von zizeks ueberlegungen muesste uns doch dazu zwingen, als leser eine konsistente position daraus zu entwickeln. auch deswegen fand ich die debatte hier so unerquicklich: es ist voellig hanebuechen einen satz von zizek zu widerlegen. dass macht der selber auf der naechsten seite…

  3. Gravatar Icon 3 Wendy 10. März 2008 um 11:58 Uhr

    Sag´ mal, könntest du in nächster Zeit vielleicht mal wieder den Chat beehren? Ich hab´ nämlich wieder (zum letzten Mal!) mein PW verbimmelt.

    Bin aus Versehen auf den Logout-Button gekommen und jetzt finde ich den Zettel nicht mehr. :)

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